Texte, Meditation

GEBET  

 Wie leicht ist es für mich,

mit dir zu leben, Herr!

An dich zu glauben,

wie leicht ist es für mich.

Wenn ich zweifelnd nicht mehr

weiter weiß

und meine Vernunft aufgibt,

wenn die klügsten Leute

nicht weitersehen

als bis zum heutigen Abend

und nicht wissen,

was man morgen tun muss -

dann sendest du mir 

eine unumstößliche Gewissheit,

dass du da bist 

und dafür sorgen wirst,

dass nicht alle Wege zum Guten

gesperrt werden. 

       A.S.     Alexander Solschenizyn 

 

 AM ENDE DER EINE NAME

 Es wird überliefert, Rabbi Chama, ein Man großer Gelehrsamkeit, habe in der ersten Hälfte seines Lebens  ungewöhnlich viele und kluge Schriften und Kommentare verfasst. Danach aber, etwa vom 36. Lebensjahr an, sei er vor allem damit beschäftigt gewesen, aus seinem Schriftwerk nach und nach alles zu tilgen, was vor seinem durch die Zeitdistanz geschärften Urteil nicht bestehen konnte, weil es entweder unzulänglich ausgedrückt öder zu wenig gesichert war.

Dieser Revision oblag Rabbi Chama mit soviel schonungsloser Redlichkeit, dass gegen Ende seines Lebens, alles, was er einst mit Fleiß und Feuer niedergeschrieben hatte, wieder durchgestrichen war. Seine Schüler wehklagten und weinten, als er seine sämtlichen Schriften, Bündel um Bündel, im Ofen seines kleinen Hauses verbrannte.  Der Rabbi aber, er wurde bei diesem Tun so heiter und fröhlich wie seit langem nicht mehr. Trotz seiner Alterschwäche tanzte er sogar ein bisschen, tanzte mit kleinen leichten Schritten, als das letzte  Bündel im Ofen verbrannte und darob der Sabbat anbrach.

Wenig später starb Rabbi Chama. Seinen Schülern hinterließ er nichts als einen großen Zettel. Darauf hatte er mehr hingemalt als hingeschrieben: Der Name, geheiligt sei er! Alsbald erkannten die Schüler den Sinn dieses Vermächtnisses:

In dem EINEN und heilig unaussprechlichen Namen Gottes blieb alles bewahrt und gegenwärtig, was ihr Lehrer gelebt, geglaubt, gedacht hatte.

 

ATME SIE EIN, DIESE AUGENBLICKE

Und nun, bevor du gehst, wünsch ich dir,

dass du dich erholst.

Sag nicht einfach: Werd ich schon...

Ich wünsch dir,

dass du trotz Reisevorbereitungen,

trotz voll gepackter Koffer,

die so schwer waren und doch nur 

das Notwendigste enthielten

(die Anziehsachen für jedes Wetter, 

die Bücher, die du immer mal lesen wolltest,

den Reiseproviant und die Kulturführer)

dass du, trotz deiner Angst, zur Ruhe zu kommen,

deinem Druck, alles nachzuholen,

wozu du im Alltag nie kamst,

dort , wo du nun bist, auch wirklich ankommst.

Ich wünsche dir,

dass du dort ein Stück Ballast abwerfen

kannst, und spürst, 

dass ein Pullover und ein paar Schuhe dich länger tragen,

als du es dir vorstellen konntest,

dass du , ohne einer Pflicht die Zeit zu stehlen,

aufs Meer schauen wirst

oder eine Weile die Wölbung einer Muschel bewunderst.

Dann, wenn die Ruhe einzieht und sich in dir breit macht,

wenn die Zeit mehr wird, die dich nicht mehr hetzt,

atme sie ein, diese Augenblicke.

Geh noch nicht,

ich will dir noch das Wichtigste für deine Zeit mitgeben:

Ich wünsch dir Gottes Segen,

die Kraft, die zur Ruhe verhilft,

die Gelassenheit, die dich aufatmen lässt.

Ich wünsch dir, dass du dies alles,

und dich selbst – und IHN findest.

Und so segne uns Gott,

er lasse sein Angesicht leuchten über uns.

Amen.

  

AUF DER DURCHREISE

 Ein Tourist darf in einem Kloster bei Kartäusermönchen übernachten. Er ist sehr erstaunt über die spartanische Einrichtung ihrer Zellen und fragt die Mönche:“ Wo habt Ihr Eure Möbel?“

Schlagfertig fragen die Mönche zurück:

„Ja, wo haben Sie denn Ihre?“   

„Meine?“ erwidert darauf der Tourist verblüfft. „Ich bin doch nur auf der Durchreise hier.“  „Eben“, werfen die Mönche ein, „das sind wir auch.“

 

CHANCE DER BÄRENRAUPE,  ÜBER DIE STRASSE ZU KOMMEN

 Keine Chance. Sechs Meter Asphalt

Zwanzig Autos in einer Minute. Fünf Laster. Ein Schlepper. Ein Pferdefuhrwerk.

Die Bärenraupe weiß nichts von Autos. Sie weiß nicht, wie breit der Asphalt ist. Sie weiß nichts von Fußgängern, Radfahrern, Mopeds.

Die Bärenraupe weiß nur, dass jenseits Grün wächst. Herrliches Grün, vermutlich Sie hat Lust auf Grün. Man müsste hinüber.

Keine Chance. Sechs Meter Asphalt. Sie geht los. Geht los auf Stummelfüßen. Zwanzig Autos in der Minute.

Geht los ohne Hast. Ohne Furcht. Ohne Taktik. Fünf Laster. Ein Schlepper. 100 PKW´s. Geht los und geht und geht und geht und kommt an.         nach Rudolf Otto Wiemer

 

DEINE KINDER

 Deine Kinder sind nicht deine Kinder.

Sie sind Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.

Sie kommen durch dich, aber nicht von dir,

und obwohl sie bei dir sind,

gehören sie nicht dir. Du kannst ihnen deine Liebe geben, aber nicht deine Gedanken. Du kannst ihrem Körper ein Heim geben, aber nicht ihrer Seele, denn ihre Seele wohnt im Haus von morgen, das du nicht besuchen kannst, nicht einmal in deinen Träumen. Du kannst versuchen, ihnen gleich zu sein, aber versuche nicht, sie dir gleich zu machen.

Denn das Leben geht nicht rückwärts und verweilt nicht beim Gestern.

                                                Khalil Gibran

 

DEINE SEELE IST EIN VOGEL

Deine Seele ist ein Vogel, stutze ihm die Flügel nicht, 

denn er will sich doch erheben aus der Nacht ins Morgenlicht.

Deine Seele ist ein Vogel, stopf nicht alles in ihn rein. 

Er wird zahm und satt und träge, stirbt den Tod am Brot allein.

Deine Seele ist ein Vogel, schütze ihn nicht vor dem Wind. 

Erst im Sturm kann er dir zeigen, wie stark seine Flügel sind.

Deine Seele ist ein Vogel, und er trägt in sich ein Ziel. 

Doch wird er zu oft geblendet, weiß er nicht mehr, was er will.

Deine Seele ist ein Vogel. Hörst du ihn vor Sehnsucht schrein, 

darfst den Schrei du nicht ersticken, bleibt er stumm, wirst du zu Stein.

Deine Seele ist ein Vogel, stutze ihm die Flügel nicht, 

denn er will sich doch erheben, aus der Nacht ins Morgenlicht.

                                          Gerhard Schöne

 

DER ARME SCHUSTER

Es war ein armer Schuster, der war so glücklich, dass er von morgens bis abends sang. Viele Kinder standen vor seinem Fenster und hörten ihm zu. Neben dem Schuster lebte ein sehr reicher Mann. Der zählte die ganze Nacht seine Goldstücke. Tagsüber konnte er nicht schlafen, weil er den Schuster singen hörte.

Eines Tages lud er den Schuster ein und schenkte ihm einen Beutel voll Goldstücke. Nie in seinem Leben hatte der Schuster so viel Geld gesehen. Es war so viel, dass er Angst hatte, es aus den Augen zu lassen. Darum nahm er es mit ins Bett. Auch dort musste er immer an das Geld denke und konnte nicht einschlafen.

So trug er den Beutel auf den Dachboden. Früh am Morgen holte er ihn wieder herunter, denn er hatte beschlossen, ihn im Kamin zu verstecken. "Ich bringe das Geld ins Hühnerhaus", dachte er etwas später. Aber damit war er auch noch nicht zufrieden. Nach einer Weile grub er ein tiefes Loch im Garten und legte den Beutel hinein.

Zum Arbeiten kam er gar nicht mehr. Und singen konnte er auch nicht mehr. Und, was am schlimmsten war, die Kinder kamen ihn nicht mehr besuchen. Zuletzt war er so unglücklich, dass er den Beutel wieder ausgrub und damit zu seinem Nachbarn lief.

"Bitte, nimm dein Geld zurück", sagte er. "Die Sorge darum macht mich ganz krank."

So wurde der Schuster bald wieder genauso vergnügt wie zuvor und sang und arbeitete den ganzen Tag.

                                        Jean de Lafontaine

 

DER, DEN ICH LIEBE

Der, den ich liebe

hat mir gesagt,

dass er mich braucht.

Darum gebe ich auf mich acht,

sehe auf meinen Weg und

fürchte von jedem Regentropfen,

dass er mich erschlagen könnte.

                                                   Bert Brecht

 

DER HERR IST MEIN LOTSE

Der Herr ist mein Lotse. Ich werde nicht stranden.

Er leitet mich auf dunklen Wassern und führt mich auf der Fahrt meines Lebens.

Er gibt mir neue Kraft und hält mich auf rechtem Kurs um seines Namens Willen.

Und geht es durch Unwetter und hohe See, fürchte ich mich nicht, denn du bist bei mir, deine Liebe und Treue sind mir Schutz. 

Du bereitest mir einen Hafen am Ende der Zeit. Du beschwichtigst die Wellen mit Öl und lässt mich sicher segeln. Die Lichter deiner Güte und werden mich begleiten auf der Reise des Lebens, und ich werde Ruhe finden in deinem Hafen immerdar.

                                             nach Psalm 23

 

SEGENSWORTE

Der Herr, der Mächtige, 

Ursprung und Vollender aller Dinge, 

segne dich, 

gebe dir Gedeihen und Wachstum, 

Gelingen deinen Hoffnungen, 

Frucht deiner Mühe,

und behüte dich vor allem Argen, 

sei dir Schutz in Gefahr 

und Zuflucht in Angst.

Der Herr lasse leuchten sein Angesicht

über dir, 

wie die Sonne über der Erde

Wärme gibt dem Erstarrten 

und Freude gibt dem Lebendigen, 

und sei dir gnädig, 

wenn du verschlossen bist in Schuld, 

er erlöse dich von allem Bösen 

und mache dich frei.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich, 

er sehe dein Leid und höre deine Stimme, 

er heile und tröste dich

und gebe dir Frieden, 

das Wohl des Leibes und das Wohl der Seele, 

Liebe und Glück.

So will es der Herr, 

der von Ewigkeit zu Ewigkeit bleibt. 

So steht es fest 

nach seinem Willen für dich.

                                          Jörg Zink

DER KERN

Es muss einen Kern geben,

Zu dem man vordringen muss.

Natürlich: das Leben ist keine Nuss.

So sag doch einfach die Wahrheit:

Wenn es Nacht war, wird es Tag.

Ist das nicht die äußerste Klarheit?

Wer siegte, wer unterlag?

Wenn man gelebt hat, muss man sterben.

Vielleicht ist der Kern der Tod?

Wer wird die Welt erben?

Wer isst unser Brot?

Werden alle lernen zu denken?

Haben alle dazu Zeit?

Muss man die Menschen lenken,

Damit man sie befreit?

Werden alle Menschen sich gleichen?

Wenn es sein kann, wann wird es sein?

Sprich nicht von Armen und Reichen!

Lass die Frage in dich ein.

Achte nicht auf die Namen,

Sie sind auswechselbar.

Es gingen und es kamen

Die Namen Jahr für Jahr.

Vielleicht ist es der Schluck Wasser,

Den du dem Dürstenden gibst,

Und dass du inmitten der Hasser 

Den, den du hassen sollst, liebst.

Ich weiß nicht: Was ist der Kern?

Muss es einen geben?

Gibt es nur einen Stern?

Gibt es nur ein Leben?

                                   Eva Strittmatter    

 

DER SCHLÜSSEL ZUM GLÜCK    

Wir hatten bald genug zu essen. Aber wir waren nicht zufrieden. Wir brauchten Kleidung und bekamen sie. Aber wir waren nicht zufrieden. Wir brauchten Wohnungen und wir bekamen sie. Aber wir waren nicht zufrieden. Wir wollten uns einrichten und taten es. Aber wir waren nicht zufrieden. Wir wollten in Urlaub fahren und wir fuhren. Aber wir sind darum nicht zufrieden. Wir wollten Kinder haben und wir bekamen sie. Aber wir sind noch nicht zufrieden. Wann werden wir zufrieden sein? Wenn wir gestorben sind? Und bis dahin werden wir unzufrieden sein? Können wir uns eigentlich noch richtig freuen? Der Schlüssel  zum Glück ist Dankbarkeit.                H. May

 

DIE DREI SIEBE 

 Aufgeregt kam jemand zu Sokrates gelaufen. . "Höre, Sokrates, das muss ich dir erzählen, wie ein Freund..."

"Halt ein!", unterbrach ihn der Weise, "hast du das, was du mir sagen willst, durch die drei Siebe geschüttelt?"

"Drei Siebe?", fragte der andere voll Verwunderung. 

"Ja, mein Freund, drei Siebe! Lass sehen, ob das, was du mir erzählen willst, durch die drei Siebe durchgeht. Das erste Sieb ist die Wahrheit Hast du alles, was du mir erzählen willst, geprüft, ob es wahr ist?"

"Nein, ich hörte es erzählen, und..."

"So, so. Aber sicher hast du es mit dem zweiten Sieb geprüft, es ist das Sieb der Güte. Ist das, was du mir erzählen willst, wenn schon nicht als wahr erwiesen, wenigstens gut?"

Zögernd sagte der andere: "Nein, das nicht, im Gegenteil... "

"Dann", unterbrach ihn der Weise, lass uns auch das dritte Sieb noch anwenden und lass uns fragen, ob es notwendig ist, mir das zu erzählen, was dich so erregt." 

"Notwendig nun gerade nicht.."

"Also", lächelte Sokrates, "wenn das, was du mir erzählen willst, weder wahr noch gut noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit!"     

                                             Sokrates

 

DIE FABEL VOM BLUTEGEL UND DER LIBELLENLARVE

Es geschah in einem Tümpel am Rande eines Waldes.

Dort lebte ein Blutegel, der sich in seinem Tümpel gut auskannte, weil er ihn in allen Richtungen erforscht und durchschwommen hatte. 

Aber auch eine Libellenlarve, die aussieht wie ein langbeiniger Käfer, lebte in dem Schlamm des Tümpels. Sie war meist so mit Schlamm bedeckt, dass man sie von ihrer Umgebung kaum unterscheiden konnte. Doch ein merkwürdiger Drang trieb sie immer wieder nach oben, um neue Kraft zu schöpfen.

Der Blutegel sagte eines Tages zu der Libellenlarve:

„Was hast du auch für eine merkwürdige Art, aus dem Schlamm aufzusteigen. Ich habe kein Bedürfnis nach dem, was du Himmelsluft nennst.“

Die Libellenlarve erwiderte:

„Ach, ich trage eine große Sehnsucht in mir. Ich möchte über diesen Tümpel hinaus, denn da drüben sehe ich einen hellen Schein, und merkwürdige Schatten huschen über uns hinweg. Aber meine Augen sind wohl nicht geeignet, um das zu erkennen, was über uns ist. Aber wissen möchte ich es doch.“

Der Blutegel krümmte sich vor Lachen:

„O du phantasievolle Seele! Du glaubst wirklich, über dem Tümpel sei noch etwas? Glaub es mir doch als erfahrenem  Mann: Ich habe den ganzen Tümpel durchschwommen. Dieser Tümpel ist die Welt und die Welt ist ein Tümpel, und außerhalb dieses Tümpels gibt es nichts.“

„Aber ich habe den Lichtschein gesehen!“, sagte die Libellenlarve, „und geheimnisvolle Schatten“. 

„Das sind Hirngespinste, nichts als Hirngespinste!“, versicherte der Blutegel. „Nur was ich spüren und betasten kann, existiert wirklich. Alles andere ist reine Einbildung.“

Doch es dauerte nicht lange, da kroch die Libellenlarve tatsächlich aus dem Wasser.

Mit ihr vollzog sich eine unwahrscheinliche Umwandlung. Es wuchsen ihr Flügel, sie verlor ihre schwerfällige Hülle und im goldenen Sonnenschein flog sie pfeilschnell über die glatte Wasserfläche dahin. 

Der Blutegel aber unten im Tümpel begriff nicht, wohin die Libellenlarve verschwunden war.

 

DIE ROSE

Rainer Maria Rilke ging in der Zeit seines Pariser Aufenthaltes regelmäßig über einen Platz, an dem eine Bettlerin saß, die um Geld anhielt. Ohne je aufzublicken, ohne ein Zeichen des Bittens oder Dankens zu äußern, saß die Frau immer am gleichen Ort.

Rilke gab nie etwas, seine französische Begleiterin warf ihr häufig ein Geldstück hin. Eines Tages fragte die Französin verwundert, warum er nichts gebe. Rilke antwortete: »Wir müssten ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand.«

Wenige Tage später brachte Rilke eine eben aufgeblühte weiße Rose mit, legte sie in die offene, abgezehrte Hand der Bettlerin und wollte weitergehen. Da geschah das Unerwartete: Die Bettlerin blickte auf, sah den Geber, erhob sich mühsam von der Erde, tastete nach der Hand des fremden Mannes, küsste sie und ging mit der Rose davon.

Eine Woche lang war die Alte verschwunden; der Platz, an dem sie vorher gebettelt hatte, blieb leer. Nach acht Tagen saß sie plötzlich wieder an der gewohnten Stelle. Sie war stumm wie damals, wiederum nur wieder ihre Bedürftigkeit zeigend durch die ausgestreckte Hand.

»Aber wovon hat sie denn in all den Tagen gelebt?« fragte die Französin. Rilke antwortete: »Von der Rose. «

                                   Verfasser unbekannt

 

DIE SIND GUT DRAN

Die nicht schon auf alles eine Antwort wissen, die sind gut dran, denn ihnen tut sich die Welt Gottes auf. Die unter den Zuständen leiden, die sind gut dran, denn sie werden Mut und Hoffnung gewinnen.

Die nicht auf Gewalt setzen, die sind gut dran, denn ihnen wird die Erde gehören. Die keine Ruhe geben und nach Gerechtigkeit schreien, die sind gut dran, denn sie werden zufrieden sein. die barmherzig sind, die sind gut dran, denn sie werden Barmherzigkeit erleben. Die sich selbst und anderen nichts vormachen, die sind gut dran, denn sie werden Gott vor Augen haben. Die den Frieden herbeiführen, die sind gut dran, denn ihnen wird man glauben, dass sie von Gott sind. Die angefeindet werden wegen neuer Gerechtigkeit, die sind gut dran, denn ihnen tut sich die Welt Gottes auf.

                   Die Bibel, nach Matthäus 5

 

ÜBER NACHT WAR REGEN GEFALLEN

Über Nacht war Regen gefallen, und nun wandern Wolken über den Himmel - ab und zu sprüht Nässe herab. Ich stehe unter einem Apfelbaum, der zu verblühen beginnt, und atme. Nicht allein der Apfelbaum, sondern auch die Gräser rings¬umher haben die Feuchtigkeit des Regens aufgesogen, kein Name lässt sich finden für jenen süßen Duft, der die Luft erfüllt. Ich sauge ihn ein mit der vollen Kraft meiner Lunge, und meine ganze Brust spürt den Wohlgeruch. Ich atme, atme - einmal mit offenen Augen, dann wieder mit geschlossenen Augen. Ich weiß nicht zu sagen, was schöner ist.

Dies ist wohl jene einzigartige, aller kostbarste Freiheit, deren uns das Gefängnis beraubt, so zu atmen, hier zu atmen. Keine Speise dieser Erde, kein Wein erscheint mir süßer als diese Luft, gesättigt vom Blühen, Feuchtigkeit, Frische. Ist es auch nur ein winziges Gärtchen, eingezwängt zwischen den Käfigen fünfstöckiger Häuser. Das Knattern der Motorräder, das Geheul der Plattenspieler, das Getrommel der Lautsprecher entschwinden meinem Bewusstsein. Solange man noch unter einem Apfelbaum nach dem Regen atmen kann - so lange lässt es sich leben.

                            Alexander Solschenizyn

 

EIN FREIER MENSCH

Einem freien Menschen merkt man es im Unterschied zu einem noch unfreien an, dass erdauernd in einem kritischen Gespräch mit sich selbst begriffen ist, dass man ihn darum nicht selten gerade über sich selbst fröhlich lachen hört.

                                        Karl Barth

EIN HÖRER

Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still. Ich wurde, was womöglich ein größerer Gegensatz zum Reden ist, ich wurde ein  Hörer. Ich meinte erst, Beten sei Reden. Ich lernte aber, dass Beten nicht nur Schweigen ist, sondern Hören. So ist es: Beten heißt nicht, sich selbst reden hören,

beten heißt, still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört.

                                        Sören Kierkegaard

EIN FREUND

Einmal werde ich unter den vielen einen Freund finden, der bei mir bleibt, der auf mich wartet, wenn ich fortgehe, der noch da ist, wenn ich zurückkomme. Er hat Zeit für mich, wenn ich ihn brauche, er hört zu, unabgelenkt, er ist mir zugewandt in Distanz und Liebe. Er hat Vertrauen zu mir, er erwartet Gutes und lässt sich nicht beirren durch mein Versagen. Er gibt mir Spielraum und Freiheit zu sein, der ich bin, er knüpft seine Freundschaft nicht an Bedingungen. Er ist wahrhaftig und täuscht mich nicht, er sagt mir meine Fehler und Schwächen zur richtigen Zeit, behutsam und hilfreich. Er wird mir verzeihen. Er hat Sorge und Angst um mich, wenn ich verzweifelt bin und nicht den richtigen Weg gehe. Er behält die Hoffnung, auch wenn ich sie aufgebe. Wenn ein anderer solch einen Freund sucht, will ich für ihn dieser Freund sein.

                                            Ingeborg Kiefel

 

EINÜBEN IN DIE HOFFNUNG

Ein Boot in der Lagune. Ein alter Fischer -  er steht am Bug, das Wurfnetz in den Händen. Seit einer halben Stunde sehe ich ihm zu. Er versteht sein Handwerk. In vollendetem Kreis fällt das Netz ins Wasser. Er lässt es sinken. Wartet, bis der bleibeschwerte Rand den Boden berührt. Dann zieht er es hoch, behutsam, mit hoffenden Händen  - spürend, ob Leben im Netz ist oder ob der Wurf wieder einmal umsonst war.

Das Netz ist leer. Er schüttet es aus, entfernt den Unrat, bereitet sich zum nächsten Wurf. Ich habe die Würfe gezählt: Dreiundzwanzig mal ist das Netz auf das Wasser geklatscht. Jedes mal zog er es leer heraus.

Der alte Fischer weiß: Es gibt Tage, da muss man das Netz werfen wider besseres Wissen:

Zwanzig mal, fünfzig mal, hundert mal - weil es nötig ist, das Netz zu werfen - als Einübung in die Hoffnung,  weil nicht werfen aufgeben hieße, und aufgeben hieße aufhören zu leben.

                  Lindolfo Weingärtner / Brasilien

 

GLÜCKLICH SEID IHR

Glücklich seid ihr, die ihr die Gewalt verachtet. Eure Gedanken und Argumente sind bessere Waffen als Panzer und Bomben. Ihr werdet überleben.

Glücklich seid ihr, wenn ihr keine Angst habt, euch in Mitleidenschaft ziehen zu lassen, in das Leid des Nächsten, in die Not des Bruders.

Glücklich seid ihr, wenn ihr euch selbst nicht so wichtig nehmt. Euch liebt Gott.

Glücklich seid ihr, wenn ihr eure Liebe verschenkt, ohne eine Gegenrechnung aufzustellen. Eure Liebe ist echt.

Glücklich seid ihr, die ihr die halben Entscheidungen hinter euch lasst und ganze Schritte geht. Euch wird die Zukunft gehören.

Glücklich seid ihr, die ihr den Mut habt, eure eigene Meinung zu sagen und für sie einsteht. Ihr fangt an, frei zu leben.

Glücklich seid ihr, die ihr die Minderheiten achtet und ihnen Raum zum Leben gebt.

Glücklich seid ihr, wenn eure Freude so groß ist, dass sie Traurige tröstet.

Glücklich seid ihr, die ihr um Gottes Willen ausgelacht werdet und die man links liegen lässt. Ihr gehört zu Gott.

                                             Uwe Seidel

DER FISCHER 

Ein Fischer sitzt am Strand und blickt auf das Meer, nachdem er die Ernte seiner mühseligen Arbeit auf den Markt gebracht hat. 

Warum er nicht einen Kredit aufnehme, fragt ihn ein Tourist. Dann könnte er einen Motor kaufen und das Doppelte fangen. Das brächte ihm Geld für einen Kutter und einen zweiten Mann ein. Zweimal täglich auf Fang hieße das Vierfache verdienen. Warum er eigentlich so herum trödele. Auch ein dritter Kutter wäre zu beschaffen. Das Meer könnte viel besser ausgenutzt werden. Ein Stand auf dem Markt, Angestellte, ein Fischrestaurant, eine Konservenfabrik ... dem Touristen leuchten die Augen. "Dann brauchen Sie gar nichts mehr zu tun", sagt er begeistert. "Dann können Sie den ganzen Tag sitzen und glücklich auf Ihr Meer hinausblicken!" "Aber das tue ich doch jetzt schon," sagt der Fischer.

 

GEBET DER SIOUXINDIANER

Großer Geist, dessen Stimme ich in den Winden vernehme und dessen Atem der ganzen Welt Leben spendet, erhöre mich.

Ich trete vor dein Angesicht als eines deiner vielen Kinder. Siehe, ich bin klein und schwach, ich brauche deine Kraft und Weisheit.

Lass mich in deiner Schönheit wandeln und meine Augen immer den purpurroten Sonnenuntergang schauen.

Mögen meine Hände die Dinge achten, die du geschaffen hast, und meine Ohren deine Stimme hören!

Mache mich weise, damit ich die Dinge erkennen kann, die du mein Volk gelehrt hast; die Lehre, die du in jedem Blatt und jedem Felsen verborgen hast. Ich sehne mich nach Kraft, nicht um meinen Brüdern überlegen zu sein, sondern um meinen größten Feind   mich selbst   bekämpfen zu können. Mache mich stets bereit, mit reinen und aufrichtigen Augen zu dir zu kommen, damit mein Geist, wenn das Leben wie die untergehende Sonne entschwindet, zu dir gelangen kann, ohne sich schämen zu müssen.

 

GEBET DER VEREINTEN NATIONEN

Unsere Erde ist nur ein kleines Gestirn im großen Weltall.

An uns liegt es, daraus einen Planeten zu machen,

dessen Geschöpfe nicht von Kriegen gepeinigt werden,

nicht von Hunger und Furcht gequält,

nicht zerrissen werden in sinnlose Trennung

nach Rasse, Hautfarbe oder Weltanschauung.

Gib uns den Mut und die Voraussicht,

schon heute mit diesem Werk zu beginnen,

damit unsere Kinder und Kindeskinder

einst mit Stolz den Namen Mensch tragen.

 

KAUF DIR DAS LIED

Sie träumen und glauben und denken,

dass Geld-Haben alles wär.

Sie würden uns gerne den Himmel schenken

und haben ihn selbst nicht mehr.

Sie meinen, sie hätten schon alles,

weil jeder so leicht vergisst:

Da ist manches Wunderbare

auf der Erde, das als Ware

leider unerschwinglich ist.

Kauf dir das Lied,

das die Nachtigall singt!

Kauf dir, dass einer dich mag!

Kauf dir das Raunen des Grases im Wind,

kauf dir ein zärtliches "Du".

Kauf dir, wenn einmal das Leben verrinnt,

eine Sekunde dazu!

Kauf dir das Lied, das die Nachtigall singt,

Liebe, die treu zu dir hält.

Kauf dir das Glück, das nur Zweisamkeit bringt,

keiner auf der Welt hat so viel Geld.

                                                   Mischa Mleinek

 

GLÜCKLICH SEID IHR

 

Glücklich seid ihr,

wenn eure Freude so groß ist, 

dass sie sich ausbreitet wie eine ansteckende Gesundheit 

und Traurige tröstet.

Glücklich seid ihr,

wenn ihr keine Angst habt,

euch in Mitleidenschaft ziehen zu lassen –

in das Leid des Nächsten, in die Not des Bruders.

Glücklich seid ihr,

wenn ihr eure Liebe verschenkt,

ohne eine Gegenrechnung aufzustellen.

Eure Liebe wird Menschen lebendig machen.

Glücklich seid ihr,

die ihr halbe Entscheidungen hinter euch lasst

und ganze Schritte tut.

Ihr werdet die Wahrheit finden.

Glücklich seid ihr,

die ihr euch nicht richtet 

nach den Klischeevorstellungen eurer Mitmenschen.

Ihr fangt an, Menschen zu werden.

Glücklich seid ihr,

wenn ihr Andersdenkende und Minderheiten achtet

und ihnen Raum zum Leben gebt.

Glücklich seid ihr,

die ihr um Gottes Willen ausgelacht werdet,

die man links liegen lässt oder einfach totschweigt.

Ihr gehört zu Jesus Christus.

Glücklich seid ihr,

die ihr euch selbst nicht so wichtig nehmt.

Euch kann Gott gebrauchen.

Glücklich seid ihr,

die ihr die Gewalt verachtet,

für die Argumente bessere Waffen sind 

als Panzer und Bomben.

Ihr werdet überleben.    

                                        nach Lange/Seidel

 

EINE GROSSE FRAGE

Die Fische eines Flusses sprachen zueinander:

"Man behauptet, dass unser Leben vom Wasser abhängt. Aber, wir haben noch niemals Wasser gesehen. Wir wissen nicht, was Wasser ist?"

Da sagten einige, die klüger waren als die anderen: "Wir haben gehört, dass im Meer ein gelehrter Fisch lebt, der alle Dinge kennt. Wir wollen zu ihm gehen und ihn bitten, uns das Wasser zu zeigen. "

So machten sich einige auf und kamen in das große Meer. Sie fanden dort den großen, gelehrten Fisch und fragten, was Wasser ist. Als der Fische sie angehört hatte, sagte er: ,,0, ihr dummen Fische! Im Wasser lebt und bewegt ihr euch. Aus dem Wasser seid ihr gekommen, zum Wasser kehrt ihr wieder zurück. Ihr lebt im Wasser, aber ihr wisst es nicht!"

So lebt der Mensch in Gott. Gott ist in allen Dingen, und alle Dinge sind Gott. Und doch fragt der Mensch: "Kann es Gott geben? Was ist Gott?"

               aus einer alten Klosterhandschrift

 

IHR HEUCHLER

 

und ihr sagt Gott

bei jedem Dreck

 

weil euch das Wort  so geläufig ist

geläufig und süffig

wie euer Bier an der Theke

 

ihr nennt euch Christen

ich aber schäme mich

allein schon aus dem Gedanken

ihr könntet mich auch so nennen

                                            Peter Coryllis

GRÜNDE   

Weil das alles nichts hilft; 

sie tun ja doch was sie wollen.

Weil ich mir nicht nochmals

die Finger verbrennen will.

Weil man nur lachen wird:

Auf dich haben sie gerade gewartet.

Warum immer ich?

Keiner wird es mir danken.

Weil da niemand mehr durchsieht,

sondern höchstens noch mehr kaputt geht.

Weil jedes Schlechte 

vielleicht auch sein Gutes hat.

Weil es eine Sache des Standpunktes ist,

und überhaupt: wem soll man glauben?

Weil ich das lieber

Berufeneren überlasse.

Weil sich die Mühe nicht lohnt,

weil sie alle das gar nicht wert sind...

                                                     Erich Fried

 

GEGENGRÜNDE    

Weil die Wahrheit Zeugen nötig hat.

Weil das Gelächter der Hoffnung letzte Waffe ist.

Weil eine wahre Sache Geduld braucht.

Weil nur der sich gelassen dem gegenwärtigen Tag zuwenden kann, der sich seiner Sache gewiss ist.

Weil wir wohl reine Herzen haben sollen, uns aber auch zu unseren schmutzigen Händen bekennen können.

Weil jede Tat eine Schwester des Traums ist.

Weil nur von Gewandelten Wandlungen ausgehen können.

Weil es gerade auf mich ankommt.

Weil wir nicht zu den Gleichgültigen gehören, für die es keine Wunder gibt.

Weil man nicht unbedingt das Licht des anderen ausblasen muss, um das eigene leuchten zu lassen.

Weil man nur durch Erfahrungen klüger wird.

Weil die nicht geglückten Experimente die größten Lehren bergen.

Weil alle darauf warten, dass einer den ersten Schritt tut.

Weil einer gesagt hat: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

Weil nur der das Mögliche erreichen kann, der das Unmögliche will.

Weil der Mensch nicht dazu verdammt ist, immer derselbe zu bleiben.

Weil wir uns den Provinzialismus in einer planetarischen Welt nicht mehr leisten können.

Weil die Liebe mit Mosaiksteinen arbeitet.

Weil wir das wenige, das wir tun können, auch tun sollen: das Eigene.

Weil die Erde handelnden Träumern gehört - oder niemandem.

Weil der Glaube bei seinem Tun Heiterkeit behalten kann, die von Gott kommt.

Weil mein Tun nicht allein dadurch Sinn empfängt, dass Erfolg sichtbar wird.

Weil einer den Weg vorausgegangen ist.

Weil zu seinem Sieg sein Scheitern gehörte.

Weil der Glaube ein Baum ist, der in der Wüste wächst.

       Ev. Predigerseminar  Wittenberg. 1980

 

I HAVE A DREAM 

Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln Georgias die Söhne der ehemaligen Sklaven und die Söhne der ehemaligen Sklavenhalter in der Lage sein werden, sich zusammen an den Tisch der Brüderlichkeit zu setzen...

Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, wo man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird.

Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg abgetragen sein wird. Dass die rauen Orte geglättet und die gewundenen Orte begradigt sein werden.

Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, aus den Bergen der Verzweiflung den Stein der Hoffnung zu hauen.

Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, zusammen zu arbeiten, zusammen zu beten, zusammen zu kämpfen, zusammen ins Gefängnis zu gehen, uns zusammen für die Freiheit zu erheben, in dem Wissen, eines Tages frei zu werden...

                                        Martin Luther King

 

ICH WERFE MEINE FREUDE 

            WIE VÖGEL AN DEN HIMMEL

Herr, ich werfe meine Freude wie Vögel an den Himmel.

Die Nacht ist verflattert, und ich freue mich am Licht.

Deine Sonne hat den Tau weg gebrannt

vom Gras und von unseren Herzen.

Was da aus uns kommt, was da um uns ist

an diesem Morgen, das ist Dank.

Herr, ich bin fröhlich heute am Morgen.

Die Vögel und Engel singen, und ich jubiliere auch.

Das All und unsere Herzen sind offen für deine Gnade.

Ich fühle meinen Körper und danke.

Die Sonne brennt meine Haut, ich danke.

Das Meer rollt gegen den Strand, ich danke.

Die Gischt klatscht gegen unser Haus, ich danke.

Herr, ich freue mich an der Schöpfung

und dass du dahinter bist und daneben

und davor und darüber und in uns.

Ich freue mich, Herr,

ich freue mich und freue mich.

                                        Aus Westafrika

 

HERR, ICH HABE ES SATT

Herr, ich habe es satt, den Hals zu verdrehen und jedem Trugbild nachzugaffen. Ich drehe mich nicht mehr um. Geradeaus sehe ich und schweige. Ich gönne meinem Nacken Ruhe. Denn mein Nacken ist müde vom ewigen Drehen und Wenden. Mache mich zu einem Menschen, der gerade aus geht, dass ich nur auf deinen Weg schaue, den Weg, den du zeigst. 

Meine Ohren sind müde vom Lärm der Züge und Autos, müde vom Nachhall der Worte, vom Kopfweh kommender Tage, sehr, sehr müde und beinahe ertötet vom klingenden, betäubenden Lärm.

Ich habe es satt, gereizt zu werden, gereizt von den vielen Dingen draußen und von der Selbstsucht drinnen. Herr,  reize du mich, dass deine große Liebe mich treibt und  ich in Ewigkeit fröhlich bin.

                                       Gebet aus Kenia

GLAUBE

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott.. uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.,... In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.                     Dietrich Bonhoeffer

 

PASSION

Ich kenne einen

der ließ sich von uns die Suppe versalzen

der ließ sich von uns die Chancen vermasseln

der ließ sich von uns das Handwerk legen

der ließ sich für dumm verkaufen

der ließ sich einen Strick drehen

der ließ sich an der Nase herumführen

der ließ sich übers Ohr hauen

der ließ sich von uns klein kriegen

der ließ sich von uns in die Pfanne hauen

der ließ sich von uns aufs Kreuz legen

der ließ sich von uns Nägel mit Köpfen machen

der ließ sich zeigen was ein Hammer ist

der ließ sich von uns festnageln auf sein Wort

der ließ sich seine Sache was kosten

der ließ sich sehen am dritten Tag

der konnte sich sehen lassen

  

SO VEEL AS HE HOFFT

Du Mudder, seggt Lüttjepütt,

Woveel Gröönfarven hett de Maai?

So veel as dor Steern sünd an`n Himmel.

Un woveel Stern hett de Himmel?

So veel as de See Draapen.

Un woveel Draapen hett de See?

So veel as de Minsch Hartsläg.

Un woveel Hartsläg hett de Minsch?

So veel as he hofft.

 

SPÄTER

Manchmal frage ich mich: was wird bleiben später, wenn wir lang nicht mehr sind, in sagen wir hundert, zweihundert Jahren, von uns, unseren Hoffnungen, den Sorgen und all den Gebeten, den Liedern, die wir gesungen?

Was wird bleiben von den Kirchen, die wir erbauten, mit ihren riesigen leeren Wänden, weil uns nichts einfiel, kein Bild, keine Vision mehr, kein Maler auch, dem wir es zutrauten, das Unbegreifliche sichtbar vor Augen zu stellen?

Aber vermochten wir selber denn, von unserem Glauben zu reden? Wussten wir noch, wie ein Heiliger aussieht? Vom Himmel zu schweigen, der immer blasser und fremder wurde unter den endlosen Diskussionen, bis er entschwand schließlich und nichts uns blieb außer verlegenem Schweigen?

Mag schon sein, dass sie verfallen sein werden später, verlassen die riesigen Mauern und Türme der Kirchen und stumm die Orgeln, die Glocken, indes vielleicht eine kleine Gemeinde irgendwo sonst sich versammelt im Hinterhaus, in einem Laden.

Aber auch möglich, wer weiß, dass die heiligen Räume geschmückt sein werden mit neuen und hinreißenden Bildern des wiederentdeckten Glaubens und dass Menschen singen wie wir es taten, inbrünstiger noch als wir, das alte und immer neue Lied gegen den Tod: das unbesiegbare Halleluja.

                              Lothar Zenetti

 

ATME SIE EIN, DIESE AUGENBLICKE

Und nun, bevor du gehst, wünsch ich dir, dass du dich erholst.

Sag nicht einfach: Werd ich schon...

Ich wünsch dir, dass du trotz Reisevorbereitungen,

trotz voll gepackter Koffer,

die so schwer waren und doch nur das Notwendigste enthielten

(die Anziehsachen für jedes Wetter, die Bücher,

die du immer mal lesen wolltest, den Reiseproviant und die Kulturführer)

dass du, trotz deiner Angst, zur Ruhe zu kommen,

deinem Druck, alles nachzuholen, wozu du im Alltag nie kamst,

dort , wo du nun bist, auch wirklich ankommst.

Ich wünsche dir,

dass du dort ein Stück Ballast abwerfen kannst, und spürst, 

dass ein Pullover und ein paar Schuhe dich länger tragen,

als du es dir vorstellen konntest,

dass du , ohne einer Pflicht die Zeit zu stehlen,

aufs Meer schauen wirst

oder eine Weile die Wölbung einer Muschel bewunderst.

Dann, wenn die Ruhe einzieht und sich in dir breit macht,

wenn die Zeit mehr wird, die dich nicht mehr hetzt,

atme sie ein, diese Augenblicke.

Geh noch nicht,

ich will dir noch das Wichtigste für deine Zeit mitgeben:

Ich wünsch dir Gottes Segen,

die Kraft, die zur Ruhe verhilft,

die Gelassenheit, die dich aufatmen lässt.

Ich wünsch dir, dass du dies alles,

und dich selbst – und IHN findest.

 

LASS DIE SONNE OHNE TRÄNEN AUFGEHEN

Gesetzt, du bist auf der Anhöhe im Morgendämmer und siehst hinaus aufs Meer, und nun steigt die Sonne aus dem Wasser hervor! – und das rührte dein Herz, und du könntest nicht umhin, auf dein Angesicht nieder zu fallen! . . .so falle hin, mit oder ohne Tränen, und kehre dich an niemand, und schäme dich nicht, denn sie ist ein Wunderwerk des Höchsten und ein Bild desjenigen, vor dem du nicht tief genug niederfallen kannst. Bist du aber nicht gerührt und du musst drücken, dass eine Träne komme, so spare dein Kunstwasser und lass die Sonne ohne Tränen aufgehen.     

                                            Mathias Claudius

VERGISS NIE

Vergiss nie, dass das Leben nichts ist als ein Wachsen in der Liebe und ein Vorbereiten auf die Ewigkeit.

           Alexander Schmorell, „Weiße Rose“

 

DAS VERSÖHNUNGSGEBET VON COVENTRY

 

"Alle haben gesündigt und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten." (Römer 3, 23)

Darum beten wir:

Den Hass, der Rasse von Rasse trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse: Vater, vergib!

Das habsüchtige Streben der Menschen und Völker zu besitzen, was nicht ihr Eigen ist: Vater, vergib!

Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt und die Erde verwüstet: Vater, vergib!

Unseren Neid auf das Wohlergehen und Glück der anderen: Vater, vergib!

Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Heimatlosen und Flüchtlinge: Vater, vergib!

Die Sucht nach dem Rausch, der Leib und Leben zugrunde richtet: Vater, vergib!

Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf Gott: Vater, vergib!

  

WENN DU EIN SCHIFF BAUEN WILLST

Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Leute zusammen,

um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, 

Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen,

sondern wecke in ihnen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.

                              Antoine de Saint-Exupéry

 

WIR HABEN NUR DEN SAMEN

Ein junger Mann hatte einen Traum. Er betrat einen Laden. Hinter der Ladentheke sah er einen Engel stehen. Hastig fragte er den Engel: "Was verkaufen Sie, mein Herr?" Der Engel gab freundlich zur Antwort: "Alles, was Sie wollen." Da fing der junge Mann sofort an zu bestellen. "Dann hätte ich gern: eine demokratische Regierung in Chile, das Ende der Kriege in der Welt, bessere Bedingungen für die Randgruppen in der Gesellschaft, Beseitigung der Elendsviertel in Lateinamerika, und ..."

Da fiel ihm der Engel ins Wort und sagte: "Entschuldigen Sie, junger Mann, Sie haben mich verkehrt verstanden. Wir verkaufen hier keine Früchte, wir verkaufen nur den Samen."

            W. Hoffsümmer, Kurzgeschichten 1

 

ZEIT

Ich wünsche Dir nicht alle möglichen Gaben.

Ich wünsche Dir nur, was die meisten nicht haben:

Ich wünsche Dir Zeit, Dich zu freu´n und zu lachen,

und wenn Du sie nützt, kannst Du etwas draus machen.

Ich wünsche Dir Zeit für Dein Tun und dein Denken,

nicht nur für Dich selbst, sondern auch zum Verschenken.

Ich wünsche Dir Zeit, nicht zum Hasten und Rennen,

sondern die Zeit zum Zufrieden sein können.

Ich wünsche Dir Zeit, nicht nur so zum Vertreiben.

Ich wünsche, sie möge Dir übrig bleiben

als Zeit für das Staunen und Zeit für Vertrau'n,

anstatt nach der Zeit, der Uhr nur zu schau´n.

Ich wünsche Dir Zeit, nach den Sternen zu greifen, 

und Zeit, um zu wachsen, das heißt, um zu reifen. 

Ich wünsche Dir Zeit, neu zu hoffen, zu lieben. 

Es hat keinen Sinn, diese Zeit zu verschieben.

Ich wünsche Dir Zeit, zu Dir selber zu finden, 

jeden Tag, jede Stunde als Glück zu empfinden.

Ich wünsche Dir Zeit, auch um Schuld zu vergeben. 

Ich wünsche Dir: Zeit zu haben zum Leben.

 

EIN HÖRENDER

Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still. Ich wurde, was womöglich noch ein größerer Gegensatz zum Reden ist, ich wurde ein Hörer.

Ich meinte erst, Beten sei Reden. Ich lernte aber, dass Beten nicht bloß Schweigen ist, sondern Hören.

So ist es: Beten heißt nicht, sich selbst reden hören. Beten heißt: Still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört.

                                      Sören Kierkegaard

 

ALLEIN MIT GOTT

Völlig unerwartet, ganz plötzlich

 werden wir einander begegnen.

Ich weiß nicht wo, wie, wann.

Plötzlich werde ich dich sehen.

Ich werde erröten.

Mein Herz wird schneller schlagen

und ich werde glauben. Ich werde glauben,

dass du anders bist,

dass du mich verstehst,

dass du mit mir ernsthaft und offen sprechen willst,

und dass du - so wie ich - voller Sehnsucht bist, 

und frei, frei wie ein Falke.

Und wir werden einen Bund eingehen, du und ich, 

und wir werden ihnen unser Lachen

in die Augen spritzen.

Wir werden uns an den Händen halten

und laufen, so schnell wir können.

Sie werden uns empört zurufen,

dass sich das nicht gehört. 

Dann werden wir für einen Augenblick stehen bleiben

und ihnen die Zunge herausstrecken,

ich und du,

und wir werden uns schief und krumm lachen,

und ihnen dann aus den Augen entschwinden.

Und ganze Hände voll Schnee werden wir essen."

                                           Janucz Korczak

MUTTERNS HÄNDE

Hast uns Stulln jeschnitten

un Kaffe jekocht

un de Töppe rübajeschohm -

un jewischt un jenäht

un jemacht un jedreht...

alles mit deine Hände. 

 

Hast de Milch zujedeckt,

uns bobongs zujesteckt

un Zeitungen ausjetragen -

hast die Hemden jezählt

und Kartoffeln jeschält...

alles mit deine Hände.

 

Hast uns manches Mal

bei jroßem Schkandal

auch'n Katzenkopp jejeben.

Hast uns hochjebracht.

Wir wahn Sticker acht,

sechse sind noch am Leben...

Alles mit deine Hände.

 

Heiß warn se un kalt.

Nu sind se alt.

Nu bist du bald am Ende.

Da stehn wir nu hier,

und denn komm wir bei dir

und streicheln deine Hände.

                   Kurt Tucholsky, 1890 - 1935