Ehe auf Zeit - oder auf Lebenszeit  Markus 10, 2-12       25.10.2020

 

Da schlendert ein Liebespaar durch eine Gartenanlage. Die beiden kommen zu einem Schlauch, der ihnen im Wege liegt, sie stolpern drüber, gehen weiter, der Schlauch spritzt sie nass, doch das stört sie nicht. Sie gehen lachend
 Hand in Hand – mitten durch den Regen.

So läuft die Schokoladenwerbung der Marke Merci: Merci, danke, -  schön, dass es dich gibt. Sagen wir dass noch zueinander? Schön, dass es dich gibt? Sagen Sie das noch gelegentlich Ihrer Frau, Ihrem Mann?

Als ich mir das lachende glückliche Merci-Ehepaar vorstellte, dachte ich sogleich an eine andere Geschichte, die Sie vielleicht kennen, die Geschichte von dem Blinden und dem Lahmen: 

In einer Stadt brach ein großer Brand aus. Panik, die Leute schreien und flüchten. Auch ein Blinder und ein Lahmer suchen die Flucht. Aber wie soll das gehn? Der Blinde kann ja nichts sehen – und der Lahme sich nicht bewegen. Was machen die beiden? Kurzerhand lädt sich der Blinde den Lahmen auf den Rücken – und der Lahme weist dem Blinden den Weg. So schaffen sie es beide, den Flammen zu entrinnen.

Ich dachte: Das haben die beiden drauf! Was für eine Idee, was für eine tolle Harmonie!

Gibt es das? Gibt es das noch in unserer Zeit, dass Menschen einander tragen, einander ertragen -  bei der  hohen Scheidungsrate?

In der Bundesrepublik gab es im Jahr 2019 insgesamt 149.000 Ehescheidungen. Damit betrug die Scheidungsquote in unserem Land rund 36 %, etwas weniger als in den Jahren zuvor, aber immer noch zu viel. Reichlich jede dritte Ehe geht in die Brüche!! 149000 mal Hass und Tränen, Streit bis aufs Messer, Gütertrennung  und und und, und oft genug  sind Kinder dazwischen.

Was sind die Ursachen, die Gründe? Die sind vielfältig:

Da spielt eine gestiegene Lebenserwartung die Rolle, die Frau ist meist sehr viel selbständiger als in den Jahrzehnten, Jahrhunderten zuvor. Untreue wird als Scheidungsgrund genannt, unterschiedliche Lebensentwürfe, Zukunftsvorstellungen, die sich über die Jahre verändert haben, Alkoholismus, eine belastende Krankheit oder materielle Sorgen im Alter –Scheidungsgründe:

Papa will Sport gucken, Mama lieber „Nur die Liebe zählt“.  (Erinnern Sie sich an Fernsehshow, die von 1993 bis 2011 von Kai Pflaume moderiert wurde?)

Der eine das, die andere das. Und es gibt nur einen Fernseher. Früher war das ein Problem, das Familien spaltete oder zumindest dazu führte, dass Papa es vorzog, die Sportschau lieber in seinem Stammlokal zu konsumieren – und die Mama in die Arme des Tennislehrers trieb.  

Als Herr Müller Ende Sechzig schwer lungenkrank wird  und wochenlang auf der Isolierstation des Universitätsklinikums liegt, sagt seine Frau zu ihrem Sohn: „Der kommt ja wohl nicht wieder, was machen wir jetzt mit der Wohnung?”  Irgendwann hatte sie einen neuen. Später sagte Herr Müller: „Ich war so dumm!” - und erholt  sich nicht mehr von seiner Krankheit.

 Ja, und was nun? 

Vor wenigen Jahren dachte der Kabarettist Frank-Markus Barwasser über eine Ehe auf Zeit nach.

Im Rundfunk ( ich glaube, es war Bayern 3) sinnierte Barwasser. „Vielleicht sollte man überhaupt die Ehe immer zeitlich begrenzen - dass die Ehelaufzeit fünf Jahre dauert - und dann wird neu verhandelt“.

 Ganz ähnlich hatte – auch das liegt schon wieder eine Weile zurück – hatte die Landrätin Gabriele Pauli den Vorschlag einer zeitlich befristeten Ehe mit Verlängerungsmöglichkeit ins Gespräch gebracht und damit für ziemliche Aufregung gesorgt.

Wenn „Ehen nach sieben Jahren auslaufen würden, könnten sich die Partner ohne großen Scheidungsaufwand trennen. Die Partner könnten dann aber auch „aktiv Ja sagen zu einer Verlängerung“, sagt sie.

Und dann sagte sie weiter: Aber „vielleicht lebt man ja auch außerhalb der Ehe besser. …Außerdem könne man einen Menschen nicht ein Leben lang besitzen.“ Und dann - erzählt sie von ihren eigenen zwei Scheidungen.

 Ja, was halten Sie davon – Ehe auf Zeit mit Verlängerungsmöglichkeit?

Sagen Sie:

Eine gute Idee. Scheidung ohne Papierkrieg. Ist auch besser für die Kinder. Heute hält sowieso keine Ehe ewig.

Oder sagen Sie :

Jede Ehe ist auf Dauer angelegt, sie sollte lebenslang Bestand haben – "bis dass der Tod euch scheidet!". 

Ja, was sagen Sie?

Es gibt Predigttexte, liebe Gemeinde, die möchte man am liebsten streichen, um nicht in die Verlegenheit zu kommen, darüber predigen zu müssen.  Der heutige ist so einer. Er weist auf ein Gebiet unseres Lebens, das zumindest heikel ist:

Die Ehe – und die Scheidung.

Sehr schnell kann der Predigttext zu einem unerträglichen und am Ende auch unglaubwürdigen Moralisieren verkommen, indem wir, auch wir Pastoren - Wasser predigen und Wein trinken, will sagen, vom Standpunkt einer überlegenen Moral aus lässt sich nicht über dieses Jesuswort predigen, wenigstens ich kann es nicht -  angesichts der Trennung und Scheidung, die ich selber vor Jahren erlebte. 

Dennoch ist uns an diesem Sonntag ein Predigttext vorgelegt, der das christliche Eheverständnis über Jahrhunderte geprägt hat und bis heute prägt. ( Nicht immer in gutem Sinne, denn so manche Ehe wandelte sich zu einer andauernden Quälerei, zu einem lebenslangen Gefängnis! Die es trotzdem wagten auszubrechen, waren für immer gebrandmarkt.) 

  

Im Markus Evangelium (10, 2-12) überliefert uns der Evangelist wieder einmal eine Auseinandersetzung Jesu mit den Pharisäern. Wie so oft kommen die gesetzestreuen Juden mit einer Frage zu Jesus: "Darf ein Mann sich von seiner Frau scheiden lassen?"

Das ist freilich eine Frage, die längst im jüdischen Gesetz geklärt und entschieden ist: Ja, er kann!

Und doch bekommt die Frage an Jesus hier einen eigenen Akzent: Markus schildert, dass die Pharisäer Jesus testen, ihn provozieren.

Sie wollen sehen, ob Jesus  wirklich den hohen moralischen Ansprüchen gerecht werden, die er verkündet.  Lebt Jesus das, was er glaubt und sagt?? Vor allem: Wie stellt er sich zu den Geboten und Gesetzen unseres Volkes?                                          Nun antwortet Jesus. Und mit seiner Antwort lässt Jesus sich nicht ins Bockshorn jagen, schon gar nicht von den Pharisäern und Schriftgelehrten.

Jesus fragt zurück: Was hat euch Mose geboten?

Die Antwort der Pharisäer fällt juristisch und auch religiös völlig korrekt aus: Mose hat erlaubt, dass ein Mann seiner Frau eine Scheidungsurkunde ausstellen und sie dann wegschicken kann.« 

Punkt und Ende. Ist das alles? Das Gespräch ist noch lange nicht zu Ende.

Nun entfaltet Jesus seine Ansicht über die Ehe. Er sagt:            

Mose hat euch die Möglichkeit zur Trennung doch nur  gegeben wegen eurer Hartherzigkeit.

Wenn ein Mann Vater und Mutter verlässt, um mit seiner Frau zu leben, sind die zwei dann eins, mit Leib und Seele. Und was Gott zusammengefügt hat, das sollen Menschen nicht scheiden. 1+1=2, wie in der Mathematik?  Nein, 1+1=1.    

Die zwei sind dann eins, und das für immer, unauflöslich.

Und genau diese Jesus-Worte,  liebe Gemeinde, haben eine beachtliche Wirkungsgeschichte entfaltet. In der katholischen Kirche ist die Ehe, so weit ich weiß, bis heute unauflöslich!

Bei uns Evangelischen ist das etwas anders: Martin Luther hatte die Ehe an das Rathaus gewiesen! In seinen Augen war die Ehe zunächst eine weltliche Angelegenheit, in die sich die Kirche nicht einzumischen hatte. Im kommunalen, im staatlichen Bereich sollte über Ehestreitigkeiten entschieden werden - von Juristen und nicht von Pfarrern!

Von daher gibt es heutzutage für Geschiedene oder Wiederverheiratete in der Evangelischen Kirche eigentlich

keine Probleme. Wenn etwa Geschiedene zu mir kamen und eine Trauung wünschten, sprach ich mit ihnen natürlich darüber, aber einen Hinderungsgrund für eine erneute Trauung gab es von vornherein nicht! 

Allerdings sollten sie, wenn sie noch wieder eine neue Beziehung eingehen und zusammen ziehen, verheiratet sein und nicht nur einfach so, „wild“, sag ich mal, im Pfarrhaus zusammen leben...

Was … Gott zusammengefügt hat, soll ein Mensch nicht scheiden... 

Sollte ich darum von oben herab über Geschiedene wettern, sie als Ehebrecher beschimpfen – was nicht nur verletzen, sondern auch über menschliche Beziehungen richten würde, in die ich keinen Einblick habe?

Müssen wir vielleicht solche Regeln, Vorgaben streichen, und z.B. die Patchworkfamilie als die beste Form der Partnerschaft preisen, (er bringt ein Kind mit, sie bringt drei mit, und dann leben sie zusammengewürfelt, nicht verheiratet als Familie zusammen), weil diese Form vielleicht eher der gesellschaftliche Wirklichkeit entspricht? 

Dann wären diese Jesus-Worte eine unzeitgemäße, lästige Zumutung….

Sollten wir die Idee der Gabriele Pauli aufgreifen – und für eine zeitlich befristete Ehe plädieren? Verlängerung nicht ausgeschlossen?

Wenn ich ehrlich sein soll: Ich werde die Jesus-Worte nicht so einfach los: „Mose hat euch die Möglichkeit zur Trennung doch nur  wegen eurer Hartherzigkeit gegeben." Wegen eurer Hartherzigkeit! Wegen der unter euch herrschenden Lieblosigkeit hat Gott die Scheidung überhaupt nur erlaubt - nach jüdischem Gesetz - damit Männer und Frauen in gescheiterten Ehen einander nicht ohne Ende quälen. Wegen eurer Hartherzigkeit!

Wenn das Herz hart und kalt geworden ist, dann ist wirklich alles vorbei, dann ist die Liebe verloren.

Dann gibt es nur noch Tränen, Verachtung und Wut.

Kommt von daher die Scheu, sich überhaupt an einen Menschen zu binden - und damit Verantwortung zu übernehmen? „Es geht doch auch so", sagen manche, "ohne den Stempel vom Standesamt!“  Damit lassen sie sich richtig schön alle Hintertürchen, alle Fluchtwege offen. Nicht immer, aber manchmal schon, steckt dahinter schon ein Quentchen Feigheit.

Für mich sehr viel überzeugender ist das, was Paulus an die Christen in Korinth schreibt. Es geht um das Miteinander in der christlichen Gemeinde. Wir dürfen diese Sätze aber auch auf Partnerschaft und Ehe münzen - 1.Kor 13:

Die Liebe ist geduldig und gütig. Die Liebe eifert nicht für den eigenen Standpunkt, sie prahlt nicht und spielt sich nicht auf.   Die Liebe nimmt sich keine Freiheiten heraus, sie sucht nicht den eigenen Vorteil. Sie lässt sich nicht zum Zorn reizen und trägt das Böse nicht nach. Sie ist nicht schadenfroh, wenn anderen Unrecht geschieht, sondern freut sich mit, wenn jemand das Rechte tut.  Die Liebe gibt nie jemand auf…

Versuchen wir´s doch damit! Arbeiten wir daran!

Geduld behalten. Gelassen bleiben. Güte leben. Nicht den eigenen Vorteil suchen. Sich nicht reizen lassen! Verzeihen. Nie jemanden aufgeben.

Und auch so:

Sich beraten lassen. Mehr miteinander reden. Zeit miteinander verbringen. Zuhören. Anerkennung äußern, Aufmerksamkeit zeigen, kleine Geschenke bereiten.(Gary Chapman, Die fünf Sprachen der Liebe Gottes, Brunnen-Verlag, 3. Auflage 2012). Niemals den anderen, die andere aufgeben.

Meiden wir einfache, zu einfache Lösungen. Trennung ist keine Lösung. Ehe auf Zeit ist keine Alternative, denn die Liebe gibt nie jemand auf…

Auf einer solchen Beziehung ruht dann auch – Gottes Segen.

Die Ehe - zunächst durch Martin Luther ans Rathaus gewiesen, hatte für ihn schließlich durchaus etwas mit Gottes Segen zu tun! Denn Segen meint ja alles erdenklich Gute, Glück, Frieden von Gott für Euch! Er hilft uns, jeden Tag neu Liebe und Treue zu leben.

Lasst uns glauben und darauf vertrauen, dass Gott die Ehe als verbindliche Partnerschaft nicht nur will, sondern auch beschützt und erhält.

Ich denke,

die Ehe ist so etwas wie ein Schutzraum, in dem Liebe und Vertrauen wachsen, reifen und sich bewähren können.     

Die Ehe ist der Raum, in den beide Partner Fähigkeiten, Begabungen, Talente einbringen können.

Die Ehe ist der Raum, in dem einer den andern trägt und erträgt.

Die christliche Ehe ist der Raum, in dem Gott der Dritte im Bunde ist. So jedenfalls sagten es unsere Vorfahren.

Lassen Sie mich an den Schluss ein Gedicht von Rainer Kunze stellen:

Rainer Kunze wurde 1976 aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen wegen der Veröffentlichung des Prosabandes "Die wunderbaren Jahre“ in einem westdeutschen Verlag, was einem Berufsverbot gleichkam. In Momentaufnahmen hatte er den Alltag der DDR-Jugend, Anpassung und Erziehung zum Gehorsam beschrieben. 1977 siedelte er, unter Druck, in die Bundesrepublik über. Er schreibt diese großartigen Sätze:

Rudern zwei ein Boot, der eine kundig der Sterne, der andere kundig der Stürme,

wird der eine führn durch die Sterne, wird der andere führn durch die Stürme,

und am Ende ganz am Ende wird das Meer in der Erinnerung blau sein.

Blau, die Farbe des Traumes, blau die Farbe des Himmels, Blau die Farbe Gottes.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

 

GEBET

O Gott, so oft  drohen wir uns in den Wüsten des Lebens zu verlieren, unterzugehen in der Angst vor dem Leben, dem Sterben, dem Alleinsein, den Be­anspruchungen, dem Nichtgenügen.. Aber du gibst uns nicht auf. Über alle unsere Trennungen hinweg bleibst du der liebende Gott.

Herr, wir bitten dich:

Orgel:   Kyrie 178.12

Wir bitten dich, Gott, für alle, die sich entschieden haben, miteinander durchs Leben zu gehen, um Gewissheit für ihren Weg und um Kraft, ihre Entscheidung durchzuhalten.

Wir bitten dich für alle, die in ihrer Ehe glücklich sind, dass sie dankbar bleiben für ihr Glück, und um so mehr  wachsam und sorgfältig damit umgehen, Herr, wir bitten dich:

Orgel:   Kyrie 178.12

Wir bitten dich für die, die in der Liebe und in ihrer Ehe in Schwierigkeiten geraten, an Grenzen kommen. Gib ihnen Mut zum Gespräch, gib ihnen Ausdauer, geduldiges Verstehen und Phantasie bei der Suche nach Lösungen. 

Herr, wir bitten dich: Orgel:   Kyrie 178.12

Wir bitten dich für die, die in ihrer Ehe gescheitert sind. Alle, die daran leiden, bringen wir vor dich: die Eltern - und vor allem die Kinder. Herr, wir bitten dich: Orgel:   Kyrie 178.12

Wir bitten dich für alle, die allein leben: Lass sie nicht einsam und verschlossen sein, sondern Freundschaft und Liebe finden. Hilf ihnen, ihr Leben mutig und gelassen anzunehmen.

Herr, wir bitten dich: Orgel:   Kyrie 178.12

Wir bitten dich für alle, die einen geliebten Menschen verloren haben: Lass sie Menschen finden, die sie begleiten, ihre Last mittragen und sie trösten. Und wo alle menschliche Weisheit am Ende ist, tritt du selbst für uns ein.

   Herr, wir bitten dich: Orgel:   Kyrie 178.12