Johannes 8,3-11 Ehebruch - Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein      31.10.2021

  Liebe Gemeinde, es gibt Geschichten, Bilder die sich uns einprägt haben, die sich unauslöschlich in das Gedächtnis der Menschheit eingebrannt haben. Das trojanische Pferd - Sinnbild für List und Tücke, die Kreise des Archimedes - Zeichen der Wissenschaft, Sisyphus und Prometheus - Vergeblichkeit und Forscherdrang, Kain und Abel - Bruderschaft und Brudermord. David und Goliath - das große Beispiel für die Überlegenheit des Unterlegenen. Heute nun: „Wer von euch ohne Sünde ist – der werfe den ersten Stein!!“

Da führten die Gesetzeslehrer und Pharisäer eine Frau herbei, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu Jesus: »Lehrer*, diese Frau wurde ertappt, als sie gerade Ehebruch beging. Jesus aber – tut was?? Völlig ungerührt, wie geistig abwesend, sitzt er in der Mitte - von der Menschenmenge umringt. Und sagt kein Wort. Beugt sich hinunter und schreibt mit dem Finger auf die Erde. Als ob um ihn herum nur Luft wäre. Als ob ihn die Leute nichts angingen, die sich doch seinetwegen versammelt hatten. Jesus schweigt. Er antwortet nicht auf die Vorwürfe: Ehebruch, das ist doch Todsünde! Darauf steht die Todesstrafe! Wenn eine Frau aus ihrer Ehe ausgebrochen war, wurde sie gesteinigt! Ganz einfach, so hart war das damals. Undenkbar in unserer westlichen Welt. Schon zu DDR-Zeiten, als der Schwarze Kanal mit Karl Eduard von Schnitzler über den Bildschirm lief, haben wir gesagt: 2 Kennen sie Beethovens Neunte? Nein? Aber bestimmt Schnitzlers Sechste! Eduard von Schnitz hatte 6x geheiratet. Heutzutage sind Trennungen und Scheidungen längst „in“, lange schon gesellschaftsfähig. Laut Statistik sind in Deutschland fast zwei Drittel der verheirateten Männer und mehr als die Hälfte der verheirateten Frauen mindestens einmal fremdgegangen.

Jesus in der Mitte - er schweigt. Er antwortet nicht auf die Fragen: Ehebruch, das ist doch Todsünde? Jesus lässt die Frager einfach stehen. Wendet sich allen Ernstes ab und schreibt mit dem Finger auf den Boden. Keiner kann lesen, was er schreibt, vielleicht: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, die Regel seit uralten Zeiten? Oder anders: “Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber nicht den Balken in deinem eigenen?“ Keiner kann lesen, was er schreibt und ob er überhaupt schreibt, oder nur gleichgültig kritzelt, so wie Kinder Figuren in den Sand malen. Große Ratlosigkeit breitet sich aus, bei allen. Aber die Frager sind hartnäckig. Sie wollen, dass der Mann da, Jesus, Mittelpunkt bleibt, noch mehr: Zielscheibe bleibt. Auf ihn haben sie es abgesehen, wollen ihn prüfen, wollen wissen, ob er für Recht und Ordnung eintritt, ob er die Gesetze achtet und auch durchsetzt, die das Leben in ihrem Volk ordnen. Wollen wissen, ob er ihrer Meinung ist, linientreu, gesetzestreu, oder eben nicht. 3 Würde er sagen: »Steinigt sie! Richtig so!!« - wie wollte er dann weiter von der unglaublichen Gnade und Liebe Gottes sprechen? Würde er sagen: »Lasst sie frei« - riefe er zum Gesetzesbruch auf, - und das wäre Anlass genug, ihn zu verhaften und ihm den Prozess zu machen. Die Frager hatten die Frau gleich mitgebracht. Natürlich die Frau! Der Mann wird mit keinem Wort erwähnt. Vielleicht hatte er ja das Fremdgehen seiner Frau provoziert?! 2000 Jahre später wird die Situation ganz und gar anders sein: In dem Fall Clinton/Lewinski – Sie erinnern sich - wurde der Mann vor den öffentlichen Pranger gestellt. Wie erniedrigend hier nun für die Frau, den zudringlichen Blicken und den nackten Zeigefingern ausgeliefert zu sein. Und Jesus soll Farbe bekennen, soll Ja sagen oder Nein. Doch Jesus lässt sich von Gesetzeshütern und Gesetzesvollstreckern nicht zur Zielscheibe machen. Es ist nicht seine Aufgabe, Ordnungen durchzusetzen, kalte Gesetze ohne Liebe und Barmherzigkeit. Dazu schweigt er. Dazu schweigt er nachdrücklich bis heute. Jesus bleibt, unglaublich gelassen, sitzen - und beantwortet die Frage nicht, ob es recht sei, die Frau zu steinigen. Aber: Er fordert, einfach und genial, die Menge auf: „Wer unter euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein auf diese Frau!“

Jesus sagt nicht: „Ihr Gesetzeshüter und ihr andern alle, ihr seid genau so sündig und verdorben wie diese Frau!“ Er sagt nicht: Neulich hattet ihr euch noch darauf berufen, dass ein Mann seiner Frau einen Scheidebrief ausstellen kann. Die Freiheit nehmt ihr euch! Wenn es aber um diese Frau geht, dann wollt ihr sie hinrichten?? Jesus entschuldigt die Frau auch nicht, indem er erklärt: 4 Das und das waren die Gründe dafür, dass die Frau ihrem Mann untreu wurde. Er sagt kurz und knapp, indem er sich all den Schaulustigen zuwendet: „Entscheidet euch, werft den ersten Stein, wenn ihr ohne Sünde seid!“ Verurteilt diese Frau, wenn ihr selbst noch nie – auch nicht in Gedanken - fremd gegangen seid! Steinigt die Kirche, wenn ihr jemals ernsthaft versucht habt, Kirche mitzugestalten und Kirche zu leben. Jagt die Ausländer raus, wenn ihr bereit seid, auch nur einen Monat in Syrien oder im Sudan zu leben. Die Auseinandersetzung in unserer Geschichte ist beendet, noch ehe sie begonnen hat. Jesus schweigt wieder und schreibt auf die Erde. Und wartet. Und greift nicht ein. Da verlässt einer nach dem anderen die Bildfläche, verlässt Jesus und die angeklagte Frau. Alle gehen fort, verunsichert, nachdenklich, vielleicht ärgerlich oder zornig. Jesus richtet sich auf, sieht die Frau – und redet endlich, nachdem er lange genug geschwiegen hatte: „Du bist nicht verurteilt? Ich verurteile dich auch nicht. Geh! Lass das alte. Fang neu an.“

Wie mag es mit der Frau weiter gegangen sein? Wir erfahren es nicht. Sie bleibt eine Randfigur im Evangelium. Sie bleibt ohne Namen in der Geschichte der Christenheit. Zeigte sie Reue, konnte sie einen Neuanfang machen? Wurde sie von ihrem Ehemann verstoßen oder - bat er sie um Verzeihung? Wenn eine Beziehung kaputt geht, sind ja mindestens zwei daran schuld!.. 5 Vielleicht ging ja alles so zu Ende: "Ich habe nicht gesündigt!" stieß die Frau hervor und erzählt: „Ein Pharisäer hatte herausgefunden, dass mein Mann auf Seiten der Zeloten gegen die Römer kämpft. Er hatte gedroht ihn anzuzeigen und an die Römer auszuliefern – und damit hat er mich erpresst. Eines Tages kam er und sagte, dass er mich wolle... Die Frau machte eine Pause. „Ich habe das für meinen Mann getan!“, sagte sie und einen Augenblick später: „Ich wollte nur noch sterben!!“ Da näherte sich ein Mann - und blieb in einiger Entfernung stehen. Jesus stand auf und ging auf den Fremden zu. Es war der Zöllner, der Mann dieser Frau. „Ich weiß schon länger, dass meine Frau mich schützt.“, sagte er. „Nur, ich konnte nichts dagegen machen ohne meine Frau und mich zu gefährden. Lange schon will ich aus dem Doppelspiel aussteigen, am Zoll für die römischen Besatzer arbeiten – und dort für den Widerstand spionieren. Nun hat sich ein Grund gefunden, an einen anderen Ort zu ziehen und mit meiner Frau neu anzufangen.“ So sprach der Fremde. Dann beugte er sich zu seiner Frau und legte behutsam einen Umhang über ihre Schultern. Die Frau schaute ihn an, der Mann streichelte ihr übers Gesicht. "Komm nach Hause," sagte er, und zu Jesus gewandt: "Sei du heute unser Gast."