Heilung . Wenn Gelähmte gehen

Mk 2,1-12   Und er ( Jesus) sagte zu dem Gelähmten:  »Ich befehle dir: Steh auf, nimm deine Matte und geh nach Hause!«   Der Mann stand auf, nahm seine Matte und ging vor aller Augen weg.

Können Sie sich vorstellen, liebe Gemeinde, liebe Gäste, wie da ein Schwerkranker auf seinem Bett liegt, bewegungsunfähig, fix und fertig  –  dann aber, einen Augenblick später aufspringt, und gesund putz munter davon läuft?

Genau so erzählt es Markus und genau so wurde jene Wundergeschichte, die Heilung des Gelähmten auch in der frühchristlichen Kunst dargestellt. Da gibt es Fresken, einfache, fast kindliche Wandmalereien, die für die christliche Archäologie von höchstem Wert sind, weil sie - die Sehnsucht nach Heilwerden der frühen Christenheit widerspiegeln. 

Sie haben es auch wirklich erlebt: Ist die Not am Größten, ist Gott am Nächsten.                                                         

Ein früherer Mitarbeiter Friedrich von Bodelschwinghs erzählte folgendes Erlebnis: Der chirurgische Chefarzt von Bethel musste Bodelschwingh in einem Fall bedauernd mitteilen: Ein Patient ist nicht mehr zu retten. Da platzte Bodelschwingh mit der Frage an den Professor heraus: "Haben Sie schon um seine Rettung gebetet?" Der Professor und sein Assistent lächelten diskret. Bodelschwingh übersah das und sagte nur:  "Also nein! Gut, dann will ich die Sache jetzt einmal mit Gott bereden!"  Wohl eine Stunde lang lag er in seinem Zimmer auf den Knien und betete. Danach ging er in das Krankenzimmer jenes Patienten zurück. Dort empfing ihn die pflegende Schwester: "Herr Pastor, seit einer halben Stunde geht es dem Kranken plötzlich besser!" Nach einigen Wochen war der Kranke genesen. Der Professor ging zu Bodelschwingh und sagte: "Ich werde nicht wieder lächeln, wenn Sie zum Beten auffordern!"

Das gab es, und das gibt es wirklich! Ist die Not am Größten, ist Gott am Nächsten.                                                         

Ich gestehe Ihnen aber nun, dass mir die Erzählungen über Heilungswunder Jesu immer etwas unbehaglich waren, denn:

Ich weiß genau wie Sie, wie viele Krankheiten es in dieser Welt gibt, bei denen die Heilungschancen gleich Null sind. Wir alle wissen genau, wie viele Gebete um Heilung Tag für Tag zum Himmel aufsteigen - oft genug umsonst.

Damals, als mein Vater noch auf Hiddensee Pastor war, erzählte er mir Folgendes: Da betete eine ganze Familie um Heilung eines Schwererkrankten.  Auch als dieser auf dem Sterbebett lag, beteten sie noch - und zwar unermüdlich. Schließlich starb er. Darauf trat die ganze Familie aus der Kirche aus. 

Gott hilft nicht automatisch und selbstverständlich – aber schon, und dann ganz anders, als wir es uns jemals vorstellen konnten. Zuletzt werden wir nur noch Staunende sein!

Die Erzählung von der Heilung des Gichtbrüchigen wurde einst genau so gemalt, gegen den Augenschein, gegen die oft harte Wirklichkeit – als so eine Art Sehnsuchts- und Hoffnungsbild.

Der Gelähmte, den Markus uns hier schildert, ist wirklich krank, ein hoffnungsloser Fall. Gelähmt, ohnmächtig sein - und dazu noch abhängig von der Hilfe anderer,  schlimmer geht es nicht.

Wir dürfen vermuten, dass die Christen damals im Römischen Reich in dem Gelähmten überdeutlich ihre eigene Situation sahen: 

Ungefähr um 230 n.Chr.: Die Christengemeinden waren isoliert, wurden diskriminiert. Toleranz oder gar Gleichberechtigung in Sachen Religion – wie dann später unter Kaiser Konstantin - gab es noch nicht. Also, sie fühlten sich behindert, gelähmt, ohnmächtig!

In der  Erzählung des Markus gibt es viele Leute, die das Haus, in dem Jesus sich aufhält, blockieren.

So eine Art Ellenbogengesellschaft hat sich da versammelt. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst!  Die meisten der Schaulustigen starren zu Jesus, haben aber  keinen Blick für den Elenden da auf der Trage. Was will dieser Krüppel hier???

Und dann mischen sich auch noch die Schriftgelehrten ein, die Glaubenswächter, die Theologen der damaligen Zeit:

„So einfach geht das nicht. Um gesund, um ein neuer Mensch zu werden, muss man schon etwas dafür tun! Die Gesetze halten, Almosen geben, Buße tun, Liebeswerke tun. Du musst den Weg zu Gott finden!

Jesus aber stellt diese Regeln und Gesetze auf den Kopf: Nein, du musst Gott nicht krampfhaft suchen, du musst dir Gott und seine Liebe nicht verdienen, sondern Gott kommt zu Dir.

 Hier sind es die vier Männer, sozusagen Gottes Werkzeuge, die die Trage heran tragen und den Kranken zu Jesus bringen wollen. Denen machen die neugierigen Blicke, das überhebliche Lächeln und die spöttischen Bemerkungen der anderen nichts aus. Sie halten das aus! Und ich dachte: Wie gut ist es, Menschen neben sich zu haben, die zu dir stehen. Da bist du nicht allein. Da musst du kein Einzelkämpfer sein. In der Weite des Römischen Imperiums Glaubensgeschwister zu haben -  das war was wert!

Und die kommen nun auf die Idee, Markus erzählt das ganz anschaulich, den Kranken mitsamt seinem Bett quer durch den ganzen Ort hin zu dem Haus zu tragen, in dem Jesus Quartier genommen hat. Hartnäckig sind sie, geben nicht auf, verfolgen ihr Ziel unbeirrt -  dass ihr Freund zu Jesus kommt!

Und ich denke: Wir sind doch auch von Kindheit an darauf angewiesen, dass uns andere sozusagen in die Nähe Jesu bringen, uns den christlichen Glauben verständlich machen - und den Glauben vorleben. Wir brauchen vom ersten Atemzug an jemanden, der für uns betet, der uns (im Bild gesprochen) - ins Leben trägt.

Da sind es die Eltern, hier die Großmutter. Dort sind es die Paten, die uns mit der Taufe zu Jesus trugen.  Da gab es einen Freund, einen Dozenten, der mich beeindruckte, mir Vorbild wurde auf meinem Weg. Katholische Christen haben die Heiligengestalten der ersten Jahrhunderte vor Augen, Vorbilder des Glaubens. Wir denken vielleicht an Glaubenszeugen der jüngeren Zeit, Dompropst Lichtenberg, Dietrich Bonhoeffer, Paul Schneider ….

Wenn es passiert, dann ist es wunderbar: Menschen bringen einander zu Jesus. Du, ich, wir alle können solche Träger sein. Und wenn es manchmal nur  das Gespräch zwischen Tür und Angel ist.                                                           

Mitunter kommt das freilich nicht gut an! Die Freunde des Gelähmten steigen Jesus aufs Dach und  reißen es auf. Das ist nicht die feine Art. Das macht man nicht! Darum regen sich alle anderen auf!   Und ich versuche mir vorzustellen, wie die frühen Christen in dem Bild von der Heilung des Gelähmten wiederum ihre eigene Situation sahen:

Ihr werdet mit eurem Glauben, mit euren Absichten, mit eurem Lebensstil auffallen, werdet Außenseiter sein. Ihr werdet Ärger erregen, die öffentliche Ruhe und Ordnung stören!  Aber anders geht es nicht, wenn ihr wollt, dass auch andere mit Jesus in Berührung kommen.

Die vier Männer mit dem Kranken auf der Trage kämpfen sich an Jesus heran, sind auf dem Dach, öffnen es, lassen den Kranken an Seilen durch die Öffnung hinunter, dass die Trage direkt vor Jesus zum Stehen kommt.

Und nun spricht Jesus. Er weiß, wie kostbar uns die Gesundheit ist. „Gesundheit ist das höchste Gut“, sagen wir.

Jesus weiß aber auch, und das fällt auf in der Erzählung des Markus, um die Not der Sünde. Das kleine Wort Sund, (Sünde = Sund),  meint ja den tiefen Abgrund, den Graben zwischen Gott und uns Menschen. Und das muss als Erstes in Ordnung kommen, eben das, was uns im Innersten bewegt, was sich in unserer Seele abspielt.                   

Und deshalb erzählt Markus, wie Jesus zunächst die Wurzel allen Übels heilt: "Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben."  Die Gute Nachricht übersetzt: Deine Schuld ist dir vergeben. Vergeben. Ausgelöscht. Jetzt ist alles in Ordnung. Dein Verhältnis zu Gott – ist in Ordnung, ist nun geheilt. Das, was deine Seele steif macht -  ist nun geheilt.

Ich, Christus, mache dich frei davon! Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes: Du darfst neu anfangen!      Und nun, als Zweites sagt Jesus das, womit niemand gerechnet hatte:                                           

Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!  Was jetzt geschieht, steht allein in Gottes Hand. Auch wenn wir uns noch so sehr abmühen wie die vier Träger, die im Schweiße ihres Angesichts das Dach aufdecken und es wirklich weit bringen: Über das Wohl und Wehe des Gelähmten entscheidet zuletzt Gott.

Also sucht Hilfe bei dem, von dem es heißt: ER ist der Arzt! Er will deiner Hoffnung Beine machen!  Er will dein Leben auf ein festes Fundament stellen!

Der Kranke, der Gelähmte, steht auf, schultert sein Bett und geht davon, als wäre das völlig selbstverständlich, als wäre das die einfachste Sache der Welt.

Und jeder in seiner Nähe musste etwas von Gottes großer Liebe gespürt haben.

Der russische Dichter Dostojewski erzählt in seinem Roman Schuld und Sühne, erschienen 1866, auf mehreren hundert Seiten die grausame Geschichte des Mörders Raskolnikow. Zum Schluss seines großen Romans deutet er an, wie diese zerstörte Seele, dieser kaputte Mensch Vergebung und Auferstehung erfährt.

Zitat:

Hier beginnt bereits eine neue Geschichte, die Geschichte der allmählichen Erneuerung eines Menschen, die Geschichte seiner allmählichen Sinneswandlung, des allmählichen Überganges aus einer Welt in eine andere, des Bekanntwerdens mit einer neuen, ihm bis dahin völlig unbekannten Wirklichkeit.“

Wie knapp und wortkarg Dostojewski schreibt. Aber genau das meint die Geschichte von der wundersamen Heilung zerstörten Lebens.

Steh auf, nimm dein Bett und geh! Gott kann ganz sichtbar und konkret in unserem Alltag wirken - aller Angst, allen Benachteiligungen zum Trotz. Er kommt uns in seiner großen Liebe so nahe, dass uns dann nur noch -    der Mund vor Staunen offen bleibt.

 Im Jahre 313 kann die urchristliche Gemeinde aufatmen:  Kaiser Konstantin I. (Kaiser des Westens) und Licinius (Kaiser des Ostens) erlassen das Mailänder Toleranzedikt.

Es gewährte “…sowohl den Christen als auch überhaupt allen Menschen freie Vollmacht, der Religion anzuhängen, die ein jeder für sich wählt…”.

Damit stellt das Toleranzedikt von Mailand eine Meilenstein in der Glaubensfreiheit dar, da es die Freiheit der Glaubensentscheidung für alle Religionen sichert.

Zur offiziellen Staatsreligion des Römischen Reichs wurde der christliche Glaube aber erst im Jahre 380 unter Kaiser Theodosius I. 

 Markus schließt seine Erzählung von der wunderbaren Heilung mit diesem Satz:  

 V.12: Da waren sie alle außer sich; priesen Gott und sagten: »So etwas haben wir noch nie erlebt!« 

 

 

Gebet:

Gott, voller Güte und Erbarmen, du bist deinem Volk Israel als Retter begegnet und hast dich in Christus als Heiland der ganzen Welt bekannt gemacht. Durch ihn bringen wir vor dich

- unsere Kirche: Setze sie in Bewegung, damit sie aufbricht zu den Menschen, die auf dein Heil warten.

- Wir bringen vor dich die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft: Setze sie in Bewegung, dass sie ihre ganze Kraft für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen. Herr, wir bitten dich:  Kyrie 178.12

  Wir bringen vor dich alle, die unbeweglich geworden sind: Löse, was lahm ist und lass uns offen sein für deine Wunder.

Wir bringen vor dich alle, die in Schuld verstrickt sind: Löse, was uns bindet und führe uns in die Freiheit. Herr, wir bitten dich:

  Kyrie 178.12

 Wir bringen wir vor dich unsere Kranken: Lass sie nie die Hoffnung verlieren. Lass sie dir vertrauen und – wenn du willst - mach ihr Leben heil.

Wir bringen wir vor dich unsere Verstorbenen: Führe sie in deinen ewigen Frieden. Herr, wir bitten dich:  Kyrie 178.12

Du kennst uns Menschen und weißt, was wir brauchen.

Heile du uns Herr, so werden wir heil, hilf uns, so ist und geholfen.

Begleite uns mit deiner Liebe und Hilfe und lass uns einst auf ewig bei dir geborgen sein. Dir gehört alle Herrlichkeit und Ehre, jetzt und in Ewigkeit.