INSPIRATION  III

GOTT

 

Am Ende der eine Name

Es wird überliefert, Rabbi Chama, ein Man großer Gelehrsamkeit, habe in der ersten Hälfte seines Lebens  ungewöhnlich viele und kluge Schriften und Kommentare verfasst. Danach aber, etwa vom 36. Lebensjahr an, sei er vor allem damit beschäftigt gewesen, aus seinem Schriftwerk nach und nach alles zu tilgen, was vor seinem durch die Zeitdistanz geschärften Urteil nicht bestehen konnte, weil es ent­weder unzulänglich ausgedrückt öder zu wenig gesichert war.

Dieser Revision oblag Rabbi Chama mit soviel schonungsloser Redlichkeit, dass gegen Ende seines Lebens, alles, was er einst mit Fleiß und Feuer niedergeschrieben hatte, wieder durchgestrichen war. Seine Schüler wehklagten und weinten, als er seine sämtlichen Schriften, Bündel um Bündel, im Ofen seines kleinen Hauses verbrannte.  Der Rabbi aber, er wurde bei diesem Tun so heiter und fröhlich wie seit langem nicht mehr. Trotz seiner Alterschwäche tanzte er sogar ein bisschen, tanzte mit kleinen leichten Schritten, als das letzte  Bündel im Ofen verbrannte und darob der Sabbat anbrach.

Wenig später starb Rabbi Chama. Seinen Schülern hinter­ließ er nichts als einen großen Zettel. Darauf hatte er mehr hingemalt als hingeschrieben: Der Name, geheiligt sei er! Als­bald erkannten die Schüler den Sinn dieses Vermächtnisses:

In dem  EINEN und heilig‑unaussprechlichen Namen Gottes blieb alles bewahrt und gegenwärtig, was ihr Lehrer gelebt, geglaubt und gedacht hatte.

 

 

Erfahrungen mit Gott

 

»Was Gott wirklich ist, bleibt uns allezeit verborgen; und dies ist das Höchste, dass er jeden Gedanken übersteigt, den wir über ihn zu denken vermögen.«

Thomas v. Aquin (1225-1274), Theologe

 

Wir begegnen »Gott als Schöpfer und Erhalter, welchen anzubeten und zu preisen wir auf alle Weise aufgefordert sind.«

Johann W.v. Goethe (1749-1832), Dichter

 

»Jedem tiefen Naturforscher muss eine Art religiösen Gefühls nahelie­gen, weil er sich nicht vorzustellen vermag, dass die ungemein feinen Zusammenhänge, die er erschaut, von ihm zum ersten Mal gedacht werden. Im unbegreiflichen Weltall offenbart sich eine grenzenlos über­legene Vernunft.«

Albert Einstein (1879-1955, Physiker

 

»Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint. Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht spüre. Ich glaube an Gott, auch wenn ich ihn nicht sehe.«

Aufschrift auf der Mauer des Warschauer Ghettos

 

»Wenn unsere letzte Stunde schlägt, wird es unsere unsagbar große Freude sein, den zu sehen, den wir in unserem Schaffen nur ahnen konnten.«

Carl F. Gauß (1777-1855), Mathematiker

 

Ohne Gott bin ich ein Fisch am Strand, ohne Gott bin ich ein Tropfen in der Glut, ohne Gott bin ich ein Gras im Sand und ein Vogel, dessen Schwinge ruht. Wenn mich Gott bei meinem Namen ruft, bin ich Wasser, Feuer, Erde, Luft.

Jochen Klepper

 

Menschen, die an Gott glauben, bewahren die einzige Wahrheit, die tiefer reicht als die Wahrheit der Wissenschaft, auf der das Atomzeitalter beruht. Sie bewahren ein Wissen vom Wesen des Menschen, das tiefer wurzelt als die Rationalität (Berechenbarkeit) der Neuzeit.

Der Augenblick kommt wieder unweigerlich, in dem man, wenn das Planen scheitert, nach dieser Wahrheit des Glaubens fragt und fragen wird.

Carl Friedrich von Weizsäcker (Atomphysiker, Philosoph)

 

Bilder von Gott

In einer Stadt lebten lauter Blinde. Sie wollten wissen, wie ein Elefant aussieht. Einigen gelang es, einen Elefanten zu finden und zu betasten. Später berichteten sie:

Ein Elefant, sagte der eine, der dessen Ohr betastet hatte, ist ein raues Wesen und flach wie ein Teppich! Der, dessen Hand den Rüssel betrachtet hatte, sagte: Der Elefant ist lang und innen hohl wie ein Rohr. Und der, der die dicken festen Beine des Elefanten untersucht hatte, sagte:

Der Elefant ist eine aufrecht stehende Säule.

Merke:

Alle Bilder und Vorstellungen, die sich Menschen von Gott machen, sind einseitig und nur zum Teil wahr. Die Bibel verbietet, sich ein Bild von Gott zu machen!  (2.Mose 20,4)

 

 

Warum hast Du mich verlassen?                                         

Mein Gott, mein Gott - warum hast Du mich verlassen?

 Ich bin zur Karikatur geworden, das Volk verachtet mich.

Man spottet über mich in allen Zeitungen.

Panzerwagen umgeben mich, Maschinengewehre zielen auf mich,

elektrisch geladener Stacheldraht schließt mich ein.

Jeden Tag werde ich aufgerufen,

man hat mir eine Nummer eingebrannt und mich hinter Drahtverhauen fotografiert.

Meine Knochen kann man zählen wie auf einem Röntgenbild,

alle Papiere wurden mir weggenommen.

Nackt brachte man mich in die Gaskammer,

und man teilte meine Kleider und Schuhe unter sich.

Ich schreie nach Morphium, und niemand hört mich.

Ich schreie in den Fesseln der Zwangsjacke,

im Irrenhaus schreie ich die ganze Nacht,  im Saal der unheilbaren Kranken,

in der Seuchenabteilung und im Altersheim.

In der psychiatrischen Klinik ringe ich schweißgebadet mit dem Tod.

Ich ersticke mitten im Sauerstoffzelt.

Ich weine auf der Polizeistation,  im Hof des Zuchthauses,

in der Folterkammer und im Waisenhaus.

Ich bin radioaktiv verseucht, man meidet mich aus Furcht vor Infektion.

Aber ich werde meinen Brüdern von DIR erzählen.

Auf unseren Versammlungen werde ich DICH rühmen.

Inmitten eines großen Volkes werden meine Hymnen angestimmt.

Die Armen werden ein Festmahl halten.

Das Volk, das noch geboren wird, unser Volk, wird ein großes Fest feiern.

Ernesto Cardenal        nach Psalm 22                    

 

Eine große Frage

Die Fische eines Flusses sprachen zueinander:

"Man behauptet, dass unser Leben vom Wasser abhängt. Aber wir haben noch niemals Wasser gesehen. Wir wissen nicht, was Wasser ist."

Da sagten einige, die klüger waren als die anderen: "Wir haben gehört, dass im Meer ein gelehrter Fisch lebt, der alle Dinge kennt. Wir wollen zu ihm gehen und ihn bitten, uns das Wasser zu zeigen.“

So machten sich einige auf und kamen in das große Meer. Sie fanden dort den gelehrten Fisch und fragten, was Wasser ist. Als der Fisch sie angehört hatte, sagte er: ,,0, ihr dummen Fische! Im Wasser lebt und bewegt ihr euch. Aus dem Wasser seid ihr gekommen, zum Wasser kehrt ihr wieder zurück. Ihr lebt im Wasser, aber ihr wisst es nicht!"

So lebt der Mensch in Gott. Gott ist in allen Dingen, und alle Dinge sind Gott. Und doch fragt der Mensch: "Kann es Gott geben? Was ist Gott

aus einer alten Klosterhandschrift

 

 

Gott existiert. Ich bin ihm begegnet

Gott existiert. Ich bin ihm unvermutet begegnet ‑ durch Zufall, würde ich sagen, wenn bei einer Begebenheit solcher Art überhaupt der Zufall im Spiel sein könnte ‑ mit dem Staunen, das ein Mensch empfinden würde, der in Paris bei einer Straßen­biegung statt des bekannten Platzes, der wohl vertrauten Kreuzung ein unendliches Meer vor sich ausgebreitet und Wellen die Häuser umspülen sähe. Es war ein Augenblick der Verblüffung, der noch andauert. Ich habe mich niemals an die Existenz Gottes gewöhnt.

Um 17 Uhr 10 Minuten war ich auf der Suche nach einem Freund in eine Kirche des Quartier Latin eingetreten und verließ sie um 17 Uhr 15 Min. im Besitz einer Freundschaft, die nicht von dieser Erde war. Als Skeptiker und Atheist der äußersten Linken war ich eingetreten, und größer noch als mein Skeptizismus und mein Atheismus war meine Gleichgültigkeit gewesen: Mich kümmerten andere Dinge als ein Gott, den zu leugnen mir nicht einmal in den Sinn kam, so sehr schien er mir längst nur mehr auf das Konto der menschlichen Angst und Unwissenheit zu gehören ‑ ich ging wenige Minuten später hinaus als ein... Christ, ge­tragen und emporgehoben, immer von neuem er­griffen und fortgerissen von der Woge einer unerschöpflichen Freude...

Ich war zwanzig Jahre, als ich eintrat.  Als ich hinaus ging, war ich ein zur Taufe bereites Kind, das mit weit aufgerissenen Augen die Welt betrachtet, den bewohnten Himmel, die Stadt, die nicht ahnte, dass sie ihre Fundamente in die Luft gebaut hatte, die Menschen im prallen Sonnenlicht, die in der Dunkelheit zu gehen schienen, ohne den ungeheuren Riss zu sehen, der soeben den Vor­hang dieser Welt geteilt hatte. Meine Gefühle, meine innere Welt, meine Gedankengebäude, in denen ich mich schon häuslich eingerichtet hatte, waren nicht mehr da, selbst meine Gewohn­heiten waren verschwunden, mein Geschmack ver­wandelt.

Ich verhehle nicht, dass eine Bekehrung dieser Art durch ihre Unvermitteltheit etwas Schockierendes, ja Unglaubwürdiges für unsere Zeitgenossen an sich hat, die die Wege des Intellekts den mystischen Blitzen vorziehen und immer weniger das Eingreifen des Göttlichen in das tägliche Leben gelten lassen.

Aber so sehr ich mich auch mit dem Geist meiner Zeit in Ein­klang zu setzen wünsche, so kann ich doch nicht die Stationen einer langsamen Entwicklung zeigen dort, wo ein jäher Umschwung stattgefunden hat, ich kann nicht die, sei es unmittelbaren, sei es weiter zurückliegenden psychologischen Ur­sachen dieses Umschwungs nennen, weil diese Ur­sachen nicht vorhanden sind. Es ist mir unmöglich, den Weg zu beschreiben, der mich zum Glauben ge­führt hat, weil ich mich auf einem ganz anderen Weg befand und an etwas ganz anderes dachte, als ich in eine Art Hinterhalt geriet...   

Andre Frossard, französ.Journalist      Ev. Erwachsenenkatechismus S. 541

 

Herr, verschaffe mir Recht

Herr, verschaffe mir Recht, denn ich bin unschuldig.

Ich habe Dir vertraut und nicht ihren Führern.

Verteidige mich vor dem Kriegsgericht und im Prozess der falschen Zeugen

und falschen Beweise.

Ich setze mich nicht an einen Tisch mit ihnen, trink' ihnen nicht zu auf ihren Banketten.

Ich gehöre nicht ihren Organisationen an, ich bin nicht Mitglied ihrer Parteien.

Ich habe keine Aktien gekauft von ihren Gesellschaften,

noch sind sie meine Teilhaber.

Gemeinsam mit den Unschuldigen werde ich meine Hände waschen,

bei Deinem Altar, Herr, will ich stehn.

Lass mich nicht untergehn mit diesen blutdürstigen Politikern,

die nichts als Verbrechen planen und deren Bankkonten durch Bestechungsgelder wachsen.

Gib mich nicht preis den Gottlosen, befreie mich, Herr!

Und ich werde Dich rühmen, Herr, in unserer Gemeinschaft,

wo immer wir versammelt sind.

Ernesto Cardenal    Psalm 25

 

Gott ist mächtig

Der Glaube gibt uns die Kraft, tapfer zu tragen, was wir nicht ändern können und Enttäuschung und Sorgen gelassen auf uns zu nehmen ohne je die Hoffnung zu verlieren.

Gott kann Wege aus der Ausweglosigkeit weisen, er kann das dunkle Gestern in ein helles Morgen verwandeln, zuletzt in den Morgen der Ewigkeit.

M.L. King, Pfarrer und Bürgerrechtler

 

ihr Heuchler

ihr Heuchler

und ihr sagt Gott

bei jedem Dreck

weil euch das Wort so geläufig ist

geläufig und süffig

wie euer Bier an der Theke

ihr nennt euch Christen

ich aber schäme mich

allein schon aus dem Gedanken

ihr könntet mich auch so nennen

Peter Coryllis

 

Ich glaube

Ich staune über diese Welt. Ich danke Gott für mein Leben. Ich möchte glücklich sein und glücklich machen mit allen Kräften. Ich möchte alle Geschöpfe lieben, die mir anvertraut sind und sie schützen. Ich kann und weiß mehr als sie, aber sie sind nicht weniger als ich.

Ich staune über die Gedanken Gottes, die so viel tiefer sind als die meinen, über seinen Geist, der so viel höher ist als meine Vernunft. Ich bin überzeugt, dass ich von seiner Welt nur das Geringe wahrnehme, das meinem Geist entspricht und mir mehr verborgen ist, als ich je sehen und begreifen werde.

Ich sehe keinen Widerspruch zwischen meinem Wissen und meinem Glauben. Dass es elektronische Rechner gibt, was beweist das gegen die Auferstehung vom Tode? Ist ein Maulwurfshügel ein Argument gegen den Himalaja?

Je größer die Kunst ist, die wir Menschen beherrschen, desto größer wird mir Gott, dessen Gedanken wir denken, und ich bitte Gott, mir Weisheit und Sorgfalt zu geben, dass ich immer mehr von seiner Welt verstehe.

Ich glaube an den Schöpfer der Welt, der Erde und des Himmels, der Welt, die ich sehe, und der viel größeren, von der ich nicht den Schatten einer Ahnung habe. Das ist wahr.                                            

Jörg Zink

 

 

DASS DU

NICHT BIST

WIE

 

WIR DANKEN DIR GOTT

DASS DU

NICHT BIST

WIE DIE ANDEREN GÖTTER

WIE KAISER NERO DER

EIN GOTT WAR WIE PHARAO

DER

EIN GOTT WAR WIE HITLER

DER

EIN GOTT WAR

WIR DANKEN DIR GOTT

DASS DU

NICHT BIST

WIE GELDGÖTTER UND

WIRTSCHAFTS­GÖTTER

UND PARTEIGÖTTER

WIR DANKEN DIR GOTT

DASS DU

NICHT

EIN GOTT BIST HOCH OBEN

DER LEBT

VON

DER ANGST

DER MENSCHEN

    Wilhelm Wilms

 

Lasst mir meinen Gott

Lasst mir meinen Gott,

ihr Schlauköpfe und Studierten.

Zerredet ihn mir nicht zum Nebel,

zu einer Formel.

Lasst mir meinen Gott,

mit dem ich sprechen kann,

auf den ich hoffe,

von dem ich glauben darf,

dass er mich liebt auch über den Tod hinaus.

Denn wenn´s ans Sterben geht,

dann habt ihr nur Pillen und Psychologie

und Achsel zucken. 

Wer von euch wird mich dann begleiten?

Und wenn´s ums Leben geht,

was könnt ihr mir geben für ihn?

Werdet ihr bei mir sein und mich lieben wie er?

Lasst mir meinen Gott.

Fritz Hoffmann 

 

Neue Dinge erfinden, ich kann es nicht

Neue Dinge erfinden, ich kann es nicht, etwa Flugzeuge, die auf silbernen Flügeln dahinsegeln. Aber heute in der Frühe, da wurde mir ein Gedanke geschenkt, ein wunderbarer Gedanke, und die abgeschabten Stellen meines Kleides, die wurden auf einmal schön, leuchtend von einem Licht, das vom Himmel fiel, wie Gold und Silber so hell und wie Bronze, Lichter aus himmlischen Fenstern. Der Gedanke war der, dass ein geheimer Plan verborgen ist in meiner Hand, dass meine Hand groß ist, groß um des Planes willen. Dass Gott, wohnend in meiner Hand, den geheimen Plan kennt, den Plan von dem, was er tun will für die Welt durch meine Hand.

Tojohiko Kagawa

 

Gott, die pure Liebe   Geistliches Testament

Zum Abschied an Euch alle!

Am 1. August 2000 habe ich ärztlicherseits erfahren, dass ich einen fortgeschrittenen Lebertumor habe. Von Anfang an habe ich diese Tatsache akzeptiert und den weiteren Verlauf vertrauensvoll in die Hände Gottes gegeben. Dadurch habe ich keine sinnlosen Energien aufbringen müssen für inneres Aufbegehren oder für die Suche nach Strohhalmen.

Anstelle einer Predigt: Liebe Festgemeinde! Dieser gemeinsame Gottesdienst ist eine Feier, ein Fest. Denn jetzt, da dieser Brief verlesen wird, bin ich an meinem Ziel angekommen: bei Gott, meiner Erfüllung und meinem ewigen Glück. Die weiße Farbe der Messgewänder, die frohen Lieder und Texte, und das fröhliche anschließende Beisammensein sollen das zum Ausdruck bringen.

In den Tagen seit meiner sicheren Diagnose hatte ich viele Gespräche, telefonisch und von Angesicht. Die meisten waren verwundert oder verunsichert über meine Gelassenheit, ja über meinen Humor - trotz des sicheren "Todesurteils". Daher möchte ich Ihnen sagen, was der Grund für diese Haltung war.

Jahrelang habe ich im Unterricht, in Vorträgen oder Bibelstunden begeistert von der Frohen Botschaft gesprochen. Ich habe meiner sicheren Zuversicht Ausdruck gegeben, dass unser Gott die absolute, unverlierbare, bedingungslose und stets verzeihende Liebe ist, die uns Menschen niemals schaden wird, sondern im Gegenteil heilen und glücklich machen möchte, und der man nur völlig und uneingeschränkt vertrauen kann. Wer mich kennt, weiß, dass das keine leeren Worte waren, sondern aus innerster Überzeugung kam. Und trotzdem waren das nur "Trockenübungen". Denn ich hatte keine Ahnung, ob ich diese Überzeugung, dieses Gottvertrauen auch durchhalten könnte, wenn es mich einmal selbst trifft - und zwar endgültig. Heute kann ich Ihnen sagen: es hat durchgehalten und mich getragen, und nicht nur mich, auch meine unmittelbare Umgebung, die Freunde um mich.

Es tut mir leid, es Ihnen sagen zu müssen: kein einziger Lehrsatz, kein einziges Dogma, keine einzige Moralvorschrift oder kein einziges Lehrschreiben konnte mir diesen Halt und diese freudige Gelassenheit vermitteln. Es war einzig und allein die Frohe Botschaft Jesu, die Botschaft von der unendlichen Liebe Gottes!

Diese Botschaft, die wirklich leben lässt - selbst im Angesicht des Todes - wurde Jahrhunderte lang in ihr Gegenteil verzerrt. Die Angst vor Gott und vor der Hölle war das Ziel von Predigten, Schuldgefühle wurden erzeugt und das Gewissen manipuliert, die Freiheit der Menschen wurde geknebelt - und das alles im Namen des liebenden Gottes! Wie viele Menschen haben dadurch ein verkrüppeltes Leben geführt, wie viele sind mit angsterfüllten Augen gestorben! Und das alles unter dem großartigen Titel: Frohbotschaft! Ich will mich jetzt wirklich nicht über die Gründe für solch gotteslästerliche Lehren auslassen. Aber Ängste, Verdrängungen, unbewusste oder bewusste Machtgier der Verkündiger haben da sicher eine entscheidende Rolle gespielt.

Es ist die Botschaft, dass Gott kein rachsüchtiger, kleinlicher Tyrann ist, so wie wir es oft selbst sind, sondern die reine, pure Liebe. Und zwar eine Liebe, die keinerlei Bedingungen kennt, die man niemals verlieren kann (wenn man sich nicht selbst dagegen sperrt), und die unendlich groß ist. Das Gleichnis vom Guten Vater, über das ich immer wieder meditiert habe, bestätigt dieses Gottesbild nur. Wichtig ist aber, dass diese Gottesvorstellung nicht immer wieder von menschlichen Vorstellungen verfälscht wird. Denn in uns allen steckt gleichsam eine natürliche Furcht von einem unheimlichen, gefährlichen Wesen, das man mit Geschenken (also Opfern) oder schönem Reden (also ellenlangen Gebeten) beschwichtigen muss. Aber Jesus hat ein für alle Mal klargestellt: das sind rein menschliche Vorstellungen. Und die haben mit dem wirklichen, wahren Gott nicht das Geringste zu tun! Dazu kommt, dass wir all unsere kleinlichen Rachegedanken (wir nennen es "Gerechtigkeit") auf diesen Gott projizieren. Daher können wir es einfach nicht fassen, dass dieser Gott eine ganz andere Art von Gerechtigkeit übt. Würden wir endlich einmal die Vorstellung vom liebenden Gott konsequent weiterdenken, kämen wir von selbst drauf: Liebe rächt sich nie! Liebe beschränkt niemals die Freiheit! Liebe zwingt nie! Liebe gebraucht nie Gewalt! Seine "Gerechtigkeit" ist ein Rechtmachen, ein In-Ordnung-bringen. Seine "Strafe" ist eine Straffung dessen, was egoistisch verkrümmt ist. Und seine "Vergeltung" ist ein Gelten lassen dessen, was wir in Freiheit tun. Natürlich müssen wir da mitmachen - wie gesagt, Liebe kann nicht zwingen. Schon viele Jahre habe ich versucht, die einzig passende Antwort auf seine Liebe einzuüben: ihm immer mehr zu vertrauen und ihn nur machen zu lassen, in der Gewissheit, dass es zu meinem Besten ist, auch wenn ich es ganz anders haben möchte oder noch nicht einsehen kann. Das war oft gar nicht einfach, und in schweren Fällen habe ich viele Monate gebraucht, Ja zu sagen und seinen Willen restlos anzunehmen. Und wenn ich geglaubt habe: "Jetzt kann ich es!", dann hat mich Gott in eine neue Situation gestellt, in der ich erkannt habe, wie wenig weit mein Gottvertrauen gediehen war. Ich bin am Ende meines Lebens zur Überzeugung gekommen, dass der Hauptsinn meines, und wahrscheinlich auch Ihres Lebens darin besteht, dieses Vertrauen immer stärker einzuüben. Immer wieder ermuntert uns Jesus, diesem liebenden Gott Vertrauen entgegenzubringen: "Vertraut auf Gott - vertraut auf mich", "Wenn ihr nur Vertrauen so groß wie ein Sandkorn hättet, ihr könntet Berge versetzen", "Habt ihr denn so wenig Vertrauen?" Es ist aber nicht so, als würde Gott verlangen, einfach in den Nebel hinein zu vertrauen. Fast immer hat er mich, aber immer erst nach einem solchen Test, einen Sinn erkennen lassen, der mir während der "Katastrophe" völlig verborgen geblieben ist. Wenn man das immer und immer wieder erlebt, muss man schon ein ganz mieses Gedächtnis haben, wenn man nicht allmählich ein großes, tragendes Sinngefüge im Leben erkennen kann. Dieses Vertrauen habe ich lebenslang einüben können, und habe es auch getan. Es wäre wirklich zu spät gewesen, hätte ich erst im Moment der Todesdiagnose zu üben begonnen. Ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung sagen: übt man dieses Vertrauen immer wieder in kleinen "Schicksalsschlägen", dann trägt es auch beim letzten "Schicksal", dem Tod! Ich bin Gott unendlich dankbar, dass er mir das Geschenk dieses Vertrauens gemacht hat und mir ermöglicht hat, damit auch andere anzustecken.

Im Grunde ist alles seine Gnade: das Leben selbst, die Erkenntnisse, die man gewinnt, und vor allem dieses Gottvertrauen, das auch in schwersten Stunden in wunderbarer Weise trägt und hält.

Vielleicht verstehen Sie nun, warum ich diesen Gottesdienst als Freudenfest betrachte: ich habe es nun geschafft, ich bin am Ziel, geborgen in der unendlichen Liebe, der mich nichts und niemand mehr entreißen kann. Dafür hat es sich gelohnt zu leben, und dafür hat es sich gelohnt, oft hart zu lernen.

Mein Wunsch für Sie alle: dass auch Sie erfahren, dass dieses Gottvertrauen auch in schwersten Zeiten trägt und hält, dass Sie sich nicht vergiften lassen von einer falschen Gotteslehre, und käme sie aus höchsten kirchlichen Kreisen, dass Sie ihre gottgeschenkte Freiheit bewahren und sich von keiner totalitären Hierarchie, von keinem noch so "wohlmeinenden" Freund oder Verwandten vom als richtig erkannten Weg abbringen lassen, dass Sie stets einzig und allein Ihrem eigenen Gewissen und Ihrem eigenen Verantwortungsgefühl verpflichtet fühlen und beides niemals durch einen anderen Menschen, auch durch keine "Autorität" ersetzen lassen. Und schließlich: dass Sie die Liebe und Vergebung, die Sie täglich von Gott empfangen, als "Engel" an andere weitergeben.

Denken Sie daran: ich kann Ihnen nun näher sein als jemals im Leben und es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann wir uns wiedersehen. Ich freu mich drauf! Amen

Eberhard Gottsmann

 

HOFFNUNG

 

Einüben in die Hoffnung   

Ein Boot in der Lagune.

Ein alter Fischer - er steht am Bug, das Wurfnetz in den Händen. Seit einer halben Stunde sehe ich ihm zu. Er versteht sein Handwerk. In vollendetem Kreis fällt das Netz ins Wasser.

Er lässt es sinken. Wartet, bis der bleibeschwerte Rand den Boden berührt. Dann zieht er es hoch, behutsam, mit hoffenden Händen  - spürend, ob Leben im Netz ist oder ob der Wurf wieder einmal umsonst war.

Das Netz ist leer. Er schüttet es aus, entfernt den Unrat, bereitet sich zum nächsten Wurf. Ich habe die Würfe gezählt: Dreiundzwanzig mal ist das Netz auf das Wasser geklatscht. Jedes mal zog er es leer heraus.

Der alte Fischer weiß: Es gibt Tage, da muss man das Netz werfen wider besseres Wissen:

Zwanzig Mal, fünfzig Mal, hundert Mal - weil es nötig ist, das Netz zu werfen - als Einübung in die Hoffnung - weil nicht werfen aufgeben hieße - und aufgeben hieße aufhören zu leben.

Lindolfo Weingärtner, Brasilien

 

Mandelzweig

Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt,

ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?
Dass das Leben nicht verging, so viel Blut auch schreit,

achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit.
Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht.

Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.
Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt,

das bleibt mir ein Fingerzeig für des Lebens Sieg.

Ben Chorin

Es kommt ein Tag

Es kommt ein Tag nach allen Tagen dieser alten Erde

Tag des Herrn genannt

an dem Gott Schluss macht

Schluss macht

mit der Macht der Mächtigen über die Angst der Schwachen

Schluss macht

mit dem Weinen der Kinder weil die Mutter kein Brot hat

Schluss macht mit dem Stöhnen der Gefolterten

und dem Sadismus ihrer Peiniger

Schluss macht

mit dem Gleichgewicht des Schreckens

und dem Verbrennen seiner guten Erde

Schluss macht

mit der Verachtung der Wahrhaftigen

und den gemeinsamen Intrigen der Lügner

Schluss macht

mit der Verfolgung seiner Kinder

und den Verhören in der Nacht

Dann

wird unsagbare Freude sein

wird helles Lachen herrschen

wird an reichen Tischen gegessen

werden Menschen lallen vor Glück

werden wir sein wie die Träumenden.

Johannes Hansen,   nach Psalm 126

 

So veel as he hofft.

Du Mudder, seggt Lüttjepütt,

Woveel Gröönfarven hett de Maai?

So veel as dor Steern sünd an`n Himmel.

Un woveel Stern hett de Himmel?

So veel as de See Draapen.

Un woveel Draapen hett de See?

So veel as de Minsch Hartsläg.

Un woveel Hartsläg hett de Minsch?

So veel as he hofft.

 

Gebet   

Wie leicht ist es für mich,

mit dir zu leben, Herr!

An dich zu glauben,

wie leicht ist es für mich.

Wenn ich zweifelnd nicht mehr weiter weiß

und meine Vernunft aufgibt,

wenn die klügsten Leute

nicht weitersehen

als bis zum heutigen Abend

und nicht wissen,

was man morgen tun muss -

dann sendest du mir

eine unumstößliche Gewissheit,

dass du da bist

und dafür sorgen wirst,

dass nicht alle Wege zum Guten

gesperrt werden.

A.S.   Alexander Solschenizyn

 

 

JESUS

 

JESUS - die Antwort der Wissenschaft

Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft sind über Jesus von Nazareth mehr gesicherte Daten bekannt als über manche anderen historischen Persönlichkeiten der Antike.

Vor 2000 Jahren wurde Jesus - sein hebräischer Name ist Jeshua - in Judäa, einer der östlichen Provinzen des römischen Weltreiches, geboren. Seine Geburt fiel in die Regierungszeit des römischen Vasallenkönigs Herodes des Großen, der im Jahre 4 v. Chr. starb.

Jesus wuchs in der nordpalästinensischen Landschaft Galiläa auf und übte zunächst den Beruf eines Zimmermannes aus. Er war Mitglied der jüdischen Religionsgemeinschaft und so mit der festgefügten politisch-religiösen Ordnung seines Volkes vertraut.

Nach dem Herbst des Jahres 27 n. Chr., im Alter von 30 Jahren und unverheiratet, begann er Freunde und Schüler um sich zu sammeln, mit denen er etwa 2 bis 3 Jahre lehrend und verkündend durch Palästina zog.

Seine Verkündigung und sein Anspruch setzten ihn in Gegensatz zu den Institutionen seiner Religion und den politischen Gruppierungen seiner Zeit. Sie brachten ihn auch in Gegensatz zur römischen Zentralgewalt.

So war „seiner Sache“ ein äußerer Misserfolg beschieden. Verrat in den eigenen Reihen ermöglichte seine Gefangennahme durch das Synedrium, der obersten jüdischen Religionsbehörde.  Weil deren Gerichtsbarkeit beschränkt war, überstellte sie ihn unter Angabe politischer Motive dem römischen Gericht des Prokurators Pontius Pilatus.  Am 14. bzw. 15.Nisan (7.April) des Jahres 30 n. Chr. starb Jesus von Nazareth durch Exekution am Kreuz.

Kurze Zeit später traten viele seiner Anhänger mit der Behauptung auf, ihn gesehen zu haben. Sie begannen sich regelmäßig zu versammeln und machten ihre Absicht deutlich, ihm weiterhin nachfolgen zu wollen.

Der Glaube dieser Menschen, dass Jesus von Nazareth die entscheidende Heilsperson ist, konnte bis heute durch nichts aus der Welt geschafft werden.

So lässt sich als Ergebnis der historischen Forschung feststellen, dass von Jesus von Nazareth eine der größten Bewegungen der Weltgeschichte ausging. Die Wissenschaft vermag diese historischen Tatsachen darzustellen - sie kann von sich aus wenig über die Glaubwürdigkeit des außerordentlichen Anspruchs Jesu sagen. Den Glauben an die Wahrheit der Botschaft Jesu muss jeder selbst wagen.

 

Jesus

also werde nicht so wie dieser da - in unklaren familienverhältnissen - unterwegs geboren - ja dafür kann er nichts - ist keine schande doch auch nichts rühmliches - aber dann als er dreißig war - hatte er keine ausbildung - kein auskommen keine rücklagen - keine wohnung kein reittier oder fahrzeug - und auch für die ehe war er offenbar untauglich - was blieb ihm da übrig als über land zu ziehen - langhaarig - schuddelig - barfüßig - eine klicke von fans bei sich - die ihre familien und berufe im stich gelassen hatten - und dann wiegelte er das volk auf - mit doppeldeutigen reden - und gefährlichen geschichten - in denen die staatslenker und die geistlichkeit  und die heerführer und überhaupt alle - die was hatten - schlecht wegkamen - drei jahre hat man den edelgammler - aus dem zufallsort bethlehem - so gewähren lassen - bis er überschnappte und handgreiflich wurde - gegen die börsianer und devisenwechsler - die seit jeher ihren angestammten platz im tempel hatten - da war zapfenstreich - sense - ex - hinterlassen hat er ein paar handbreiten verschwitzes leinen - da war er dreiunddreißig - im gleichen alter wie vater der damals schon die verantwortliche position im betrieb kriegte - jetzt weißt du bescheid - und mir soll keiner nachsagen - daß ich mich nicht traue - die wahrheit zu sagen - auch über diesen da      

W. Willms

 

Christus ist mein Erlöser

Der Inder Sundar Singh (1889-1929) wuchs als Sikh im Punlab auf. Als er etwa 15 Jahre alt war, erschien ihm Jesus in einer Vision. Er wurde Christ, ließ sich taufen, gab allen Besitz auf und lebte von da an als Wander­prediger – Sadhu – auf der Straße. Ein Teil seiner Pre­digten wurde von seinen Freunden aufgeschrieben.

Christus ist mein Erlöser. Er ist mein Leben. Er ist alles für mich im Himmel und auf Erden. Als ich einst in einer Wüsten­gegend herumreiste, überkamen mich Hunger und Müdigkeit. Von einem Hügel hielt ich Ausschau nach Wasser. Der Anblick eines Sees in einiger Entfernung erfüllte mich mit Freude, denn jetzt glaubte ich, meinen Durst stillen zu können. Ich ging lange auf ihn zu, gelangte jedoch nicht dorthin. Hinterher stellte ich fest, dass es sich um eine Fata Morgana, eine Luftspiegelung gehandelt hatte. Es hatte nie einen See gegeben.

Ähnlich zog ich in der Welt herum, auf der Suche nach dem Wasser des Lebens. Die Dinge dieser Welt – Reichtum, gesell­schaftliche Stellung, Ehre und Luxus – wirkten wie ein See, mit dessen Wasser ich meinen geistlichen Durst zu stillen hoffte. Es gelang mir jedoch nie, auch nur einen Tropfen Wasser zu fin­den, mit dem ich den Durst meiner Seele hätte stillen können. Ich war am Verdursten.

Als mir die Augen geöffnet wurden, sah ich die Ströme des lebendigen Wassers, die aus Seiner durch­bohrten Seite flossen. Ich trank davon und mein Durst war gestillt. Nie mehr sollte ich Durst leiden. Seitdem habe ich immer von jenem Wasser des Lebens ge­trunken und bin in der Sandwüste dieser Welt nie mehr durstig gewesen. Mein Herz ist voller Lob.

Sadhu Sundar Singh

 

Ein Mensch wie Brot

 

Er lehrte uns die Bedeutung und Würde

des einfachen, unansehnlichen Lebens.

Unten am Boden, unter den einfachen Leuten

säte er ein seine unbezwingbare Hoffnung.

Er kam nicht zu richten, sondern aufzurichten,

woran ein Mensch nur immer leiden mag.

Er kam, ihn zu heilen.

 

Wo er war, begannen Menschen freier zu atmen.

Blinden gingen die Augen auf.

Gedemütigte wagten es, zum Himmel aufzuschauen

und Gott ihren Vater zu nennen.

Sie wurden wieder Kinder, neu geboren.

 

Er rief sie alle ins Leben.

Er stand dafür ein, dass keiner umsonst gelebt,

keiner vergebens gerufen hat,

dass keiner verschwindet namenlos

im Nirgends und Nie,

dass der letzte noch heimkehren kann als Sohn.

 

Er wurde eine gute Nachricht im ganzen Land,

ein Gebet, ein Weg, den man gehen,

ein Licht, das man in Händen halten kann,

gegen das Dunkel.

Ein Mensch wie Brot, das wie Hoffnung schmeckt,

bitter und süß.

Ein Wort, das sich verschenkt,

das sich dahingibt, wehrlos,

in den tausendstimmigen Tod,

an dem wir alle sterben.

Ein Wort, dem kein Tod gewachsen ist,

das aufersteht und ins Leben ruft,

unwiderstehlich.

Wahrhaftig, dieser war Gottes Sohn. 

W. Willms

 

 

KIRCHE

 

Glücklich die Kirche

Glücklich die Kirche, die nicht blind ihren eigenen Traditionen vertraut, doch auch nicht kritiklos auf jede neue Mode hereinfällt.

Glücklich die Kirche, die nicht nur milden Spott übrig hat für das unsichere

Suchen und Fragen der Menschen und auch nicht gereizt reagiert, wenn sie selber Spott erfährt und belächelt wird.

Glücklich die Kirche, die Freude gewinnt aus dem Glauben, dass ein rettender befreiender Gott hinter ihr steht, die nie aufhört zu fragen, welche Konsequenzen jetzt aus diesem Glauben zu ziehen sind.

Eine solche Kirche könnte Ort der Menschlichkeit sein in einer unmenschlichen Welt. Sie könnte den Menschen die Zuversicht schenken, dass Zukunft, Friede und gleiche Chancen für alle verwirklichbar sind. Sie konnte selbst Modell dieser Kirche sein.

 Nach Psalm 1

 

Später

Manchmal frage ich mich: was wird bleiben später, wenn wir lang nicht mehr sind, in sagen wir hundert, zweihundert Jahren, von uns, unseren Hoffnungen, den Sorgen und all den Gebeten, den Liedern, die wir gesungen?

Was wird bleiben von den Kirchen, die wir erbauten, mit ihren riesigen leeren Wänden, weil uns nichts einfiel, kein Bild, keine Vision mehr, kein Maler auch, dem wir es zutrauten, das Unbegreifliche sichtbar vor Augen zu stellen?

Aber vermochten wir selber denn, von unserem Glauben zu reden? Wussten wir noch, wie ein Heiliger aussieht? Vom Himmel zu schweigen, der immer blasser und fremder wurde

unter den endlosen Diskussionen, bis er entschwand schließlich und nichts uns

blieb außer verlegenem Schweigen?

Mag schon sein, dass sie verfallen sein werden später, verlassen die riesigen Mauern und Türme der Kirchen und stumm die Orgeln, die Glocken, indes vielleicht eine kleine Gemeinde irgendwo sonst sich versammelt im Hinterhaus, in einem Laden.

Aber auch möglich, wer weiß, dass die heiligen Räume geschmückt sein werden mit neuen und hinreißenden Bildern des wiederentdeckten Glaubens und dass Menschen singen wie wir es taten, inbrünstiger noch als wir, das alte und immer neue Lied gegen den Tod: das unbesiegbare Halleluja.

Lothar Zenetti

 

 

REICHTUM

 

das herz zappelt im gold   

es wird von einem mann erzählt

der sammelte schätze

sammelte sammelte

und er war geizig

und gab keinem was

und der mann

starb

und er hinterließ

seinen erben

eine geheimnisvolle kiste

eine große

aus dicken eichenhohlen gezimmert

mit einem riesenschloss

sie war verschlossen die kiste

der schlüssel fand sich nicht

offenbar hatte er

der verstorbene ihn zu gut versteckt

oder hatte er den schlüssel

etwa mit ins grab genommen

man brach die kiste auf

und

was sieht man

eine kiste

voll mit goldstücken

und auf den goldstücken

zuckt und zappelt und springt

ein lebendiges menschenherz

ein lebendiges menschenherz

zappelt und zuckt

und springt

in seinem himmel herum

oder ist es die hölle

wo dein schatz ist

da wird auch dein herz sein

jeder bekommt seinen himmel

seinen privathimmel

privatgrab

privathimmel

ganz privat

ganz für uns

ganz allein für uns

vorsicht

wo unser schatz ist

da wird auch unser herz sein

überlegen wir doch

wo unser herz ist

vielleicht zucken und zappeln

wir jetzt schon

in unserem privathimmel

in unserer privathölle

vielleicht lässt sich noch

was machen

vielleicht

ist noch was zu machen

herauszukommen

aus unserer verpackung

Wilhelm Willms

 

 

Der Fischer

Ein Fischer sitzt am Strand und blickt auf das Meer, nachdem er die Ernte seiner mühseligen Arbeit auf den Markt gebracht hat.

Warum er nicht einen Kredit aufnehme, fragt ihn ein Tourist. Dann könnte er einen Motor kaufen und das Doppelte fangen. Das brächte ihm Geld für einen Kutter und einen zweiten Mann ein. Zweimal täglich auf Fang hieße das Vierfache verdienen. Warum er eigentlich so herumtrödele. Auch ein dritter Kutter wäre zu beschaffen. Das Meer könnte viel besser ausgenutzt werden. Ein Stand auf dem Markt, Angestellte, ein Fischrestaurant, eine Konservenfabrik ... Dem Touristen leuchten die Augen. "Dann brauchen Sie gar nichts mehr zu tun", sagt er begeistert.

"Dann können Sie den ganzen Tag sitzen und glücklich auf Ihr Meer hinausblicken!"

"Aber das tue ich doch jetzt schon," sagt der Fischer.

 

 

SCHÖPFUNG

 

Mutter Erde, Bruder Himmel

Im Jahre 1855 machte der amerikanische Präsident Franklin Pierce den Duwamish-Indianern das Angebot, ihnen ihr Land abzukaufen. Häuptling Seattle soll darauf geantwortet haben:

Wir wissen, dass der weiße Mann unsere Art nicht versteht. Ein Teil des Landes ist ihm gleich jedem anderen, denn er ist ein Fremder, der in der Nacht kommt und sich von der Erde nimmt, was immer er braucht.  Die Erde ist nicht sein Bruder, sondern ein Feind, und wenn er sie erobert hat, schreitet er weiter. Er lässt die Gräber seiner Väter zurück - und kümmert sich nicht. Er stiehlt die Erde von seinen Kindern - und kümmert  sich nicht. Er behandelt seine Mutter, die Erde, und seinen Bruder, den Himmel, wie Dinge zum Kaufen und Plündern, zum Verkaufen wie Schafe oder glänzende Perlen.   Sein Hunger wird die Erde verschlingen und nichts zurücklassen als eine Wüste. Ich weiß nicht - unsere Art ist anders als die Eure. Der Anblick Eurer Städte schmerzt die Augen des roten Mannes...

Das Ansinnen des großen weißen Häuptlings in Washington, unser Land zu kaufen, werden wir bedenken. Aber könnt ihr denn mit der Erde tun, was ihr wollt, nur weil der rote Mann ein Stück Papier unterzeichnet und es dem weißen Mann gibt?

Ich bin sicher, auch die Weißen werden vergehen, eher vielleicht als andere Stämme. Fahrt fort, euer Bett zu verseuchen, und ihr werdet eines Nachts in eurem eigenen Abfall ersticken!

Alle Dinge sind miteinander verbunden. Was die Erde befällt, das befällt auch die Söhne der Erde. Lehret eure Kinder, was wir unsere Kinder lehren: Die Erde ist unsere Mutter. Wenn Menschen auf die Erde spucken, so bespeien sie sich selbst. ...

Wir können nicht verstehen, wovon der weiße Mann träumt, denn wir sind ja nur Wilde. Aber eines wissen wir: unser Gott ist derselbe Gott! Diese Erde ist ihm heilig.

 

Botschaft des Weltrates der Kirchen

5.Vollversammlung, Nairobi 1975

Gott, Schöpfer und Spender des Lebens, erneut wurden wir gewarnt: das Überleben der Menschheit steht auf dem Spiel.

Wir bekennen wir Dir: Unser Lebensstil und unsere Gesellschaftsordnung schaffen Zwietracht und entfremden uns von Deiner Schöpfung, so dass wir die Kreatur, der Du Leben gegeben hast, wie totes Material ausbeuten. Von Dir getrennt ist unser Leben leer. Wir sehnen uns nach einer neuen Frömmigkeit, die unser Planen, Denken und Handeln durchdringt. Hilf uns, die Erde für künftige Generationen zu bewahren und so miteinander zu teilen, dass alle frei werden.  Kyrie eleison, Herr, erbarme Dich.

 

Der Standpunkt der Affen

Drei Affen saßen am Kokosbaum, wenn ich's erzähl, man glaubt es kaum. Es kursiert das Gerücht, das nicht stimmen kann, da sagt der eine:

Hört mich mal an. Kaum traut ich meinen Ohren, hört ich denn recht, der Mensch soll stammen von unserem Geschlecht. Ich bitt euch, wenn es bei uns wird bekannt, nicht auszudenken die schreckliche Schand. Noch nie verließ ein Affe sein Weib und sucht bei einer anderen Zeitvertreib. Zerstörte ihr Leben durch Ehebruch und Schläge, ging nach ihrem Tode vergnügt seine Wege. Und habt ihr je eine Äffin gesehen, die ihr Baby verließ, um tratschen zu gehen? Es aussetzte oder anderen verschenkt? Ist das nicht traurig? Zum Abscheu es drängt! Und noch was andres: Kein Affe wird baun einen Zaun um seinen Kokosbaum. Lässt dann im Garten die Nüsse verderben, wenn die anderen draußen vor Hunger sterben. Und was ich noch sagen wollte, reden wir offen: Kein Affe geht aus und kommt heim besoffen. Und sind sie besoffen die blöden Laffen, da sagen sie noch: "Ich habe einen Affen".

Und noch was, ihr Brüder, hört einmal her: Wer nahm von euch jemals ein Gewehr? Und ging plündern, rauben und morden, gingen zusammen und bildeten Horden um Krieg zu führen, mit Kanonen zu schießen, damit Millionen ihr Leben ließen. Jawohl, mancher Mensch stammt irgendwoher, vielleicht aus einem Tümpel, Teich oder Meer. Mancher Mensch ist schlechter als Vieh, deshalb, ihr Brüder, von uns stammt er nie!

 

Die Entwicklung der Menschheit

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt, behaart und mit böser Visage. Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt und die Welt asphaltiert und aufgestockt, bis zur dreißigsten Etage.

Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn, in zentral geheizten Räumen. Da sitzen sie nun am Telefon. Und es herrscht noch genau derselbe Ton wie seinerzeit auf den Bäumen.

Sie hören weit. Sie sehen fern. Sie sind mit dem Weltall in Fühlung. Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern. Die Erde ist ein gebildeter Stern mit sehr viel Wasserspülung.

Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr. Sie jagen und züchten Mikroben. Sie versehn die Natur mit allem Komfort. Sie fliegen steil in den Himmel empor und bleiben zwei Wochen oben.

Was ihre Verdauung übrig lässt, das verarbeiten sie zu Watte. Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest. Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest, dass Cäsar Plattfüße hatte.

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund den Fortschritt der Menschheit geschaffen. Doch davon mal abgesehen und bei Lichte betrachtet sind sie im Grund noch immer die alten Affen.

Erich Kästner

 

Gebet der Siouxindianer

Großer Geist, dessen Stimme ich in den Winden vernehme und dessen Atem der ganzen Welt Leben spendet, erhöre mich. Ich trete vor dein Angesicht als eines deiner vielen Kinder. Siehe, ich bin klein und schwach; ich brauche deine Kraft und Weisheit. Lass mich in deiner Schönheit wandeln und meine Augen immer den purpurroten Sonnenuntergang schauen. Mögen meine Hände die Dinge achten, die du geschaffen hast, und meine Ohren deine Stimme hören! Mache mich weise, damit ich die Dinge erkennen kann, die du mein Volk gelehrt hast; die Lehre, die du in jedem Blatt und jedem Felsen verborgen hast. Ich sehne mich nach Kraft, nicht um meinen Brüdern überlegen zu sein, sondern um meinen größten Feind ‑ mich selbst ‑ bekämpfen zu können. Mache mich stets bereit, mit reinen und aufrichtigen Augen zu dir zu kommen, damit mein Geist, wenn das Leben wie die untergehende Sonne entschwindet, zu dir gelangen kann, ohne sich schämen zu müssen.

 

 

Eine Kirche entschuldigt sich

Schuldbekenntnis der United Church of Canada

 

"Lange bevor unsere Leute sich auf die Reise in dieses Land machten, war euer Volk schon hier, und eure Ältesten haben euch gelehrt, die Schöpfung zu achten, und ihr habt gelernt, dass das Geheimnis, das unser aller Leben umgibt, tief und reich ist und von uns hoch geschätzt werden muss. Wir haben nicht auf euch gehört, als ihr eure Vision mit uns teilen wolltet. In unserer Begeisterung, euch von der Guten Nachricht von Jesus Christus zu erzählen, waren wir verschlossen gegenüber dem Wert eurer Spiritualität. Wir verwechselten die westliche Lebensweise und Kultur mit der Tiefe und Weite des Evangeliums von Christus. Wir zwangen euch unsere Zivilisation als Voraussetzung für die Annahme des Evangeliums auf Wir haben versucht, euch so zu machen, wie wir sind, und auf diese Weise haben wir dazu beigetragen, eure Vision zu zerstören, die euch zu dem gemacht hatte, was ihr wart. Als Ergebnis seid ihr und sind wir ärmer, und unsere Vorstellung von unserem Schöpfer ist entstellt und getrübt, auch sind wir nicht das, was wir nach Gottes Vorstellung sein sollten. Wir bitten euch, uns zu vergeben und euch gemeinsam mit uns im Geiste Christi auf den Weg zu machen, damit unsere Menschen gesegnet und Gottes Schöpfung geheilt werden.

Die Entschuldigung wurde am 15. August 1986 vom Moderator der Vereinigten Kirche von Kanada vor Vertretern der indianischen Völker Kanadas verlesen.

 

 

SEHNSUCHT

 

Sehnsucht

Wenn du ein Schiff bauen willst,

so trommle nicht Leute zusammen,

um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten,

Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen;

sondern wecke in ihnen die Sehnsucht

nach dem weiten, endlosen Meer.

Antoine de Saint-Exupéry

 

Allein mit Gott

 Völlig unerwartet, ganz plötzlich

  werden wir einander begegnen.

 Ich weiß nicht wo, wie, wann.

 Plötzlich werde ich dich sehen.

 Ich werde erröten.

 Mein Herz wird schneller schlagen

 und ich werde glauben.

 Ich werde glauben,

 dass du anders bist,

 dass du mich verstehst,

 dass du mit mir ernsthaft und offen

 sprechen willst,

 und dass du - so wie ich -

 voller Sehnsucht bist, 

 und frei, frei wie ein Falke.

                                            Janucz Korczak

Militär- und Kinderarzt, bedeutender Pädagoge.

Begleitete die Kinder seines Waisenhauses

in das Vernichtungslager Treblinka,

obwohl das auch für ihn selbst den Tod bedeutete.

 

 

SINN

 

Sinn

Das Geschäftemachen und der Reichtum

kann den Menschen nicht Zufriedenheit  geben.

Und jene, die in einem gewissen Lebensabschnitt

ihre ganze Energie ins Geld machen stecken,

werden eines Tages merken,

dass dies nicht die Antwort auf ihr Leben ist.

Dalai Lama

 

 

Der Kern

 

Es muss einen Kern geben,

Zu dem man vordringen muss.

Natürlich: das Leben

ist keine Nuss.

 

So sag doch einfach die Wahrheit:

Wenn es Nacht war, wird es Tag.

Ist das nicht die äußerste Klarheit?

Wer siegte, wer unterlag?

 

Wenn man gelebt hat, muss man sterben.

Vielleicht ist der Kern der Tod?

Wer wird die Welt erben?

Wer isst unser Brot?

 

Werden alle lernen zu denken?

Haben alle dazu Zeit?

Muss man die Menschen lenken,

Damit man sie befreit?

 

Werden alle Menschen sich gleichen?

Wenn es sein kann, wann wird es sein?

Sprich nicht von Armen und Reichen!

Lass die Frage in dich ein.

 

Achte nicht auf die Namen,

Sie sind auswechselbar.

Es gingen und es kamen

Die Namen Jahr für Jahr.

 

Vielleicht ist es der Schluck Wasser,

Den du dem Dürstenden gibst,

Und dass du inmitten der Hasser

Den, den du hassen sollst, liebst.

 

Ich weiß nicht: Was ist der Kern?

Muss es einen geben?

Gibt es nur einen Stern?

Gibt es nur ein Leben?

Eva Strittmatter    aus: Die eine Rose überwältigt alles

 

Umkehr, John Rockefeller

Als junger Mann war Rockefeller sehr stark und muskulös. Als er 33 Jahre alt war, hatte er bereits die erste Million Dollar erarbeitet. Jeden Augenblick widmete er seinem Werk. Mit 43 Jahren beherrschte er das größte Geschäfts­unternehmen der Welt. Im Alter von 53 Jahren war er der reichste Mann der Erde und bis dahin der erste Milliardär.

Aber er war krank Alopäzie ließ alle Haare, auch die Wimpern und Augenbrauen ausfallen. Er sah aus Wie eine Mumie. Sein wöchentliches Einkommen betrug 1 Million Dollar, aber seine Verdauung war schlecht. Und er war einsam: Weil er keine Wärme ausstrahlte, wurde er auch nicht geliebt. Ohne Rücksicht hatte er oft Schwächere in den Dreck gestoßen. Besonders in den Ölfeldern von Pennsylvanien war er verhasst. Nun konnte er nicht mehr schlafen. Alle waren sich einig darüber, dass er keine 12 Monate mehr leben würde. Die Presse hatte bereits seinen Nachruf griffbereit.

Da dachte er nach. In langen Nächten machte er die Ent­deckung, dass er zuletzt nicht einen einzigen seiner Dollars würde mitnehmen können. Da packten ihn Verzweiflung und Hilflosigkeit. Und er begann, sein Leben zu ändern. Erstmals unterstützte er Wohltätigkeitswerke. Sein Reichtum wurde in Notgebiete weitergeleitet: zu Universitäten, Krankenhäusern, Missionsgesellschaften, Hungergebieten. Seine Hilfe gab den Ausschlag, die Südstaaten von der furcht­baren Plage des Hakenwurms zu befreien. Jede Penicillinspritze und andere Wundermittel verdanken wir ihm.

Er fand wieder Freude an seinem Leben. Bitterkeit, Egoismus und Groll wichen. Sein Herz füllte sich mit Liebe und Dank­barkeit. Der Mann, der vorher abstoßend wirkte und kalt, war nun voll Aktivität und Wärme.

Als Rockfellen 53 Jahre alt war, schien es, dass er keinen weiteren Geburtstag mehr erleben würde. 98 Jahre wurde er alt.

 

 

VERANTWORTUNG

 

Nichts getan – in die Hölle

Die Hölle war total überfüllt, und noch immer stand eine lange Schlange am Eingang. Schließlich musste sich der Teufel selbst herausbegeben, um die Bewerber fortzuschicken. „Ein einziger Platz ist noch frei, den muss der ärgste Sünder bekommen“, rief er. „Ist viel­leicht ein Mörder da?“

Er hörte sich die Verfehlungen der Anstehenden an. Schließlich sah er einen, den er noch nicht befragt hatte. „Was haben Sie getan?“ fragte er ihn.

„»Nichts. Ich bin ein guter Mensch und nur aus Versehen hier.“

„Aber Sie müssen doch etwas getan haben! Jeder Mensch stellt etwas an.“–

 „Ich sah es wohl“, sagte der Mann, von sich überzeugt, „aber ich hielt mich davon fern. Ich sah, wie Menschen ihre Mitmenschen ver­folgten, aber ich beteiligte mich nie. Sie haben Kinder hungern lassen und in die Sklaverei verkauft; sie haben auf den Schwachen herumgetrampelt. Sie haben von ihren Übeltaten jeder Art profitiert. Ich allein wider­stand der Versuchung und tat nichts.“

„Absolut nichts?“ fragte der Teufel ungläubig. „Sind Sie völlig sicher, dass Sie alles angesehen haben?“

 „Vor meiner eigenen Tür!“ 

 „Und nichts haben Sie getan?“ wiederholte der Teufel. 

„Nein, ich habe nichts getan!“

Da sagte der Teufel: „Komm herein, mein Sohn. Der Platz gehört dir!“

Nach Calderon

 

                                                                       

Ein Brief aus Hiroshima

Claude Eatherly war einer der Superpiloten, die für die "Hiroshima‑Mission", das heißt, für die Bombardierung Hiroshimas, ausgewählt worden waren. Er saß am Steuer des B‑29 Straight Flush und gab dem ihm folgenden Bombenflugzeug über Hiroshima das ‑go ahead"‑Signal. Nach seiner Entlassung aus dem Dienst unternahm Eatherly zwei Selbstmordversuche, worauf­hin er in eine der für ehemalige Soldaten eingerichteten psychiatrischen Anstalten interniert wurde. An ihn richteten vor einigen Jahren dreißig japanische Mädchen einen Brief:

Lieber Herr Eatherly, wir, die unterzeichneten Mädchen von Hiroshima, senden Ihnen unsere herzlichen Grüße. Wir Mädchen sind zwar alle glücklicherweise dem Tod entkommen, aber durch die Atombombe, die im letzten Krieg auf die Stadt Hiroshima geworfen wurde, haben wir Verletzungen in unsern Gesichtern, an unsern Gliedern und Körpern davongetragen. Wir haben Narben und Spuren der Verletzung in unsern Gesichtern und an unsern Gliedern und möchten nicht, dass dies schreckliche Geschehen, genannt Krieg, sich je wieder ereigne, weder für uns, noch für irgendein lebendes Wesen in dieser Welt. Nun hörten wir kürzlich, dass Sie sich nach dem Vorfall von Hiroshima mit einem Schuldgefühl quälen und dass man Sie deswegen in ein Hospital für Geisteskranke gebracht hat.

Dieser Brief kommt zu Ihnen, um Ihnen unsere aufrichtige Teilnahme zu über­mitteln und Ihnen zu versichern, dass wir jetzt nicht die geringste Feindseligkeit gegen Sie persönlich hegen. Ihnen war vielleicht befohlen zu tun, was Sie taten; oder Sie dachten, es würde dazu beitragen, den Krieg zu beenden. Aber Sie wissen nun, dass Bomben nie Kriege beenden auf dieser Erde.

Amerikanische Christen (Quäker) sind uns mit großer Freundlichkeit begegnet. Wir haben gelernt, freundschaftlich für Sie zu empfinden, in dem Gedanken, dass Sie ebenso ein Kriegsopfer sind wie wir. Wir wünschen Ihnen, dass Sie sich bald vollständig erholen und sich denen anschließen, die sich für das gute Werk einsetzen: das barbarische Geschehen, Krieg genannt, durch den Geist der Brüderlichkeit zu überwinden. Mit herzlichen aufrichtigen Grüßen

(Es folgen 30 Unterschriften)

 

 

ZUKUNFT

 

Glaube

Der Glaube gibt uns die Kraft, tapfer zu tragen, was wir nicht ändern können und Enttäuschung und Sorgen gelassen auf uns zu nehmen ohne je die Hoffnung zu verlieren.

Gott kann Wege aus der Ausweglosigkeit weisen, er kann das dunkle Gestern in ein helles Morgen verwandeln, zuletzt in den Morgen der Ewigkeit.

M.L. King 

 

I have a dream

Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln Georgias die Söhne der ehemaligen Sklaven und die Söhne der ehemaligen Sklavenhalter in der Lage sein werden, sich zusammen an den Tisch der Brüderlichkeit zu setzen...

Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, wo man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird.

Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg abgetragen sein wird. Dass die rauen Orte geglättet und die gewundenen Orte begradigt sein werden.

Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, aus den Bergen der Verzweiflung den Stein der Hoffnung zu hauen.

Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, zusammen zu arbeiten, zusammen zu beten, zusammen zu kämpfen, zusammen ins Gefängnis zu gehen, uns zusammen für die Freiheit zu erheben, in dem Wissen, eines Tages frei zu werden...

Martin Luther King