INSPIRATION  II

FEINDESLIEBE

 

Ferdinand der Stier

Es lebte einmal in Spanien ein junger Stier, der hieß Ferdinand. All die andern jungen Stiere, mit denen er aufwuchs, liefen und sprangen den ganzen Tag umher und pufften sich gegenseitig mit dem Kopf. Nicht so Ferdinand. Er saß am liebsten ruhig da, um an den Blumen zu riechen. Seinen Lieblingsplatz hatte er draußen auf der Wiese unter einer Korkeiche. Dort saß er jeweils im Schatten des Baumes und roch an den Blumen.

Seine Mutter, die eine Kuh war, machte sich manch­mal Sorgen um ihn. Sie fürchtete, er könnte sich einsam fühlen so ganz allein. „Warum läufst du nicht umher und spielst mit den andern jungen Stieren und puffst dich mit ihnen?" fragte sie ihn dann. Aber Ferdinand schüttelte nur den Kopf. Mir gefällt es besser hier, wo ich ruhig dasitzen und an den Blumen riechen kann." Seine Mutter sah ein, dass er sich nicht einsam fühlte, und da sie eine verständnisvolle Mutter war, wenngleich nur eine Kuh, ließ sie ihn gewähren und glücklich sein.

Im Laufe der Jahre wuchs Ferdinand heran, bis er überaus groß und stark war. Alle die andern Stiere, die mit ihm auf derselben Wiese herangewachsen wa­ren, kämpften miteinander tagaus, tagein. Sie pufften sich ständig mit dem Kopf und rannten mit den Hörnern gegeneinander an. Am sehnlichsten jedoch begehrten sie, bei den Stierkämpfen in Madrid auftreten zu dürfen. Nicht so Ferdinand; noch immer saß er am liebsten ruhig da und roch an den Blumen.

Eines Tages tauchten fünf Männer mit ulkigen Hüten auf, um für die Stierkämpfe in Madrid den größten, schnellsten und wildesten Bullen auszusuchen. Alle anderen Stiere liefen schnaubend und sich puffend umher und vollführten die verwegensten Sprünge, um von den Män­nern für ungemein stark und fürchterlich gehalten und auserkoren zu werden. Ferdinand wusste, dass er nicht auserkoren würde, machte sich indessen nichts daraus. Er suchte seinen Lieblingsplatz unter der Korkeiche auf, um sich wieder im Schatten zu lagern. Dabei gab er nicht acht, wo er sich hinsetzte, und statt ins schöne kühle Gras, setzte er sich auf eine Biene. Was tut man, wenn man eine Biene ist und ein Stier setzt sich auf einen? Man sticht. Und genau das tat diese Biene jetzt. Au! Mit Wehgeschrei fuhr Ferdinand auf. Wutschnaubend und prustend rannte er umher, stieß mit den Hörnern um sich und stampfte wie beses­sen mit den Hufen. So erblickten ihn die fünf, und alle jauchzten vor Freude. Dies war der größte und fürchterlichste Bulle weit und breit, gerade das, was sie brauchten für die Stier­kämpfe in Madrid. Auf einem Karren wurde Ferdinand hinweggeführt. War das ein Tag! Fahnen flatterten, die Musik spielte ... und alle die schönen Spanierinnen trugen Blumen im Haar. Bald fand der Aufmarsch in die Arena statt. Zuerst kamen die Banderilleros mit spitzen, bebänderten Sta­cheln, um den Stier damit zu stechen und wütend zu machen. Darauf kamen die Pikadores auf dürren Klep­pern und mit langen Lanzen, um den Stier zu stechen und noch wütender zu machen. Dann erschien voller Stolz der Matador. Er hielt sich für einen Ausbund von Schönheit und verneigte sich vor den Damen. Um die Schultern trug er den roten Mantel, und mit seinem Degen sollte er dem Stier den letzten Stich verset­zen.

Dann kam der Stier, und wer dieser war, ist leicht zu erraten – Ferdinand. Man nannte ihn Ferdinand den Fürchterlichen, und alle Banderilleros hatten Angst vor ihm, und die Pikadores hatten Angst vor ihm, und der Matador war starr vor Schreck. Ferdinand lief mitten in die Arena, und die Zuschauer jubelten und klatschten, denn sie glaubten, er werde fürchterlich kämpfen, schnau­ben und mit den Hörnern um sich stoßen.

Aber weit gefehlt. Als Ferdinand in der Mitte der Arena anlangte, erblickte er die Blumen im Haar all der Schönen und setzte sich ruhig hin; um die Blumen zu riechen. Soviel man ihn auch reizte, er ließ sich nicht herbei, zu kämpfen und fürchterlich zu wüten. Die Ban­derilleros waren wütend, und die Pikadores waren noch wütender, und der Matador war so wütend, dass er weinte, weil er sich nicht aufspielen konnte mit Tuch und Degen. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als Ferdinand wieder in seine Heimat zu schaffen. Und wenn er nicht gestorben ist, so sitzt er noch heute glücklich an seinem Lieblingsplatz unter der Kork­eiche und riecht ruhig an den Blumen.

Munro Leaf

 

Liebt eure Feinde

Euch, die ihr ein offenes Ohr habt und zuhört, euch sage ich: Liebt eure Feinde,

vernichtet die Feindbilder in euren Herzen und aus eurem Denken.

Tut wohl denen, die euch hassen! Bekämpft euren eigenen Hass mit Wohltaten und lasst euch vom Hass nicht anstecken. Segnet, die euch fluchen, denn Segen heilt, Fluch aber zerstört.

Bittet für die, die euch misshandeln, denn der, der foltert, ist der Erbarmungswürdigste aller Menschen. Dem, der dich auf die Backe schlägt, biete auch die andere dar, denn wenn Schlag auf Gegenschlag folgt, kann kein Frieden werden. Und dem, der deinen Mantel nimmt, dem lass auch noch das letzte Hemd, gib dem, der dich darum bittet. Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut es ihnen auch, dann lebt ihr miteinander in Frieden.

Seid barmherzig untereinander, wie auch euer Vater im Himmel mit euch barmherzig ist, denn wenn die Güte in euren Herzen regiert, können die Menschen nicht mehr gegeneinander leben.

Lasst frei, und ihr werdet nicht mehrgebunden sein, denn während ihr fesselt, knüpft man schon die Schlinge für euren Hals. Richtet nicht, so werdet auch ihr nicht gerichtet. Und verdammt nicht andere Menschen, so werdet auch ihr nicht verdammt.

Alles, was ihr tut, fällt auf euch zurück! Vergebt, so wird auch euch vergeben. Das ist die neue Grundlage für ein menschliches Leben.

Uwe Seidel   aus: Wenn uns Hören und Sehen vergeht. 1987



FREUDE

 

Die Freude kommt zurück

Ein bekannter Medizinprofessor war gestorben. Als das Erbe verteilt wurde, sahen seine Kinder alles durch, was der Vater in Schreibtisch und Schränken hinterlassen hatte. Da fanden sie zwischen sehr schönen Dingen und Andenken ein hartes, vertrocknetes halbes Brot. Nur die Haushälterin wusste,

was es damit auf sich hatte:

Nach dem Krieg war der Professor todkrank gewesen, und ein guter Freund schickte ihm ein halbes Brot, damit er etwas zu essen hatte. Der Professor dachte aber an die kleine Tochter seines Nachbarn und mein­te, so ein junges Leben hätte die Stärkung nötiger als ein alter Mann. Die Frau des Nachbarn mochte es aber nicht für sich und ihre Familie be­halten, sondern gab es einer alten Witwe, die oben in einer Dachkammer lebte. Die Witwe brachte das Brot ihrer Tochter, die zwei kleine Kinder hatte und ein paar Häuser weiter wohnte. Diese wiederum dachte an den alten Professor, der nun selbst krank und geschwächt war und doch früher einmal ihrem kranken Kind geholfen und nichts dafür genommen hatte.

 Nun wollte sie ihm mit diesem halben Brot danken. „Wir haben das Brot sofort wiedererkannt“,  sagte die Haushälterin, „denn unter dem Brot klebte ein kleines Stück Papier." Als der Profes­sor sein Brot wieder in der Hand hatte, wusste er zuerst nicht, was er sagen sollte. Dann sagte er: " Solange noch Menschen unter uns leben, die so sind, brauchen wir uns nicht zu fürchten."

Und er legte das halbe Brot in den Schrank. Er wollte es betrachten können, wenn er mutlos und traurig war, denn dieses Brot hatte viele Menschen satt gemacht, obwohl kein einziger davon gegessen hatte.

 

Freude

Herr, ich werfe meine Freude wie Vögel an den Himmel.

Die Nacht ist verflattert, und ich freue mich am Licht.

Deine Sonne hat den Tau weg gebrannt

vom Gras und von unseren Herzen.

Was da aus uns kommt, was da um uns ist an diesem Morgen,

das ist Dank.

Herr, ich bin fröhlich heute am Morgen.

Die Vögel und Engel singen, und ich jubiliere auch.

Das All und unsere Herzen sind offen für deine Gnade.

Ich fühle meinen Körper und danke.

Die Sonne brennt meine Haut, ich danke.

Das Meer rollt gegen den Strand, ich danke.

Die Gischt klatscht gegen unser Haus, ich danke.

Herr, ich freue mich an der Schöpfung

und dass du dahinter bist und daneben

und davor und darüber und in uns.

Ich freue mich, Herr, ich freue mich und freue mich.

Aus Westafrika   Fritz Pawelzik

 

Jeden Tag ein wenig Freude

Gebet

Himmlischer Vater, schenke uns jeden Tag ein wenig Freude, denn kaufen kann man sie nicht, weder im Großen noch im Kleinen. Schicke uns jemand mit einem kleinen Lächeln, einem aufmunternden Wort, einem hellen Blick über den Weg. Lass einen lang erwarteten Brief kommen, einen geliebten Menschen gesund werden, ein Missverständnis sich aufklären. Zeige uns jeden Tag etwas Schönes: eine blühende Blume einen tapferen Menschen, eine gute Tat, dass wir davon froh werden.

Vater, du wolltest, dass die Freude mehr ist als Genuss und Vergnügen, die nur für Augenblicke unsere Sinne beschäftigen. Freude geht tiefer, rührt unser Innerstes, strahlt weit über den Augenblick hinaus. Sie ist das Glück über Gutes, Schönes, Vollkommenes, ist das Sehen des Guten in den Dingen, ist das Erkennen, dass unser Dasein einen Sinn hat, solange wir darauf stoßen, ist letzten Endes das Wiederfinden Deiner Spuren im Gesicht eines Menschen, in den Zeilen einer Zeitung, im Bogen eines Bauwerks - ist die Freude in Gott.

 

 

FRIEDEN

 

Zulassen und abwehren

Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Ham­mer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmen­schen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht's mir wirklich. Und so stürmt er hin­über, läutet. Der Nachbar öffnet, doch bevor er "Guten Tag" sagen kann, schreit ihn unser Mann an: "Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!"

Paul Watzlawick

 

Atomzeitalter

Wem bewusst ist, dass er im Atomzeitalter lebt, und sich dem Militärdienstzwang trotzdem nicht widersetzt – wer gedankenlos in die Kasernen trottet, obwohl er den Kriegsdienst verweigern kann–

den kann ich nicht einmal mehr bedauern. Er hat nur durch einen Irrtum sein Großhirn

bekommen, das Rückenmark hätte ihm vollkommen genügt. 

Albert Einstein

 

Friede ist möglich

Noch jeder Krieg, Freunde,

und es gab deren genug,

begann mit großen Worten,

mit Aufrufen und Appellen:

„Zu den Waffen, Männer!“

„Der Feind steht im Land!“

„Erhebt Euch, schlagt ihn,

wo ihr ihn trefft!“

Ausrufezeichen, oder auch zwei,

hinter jedem Satz. Sagt selbst,

hat das nicht immer gewirkt?

Das Spiel konnte beginnen,

das Hurraspiel, das Heldenspiel,

das Dem-werden-wirs-schon-zeigen-Spiel,

das Du-oder ich-Spiel,

ein böses Spiel.

Nun rat ich euch, es einmal

statt dessen anders zu versuchen.

Macht zum Beispiel und

spaßeshalber mal ein Fragezeichen

hinter jedem Satz:

„Zu den Waffen, Leute?“

Doch weshalb, und was sollen wir dort?

„Der Feind steht im eigenen Land?“

Na und, einen Stuhl wird´s noch geben,

setz dich zu uns, Feind, selbst Du

brauchst im Land nicht zu stehen.

„Erhebt euch?“

Wozu und was soll´s?

Wir sitzen doch gerade so schön.

Gewonnen hat, und er kriegt einen Kuss,

wer der Menschheit beim Überleben hilft.

Zum Beispiel, indem er Stühle besorgt.

Oder Fragen stellt, ja dies vor allem.

Was meint ihr, Freunde,

vielleicht ist der Weg zum Frieden

wirklich mit Fragezeichen gepflastert?

Lothar Zenetti

               

Eine wahre Geschichte

Am vergangenen Dienstag war es. Markus, Ronny und Robert standen vor der Schule. Was tun? Markus kam auf die Idee - denn gestern hatte er ein Gewalt verherrlichendes Video gesehen: „Los, wir spielen Action!“, sagte er zu den anderen. „Fetzig, meine Kanone, oder?!“

Die anderen waren gleich Feuer und Flamme. Holzgewehre hatten sie sich ja schon vor ein paar Wochen gebaut. Ronny hatte sogar einen alten Stahlhelm von zu Hause. Noch vom Großvater. Robert sagte: Ich bring noch ein paar Leute mit.“

Eine Stunde später rannten acht Jungs schreiend über den Dorfplatz: „Dich Schwein knalle ich ab! Peng! Du bist tot!“ brüllte Ronny, als sich ein anderer hinter einer Hausecke hervorwagte.

Kurze Zeit später bewegte sich ein seltsamer Zug über den Platz. Vorne weg Robert. Er hatte die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Dahinter ein paar andere mit Holzgewehren und Pistolen im Anschlag. Ronny, mit Stahlhelm, gab scharfe Kommandos: „An die Wand! Beine auseinander! Feuer!“

Was dann geschah, konnten die acht kaum beschreiben. Es ging alles sehr schnell. Ein alter Mann stürzte herbei, riss Ronny den Helm vom Kopf und schlug zu, viermal, fünfmal mit voller Kraft. Ronny überschlug sich und blieb liegen. Die anderen rannten in allen Richtungen auseinander.

Es gab einen Prozess. Vor dem Richter stand nun der alte Mann. Völlig in sich versunken. Und der hatte gerade seine Geschichte erzählt:

Er hatte die Jungen beim Spielen beobachtet. Eine heiße Welle durchfuhr ihn, als er Bilder in sich auftauchen spürte. „ Ich war damals 15. Unser Haus beinahe dort, wo ich die Jungen spielen sah. 1940 war es wohl. Ich habe damals nichts begriffen. Eines Tages standen sie in unserer Tür: SS-Leute. Unsere ganze Familie musste herauskommen und sie führten uns über den Dorfplatz.  Ich lief die Hände im Nacken. Der Offizier brüllte uns an, irgendetwas von  Verrat - und dann...“ Der alte Mann konnte nicht gleich weitersprechen. Doch dann sagte er: „Ich musste mit ansehen, wie sie erschossen wurden, meine Eltern, meine beiden Schwestern...“    Mühsam sah er den Vater von Ronny an: „Ich bitte Sie um Verzeihung. Ich hatte mich nicht mehr unter Kontrolle!“

Da war es still im Gerichtssaal. Keiner sah mehr den alten Mann an. „Ich bin schuldig“, hatte er soeben gesagt.

In diesem Augenblick erhob sich Ronnys Vater. Er sagte nur einen Satz: „Herr Richter, ich möchte meine Anzeige zurücknehmen.“ Dann nahm er seine Jacke und ging langsam zur Tür.

 

Gewalt in unserer Sprache

Jeder kennt die Diskussionen, wo bis zum Vergasen geredet und gekämpft wird.

Zu den Kavaliersdelikten, die dabei vorkommen, zählt, dass man einem anderen über den Mund fährt und ihn am Boden zerstört. Ist er endgültig mundtot gemacht, legt man ihn aufs Kreuz und steckt ihn in die Tasche, um ihn an einen geheim gehaltenen Ort zu transportieren. Dort angekom­men, macht man ihn zur Sau und schleunigst schlachtreif; das geschieht, indem man ihm das Fell über die Ohren zieht und auf ihm herumhackt. Dann haut man ihn in die Pfanne und lässt ihn ein Weilchen schmoren, bis er windelweich geworden ist. Feinschmecker empfehlen, das Fleisch noch durch den Kakao zu ziehen und durch den Wolf zu drehen. Auch soll es bekömmlich sein, wenn es kaltgemacht und in den Schatten gestellt wird. Schließlich begibt man sich an die Mahlzeit. Hat man einen Menschen gefressen, hat man ihn auch gründlich satt.

 

Friedenskinder

Sechsjähriger.

Er durchbohrt Spielzeugsoldaten

mit Stecknadeln.

Er stößt sie ihnen in den Bauch,

bis die Spitze aus dem Rücken tritt.

Sie fallen.

„Und warum gerade diese?“

„Das sind doch die anderen!“   

G. Kunert

 

Werkzeug des Friedens

Herr, mache mich zum Werkzeug Deines Friedens:
dass ich Liebe bringe, wo man sich hasst.
dass ich Versöhnung bringe, wo man sich kränkt.
dass ich Einigkeit bringe, wo Zwietracht ist.
dass ich den Glauben bringe, wo Zweifel quält.
dass ich Wahrheit bringe, wo Irrtum herrscht.
dass ich die Hoffnung bringe, wo Verzweiflung droht.
dass ich die Freude bringe, wo Traurigkeit ist.
dass ich das Licht bringe, wo Finsternis waltet.
O Meister, hilf mir, dass ich nicht danach verlange:
Getröstet zu werden, sondern zu trösten.
Verstanden zu werden, sondern zu verstehen.
Geliebt zu werden, sondern zu lieben.
Denn:
Wer gibt, der empfängt,
wer verzeiht, dem wird verziehen.
Wer stirbt, der wird zum ewigen Leben geboren.
Amen.

Franziskus von Assisi zugeschrieben

 

Versöhnungsgebet von Coventry

Coventry /England   wurde am 14./15.Nov. 1940  durch deutsche Bomber schwer zerstört. In die Ruine  der zerstörten Kathedrale ließ der damalige Dompropst Richard Howard die Worte „Vater vergib“ in die Chorwand einmeißeln.

Den Hass, der Rasse von Rasse trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse: Vater, vergib!

Das habsüchtige Streben der Menschen und Völker zu besitzen, was nicht ihr Eigen ist: Vater, vergib!

Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt und die Erde verwüstet: Vater, vergib!

Unseren Neid auf das Wohlergehen und Glück der anderen: Vater, vergib!

Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Heimatlosen und Flüchtlinge: Vater, vergib!

Die Sucht nach dem Rausch, der Leib und Leben zugrunde richtet: Vater, vergib!

Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf Gott: Vater, vergib!

 

 

GEBET

 

Für einen Augenblick

Manchmal
für einen Augenblick

halte ich ein, mitten im Trubel des Tages,
schließe meine Augen und meine Ohren
und bin einen Augenblick glücklich:
Ich bin nicht allein
du bist da, mein Gott!
Mittendrin.  

Christa Weiß

 

Von den müden Augen

Das Abendgebet von den müden Augen, das hatte er am liebsten.

Alle anderen Gebete betete er so, wie es ihm die Mutter beigebracht hatte. Aber das Abendgebet von den müden Augen hatte er am liebsten.

Daran erinnerte er sich, als er das erste Mal vor dem Arzt stand. Ein großer, stattlicher Arzt war da, mit einer Hornbrille, die schwarz glänzte. So um die Fünfzig herum war der Arzt. Männer um die Fünfzig herum sind oft schön ausgepolstert von den verwöhnten Jahren, schön kräftig und rund.

Der Arzt hatte ihn gefragt, ob er öfter den Druck verspüre. Und im selben Augenblick, als er ihn fragte, erinnerte er sich an das Abendgebet von den müden Augen, komisch, gerade in diesem Augenblick. Das hatte mit dem Druck doch überhaupt nichts zu tun, doch kein bisschen, oder?

„Wie ist das, wann verspüren Sie diesen Druck?“ wiederholte der Arzt, weil er keine Antwort bekam. Ärzte wollen Antworten, darum fragen sie ja.

„Na, manchmal mehr, manchmal weniger, meistens, nachdem ich Treppen gestiegen bin. Da ging es mir so. Oder wenn der Fahrstuhl im Haus nicht funktioniert und ich in die sechste Etage hinauf muss.“

Er wurde nach Hause geschickt und gebeten, in zwei Tagen wiederzukommen. Dann sollten die Laborbefunde da sein, sagte der Arzt. 

Zwei Tage - das sind 48 Stunden. Was fängt einer mit 48 Stunden an, wenn er nicht weiß, was danach kommt, ob er überhaupt eine Chance hat.

Ich kenne einen, der ist in eine Gaststätte gegangen und hat getrunken, immerzu nur getrunken. Klares und Gemixtes, immerzu, bis er voll war.

Ich kenne einen, der ging in eine Kirche, blieb in einer Ecke sitzen und wartete. Tagsüber spielte jemand die Orgel, und abends sah er die Reklame von draußen durch die Fenster leuchten. Und ein dritter hat sich ins Bett gelegt und geschlafen, 48 Stunden nur geschlafen, geschlafen. Gibt es denn eine andere Möglichkeit? Ein Mädchen etwa? Oder die Arbeit?  Ganz normal seiner Alltagsbeschäftigung nachgehen, im Büro, in der Klinik, an der Maschine oder bei der Stadtreinigung. Fünf oder sechs Uhr der Wecker. Dann das Frühstücksei und die Marmelade, und schon läuft alles rund. Und das kostet Kraft, das zerrt an dir. Gut, sagen die einen, dann weißt du wenigstens, wozu du gebraucht wirst und dass du gebraucht wirst. Ist das gut? Ist es wichtig, gebraucht zu werden? Gut, sagen die anderen, im Leben wird mir nichts geschenkt, und Durchhalten macht stark, Durchhalten macht widerstandsfähig. Ist das wichtig? Ist es wichtig, widerstandsfähig und stark zu werden? Es gibt so viele Fragen. Und, zwei Tage sind keine Zeit. Zwei Tage können eine Ewigkeit sein, wenn einer auf die Laborbefunde wartet. Ich habe einen gekannt, der sollte sieben Minuten warten, bis ihm gesagt wurde, was mit ihm ist und was nicht. Und der hat es nicht ausgehalten, der ist aus dem Fenster gesprungen, vierte Etage. „Seit wann verspüren sie diesen Druck?“ hatte der Arzt nach wie Tagen noch einmal gefragt.

Da entsann er sich, dass alles viel früher begonnen haben muss, weit vor der zeit, als er merkte, dass ihm die Puste zu schaffen machte, als er anfing zu keuchen. Sieben muss er damals gewesen sein, oder acht, da war der Druck schon da. Wir müssen sie auf Station nehmen, sagte der Arzt.

Seitdem weiß er, es wird die Stunde kommen, da wird er das Abendgebet von den müden Augen ein letztes Mal beten. Dann wird der Druck weg sein. Erst dann wird der Druck weg sein, und nur noch die Augen werden sein, die Vateraugen über ihm, Gottes Augen, und für immer....

Vater, lass die Augen dein über meinem Grabe sein...

 

Gebet der Vereinten Nationen:

Unsere Erde ist nur ein kleines Gestirn im großen Weltall.
An uns liegt es, daraus einen Planeten zu machen,
dessen Geschöpfe nicht von Kriegen gepeinigt werden,
nicht von Hunger und Furcht gequält,
nicht zerrissen werden in sinnlose Trennung
nach Rasse, Hautfarbe oder Weltanschauung.
Gib uns den Mut und die Voraussicht,
schon heute mit diesem Werk zu beginnen,
damit unsere Kinder und Kindeskinder
einst mit Stolz den Namen Mensch tragen.

 

Gebet eines Straßenjungen

Vater, der du mich verlassen hast, Deinen Namen und mich selbst suche ich täglich. Wann wirst du kommen, mich in den Arm zu nehmen? Mich vor den Schlägen der Straße zu schützen? Gib mir ein Stück Brot. Mutter, vergib, wenn ich heute keinen Cent bringen kann, So wie ich meinen Freunden vergebe, wenn sie mir weh tun. Mach, dass wir nicht durch eine Kugel sterben müssen. Zeige mir, was das Gute ist. Denn du bist auf der Straße, ohne Macht und ohne Herrlichkeit, Amen!

Ruhen Yennerich

 

Gebet   

Wie leicht ist es für mich,

mit dir zu leben, Herr!

An dich zu glauben,

wie leicht ist es für mich.

Wenn ich zweifelnd

nicht mehr weiter weiß

und meine Vernunft aufgibt,

wenn die klügsten Leute

nicht weitersehen

als bis zum heutigen Abend

und nicht wissen,

was man morgen tun muss -

dann sendest du mir

eine unumstößliche Gewissheit,

dass du da bist

und dafür sorgen wirst,

dass nicht alle Wege zum Guten

gesperrt werden.

A.S.   Alexander Solschenizyn

 

Komisch

"Herr, hab Dank für Speis und Trank, für alle deine Gaben. Amen."

"Amen."

"Mahlzeit."

"Komisch."

"Was: komisch?"

"Ich denk nur gerade nach, was die Erbsensuppe hier mit Gott zu tun hat!"

"Wie? Was die Erbsensuppe mit Gott. . ,"

"Du hast doch gerade gesagt: Herr, hab Dank. Dabei find ich die Erbsensuppe gar nicht so besonders."

"Als wenn die Erbsensuppe was mit Gott zu tun hätte!"

"Warum betest du denn dann?"

"Warum, warum! Iss und red nicht so viel."

"Ich will's aber wissen."

"Will, will. Na ja, haben wir schon zu Hause immer so ge­macht. Vor dem Essen wird gebetet. Ich könnte gar nicht so anfangen. Na ja, und die Erbsensuppe. .. Gott hat die Erbsen halt wachsen lassen."

"Ich denk, die sind aus der Büchse."

"Mussten ja schließlich erst mal wachsen, bevor sie in die Büchse gekommen sind. Und da hat Gott was mit zu tun."

"Dass sie in die Büchse...?"

"Quatsch. Mit dem Wachsen."

"Ich versteh aber immer noch nicht: Wieso sagst du Gott dan­ke, wenn du die doch bezahlt hast, die Erbsen?"

"Bezahlt oder nicht, ist doch. . . Man sagt das halt so. Gehört sich eben. Ach du liebe Zeit, schon halb eins, ich muss ja los. Können wir ja später noch mal drüber reden."

"Danke!"

"Was danke?"

"Ach, hab ich nur so gesagt."

  Jürgen Werth

 

Ein Hörender

Als mein Gebet

immer andächtiger und innerlicher wurde,

da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen.

Zuletzt wurde ich ganz still.

Ich wurde,

was womöglich noch ein größerer Gegensatz zum Reden ist,

ich wurde ein Hörer.

Ich meinte erst, Beten sei Reden.

Ich lernte aber,

dass Beten nicht bloß Schweigen ist, sondern Hören.

So ist es:

Beten heißt nicht, sich selbst reden hören.

Beten heißt:

Still werden und still sein und warten,

bis der Betende Gott hört.

Sören Kierkegaard

 

Gebet M.L. King

Eines Abends, Ende Januar, ging ich nach einem anstrengen­den Tag erst spät zu Bett. Coretta schlief schon. Als ich gerade am Einschlafen war, läutete das Telefon. Eine wütende Stimme rief: „Höre, Nigger, wir werden uns an dir rächen. Noch in die­ser Woche wirst du es bereuen, dass du nach Montgomery gekommen bist.“

Ich hängte ab, aber ich konnte nicht schlafen. Es war mir, als bräche alle Angst und Not der letzten Wochen auf einmal über mich herein. Ich war am Ende meiner Kraft.

Ich stand wieder auf und lief im Korridor auf und ab. Schließlich ging ich in die Küche und machte mir eine Tasse Kaffee. Ich wollte den Kampf aufgeben. Ohne den Kaffee anzurühren, saß ich am Küchentisch und grübelte darüber nach, wie ich von der Bildfläche verschwinden könnte, ohne als Feigling zu erscheinen. In diesem Zustand äußerster Erschöpfung und völliger Mutlosig­keit legte ich Gott meine Not hin. Den Kopf in den Händen, be­tete ich laut. Die Worte dieser mitternächtlichen Stunde sind mir noch in lebendiger Erinnerung: „Herr, ich glaube, dass ich für eine gerechte Sache kämpfe. Aber jetzt habe ich Angst. Die Leute sehen auf mich als ihren Führer, und wenn ich so ohne Kraft und Mut vor ihnen stehe, werden sie auch wankend werden. Ich kann nicht mehr weiter. Ich habe den Punkt erreicht, wo ich es allein nicht mehr schaffe.“

In diesem Augenblick erlebte ich die Gegenwart Gottes wie nie zuvor. Mir war, als hörte ich eine innere Stimme, die mir Mut zu­sprach: „Stehe auf für die Gerechtigkeit! Stehe auf für die Wahr­heit! Und Gott wird immer an deiner Seite sein!“

Fast augenblicklich waren meine Ängste dahin. Meine Unsicher­heit verschwand. Ich war bereit, allem ins Auge zu sehen.

Martin Luther King (1929-1968)

 

 

GEBOTE

 

Regeln zur Freiheit – 10 Gebote

Lies 1.Mose 20, 1-17 !

Gott befreite sein Volk aus der Sklaverei Ägyptens. Am Berg Sinai machte er ihm klar, wie groß die Freiheit ist, die man mit Gott hat:

 

1. Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben außer mir.

Du brauchst keine Angst zu haben, vor der Macht der Sterne, vor der Macht der Menschen, um dein Geld, um dein Vergnügen. Wenn du dein Herz an diese Dinge hängst, wirst du zum Sklaven. Ich der allmächtige Gott, will dein Helfer sein.  Halte dich an mich, und du bleibst frei.

 

2. Du sollst den Namen deines Gottes nicht missbrauchen.

Du bist befreit von Angst und Aberglauben. Halte meinen Namen in Ehren! Du brauchst nur meine Adresse! Ich, der allmächtige Gott, bin ganz freiwillig dein Freund.

 

3. Du sollst den Feiertag heiligen.

Du brauchst dich nicht zu Tode zu hetzen durch pausenloses Arbeiten, durch eine pausenlose Vergnügungsjagd, durch Sorgen, die du dir machst, durch die Angst, du könntest etwas versäumen. Das alles verkrampft dich nur und nimmt dir die Lebensfreude. Halte einen Tag in der Woche frei, an dem du deinen Gott feiern und das Leben genießen kannst.

Ich, der allmächtige Gott, will dein Meister sein. Halte dich an mich, und dein Leben wird Erfüllung finden.

 

4. Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.

Du brauchst nicht in ständiger Auflehnung zu leben, weder gegen deine Eltern, noch gegen das, was Sitte ist und Gesetz ist. Ich, der allmächtige Gott, liebe dich. Darum sollen Eltern und Kinder einander achten und lieb haben. Du kannst es dir leisten, Frieden zwischen den Generationen zu stiften.. Dadurch gewinnst du Freiheit.

 

5. Du sollst nicht töten.

Du bist befreit zum Leben. Darum setze dich für das Leben ein, wo immer es bedroht ist. Lasse dich niemals dazu verleiten, andere Menschen  beruflich oder persönlich  „fertig zu machen“.

 Ich, der allmächtige Gott, will dein Beschützer sein. Du kannst es dir leisten, anderen zu helfen.

 

6. Du sollst nicht ehebrechen.

Du bist von Gott geliebt. Darum wirst du deine Liebe nicht in „Affären“ vertrödeln. Du hast einen guten Grund,  den Menschen neben dir – und die Gemeinschaft anderer zu achten.

 Ich, der allmächtige Gott, will der Schmied deines Glücks sein. Du kannst es dir leisten, auf den Menschen zu warten, den ich dir sende.

 

7. Du sollst nicht stehlen.

Du brauchst dich nicht unehrlich zu bereichern, weder durch Diebstahl noch durch Geschäftsbetrug, oder indem du den Staat übers Ohr haust. Was du dadurch an Besitz gewinnst, verlierst du an Frieden und Selbstachtung. Ich, der allmächtige Gott, will dein Versorger sein.

Du kannst es dir leisten, zu geben, statt zu nehmen.

 

8. Du sollst nicht lügen.

Du brauchst nicht von der Wahrheit abzuweichen, weder um den Nächsten schlecht zu machen, noch um dein Versagen zu vertuschen, weder aus Bequemlichkeit noch weil es andere von dir verlangen. Lüge macht das Zusammenleben der Menschen auf Dauer zur Hölle.

Ich, der allmächtige Gott, habe Vertrauen zu dir!

 

9.+10. Du sollst nicht begehren, was deinem Nächsten gehört.

Du brauchst nicht neidisch zu sein, weder auf den Besitz der anderen, noch auf das Können oder den Erfolg der anderen. Neid nimmt dir die Freude am eigenen.

Du bist befreit. Du hast deine eigenen Gaben und Aufgaben. Du kannst es dir leisten, den anderen Gutes zu gönnen.  Ich, der allmächtige Gott, beschenke dich.                               

                                                                                             

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Zum 8. Gebot: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden…

Die drei Siebe

Aufgeregt kam jemand zu Sokrates gelaufen. . "Höre, Sokrates, das muss ich dir erzählen,..."

"Halt ein!", unterbrach ihn der Weise, "hast du das, was du mir sagen willst, durch die drei Siebe geschüttelt?"

"Drei Siebe?", fragte der andere voll Verwunderung.

"Ja, mein Freund, drei Siebe! Lass sehen, ob das, was du mir erzählen willst, durch die drei Siebe durchgeht. Das erste Sieb ist die Wahrheit. Hast du alles, was du mir erzählen willst, geprüft, ob es wahr ist?"

"Nein, ich hörte es erzählen, und..."

"So, so. Aber sicher hast du es mit dem zweiten Sieb geprüft, es ist das Sieb der Güte. Ist das, was du mir erzählen willst, wenn schon nicht als wahr erwiesen, wenigstens gut?"

Zögernd sagte der andere: "Nein, das nicht, im Gegenteil... "

"Dann", unterbrach ihn der Weise, lass uns auch das dritte Sieb noch anwenden und lass uns fragen, ob es notwendig ist, mir das zu erzählen, was dich so erregt."

"Notwendig nun gerade nicht.."

"Also", lächelte Sokrates, "wenn das, was du mir erzählen willst, weder wahr noch gut noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit!"

 

 

 

Zum 8. Gebot: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

Freitags wird gebadet

 

Freitag Abend. Mein Vater badete mit Genuss. Fichtennadelduft. Jeden Freitag ist das so. Plötzlich hörte ich das Telefon. Mein Vater schrie:

(Vater):   Heinz, hörst du? Ich bin nicht da!" Ich vergewisserte mich. Vater stand im roten Bademantel auf dem Flur und war nicht da.

(Heinz):  "Hab verstanden, du bist gleich da." Das sagte ich nur so aus Jux.

(Vater):    "Ich habe gesagt, dass ich nicht da bin!!"

Und nun kam auch noch Mutter aus der Küche und meinte sanft:

(Mutter): „Heinz, Vati ist nicht da.“

(Heinz):   "Ist schon gut", antwortete ich gelassen. „Am Telefon ist nur Herr Knopke."

Ich nahm den Hörer ab.

(Knopke):  "Richard?"

(Heinz):   "Nein, hier ist der Heinz, Herr Knopke."

(Knopke):  „Hol mal den Vater an die Strippe."

(Heinz):  „Der ist gar nicht da.", sagte ich scheinheilig in den Hörer und wurde trotzdem rot. Immer, wenn ich schwindeln muss, werde ich rot. Zum Glück ist es am Telefon egal, da merkt es der andere ja nicht.

(Knopke):  "Wo ist er denn?"

Und da hatte ich große Lust zu sagen: Ich werde ihn gleich mal fragen, er steht hinter mir. Das ging aber nicht, denn Vater stand hinter mir, schubste mich, fuchtelte mit den Armen und machte fürchterliche Grimassen – und zeigte in Richtung Niederdorf.

(Heinz):  "Er ist in Niederdorf!", sagte ich zu Herrn Knopke. Vati nickte anerkennend, so lobend, als wenn ich eine Eins in Mathe gekriegt hätte.

(Knopke):   "Bei Emil?", fragte Herr Knopke.

(Heinz):  „Genau dort!",  antwortete ich erleichtert und war froh, dass mir Herr Knopke sagte, wo mein Vater war.  Vati dagegen tippte sich mehrmals an die Stirn und meinte meine.

(Knopke):   "Da kann er aber nicht sein, denn von Emil aus rufe ich an." Peng, aufgelegt.

(Vater):    "Jetzt ist er eingeschnappt!", bemerkte mein Vater sehr treffend.

(Vater):    „Und du Dussel läst dich von dem glatt aufs Kreuz legen!" Nach einer Weile klopft es an die Tür. Die Tür ging auf und herein kam Herr Knopke. Er sah meinen Vater, ging an ihm vorbei und sprach nur mit Mutti – und bestellte Grüße an meinen Vater. Peinlich, peinlich!  Vater bemühte sich und sagte:

(Vater):    "Nu sei doch nicht so albern, Karl, das war doch nur ein Missverständnis! Mein Junge, weißt du, mein Junge, der hat das vermasselt..."

 

Zum 1.Gebot: Ich bin der Herr dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

Der Gott meines Vaters

 

Mein Vater hat für seinen Gott ein Häuschen gebaut, eine kleine Kapelle sozusagen, mit allem, was dazugehört, Licht, Heizung, Automatiktür. In tiefster Andachtshaltung poliert er seinen Gott. Er geht ganz nahe an ihn heran, haucht ihn an, ja, küsst ihn sozusa­gen. Wischt dann die Spuren seiner Zärtlichkeit gleich wieder mit einem Tuch aus feinster Wolle weg, so als wolle er sagen: "Herr, ich bin deiner nicht würdig."

Auf der Stirn trägt sein Gott einen Stern. Wenn mein Vater diesen Stern wieder zum Funkeln bringt, hört man ihn im Geiste sagen: „Geheiligt werde dein Name." Und stark ist er, der Gott meines Vaters, ganze 260 PS entwickelt sein dynamisches Inneres. Das verleiht auch meinem Vater Gefühle der Allmacht. Von Zeit zu Zeit ist mein Vater sehr besorgt um seinen Gott. Dann gibt es eine Krise mit dem tägli­chen Super. Wir hören ihn dann leise, jedoch mit voller Inbrunst beten: „O PS, 0 PS, 0 PS." Ich habe gehört, das sei irgend­ein arabischer Gott. Obwohl Götter wie derjenige meines Vaters auf den ersten Blick sehr modern erscheinen, in einem Punkt zumindest sind sie den primitiven ähnlich: sie verlangen Menschenopfer. Über 8000 sollen das im vergangenen Jahr gewesen sein. Über das finanzielle Opfer, das der Gott vom Vater abverlangt, schweigt dieser sich aus. Die monatliche Kollekte muss jedoch beträchtlich sein. Aber dem, der liebt, ist nichts zu viel. Ob andere auch solche Götter haben?

Ein Schüler

 

GLAUBEN

 

Fragen

Nach einem Gespräch mit Freunden, die unseren Glauben nicht teilen,

Gott nicht kennen,

und unsere Überzeugung nicht verstehen,

die stolz sind auf ihre Freiheit treffsicher in ihren Argumenten

aber bereit zum ehrlichen Gespräch ‑ nach diesem Gespräch dachte ich:

Mensch in den aufgeklärten Gedanken des 20. Jahrhunderts voller Logik und Klarheit ‑

wie kannst du leben ohne den Gott der Väter?

Mit wem redest du wenn keiner dir zuhört?

Was hast du am Leben ohne das Wort von Gottes Liebe?

Mensch, bist du freier geworden seit du ohne Gott lebst?

Bist du glücklicher ohne Worte, Symbole, Handlungen des Glaubens? Ist die Welt besser geworden als zur Zeit unserer Väter?

Mensch antworte mir, denn auch ich frage und suche und denke doch:

Ist nicht der zu beneiden, der geborgen in seinem Glauben lebt?

 

 

Glaube - Bonhoeffer

 

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.

Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen... In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

D. Bonhoeffer

 

Glaube – Immanuel Kant

„Ich habe in meinem Leben viele kluge und gute Bücher gelesen.

Aber ich habe in ihnen allen nichts gefunden, was mein Herz so still und froh gemacht hätte

wie die vier Worte aus dem 23.Psalm: Du, Gott, bist bei mir.“

Immanuel Kant, Philosoph

 

Glauben bekennen

Wir glauben nicht an das Recht des Stärkeren,

an die Sprache der Waffen, an die Macht der Mächtigen.

Wir glauben lieber

an das Recht der Menschlichkeit,

an die aufgehaltene Hand,

an die Macht der Gewaltlosen.

Denn Gott will, dass wir durch Liebe leben.

 

Wir glauben nicht an den Vorrang einer Rasse,

an Reichtum oder Privilegien.

Wir glauben lieber,

dass alle Menschen gleichermaßen Menschen sind,

und das eine Ordnung aus Gewalt keine Ordnung ist.

Denn Gott will, dass wir durch Liebe leben.

 

Wir glauben nicht, dass uns nicht angeht,

was fern von hier geschieht.

Wir glauben lieber,

dass die ganze Welt unsere Wohnung ist,

und dass alle ernten dürfen, was alle gesät haben.

 Denn Gott will, dass wir durch Liebe leben.

 

Wir glauben nicht, dass wir woanders gegen

Unterdrückung und Terror kämpfen können,

während wir bei uns Ungerechtigkeit und Verachtung dulden.

Wir glauben lieber,

dass nur ein Recht gilt, hier wie dort, und dass wir nicht frei sind,

solange es noch einen unfreien, ausgebeuteten  Menschen gibt.

Denn Gott will, dass wir durch Liebe leben.

 

Wir glauben nicht, dass Krieg und Hunger unvermeidlich sind,

und der Friede unerreichbar.

Wir glauben lieber an Gespräche,

an den Sinn bescheidener Handlungen,

an die einfachen Gesten der Liebe, an den Frieden auf Erden.

 Denn Gott will, dass wir durch Liebe leben.

 

Wir glauben nicht, dass alle Mühe vergeblich ist,

dass Misserfolg und Tod das Ende bedeuten.

Wir glauben – trotz allem – an den göttlichen Traum

von einem neuen Himmel und einer neuen Erde,

 

 in denen Liebe und Gerechtigkeit wohnen.

 

 

Ich glaube

Ich staune über diese Welt. Ich danke Gott für mein Leben. Ich möchte glücklich sein und glücklich machen mit allen Kräften. Ich möchte alle Geschöpfe lieben, die mir anvertraut sind und sie schützen. Ich kann und weiß mehr als sie, aber sie sind nicht weniger als ich. Ich staune über die Gedanken Gottes, die so viel tiefer sind als die meinen, über seinen Geist, der so viel höher ist als meine Vernunft. Ich bin überzeugt, dass ich von seiner Welt nur das Geringe wahrnehme, das meinem Geist entspricht und mir mehr verborgen ist, als ich je sehen und begreifen werde.

Ich sehe keinen Widerspruch zwischen meinem Wissen und meinem Glauben. Dass es elektronische Rechner gibt, was beweist das gegen die Auferstehung vom Tode? Ist ein Maulwurfshügel ein Argument gegen den Himalaja? Je größer die Kunst ist, die wir Menschen beherrschen, desto größer wird mir Gott, dessen Gedanken wir denken, und ich bitte Gott, mir Weisheit und Sorgfalt zu geben, dass ich immer mehr von seiner Welt verstehe. Ich glaube an den Schöpfer der Welt, der Erde und des Himmels, der Welt, die ich sehe, und der viel größeren, von der ich nicht den Schatten einer Ahnung habe. Das ist wahr.                        Jörg Zink

 

Glauben

Wir glauben an dich, Gott, Ursprung der Welt, Urgrund und Sinn, Schöpfer unseres Universums mit all seinen Geheimnissen, Licht unseres Lichtes. Du bist der Freund des Lebens. Du kennst uns von Ewigkeit und hast unsere Namen in deine Hand geschrieben.

Wir glauben an dich, Jesus Christus, Licht von Gott und Licht der Welt, Wunder der Menschlichkeit, Salz der Erde und Brot für uns Menschen. Du bist der Freund der Sünder. Dein Leben war ein Lied von der Liebe. Dein Handeln atmete göttliche Freiheit. In deinen Worten war der Klang von Versöhnung. Gewaltlos wurdest du Opfer von menschlicher Angst, Egoismus und Spielen der Macht.

Doch Gottes Liebe ist stärker als der Tod und seine Treue durch nichts zu zerstören. So hat Gott dich aus der Finsternis in sein Licht gerufen: Auferstehung — Leben in Gott. Neue Schöpfung — Leben in Fülle.

Wir glauben an dich, Heiliger Geist, göttliche Kraft, Quelle der Liebe, Gabe des Verstehens, Gemeinschaft über Sprachen und Grenzen hinweg. Du Trösterin in unseren Tränen und Feuer unserer Propheten. Du bist das einende Band unserer Kirchen und das Leben unserer Gemeinden. Wir glauben an deine Kirche, die Stadt auf dem Berg, an die Taufe, die uns zu Kindern Gottes macht, und an die Zukunft und Vollendung in Gott. Amen.

 

Aufregung der Frauen

Ich glaube an die heilige Aufregung der Frauen, die beim Aufgehen der Ostersonne den weg gewälzten Stein sahen. Ich teile ihre Hoffnung auf eine gelingende Gemeinschaft der Heiligen, eine Gemeinschaft befreiter Schwestern, erlöster Brüder, wo keiner wie ein Stein das Leben des anderen verschließt.

Ich  glaube an die wahre Unsterblichkeit Jesu, in dessen Begegnungen die tiefe Kraft des Lebens den Menschen ganz nahe kam. Der unabhängig von Macht und Meinung anderer alles Lebensverneinende anging, sich einmischte und aufrieb, bis ihm selbst das Recht zu leben genommen wurde und er gemordet wurde unter dem Hass. So reiht er sich in jene scheinbar endlose Kette Verachteter und Ermordeter, deren Leid sich nicht in Worte fassen lässt. Und dennoch können wir nicht schweigen,  sonst würden wir irre.

Ich glaube an das zarte zerbrechliche Geheimnis des Lebens, das wir Gott nennen, verborgen wie ein Korn in der Erde,  das uns in allem fragend begegnet und unsere Liebe,  unsere Angewiesenheit und Verantwortung wachruft.

 

                Ostergottesdienst 1987 in Wittenberg

 

Jesus war, was wir sein sollten

Ich glaube, dass Jesus war, was wir sein sollen:

Diener und Bruder aller, die ihn brauchten. Weil er liebte, musste er leiden.

Weil er so weit ging, musste er sterben.

Aber er starb nicht umsonst und unterlag in Wahrheit nicht.

Er wird das letzte Wort behalten, und alle, die Toten,

die Lebenden und die Kommenden, müssen sich messen lassen an ihm.

Ich glaube, dass mit Jesus ein neuer Geist in die Welt kam,

der die verfeindeten Menschen eine gemeinsame Sprache lehrt

und sich als Brüder und Schwestern erkennen lässt der uns ermutigt,

den Aufstand der Liebe gegen Hass und Angst zu fortzusetzen,

der unser Urteil schärft, die Verzweiflung überwindet

und jedes Leben lohnend macht.

Ich glaube, dass ich durch Jesus bin, was ich bin, durch ihn erfahre,

was Gott vermag. So wie ich verdanken sich ihm alle Menschen,

auch wenn sie es nicht wissen.

So wie mich rief er die ganze Welt ins Dasein.

Ihm gehört sie, ihm sind wir verantwortlich in allem, was wir tun. Amen

 

                Dorothee Sölle

 

Glaubensbekenntnis

Ich glaube an Gott, der die Liebe ist und der die Erde allen Menschen geschenkt hat.

Ich glaube nicht an das Recht des Stärkeren, an die Stärke der Waffen, an die Macht der Unterdrückung.

Ich glaube an Jesus Christus, der gekommen ist, uns zu heilen, und der uns aus allen tödlichen Abhängigkeiten befreit.

Ich glaube nicht, dass Kriege unvermeidlich sind, dass der Friede unerreichbar ist.

Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen, die berufen ist, im Dienst aller Menschen zu stehen.

Ich glaube nicht, dass Leiden umsonst sein muss, dass der Tod das Ende ist, dass Gott die Zerstörung der Erde gewollt hat.

Ich glaube,  dass Gott für die Welt eine Ordnung will, die auf Gerechtigkeit und Liebe gründet, auf dass alle Männer und Frauen gleichberechtigte Menschen sind.

Ich glaube an Gottes Verheißung, Gerechtigkeit und Frieden für die ganze Menschheit zu errichten.

Ich glaube an Gottes Verheißung eines neuen Himmels und einer neuen Erde,  wo Gerechtigkeit und Friede sich küssen.

Ich glaube an die Schönheit des Einfachen, an die Liebe mit offenen Händen, an den Frieden auf Erden. Amen.

 

                Weltversammlung der Christen in Seoul, 1990

 

Wir glauben an Gott.

Er gab denen, die unter dem Gesetz litten, die Liebe.

Er gab denen, die fremd waren im Land, ein Zuhause.

Er gab denen, die unter die Räuber fielen, seine Hilfe.

 

Wir glauben an Jesus Christus, Sohn Gottes, unseren Bruder

und Erlösen

Er gab denen. die Hunger hatten, zu essen.

Er gab denen, die im Dunkel lebten, das Licht.

Er gab denen, die im Gefängnis saßen, die Freiheit.

 

 

Wir glauben

Wir glauben an den heiligen Geist.

Er gibt denen, die verzweifelt sind, neuen Mut.

Er gibt denen, die in der Lüge leben, die Wahrheit.

Er gibt denen, die die Schrecken des Todes erfahren, die

Hoffnung zum Leben. Amen.

                Ernesto Cardenal

 

Seine Revolution verraten

Ich glaube an Gott, der die Welt nicht fertig geschaffen hat wie ein Ding, das immer so bleiben muss, der nicht nach ewigen Gesetzen regiert, 

die unabänderlich gelten, nicht nach natürlichen Ordnungen von Armen und Reichen Sachverständigen und Uninformierten, Herrschenden und Ausgelieferten.

Ich glaube an Gott, der den Widerspruch des Lebendigen will und die Veränderung aller Zustände durch unsere Arbeit, durch unsere Politik.

Ich glaube an Jesus Christus, der Recht hat, als er ,,ein einzelner, der nichts machen kann", genau wie wir an der Veränderung aller Zustände arbeitete und darüber zugrunde ging.

An ihm messend erkenne ich, wie unsere Intelligenz verkrüppelt, unsere Phantasie erstickt, unsere Anstrengung vertan ist, weil wir nicht leben, wie er lebte.

Jeden Tag habe ich Angst, dass er umsonst gestorben ist, weil er in unseren Kirchen verscharrt ist, weil wir seine Revolution verraten haben, in Gehorsam und Angst vor den Behörden.

                    Dorothee Sölle

 

 

GLÜCK

 

Der Schlüssel zum Glück   

Wir hatten bald genug zu essen. Aber wir waren nicht zufrieden. Wir brauchten Kleidung und bekamen sie. Aber wir waren nicht zufrieden. Wir brauchten Wohnungen und wir bekamen sie. Aber wir waren nicht zufrieden. Wir wollten uns einrichten und taten es. Aber wir waren nicht zufrieden. Wir wollten in Urlaub fahren und wir fuhren. Aber wir sind darum nicht zufrieden. Wir wollten Kinder haben und wir bekamen sie. Aber wir sind noch nicht zufrieden. Wann werden wir zufrieden sein? Wenn wir gestorben sind? Und bis dahin werden wir unzufrieden sein? Können wir uns eigentlich noch richtig freuen? Der Schlüssel  zum Glück ist Dankbarkeit.

H. May

 

Glück? Unglück?

Ein alter Mann und sein Sohn bestellten gemeinsam ihren kleinen Hof. Sie hatten nur ein Pferd, das den Pflug zog. Eines Tages lief das Pferd fort. "Wie schrecklich", sagten die Nachbarn, "welch ein Unglück."

"Wer weiß", erwiderte der alte Bauer, "ob Glück oder Unglück?"

Eine Woche später kehrte das Pferd aus den Bergen zurück. Es brachte fünf wilde Pferde mit in den Stall. "Wie wunderbar", sagten die Nachbarn, "welch ein Glück."

"Glück oder Unglück? Wer weiß", sagte der Alte.

Am nächsten Morgen wollte der Sohn eines der wilden Pferde zähmen. Er stürzte und brach sich ein Bein. "Wie schrecklich". Sagten die Nachbarn, "welch ein Unglück!" "Glück? Unglück?"

Die Soldaten kamen ins Dorf und holten alle jungen Männer in den Krieg. Den Sohn des Bauern konnten sie nicht brauchen, darum blieb er als einziger verschont.

 

 

Glücklich seid ihr

 

Glücklich seid ihr,

wenn eure Freude so groß ist,

dass sie sich ausbreitet wie eine ansteckende Gesundheit

und Traurige tröstet.

 

Glücklich seid ihr,

wenn ihr keine Angst habt,

euch in Mitleidenschaft ziehen zu lassen –

in das Leid des Nächsten, in die Not des Bruders.

 

Glücklich seid ihr,

wenn ihr eure Liebe verschenkt,

ohne eine Gegenrechnung aufzustellen.

Eure Liebe wird Menschen lebendig machen.

 

Glücklich seid ihr,

die ihr halbe Entscheidungen hinter euch lasst

und ganze Schritte tut.

Ihr werdet die Wahrheit finden.

 

Glücklich seid ihr,

die ihr euch nicht richtet

nach den Klischeevorstellungen eurer Mitmenschen.

Ihr fangt an, Menschen zu werden.

 

Glücklich seid ihr,

wenn ihr Andersdenkende und Minderheiten achtet

und ihnen Raum zum Leben gebt.

 

Glücklich seid ihr,

die ihr um Gottes Willen ausgelacht werdet,

die man links liegen lässt oder einfach totschweigt.

Ihr gehört zu Jesus Christus.

 

Glücklich seid ihr,

die ihr euch selbst nicht so wichtig nehmt.

Euch kann Gott gebrauchen.

 

Glücklich seid ihr,

die ihr die Gewalt verachtet,

für die Gedanken und Argumente bessere Waffen sind

als Panzer und Bomben.

Ihr werdet überleben.   

nach Lange/Seidel

 

 

Der kleine Nachtwächter          

 

Einmal, in einer Nacht voller Blütenduft und Sternengeflimmer, ging der kleine Nachtwächter mit seiner Laterne am Rande der Wiesen entlang.

Da sah er plötzlich, genau vor seinem rechten Fuß, ein vierblättriges Kleeblatt. "Oh!", sagte der kleine Nachtwächter erfreut. Er bückte sich, und pflückte es ab.

Weil ein vierblättriges Kleeblatt Glück bringt, beschloss er, die Leute zu wecken, denn das Glück ist schöner, wenn man es mit anderen teilt. „Steht auf", rief er. „Ich habe ein vierblättriges Kleeblatt gefunden!“

Da kamen die Leute zu ihm heraus, die Blumenfrau, der Dichter, der Drehorgelmann, das Luftballonmädchen und der Bauer. Sie setzten sich vor ihre Häuser und hielten Ausschau nach dem Glück. Ob es von links kommen würde, von rechts oder gar von oben? Sie ließen die Blicke wandern und lauschten in die Nacht. Am Waldrand spielten die Rehe, und die Fuchsmutter balgte sich mit ihren Kindern herum. Ganz in der Nähe geigte eine Grille, und der sanfte Nachtwind pflückte Blütenflocken von den Bäumen und ließ sie über die Dächer rieseln.

Da spazierten fünfzehn Mäuschen die Dorfstraße entlang. Immer eins ein bisschen kleiner als das andere. Der Mond spiegelte sich im Dorfteich. Das sah so hübsch aus, dass die Frösche einen Kreis um ihn bildeten und ihm ein Froschlied sangen. Das Bächlein murmelte. In der uralten Kastanie saßen die Eulen und träumten mit leuchtenden Augen in die Nacht. Die Leute waren ganz still. Sie schauten den Hasen zu, die auf der Wiese Männchen machten, und hörten die Glockenblumen läuten.

„Wann kommt den endlich das Glück?" fragte da plötzlich das Luftballonmädchen. „Pst!", antwortete der kleine Nachtwächter und legte den Finger an den Mund.

„Es ist längst da, die ganze Nacht ist angefüllt mit Glück. Spürt ihr das nicht?“    Gina Ruck-Pauquet