INSPIRATION  I

 

ALTER

 

Älter werden

0 Herr, du weißt besser als ich, dass ich von Tag zu Tag älter und eines Tages alt sein werde.

Bewahre mich vor der Einbildung, bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen. Erlöse mich von der großen Leidenschaft, die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.

Lehre mich, nachdenklich, aber nicht grüblerisch, hilfreich, aber nicht diktatorisch zu sein.

Bei meiner ungeheuren Ansammlung von Weisheit erscheint es mir ja schade, sie nicht ständig weiterzugeben - aber du verstehst, Herr, dass ich mir ein paar Freunde erhalten möchte.

Bewahre mich vor der Aufzählung endloser Einzelheiten und verleihe mir Schwingen, zur Pointe zu gelangen. Lehre mich schweigen über meine Krankheiten und Beschwerden. Sie nehmen zu und die Lust, sie zu beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr. Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen, mir Leidensberichte anderer mit Freude anzuhören, aber lehre mich, sie geduldig zu ertragen.

Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass ich mich irren kann. Erhalte mich so liebenswert wie möglich. Ich möchte kein Heiliger sein - mit ihnen lebt es sich so schwer, aber ein alter Griesgram ist das Krönungswerk des Teufels. Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken, und verleihe mir, o Herr, die schöne Gabe, es ihnen auch zu sagen.

Theresa von Avila, 1515-1582

 

Wir alle werden älter

Die Jahre schreiten fort und du bemerkst, dass bestimmte Plätze weiter weg sind, als sie es vorher je waren. So ist es zwei Mal so weit zur nächsten Bushaltestelle – und der Weg dahin geht jetzt bergauf. Hinter dem Bus herlaufen – habe ich aufgegeben. Der fährt jetzt viel schneller als früher.

Für mich sieht es aus, als hätte man Treppen steiler gemacht als in früheren Tagen.

Und – hast du bemerkt, dass die Buchstaben in der Zeitung immer kleiner werden?

Es macht auch keinen Sinn, jemanden zu bitten, es laut vorzulesen. Die Leute murmeln so leise, dass du sie kaum hören kannst. Man hat Schwierigkeiten, seine Schuhe anzuziehen, Hosen sind so eng gemacht, besonders um die Hüften herum.  Ich denke, sie sparen am Material.

Auch die Leute ändern sich. Sie sind viel jünger, als ich in meinem Alter war. Andere Leute meines Alters sind viel älter – ja, sie sehen älter aus als ich. Vor einiger Zeit traf ich einen alten Schulfreund, der so stark gealtert war, dass er mich nicht erkannte.

Ich stelle fest, wenn man älter wird, hat man so viel Wissen gespeichert, dass es schwierig wird, sich an wichtige Informationen zu erinnern, z.B. an das griechische Alphabet – oder, wo man seine Hausschuhe gelassen hat. Das kann sehr ärgerlich sein, wenn du zum Beispiel die Treppe rauf gehst.  Auf halbem Weg bemerkst du, dass du vergessen hast, was du holen wolltest.

Du musst dich entscheiden: Entweder nach unten zu gehen, um dich zu erinnern, was du holen wolltest, oder weiter nach oben zu gehen und nach etwas zu suchen, was man gebrauchen und mit nach unten nehmen könnte. Normalerweise, als letztes Mittel, setze ich mich auf den Treppenabsatz und denke darüber nach, nur um zu entdecken, dass ich mich nicht erinnern kann, ob ich unten war und nach oben wollte, oder ob ich oben war, um nach unten zu gehen.

 

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend

dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,

blüht jede Weisheit auch und jede Tugend

zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe

bereit zum Abschied sein und Neubeginne,

um sich in Tapferkeit und ohne Trauern

in andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

 

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreitn,

an keinem wie an einer Heimat hängen;

der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,

er will uns Stuf um Stufe heben, reifen.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise

und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;

nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,

mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

 

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde

uns neuen Räumen jung entgegen senden;

des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.

Wohlan denn, Herz,

nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse

 

ANGST

 

Nummer Sicher!

 Sicherheit war das oberste erste Prinzip seines Lebens. Von einem der ersten Künstler des Landes hatte er sich ein Bild malen lassen mit dem schön geschriebe­nen Spruch: "Immer auf  Nummer Sicher gehen!" Da er ein frommer Mann war, glaubte er, der Spruch stamme aus der Bibel. Deshalb begleitete ihn dieser Spruch sein ganzes Leben lang. Früher hing er (von ihm selbst geschrieben) über dem geerbten Sofa sei­ner Großmutter, später über dem Stahlrohrsessel sei­nes Büros, jetzt - doch das kommt später.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Seine Frau hatte einen nicht geringen Anteil an dem Streben nach Sicherheit. Zwar kann man beim besten Willen nicht behaupten, dass sie mit Geistesgaben überhäuft gewesen wäre, aber sie war die ideale Frau für ihn. Denn wenn sie auch nicht die Punischen Kriege be­herrschte und Albrecht Dürer nicht von Beethoven unterscheiden konnte, eines konnte sie, Fragen stel­len - oder vielmehr eine ganz bestimmte Frage stellen, und die lautete: "Wenn nun aber. . ."

Als er ein Haus gekauft hatte, sagte sie: "Wenn nun aber der Blitz einschlägt?" Als er einen Blitzableiter ge­kauft hatte, sagte sie: "Wenn nun aber ein Erdbeben kommt?" Als er ein neues Haus in einer völlig erd­bebensicheren Gegend gekauft hatte, sagte sie: "Wenn nun aber eine Lawine kommt?'" Kurz und gut, ein anders veranlagter, sagen wir ein normal veranlagter Mann hätte sie spätestens nach der dritten Frage hinausgewor­fen, wenn er nicht überhaupt mit dem Strafgesetz­buch in Konflikt geraten wäre. Nicht so er! Die Fra­gen seiner Frau waren der richtige Antrieb seiner Phantasie. Zuerst ging es ihm nur um mehr Sicher­heit:

Mehr Gehalt, mehr Geld auf der Bank als Erb­teil für seine Kinder, noch mehr Geld bis hin zur finanziellen Unabhängigkeit! Oder: ein kleines Haus, ein größeres Haus, ein Schloss, dazu mehrere Häuser, denn "wenn nun unser Geld verfällt, was erben die Kinder dann"? Selbstverständlich alle Häuser mit Blitzableiter, erdbeben- und hochwassersicher, aus unverwüstlichem Beton, alle Fenster aus splitter­sicherem Glas, in jeder Etage eine Alarmeinrichtung!

Oder: ein Moped, ein Motorroller, ein kleines Auto, ein großes Auto, das größte Auto, mehrere Autos, alle mit den besten Chauffeuren, keiner von ihnen, der nicht 500 000 unfallfreie Kilometer unter den Beinen hatte!

Soweit, so gut! Sein Leben war vorgeplant bis ins Letzte. Seine drei Söhne und zwei Töchter brauchten sich keine Sorgen zu machen. Ging ihr Barvermögen verloren, hatten sie noch die Häuser, gingen die Häu­ser verloren, hatten sie noch ihren Schmuck, und der reichte wiederum bei jedem einzelnen für ein Leben ohne Sorgen, mehrere Häuser und mehrere Autos, mit Blitzableitern, Betonsockeln und unfallfreien Chauffeuren, versteht sich.

Aber nun hatte er Blut geleckt. "Wenn nun aber. . ." Ging es bisher um mehr Sicherheit, so ging es ihm nun um die vollkommene, um die endgültige Sicherheit, die alle Eventualitäten ausschloss. Er baute einen riesigen Bunker. "Wenn wir aber nun recht lange da drin bleiben müssen?"

Er baute riesige unterirdische Konservenlager. "Wenn es nun aber so schnell geht, dass wir gar nicht mehr bis in den Bunker kommen?" Er zog mit Frau und Kindern ganz in den Bunker. Nun hatte er es ge­schafft, ein Leben in Sicherheit, in vollkommener Sicherheit!

Die Kontrolle aller Sicherheitseinrichtungen voll­zog sich nach einem genauen Plan: Er selbst kon­trollierte den Hauptbunker, sein ältester Sohn den Vorratsbunker, seine Frau die Hauptnahrungsmittel, sein zweiter Sohn die Genußmitte1, seine erste Toch­ter die eingelagerten Kleider, Zahnbürsten, Gummi­stiefel, Matratzen usw., seine zweite Tochter die Medikamente, und sein dritter Sohn schließlich kon­trollierte, ob alle anderen auch richtig kontrollierten. Es bedeutete pro Person zwölf Stunden Arbeit am Tage, die Sonntage eingerechnet. Aber dann saßen sie miteinander am spärlich beleuchteten Tisch, des­sen Lampe durch einen eigenen Diesel erhellt wurde ("Wenn nun aber die Elektrizitätswerke ausfallen?"), unter dem Spruch: "Immer auf Nummer Sicher ge­hen!", aßen Konserven, tranken Selterswasser und genossen ihre Sicherheit. Und sie hätten noch lange in dieser Weise glücklich leben können, wenn nicht seine Frau eines Tages den Mund aufgetan und die Unglücksfrage gestellt hätte:

"Wenn nun aber plötz­lich die Erde mit dem Mond zusammenstößt?" Dar­über grübeln sie nun in den Abendstunden und fin­den wenig Schlaf und leben in furchtbarer Angst vor dem Mond.

Wir aber, geneigter Leser, wollen an dieser Stelle hinausgehen vor die Tür und den Mond betrachten, falls er gerade scheint. "Na, du unsicherer Kandidat", wird mancher zu ihm sagen, der die Schalen unserer düsteren Gesichte noch nicht ganz abgestreift hat. Wir bleiben bei dem, was wir gewohnt sind, was er uns immer war und heute noch ist und bleiben wird und nennen ihn unseren Freund, dem wir vertrauen.

Dietrich Mendt

 

 

AUFERSTEHUNG

 

Weil wir nicht ganz zu Hause sind

 

Eigentlich wissen wir alle

so sagte Heinrich Böll

dass wir hier auf der Erde nicht zu Hause sind

nicht ganz zu Hause sind

Höhlen haben die Füchse

Nester haben die Vögel

unter den Himmeln

Nichts hat der Menschensohn

um sein Haupt niederzulegen

 

Eigentlich wissen wir alle

dass wir hier auf geliehener Erde

zu Gast sind eine Weile

Geht fort aus dem Haus

das euch nicht aufnehmen will

Geht fort aus der Stadt die euch nicht anhören mag

Schüttelt den Staub von den Füssen

Lasst ihn zurück!

 

Eigentlich wissen wir alle

was die verfolgten Christen

in Rom wussten und in El Salvador wissen

Mit den Gefangenen habt ihr mitgelitten

den Raub eurer Güter

nahmt ihr mit fröhlichen Herzen hin

denn ihr wusstet dass ihr

eine bessere bleibende Habe

im Himmel habt

 

Eigentlich wissen wir alle

dass wir hier auf der Erde

nicht zu Hause sind

nicht leben können

nicht ganz jedenfalls

Der Staat aber dem wir angehören

ist im Himmel

Das Reich in dem wir Bürger sind         

ist in den Himmeln

 

Eigentlich wissen wir es schon lange

Ein neuer Himmel und eine neue Erde ist es

die wir erwarten

und in ihnen wird Gerechtigkeit wohnen

dass wir hier keine bleibende Statt haben

aber die zukünftige suchen

Dorothee Sölle

 

Von guten Mächten

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

D. Bonhoeffer

 

Die Fabel vom Blutegel und Libellenlarve

Es geschah in einem Tümpel am Rande eines Waldes.

Dort lebte ein Blutegel, der sich in seinem Tümpel gut auskannte, weil er ihn in allen Richtungen erforscht und durchschwommen hatte. 

Aber auch eine Libellenlarve, die aussieht wie ein langbeiniger Käfer, lebte in dem Schlamm des Tümpels. Sie war meist so mit Schlamm bedeckt, dass man sie von ihrer Umgebung kaum unterscheiden konnte. Doch ein merkwürdiger Drang trieb sie immer wieder nach oben, um neue Kraft zu schöpfen.

Der Blutegel sagte eines Tages zu der Libellenlarve:

„Was hast du auch für eine merkwürdige Art, aus dem Schlamm aufzusteigen. Ich habe kein Bedürfnis nach dem, was du Himmelsluft nennst.“

Die Libellenlarve erwiderte:

„Ach, ich trage eine große Sehnsucht in mir. Ich möchte über diesen Tümpel hinaus, denn da drüben sehe ich einen hellen Schein, und merkwürdige Schatten huschen über uns hinweg. Aber meine Augen sind wohl nicht geeignet, um das zu erkennen, was über uns ist. Aber wissen möchte ich es doch.“

Der Blutegel krümmte sich vor Lachen:

„O du phantasievolle Seele! Du glaubst wirklich, über dem Tümpel sei noch etwas? Glaub es mir doch als erfahrenem  Mann: Ich habe den ganzen Tümpel durchschwommen. Dieser Tümpel ist die Welt und die Welt ist ein Tümpel, und außerhalb dieses Tümpels gibt es nichts.“

„Aber ich habe den Lichtschein gesehen!“, sagte die Libellenlarve, „und geheimnisvolle Schatten“. 

„Das sind Hirngespinste, nichts als Hirngespinste!“, versicherte der Blutegel. „Nur was ich spüren und betasten kann, existiert wirklich. Alles andere ist reine Einbildung.“

Doch es dauerte nicht lange, da kroch die Libellenlarve tatsächlich aus dem Wasser.

Mit ihr vollzog sich eine unwahrscheinliche Umwandlung. Es wuchsen ihr Flügel, sie verlor ihre schwerfällige Hülle und im goldenen Sonnenschein flog sie pfeilschnell über die glatte Wasserfläche dahin. 

Der Blutegel aber unten im Tümpel begriff nicht, wohin die Libellenlarve verschwunden war.

 

 

Gottergeben sterben

Am Morgen etwa zwischen 5 und 6 Uhr wurden die Gefangenen, darunter..., aus den Zellen geführt und die kriegsgerichtlichen Urteile verlesen. Durch die halbgeöffnete Tür eines Zimmers im Barackenbau sah ich vor Ablegung der Häftlingskleidung Pastor Bonhoeffer in innigem Gebet mit seinem Herrgott knien. Die hingebungsvolle und erhörungsgewisse Art des Gebets  dieses außerordentlich sympathischen Mannes hat mich auf das Tiefste erschüttert. Auch an der Richtstätte selbst verrichtete er noch ein kurzes Gebet und bestieg dann mutig und gefasst  die  Treppe zum Galgen. Ich habe in meiner fast 50jährigen ärztlichen Tätigkeit kaum je einen Menschen so gottergeben sterben gesehen.

Otto Dudzus überliefert, was er von dem englischen Lagerarzt geschildert bekam, des Lagers, in dem D. Bonhoeffer gefangen gehalten wurde.

Im Zusammenhang der Verschwörung vom 20. Juli 1944 gegen Hitler wurde Bonhoeffer am 9.4.1945 hingerichtet.

 

An das andere Ufer

Ein Hirt saß bei seiner Herde am Ufer eines großen Flusses, der am Rande der Welt fließt. Wenn er Zeit hatte, schaute er über den Fluss und spielte auf seiner Flöte.

Eines Abends kam der Tod über den Fluss herüber und sagte: Ich komme und möchte dich mitnehmen auf die andere Seite. Hast du Angst?

Warum Angst? fragte der Hirt. Ich habe immer hinübergeschaut über den Fluss, seit ich hier bin. Ich weiß, wie es dort ist.

Da legte ihm der Tod die Hand auf die Schulter, und der Hirt stand auf und fuhr mit ihm über den Fluss, als wäre nichts.

Das Land am anderen Ufer war ihm nicht fremd, und die Töne seiner Flöte, die der Wind hinübergetragen hatte, waren noch da.

Jörg Zink    aus: Wie Sonne und Mond einander rufen

 

Brücke an das andere Ufer

Als meine Frau 41 Jahre alt war, erkrankte sie an Krebs.

Im Sommerurlaub ent­deckte sie den Knoten. Drei Monate später wurde sie operiert.

Die kleine Ge­schwulst, war bösartig. Der Arzt sagte:

"Wir haben rechtzeitig operiert. Die Krankheit war im Frühstadium. Aber bestrahlen wollen wir die Stelle doch noch."

Meine Frau erholte sich schnell von der Operation und den Bestrahlungen. Sie konnte bald wieder ihre Arbeit tun, nicht in vollem Umfang zunächst, aber mit den Jahren immer mehr.

Alle ärztlichen Untersuchungen in den folgenden Jahren ergaben keinen Grund zur Besorgnis. Der Arzt sagte: "Wenn fünf Jahre nach der Operation kein neuer Befund vorliegt, gelten Sie als geheilt."

Und - es lag kein neuer Befund vor nach fünf Jahren. In unseren Herzen war keine Angst mehr. Wir zogen um in eine andere Stadt.

Meine Frau übernahm eine neue und größere Aufgabe in ihrem Beruf. Sie fühlte sich wohl in ihrer neuen Arbeit und in ihrer Familie. Nur manchmal war sie schneller müde als früher und schneller erschöpft. "Ich bin ja auch älter geworden", sagte sie zu mir.

Sie war tatsächlich älter geworden. Neun Jahre waren vergangen seit der Operation. Da erkrankte meine Frau von neuem. Am 24. Februar dieses Jahres sagte sie morgens, als wir gemeinsam zum Dienst fahren wollten: "Ich kann heute nicht mitfahren; mir ist nicht gut."

Das kannte ich nicht von ihr aus den 24 Jahren unserer Ehe, dass sie so eindeutig sagte: "Ich kann heute nicht."

Die  Kopfschmerzen blieben und wurden immer schlimmer. Andere Symptome traten hinzu. Schließlich wurde meine Frau ins Krankenhaus eingeliefert zur gründlichen Untersuchung

und ohne Befund wieder entlassen. Die Schmerzen blieben, im Gegenteil, sie waren schlimmer als zuvor. Das Gesamtbefinden wurde schlecht. Wir befragten den Neurologen, und meine Frau musste wieder ins Krankenhaus, in ein anderes in einer anderen Stadt. Noch einmal Untersuchungen, aber auch sie waren ohne Befund.

Als ich meine Frau am Ostersonntag im Krankenhaus besuchte, waren wir allein im Zimmer. Die Mitpatientin hatte Osterurlaub. Meine Frau konnte nicht mehr essen und nicht mehr aufstehen. Die Kopfschmerzen waren jetzt oft unerträglich.

Da sagte sie zu mir: "Die Ärzte finden die Krankheitsursache nicht. Ich weiß, was es ist: Es ist wieder Krebs, und diesmal kann nicht operiert werden. Wir müssen damit rechnen, dass es keine Heilung mehr gibt." Ganz ruhig sagte sie das.

So kannte ich sie. So ruhig hatte sie oft zu mir gesprochen, so klar Tatsachen be­nannt. Und ich wusste in diesem Augenblick: Sie täuscht sich nicht. Sie hat recht. So ist es. Ich sagte: ,,Es kann sein, dass du recht hast." Da hatte meine Frau auch mich verstanden. Wir wussten beide, wie ernst es war.

Und das war der nächste Satz, den meine Frau sprach, in unser Schweigen hin­ein:  "Wir haben in unserem Dienst viel von Gott gesprochen. Was bedeutet der Glaube an Gott jetzt für uns beide?"

Die Ostersonne schien auf ihr Deckbett, nicht auf ihr Gesicht.

"Viele Worte der Bibel sagen mir jetzt gar nichts", fuhr die Kranke fort, "ich kann auch nicht beten." Auch das sagte sie ganz ruhig.

Da spürte ich, dass meine Frau den Boden unter den Füßen verlor und in eine dunkle Tiefe hinab sank. "Du musst dich nicht zwingen, wenn du nicht beten kannst. Das tun jetzt andere für dich", antwortete ich.

Kein überflüssiges Wort wurde an diesem Nachmittag gesprochen zwischen uns.

Es war nicht die Zeit, viele Worte zu sagen. Es war auch nicht die Zeit zu klagen. Keiner wollte dem anderen das Herz schwerer machen, als es schon war. Wir wussten beide, dass ein schwerer Weg zu gehen war.

Aber es war nun an der Zeit, nach dem festen Grund zu fragen angesichts des zu erwartenden Todes.

Meine Frau sagte: An ein Bibelwort muss ich jetzt oft denken, das aus Römer 8: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges uns scheiden kann von der Liebe Gottes“, und sie fügte nach einer Pause hinzu:

"Sag mal, glaubst du das ?" Brauchte sie meine Gewissheit, um selber gewiss sein zu können? Über den Abgrund, der sich in dieser Stunde für uns beide auftat, antwortete ich so ruhig, wie meine Frau gesprochen und gefragt hatte:

"Ja, das glaube ich; nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes, auch das Sterben nicht." Mehr sagte ich nicht; mehr muss nicht gesagt werden in einer solchen Stunde, in ­wir ganz persönlich gefragt werden, was für uns gilt. Da antwortete meine Frau: "Das ist gut." Und ich sagte noch: "Das ist gut für uns beide." Nun war alles gesagt. Der Abgrund war da, und der feste Grund war da mitten im Abgrund. Nachträglich bin ich froh darüber, dass wir an diesem Ostersonntag klar und ruhig über den Glauben angesichts des Todes sprechen konnten.

Eine Woche später wäre das schon nicht mehr möglich gewesen. Die Krankheit nahm ihren Lauf.

Immer wieder sagte ich bei meinen Besuchen in der Klinik meiner Frau das Wort aus Römer 8. Manchmal sagte ich nur den Anfang: "Du weißt: Ich bin gewiss, . . .", und sie nickte.

Manchmal sprach ich ihr ein Stück dieses Wortes vor, und sie sprach es langsam nach. Ganze Sätze konnte sie in diesem Stadium der Krankheit nicht mehr behalten. Sechs Wochen nach Ostern starb meine Frau. Erst die Untersuchungen nach ihrem Tod brachten die Bestätigung, dass es zum zweiten Mal eine Krebserkrankung war.

Bei meinem letzten Besuch konnte meine Frau nicht mehr sprechen, aber sie konnte mich noch verstehen. Das merkte ich. Zum letzten Mal sprach ich zu ihr das Wort aus Römer 8, "dass nichts uns scheiden kann von der Liebe Gottes, ­in Christus Jesus ist, unserem Herrn".-

Es war die letzte Brücke zwischen uns. Das Gebet, das ich dann noch sprach, und der Segen,

das war die Brücke zu einem anderen Ufer.

 "Sei mir ein starker Fels". Verteilblatt zum Ewigkeitssonntag 1984

 

Über Nacht war Regen gefallen

Über Nacht war Regen gefallen, und nun wandern Wolken über den Himmel - ab und zu sprüht Nässe herab. Ich stehe unter einem Apfelbaum, der zu verblühen beginnt, und atme. Nicht allein der Apfelbaum, sondern auch die Gräser rings­umher haben die Feuchtigkeit des Regens aufgesogen ­

kein Name lässt sich finden für jenen süßen Duft, der die Luft erfüllt. Ich sauge ihn ein mit der vollen Kraft meiner Lunge, und meine ganze Brust spürt den Wohlgeruch. Ich atme, atme - einmal mit offenen Augen, dann wieder mit geschlos­senen Augen. Ich weiß nicht zu sagen, was schöner ist.

Dies ist wohl jene einzigartige, allerkostbarste Freiheit, deren uns das Gefängnis beraubt, so zu atmen, hier zu atmen. Kei­ne Speise dieser Erde, kein Wein erscheint mir süßer als die­se Luft - diese Luft, gesättigt von Blühen, Feuchtigkeit, Fri­sche. Ist es auch nur ein winziges Gärtchen, eingezwängt zwischen den Käfigen fünfstöckiger Häuser. Das Knattern der Motorräder, das Geheul der Plattenspieler, das Getrom­mel der Lautsprecher entschwinden meinem Bewusstsein.

Solange man noch unter einem Apfelbaum nach dem Regen atmen kann - so lange lässt es sich leben.

Alexander Solschenizyn

 

Die Uhr

 

Ich trage, wo ich gehe, stets eine Uhr bei mir.

Wie viel es geschlagen habe, genau seh` ich an ihr.

Es ist ein großer Meister, der künstlich ihr Werk gefügt,

wenngleich ihr Gang nicht immer dem törichten Wunsche genügt.

 

Ich wollte, sie wäre rascher gegangen an manchem Tag,

ich wollte, sie hätte manchmal verzögert den raschen Schlag.

In meinen Leiden und Freuden, in Sturm und in der Ruh`,

was immer geschah im Leben, sie pochte den Schlag dazu.

 

Sie schlug am Sarge des Vaters, sie schlug an des Freundes Bahr`,

sie schlug am Morgen der Liebe, sie schlug am Traualtar.

Sie schlug an der Wiege des Kindes, sie schlägt, will`s Gott, noch oft.

Wenn bessere Tage kommen, wie meine Seel es erhofft.

 

Und ward sie auch manchmal träger, und drohte zu stocken ihr Lauf,

so zog der Meister immer großmütig sie wieder auf.

Doch stände sie einmal stille, dann wär´s um sie gescheh`n,

klein andrer, als der sie fügte, bringt die Zerstörte zum Gehn.

                 

Dann müsst` ich  zum Meister wandern, der wohnt am Ende wohl weit,

wohl draußen, jenseits der Erde, wohl dort, in der Ewigkeit!

Dann gäb` ich sie ihm zurücke mit dankbar kindlichem Flehn:

Sieh, Herr, ich hab nichts verdorben, sie blieb von selber stehn!

Gabriel Seidl

 

Wachsen

Vergiss nie,

dass das Leben nichts ist

als ein Wachsen in der Liebe und

ein Vorbereiten auf die Ewigkeit.

Alexander Schmorell,

Mitbegründer der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“,

hingerichtet 13.8.1943

 

 

 

BIBEL

 

Bibel - Meinungsäußerungen

 

Voltaire  (franz.Philosoph 1694-1778) :

In 100 Jahren wird man die Bibel nur noch in den Bibliotheken finden, und zwar als Beispiel für die Dummheit vergangener Geschlechter.

 

Luther, Martin (Reformator)

Es ist auf Erden kein klareres Buch geschrieben als die Heilige Schrift. Sie ist gegen andere Bücher wie die Sonne gegen andere Lichter.

 

Napoleon (Feldmarschall)

Ich werde nicht müde, sie immer wieder zu lesen: jeden Tag lese ich sie mit der gleichen Lust.

 

Goethe (Dichter)

Ich bin überzeugt, dass die Bibel immer schöner wird je mehr man sie versteht.

Ich halte sie lieb und wert, denn fast ihr allein war ich meine sittliche Bildung schuldig... , der Maßstab für das Leben und die Kraft eines Volkes wird immer seine Stellung zur Bibel sein.

 

Kant, Immanuel (großer deutscher Philosoph)

Die Bibel ist mein edelster Schatz, ohne welchen ich elend wäre

 

Albert Einstein (Atomphysiker)

Wer die Bibel kennt, kennt das Leben.

 

Richter, Ludwig (Maler)

Ohne Bibel habe ich das Gefühl eines einsamen Schiffers auf dem Meer, der ohne Kompass und Steuer von Wind und Wellen getrieben wird.

Einstein, Albert (Atomphysiker)

Wer die Bibel kennt, kennt das Leben.

 

Chagall, Marc (Maler)

Seit meiner frühen Kindheit hat mich die Bibel gefesselt.

 

Brecht, Bertolt (Schriftsteller)

Die Bibel ist das interessanteste Buch der Weltliteratur.

 

Gollwitzer (Theologe)

Die Bibel ist ein parteiliches Buch für die Elenden und Unterdrückten.

 

St.-Exupery (Schriftsteller)

Ich habe gerade etwas in der Bibel gelesen: Wie wunderbar ist das, welche Schlichtheit, welch machtvoller Stil, und dazwischen auch welche Poesie!

 

Richter, Ludwig (Maler)

Ohne Bibel habe ich das Gefühl eines einsamen Schiffers auf dem Meer, der ohne Kompaß und Steuer von Wind und Wellen getrieben wird.

 

 

Falsches Bibelverständnis

Töchter in die Sklaverei verkaufen

Laura Schlessinger ist eine US-Radio-Moderatorin, die Leuten, die in ihrer Show anrufen, Ratschläge erteilt, wobei sie sich gern auf eine Bibelaus­legung stützt. Kürzlich sagte sie, Homosexualität sei schon deshalb verwerflich, weil sie nach 3. Mose 18,22 ein Gräuel sei. Die folgende ironische Replik eines US-Bürgers an Dr. Laura wurde im Internet verbreitet.

Liebe Dr. Laura,

vielen Dank, dass Sie sich so aufopfernd bemühen, den Menschen die Gesetze Gottes näher zu bringen. Ich ha­be einiges durch Ihre Sendung gelernt und versuche, das Wissen mit anderen zu teilen. Ich benötige allerdings ein paar Ratschläge von Ihnen im Hinblick auf einige der speziellen Gesetze und wie sie zu befolgen sind.

•              Wenn ich am Altar einen Stier als Brandopfer darbie­te, weiß ich, dass dies für den Herrn einen lieblichen Geruch erzeugt (3. Mose 1,9). Das Problem sind meine Nachbarn. Sie behaupten, der Geruch sei nicht lieblich für sie. Soll ich sie niederstrecken?

•              Ich würde gerne meine Tochter in die Sklaverei ver­kaufen, wie in 2. Mose 21,7 erlaubt. Was wäre heutzu­tage ein angemessener Preis für sie?

•              3. Mose 25,44 stellt fest, dass ich Sklaven besitzen darf, sowohl männliche als auch weibliche, wenn ich sie von benachbarten Nationen erwerbe. Einer meiner Freunde meint, dass würde auf Mexikaner zutreffen, aber nicht auf Kanadier. Können Sie das klären? Warum darf ich keine Kanadier besitzen?

•              In 3. Mose 21,20 wird dargelegt, dass ich mich dem Altar Gottes nicht nähern darf, wenn meine Augen von einer Krankheit befallen sind. Ich muss zugeben, dass ich eine Lesebrille trage. Muss meine Sehkraft perfekt sein oder gibt es hier eine wenig Spielraum?

•              Mein Onkel hat einen Bauernhof. Er verstößt gegen 3. Mose 19,19, weil er zwei verschiedene Saaten auf ein und demselben Feld anpflanzt. Darüber hinaus trägt seine Frau Kleider, die aus zwei verschiedenen Stoffen gemacht sind (Baumwolle/Polyester). Er flucht und lästert außerdem recht oft. Ist es wirklich notwendig, dass wir den ganzen Aufwand betreiben, das komplette Dorf zusammenzuholen, um sie zu steinigen (3. Mose 24,10-16)? Genügt es nicht, wenn wir sie in einer klei­nen, familiären Zeremonie verbrennen, wie man es ja auch mit Leuten macht, die mit ihren Schwiegermüt­tern schlafen? (3. Mose 20,14)

Ich weiß, dass Sie sich mit diesen Dingen ausführlich beschäftigt haben, daher bin ich auch zuversichtlich, dass Sie uns behilflich sein können.

Und vielen Dank nochmals dafür, dass Sie uns daran erinnern, dass Gottes Wort ewig und unabänderlich ist.         Ihr ergebener Jünger und bewundernder Fan Jake

 

 

Bibel - Quelle des Glaubens und Richtschnur der Kirche 

Von Christoph Demke  (ehem. Bischof der Ev. Kirchenprovinz Magdeburg)

 

In dem berühmten armenischen Handschriftenmuseum in Jerewan sah ich 1983 Blätter wunderschöner Bibel­handschriften mit eigentümlichen Lö­chern wie von Kugeleinschüssen und Einschnitten wie von Messern. Der Eindruck trog nicht: Auf der Flucht vor einem der vielen Überfälle oder Vertreibungen durch eine der benach­barten Großmächte, wie sie das arme­nische Volk immer wieder betroffen haben, hatten Mönche sich diese Handschriftenblätter um den Leib ge­wickelt wie eine Kugelweste. Wer diese Blätter betrachtet, dem steht anschau­lich vor Augen: die Heilige Schrift als Schutz des Lebens und Quelle des Le­bensmutes für jeden Menschen.

In den westlichen Kirchen ist die Bibel im Laufe der Jahrhunderte stär­ker unter dem Gesichtspunkt der Norm für die christliche Verkündi­gung gesehen worden. Das ist beson­ders in unseren evangelischen Kirchen der Fall. Luthers kämpferische Formel „Allein die Schrift!" brachte zum Aus­druck: Norm für die Kirche ist nicht das, was die kirchliche Lehrtradition aus den Zeugnissen der Schrift ge­macht hat. Die Schrift selbst soll diese Norm sein. Wir müssen ihr nichts hin­zufügen. Sie genügt, um die Verkündi­gung der Kirche und das christliche Leben zu orientieren. Nur vor der Schrift und vor nichts anderem ist das Tun und Lehren einer christlichen Kir­che zu verantworten.

Das hat den reformatorischen Kir­chen den Spott eingebracht: Ihr habt einen papiernen Papst. Mancher „fundamentalistische" Bibelgebrauch, bei dem jeder Satz der Bibel wie eine zeitlose Wahrheit verstanden wird, gibt zu diesem Missverständnis auch heute Anlass. Selbst in der nichtkirch­lichen Öffentlichkeit werden die Tex­te der Bibel immer wieder wie gesetz­liche Normen verstanden. Die Frage folgt dann auf dem Fuße: Muss man wirklich alles glauben und befolgen, was in der Bibel steht?

Natürlich nicht. Denn dazu ist sie viel zu bunt und voller Spannungen und Widersprüche. Sie ist nicht auf irgendeine Weise vom Himmel gefal­len. Die Menschen, die sie geschrie­ben haben, lebten in den verschiede­nen Jahrhunderten mit den Vorstel­lungen und Anschauungen ihrer Zeit, die auch in ihre Texte eingeflossen sind. Die Sammlung der Schriften des Alten und des Neuen Testaments nehmen oft Sammlungen von älteren zum Teil mündlichen Überlieferun­gen auf. Dabei wurde nicht alles stim­mig zurechtgestutzt. Vielmehr tragen die Schriften die Spuren ihrer Entste­hung deutlich an sich. Sie verlangen deshalb von Anfang an nach einer Auslegung. So ist im Judentum und Christentum die Kunst der Interpre­tation hoch entwickelt. Da werden Spannungen spannend und Wider­sprüche produktiv. Das gehört zu einem lebendigen Umgang mit der Heiligen Schrift. Gerade wenn man die biblischen Schriften in ihrer Viel­falt und Geschichtlichkeit achtet und sich damit auseinandersetzt, erschlie­ßen sie uns, wie Gott uns anredet und was er von uns erwartet.

Zurück nach Jerewan: Im Ostergottes­dienst erlebte ich damals ein regel­rechtes kleines Drama. Es ist in ortho­doxen Kirchen ein Teil der Liturgie, der Einzug des Evangeliums in die Welt. Über den undurchdringlich dichten Weihrauch-Wolken vor der Altarwand erscheint plötzlich ein ro­tes Buch. Es verschwindet sofort wie­der in den Wolken, bis es vom Patriar­chen auf die Gemeinde zugetragen und aufgeschlagen wird. Dann verliest der Liturg das Evangelium tatsächlich „unter Tränen", wie es die Liturgie vor­schreibt. In unseren evangelischen Gottesdiensten ist die Verlesung des Evangeliums dadurch ausgezeichnet, dass sich die Gemeinde mit dem Ruf „Ehre sei dir, Herr!" erhebt und erst nach der Verlesung sich mit dem Ruf, „Lob sei dir, o Christe" wieder setzt. So wird wenigstens noch angedeutet: Das Evangelium von Christus ist die Mitte und der alles bestimmende Bezugs­punkt der Heiligen Schrift, von dem her und auf den hin sie zu lesen, zu hören und zu verstehen ist.

Darauf kam es Martin Luther an und nicht auf einen „papiernen" Papst. Nur wenn die Bibel als Glau­ben und Leben schenkende Quelle erfahren wird, kann sie auch als Richtschnur und Norm funktionie­ren. Denn Maßstäbe und Normen als solche schaffen kein Leben; eher tö­ten sie es. Die lebendige Quelle, auf die es Luther vor allem ankam, aber war die „gute Botschaft", das Evange­lium von Jesus Christus. Die Schrift allein soll gelten, weil allein Christus und seine Verheißung im Alten Testa­ment in der Kirche das Wort haben soll. Auf diese Mitte hin und von ihr her ist die ganze Schrift in allen ihren Stücken zu lesen. Von diesem Bezugs­punkt her müssen auch die einzelnen Texte der Bibel beurteilt werden nach dem, „was Christum treibet". Entsprechend hat Luther zum Bei­spiel über den Jacobusbrief sehr kri­tisch, mitunter abfällig geurteilt. Es leben eben nicht alle Texte in der Bi­bel in gleicher Weise von dieser Mitte, dem Evangelium, her.

Dass die Heilige Schrift aus mensch­lichen Zeugnissen von Gottes Wir­ken in der Geschichte Israels und der Geschichte Jesu gesammelt worden ist, ist mit Händen zu greifen. Eine glatte Gleichsetzung mit Gottes Wort, wie man sie früher, ja auch heute noch in manchem Gottesdienst hören konnte und kann, „Hö­ret Gottes Wort, wie es aufgezeichnet ist bei…“, führt den ahnungslosen Zuhörer leicht in die Irre. Ich be­schreibe die Zusammengehörigkeit von Bibel und Gottes Wort lieber mit Bildern: Die Schrift ist das Tor, durch das uns Gottes Wort erreicht. Sie ist das Buch, in dem wir Gottes Fährten zu lesen lernen, damit wir in unse­rem Leben seinen Spuren folgen.

 

 

Ich brauche die Bibel.

Es gibt Menschen, die sie nicht brauchen.

Ich gehöre nicht zu ihnen. Ich habe die Bibel nötig.

Ich brauche sie, um zu verstehen, woher ich komme.

Ich brauche sie, um in dieser Welt festen Boden unter den Füßen und einen Halt zu haben.

Ich brauche sie, um zu wissen, dass einer über mir ist und mir etwas zu sagen hat.

Ich brauche sie, weil ich merke, dass wir Menschen uns in den entscheidenden Augenblicken nicht selber trösten können.

Ich brauche sie, um zu wissen, wohin meine Reise gehen soll.

Jörg Zink

 

Meinung zur Bibel, Immanuel Kant

„Ich habe in meinem Leben viele kluge und gute Bücher gelesen.

Aber ich habe in ihnen allen nichts gefunden, was mein Herz so still und froh gemacht hätte wie die vier Worte aus dem 23.Psalm:

Du, Gott, bist bei mir.“

Immanuel Kant,  Philosoph

 

 

CHRISTSEIN

 

Warum ich Christ geworden bin

Einige Jahrzehnte denke ich zurück. Es war Krieg, und ich war als Flieger an der Westküste Frankreichs.

Ich sehe ihn vor mir: Er steht in einem zerknitterten grauen Leinenanzug im langen, düsteren Flur. Schmal und leicht gebeugt. In der rechten Hand einen Blechnapf. Wartet, bis er dran ist. Ein Uniformierter kippt ihm eine Kelle Suppe in die Schüssel. Dann wendet er sich und geht ruhig, langsam, in die entfernte Ecke ans Fenster und bleibt dort stehen. Er fiel mir sofort auf, als er mir zum ersten mal in diesem Haus begegnete.

,,Haus“ ist ein falscher Ausdruck. Es war ein Gefängnis in einer kleinen französischen Stadt und man schrieb das Jahr 1944. Ich war am Heiligen Abend 1943 auf der Fahrt durch Deutschland gewesen und sollte mich auf einem Flugplatz an der französischen Atlantikküste melden. Als ich auf den Bahnhöfen Kerzen sah, kam mir mein Weg an die Front so absurd vor, dass ich einfach nach Hause fuhr. Man fasste mich und stellte mich vor ein Feldgericht Weil man uns Flieger aber brauchte, verzichtete man darauf, mich zu erschießen, und sperrte mich ein paar Wochen ein. Dort, hinter Gittern, begegnete ich ihm. ,,Ein Franzose“, sagte man mir. ,Aus dem Maquis.“ Also aus der Widerstandsbewegung gegen die Deutschen. ,,Die warten hier auf ihre

Hinrichtung.“

Ich sah ihn noch einige Male stehen in seiner stillen Konzentration, in einer Ruhe, als sei er hier zu Hause. Er nahm seine Suppe in Empfang und lächelte. Ich konnte nicht recht sehen, ob es nur dem Aufseher galt oder auch einem Schicksalsgenossen. Freundlich, wortlos. Dann ein paar Schritte in die entfernte Ecke neben dem Fenster mit dem schweren Eisengitter. Ein paar Sekunden stand er so, ehe er aß, dann hob er die rechte Hand und zeichnete ein Kreuz vor seine Brust. Wie selbstverständlich und so klar, als stehe nun diese senk­rechte und diese waagrechte Linie fest gezeichnet vor ihm. Ach so! Ein Katholik. Vielleicht ein Priester? Ich habe es nie erfahren.

Eines Tages fehlte er unter den Gefangenen. Aber seither steht er in meinem Gedächtnis. Wie er seinen Napf hinhält. So unangreifbar in seiner stillen, unauffälligen Freund­lichkeit. Konnte ein Mensch so seiner Hinrichtung entgegen­sehen? Offenbar ja. Das also gab es.    

Jörg Zink

 

 

EHE. LIEBE

 

Der, den ich heirate  Bekenntnis eines Mädchens

 

Mein Mann soll nicht der erste, beste sein: ich kann warten. Ich verlange von ihm ein gutes Herz, dann wird er auch mein Herz achten.

Er soll reine Augen haben, deren Blick mich nicht verletzt, dazu Aufmerksamkeit, die meine stillen Wünsche errät, und Kraft, die auch weib­liche Klugheit schätzt. Er soll nicht einfältig sein, wie auch ich glaube, nicht einfältig zu sein.

Er soll nicht aus einem Modejournal kommen, wie auch ich einfach zu bleiben wünsche.

Er soll nicht herablassend zu mir sein, ich bin kein kleines Mädchen. Er soll nicht. eitel sein, sonst würde ich ironisch. Er soll keine Schlafmütze sein, denn ich bin lebendig.

Meinen Namen werde ich mit seinem tauschen. Drum sei sein Name ohne Tadel!

Ich werde ihm meine Gesundheit anvertrauen; sie wird ihm, so wünsche ich, ein gutes Geschenk sein.

Meine Unabhängigkeit gebe ich auf um seinet­willen: Er wird sich daran erinnern.

Unsere Kinder erbitten wir gemeinsam, erwarten wir gemeinsam und erziehen sie gemeinsam: meine Last ist auch seine Last. Wir achten uns wie zwei, deren jeder ein Wesen für sich ist.

Wir fordern viel von uns: wir bekämpfen zusammen unsere Fehler, und zwar mit einem Vertrauen, das keine Empfindlichkeit kennt. Während unseres ganzen Lebens bleiben wir den Idealen unserer zwanzig Jahre treu: jeder Tag ist neu wie der erste!

Wir gehen Hand in Hand zum Herrn. Er wird unsere Liebe schmieden, er wird Helfer, Beispiel, Ziel sein, denn wir beide haben einen grenzenlosen Glau­ben, und unsere Herzen lieben sich.

Aus dem Französischen von W. Bers

 

 

Wünsche eines Vaters an seine Tochter

Ich wünsche dir einen Mann, der nein sagen kann. Einen Mann, der eine Meinung hat und der nicht feige ist. Einen Mann mit Zivilcourage. Einen, der weiß, wo die Grenzen sind, über die hinweg man nur noch seine Seele verkaufen kann.

Ich wünsche dir einen Mann, der sich irren kann. Das heißt, der dir gegenüber zugibt, dass er sich geirrt hat. Eine gute Ehe zeigt sich unter anderem darin, dass einer vor dem anderen schwach sein kann, auch der Mann vor der Frau, dass einer dem anderen geradezu beichten kann.

Ich wünsche dir einen Mann, der nicht alles weiß. Einen Manne der kein Blender ist. Auch dieses Eingeständnis „Das weiß ich nicht“ ist ein Zeichen Von Zivilcourage, ein Zeichen von Mut und Freiheit.

Ich Wünsche dir einen Mann, der kein Rechner ist. Wer immer nur rechnet, wird niemals richtig schenken können.

Ich wünsche dir einen Mann, den du trösten kannst. Dies soll der Mann von vornherein wissen, dass er mit seinen Sorgen zu Dir kommen kann.

Ich wünsche dir einen Mann. Der wirklich dich sucht, der wirklich alles mit dir bespricht, der weiß, dass du seine Zuflucht bist. Einen Manne der nächst Gott nichts so liebt wie dich, ja, der dich als Gottes Abgesandten und Stellvertreter sieht.

Horst Nitzschke

 

Ein Schatten erzählt

Schlimm, Schatten zu sein.

Bewegungen folgen zu müssen,

stumm, ohne sich wehren zu können.

Umarmung: spitze Finger, glatt, zu glatt,

hier auf der Bank im Dunkeln versteckt.

Schatten fliehen vor dem Licht,

 aber ‑ warum du?

Neugier und Spannung

gegen ekelhafte Langeweile.

Gegen Lieblosigkeit.

Du auf der Suche nach Liebe und Glück.

Ich würde zittern,

wenn ein Schatten es könnte,

weil du den "Freund",

dein Gegenüber nicht kennst:

nicht Treue, nicht Wahrheit,

nicht Charakter noch Wünsche.

Mut und Vorsicht  - zwei Pole in dir.

Und ich, dein Schatten: ohnmächtig.

Spitze Finger, glatt, zu glatt,

suchen ein Ziel:

Haben, haben. Doch – ohne Ziel.

Weil ohne Zukunft, ohne Achtung, ohne Zeit.

Wo ist - die L i e b e ??

Willst du nicht deinen Schatten hören?

Du standest auf und gingst ins Licht.

Und ich als Schatten zerschmolz.

Christoph Rosenow

 

 

Der, den ich liebe

Der, den ich liebe

 hat mir gesagt,
dass er mich braucht.
Darum gebe ich auf mich acht,
sehe auf meinen Weg

und fürchte

von jedem Regentropfen,
dass er mich erschlagen könnte.

Bert Brecht

 

Ehevertrag  

geschlossen vor rund 150 Jahren

Wir lieben uns innig, wir fühlen, dass wir ohne einander nicht glücklich werden können, und verbinden uns daher zu treuen Gatten.

Ferdinand weiht und heiligt sein ganzes Dasein Louisen, um ihr durch rastlosen Fleiß ein bequemes und sorgenfreies Leben zu schaffen. Louise wird sich dagegen bestreben, durch häusliche Wirtschaftlichkeit sich und ihn auf der goldenen Mittelstraße des ehelichen Auskommens zu halten. Da im Ehestand oft Kleinigkeiten die Quelle großen Zwistes sind, so verpflichten wir uns, in unbedeutenden Dingen nachzugeben. In der Tracht richtet sich jeder Teil nach des anderen Geschmack. Ferdinand enthält sich einer nachlässigen Kleidung, um Louisens Auge nicht zu beleidigen, und Louise vermeidet, sich durch übertriebenen Schmuck den Anschein zu geben, als wolle sie fremden Männern gefallen.

Die Hauptzierde unseres Körpers sei Reinlichkeit, weil das Gegenteil bei Personen die in einem nahen Verein leben, unfehlbar Abneigung und Widerwillen erzeugt. Die gebieterischen Worte: ich will, ich bestehe darauf, ich befehle, werden in unserem häuslichen Wörterbuch ganz und gar gestrichen. Louise wird sich nie in Gesellschaften das geringste Scheinzeichen von Nichtachtung ihres Mannes entgleiten lassen, denn jene Gattin, die sich solche zweideutigen Äußerungen erlaubt, gibt dadurch anderen Männern gleichsam das Signal, sich ihr mit Siegeshoffnung zu nahen. Ferdinand wird Louise öffentlich ehren, damit sie auch von anderen geehrt werde. Er wird keinem anderen Frauenzimmer durch schmeichelhafte Huldigungen einen kränkenden Triumph über seine Gattin gestatten. Wir wollen in der Wahl unseres Umganges vorsichtig sein, und besonders keine falschen und arglistigen Hausfreunde dulden, die gleich Schlangen im Busen die ruhigen Freuden unseres Blutes vergiften können.

Zwischen Mein und Dein findet keine Grenzscheidung unter uns statt. Unser höchstes Gemeingut ist unsere gegenseitige Liebe, und dieser Schatz, der oft in anderen Herzen von der eilenden Zeit verzehrt wird, soll unter ihren Flügeln wachsen bei uns bis ans Grab.

 

 

Rudern zwei ein Boot

Rudern zwei ein Boot,

der eine

kundig der Sterne

der andere

kundig der Stürme,

wird der eine führn

durch die Sterne,

wird der andere

führn durch die Stürme,

und am Ende ganz am Ende

wird das Meer in der Erinnerung

blau sein.

Reiner Kunze

 

Wie zwei sich Beine und Augen ausliehen

Einmal brach in einem Dorf ein Feuer aus, und die Leute liefen Hals über Kopf davon. Nur ein Lahmer und ein Blin­der, die man beide in der Eile vergessen hatte, blieben, von den Flammen bedroht, zurück. Da lud sich der Blinde den Lahmen auf den Rücken, und der Lahme wies dem Blinden den Weg. So retteten sich beide, indem der eine dem an­deren einen Teil von sich selbst lieh.

 

Was bleibt, stiften die Liebenden

Was aber kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat

und in keines Menschen Herz gekommen ist,

das hat Gott denen bereitet, die ihn lieben.

Was kein Auge sieht und kein Ohr vernimmt,

was kein Herz sich erdenkt,

das macht Gott aus den Liebenden.

So werden sie gemessen nicht an ihrer Kraft, nicht an dem,

was ihre Liebe bewirkt, schafft, erreicht,

verändert oder vollendet;

sie werden gemessen einzig an dem,

was Gott aus ihnen macht.

So tun sie dies und versuchen jenes und wissen,

dass das Geringe, da und dort in aller Einfachheit getan,

die Welt vom Tode zum Leben bringt.

Wenn durch sie ein wenig Licht in die Welt kam,

haben sie teil an dem, was bleibt.

Nicht daran werden sie gemessen,

dass sie strahlende Boten aus Gottes Licht sind.

Vielleicht bleibt am Ende auch von den Bemühungen

der Liebenden nichts übrig als eine Handvoll Scherben.

Ein paar Scherben,

in denen sich ein paar Lichter spiegeln.

Aber dies, eine Scherbe zu sein,

in der sich ein wenig vom Glanz Gottes spiegelt,

ist am Ende die einzige Ganzheit, die uns erreichbar ist.

Und das soll genug sein.

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe.

Glaube wird sich wandeln in Schauen,

Hoffnung in dankbaren Lobgesang.

Einzig die Liebe bleibt, was sie war.

Darum, was bleibt in Zeit und Ewigkeit,

stiftet der liebende Gott, stiften die Liebenden mit ihm.

Jörg Zink

 

 

ENGEL

 

 

Engel
"Fahr nicht schneller als Dein Schutzengel fliegen kann."
Und wenn man doch schneller war und es fast gekracht hätte, und man nicht genau weiß, warum das jetzt noch mal gut gegangen ist, sagt man: Glück gehabt, Schwein gehabt.

Oder: da hatte ich aber einen guten Schutzengel.
Wir sind zwar modern, aber von Engeln redet man gerne.
Eine ganz irdische Ausgabe sind z.B. die Gelben Engel, die schon manch liegengebliebenem Auto sehr praktisch wieder auf die Sprünge geholfen haben. Andere sind ziemlich weiblich und kess. Die blond-blauen Engel, Marlene Dietrich zum Beispiel und andere. Eine Engel-Ausstellung im Historischen Museum in Saarbrücken hieß: "Auf den irdischen Spuren eines himmlischen Phänomens". Engel sind immer schön. Engel findet man überall. Auf Kunstpostkarten wünschen sie frohe Weihnacht und für die Weihnachtskrippen gibt es sie in allen Formen und Farben.
Aber auch sonst sind sie in Mode. Als Werbeträger für Zigaretten oder für Telefone lächeln sie von Plakaten. Koffein ist "der Engel in der Kaffeebohne", heißt es in einem Fernsehspot. Immerhin, sie bleiben im Gespräch. Die Engel. "Heiliger Schutzengel mein, lass mich dir befohlen sei, in allen Nöten steh mir bei und halte mich von Sünden frei. In dieser Nacht ich bitte dich, behüte und beschütze mich." So haben wir abends als Kinder gebetet. Für viele haben Engel viel mit Erinnerung zu tun. So jetzt wissen wir es. Für mich brauchen sie keine Flügel zu haben, und ich mach mir auch keine großen Gedanken, wie sie aussehen sollen. In der Bibel sind sie Bilder für Gott selbst, sind der Versuch, ihm Gestalt zu geben. Botschaft und Bote sind eins: Tobit wird vom Engel Raphael begleitet auf seinem Weg. Gottes Engel kämpft mit Jakob, und Maria wird die große Geburt durch den Erzengel Gabriel angekündigt, die Geburt von Jesus von Nazareth. An Engel glauben alle drei großen Religionen, Juden, Christen, Muslime. Weil sie glauben, dass Gott in seiner Welt wirkt, Zeichen hinterlässt, Brücken schlägt. Bei all seiner Verborgenheit. Sein Engel wendet sich uns zu, breitet seinen Schutz aus, lässt uns eben nicht endgültig fallen. Egal, wie verquer wir sind, oder wie dunkel es in uns oder um uns ist.
'Schutzengel gesucht' hieß ein Film in der ARD. Und da fragte jemand: "Glauben Sie nicht an Schutzengel?" "Nein", war die Antwort. "Aber die glauben an Sie." Wenn Engel wirklich eine Botschaft Gottes sind, dann reicht mir dieser Gedanke: Dass Gott an mich glaubt, und dass er mich das spüren lässt. "Der Engel in Dir Freut sich über Dein Licht. Weint über deine Finsternis... Er bewacht Deinen Weg", sagt die Dichterin Rose Ausländer.
Die Engel in uns und die in unseren Alltagen. Denn: Engel tragen oft sehr menschliche Gesichter. Ich wünsch Ihnen viele, die ihnen Mitmensch und Engel sind.

 

Schutzengel

Übermüdet war ich mit unserem VW Bora von der Landstraße abgekommen und mit etwa 80 km/h frontal auf einen Straßenbaum geprallt. Der vordere Teil des Autos war zusammen gefaltet, dort wo sich die Scheibenwischer befanden, sah ich den  Baum. Wenig später brachte mich ein Hubschrauber ins Krankenhaus. Als ich nach drei Tagen aus dem künstlichen Koma aufwachte, sagte die Oberschwester zu mir: „Sie haben mindestens zehn Schutzengel gehabt!“    

Christoph Rosenow

 

 

Vom Himmel hoch - Engel

Vom Himmel hoch kam ich hier her.

Ich brachte gute, neue Mär,

die man zu Weihnacht sich erzählt

und für ein altes Märchen hält.

Als Gottes Bote hab ich's schwer.

Kein Kind glaubt doch an Engel mehr.

Käm ich zu euch wie dazumal,

ihr dächtet, es wär Karneval.

Ich schwebe nicht auf Wolken an,

fahr Fahrrad oder Straßenbahn.

Ich lese Zeitung, trinke Bier,

leb' unter falschem Namen hier.

Den Engel sieht man mir nicht an.

Woran man mich erkennen kann:

Ich bin den meisten nicht genehm.

Ich bin entwaffnend unbequem.

Ich gebe denen Rückenwind,

die selbst zu schwach und schüchtern sind.

Und geh' mit jenen Hand in Hand,

die friedlich leisten Widerstand.

Bevor ein Freund mir resigniert,

sein letztes bisschen Mut verliert,

setz ich mich heimlich ins Gesicht,

ein Funken von dem Gotteslicht.

Die Erde ist mein Arbeitsplatz,

mein schweres Los, mein liebster Schatz.

Erheben kann ich mich nicht mehr.

Ich häng an allem viel zu sehr.

Ich liebe alles, was gedeiht,

was lebt und stirbt zu seiner Zeit:

Das Gras, den Baum, den Wal, den Floh,

die Menschenkinder sowieso.

Doch wenn das Menschenherz verroht,

dann ist die ganze Welt bedroht.

Ich darf nicht die Geduld verliern,

um doch an euer Herz zu rührn.

Ach wenn doch meine gute Mär

für euch nicht nur ein Märchen wär.

Erreicht euch doch das Gotteswort,

wie glücklich wäre dieser Ort.

Gerhard Schöne,

            Ich bin ein Gast auf Erden, 1991

 

 

ERZIEHUNG

 

Deine Kinder

Deine Kinder sind nicht deine Kinder.

Sie sind Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. Sie kommen durch dich, aber nicht von dir, und obwohl sie bei dir sind, gehören sie nicht dir. Du kannst ihnen deine Liebe geben, aber nicht deine Gedanken. Du kannst ihrem Körper ein Heim geben, aber nicht ihrer Seele, denn ihre Seele wohnt im Haus von morgen, das du nicht besuchen kannst, nicht einmal in deinen Träumen. Du kannst versuchen, ihnen gleich zu sein, aber versuche nicht, sie dir gleich zu machen. Denn das Leben geht nicht rückwärts und verweilt nicht beim Gestern.

Khalil Gibran

 

Eine Frage der Erziehung

Als ich es mir in einem men­schenleeren Zugabteil bequem gemacht hatte, eine Flasche Bier öffnete und die Zeitung aufschlug, krachte die Tür auf; ein Steppke zog seine Mutter hinter sich her ins Coupe, stürzte zum Fenster, öffnete es mit einem Ruck, schnitt Gri­massen und steckte den Leuten auf dem Bahnsteig die Zunge heraus. Dann riss er mir die Zeitung aus den Händen und zerfetzte sie in tausend Stücke. Meinen entsetzten Blicken be­gegnete die Mutter des Jungen mit einem entschuldigen­den Lächeln und vertiefte sich sogleich in ihr Magazin.

Der Junge spottete über meine Ohren, die hässlich wären. Einige Augenblicke später stürzte er sich auf mich, griff mit seinen Händen nach mei­nen Ohren und zog kräftig  daran. Daraufhin machte ich ihm deutlich, dass er sofort auf­hören solle und schimpfte ihn einen Lausejungen, worauf er sich die Bierflasche schnappte, ein Fingerchen auf die Öff­nung hielt und unter kräfti­gem Schütteln mir den Schaum aufs Hemd spritzte. Ich fuhr auf, um dem kleinen Tunichtgut klar zu machen, dass es nun endgültig reiche. Da baute sich die Mutter vor mir auf und maßregelte mich, dass ich ihren Daniel gefälligst nicht so anschreien solle. Ihr Junge würde eine freie Erziehung genießen und dürfe

tun und lassen, was er wolle. Da nahm ich ihr das Magazin aus der Hand, riss es entzwei, gab ihr eine schallende Ohr­feige, erklärte ihr kurz und knapp, dass auch ich ungemein freizügig erzogen worden sei und setzte mich in ein anderes Abteil.      

Jörg Schuster

 

Mein Bruder hat gründe Haare – der totale Krieg

Mein Bruder Johannes hatte sich gestern eine Haarsträne grün färben lassen. Die restlichen Haare schmierte er sich mit Baby-Öl ein. Dann zog er sich ganz schwarz an und setzte sich so an den Kaffeetisch. Mein Bruder ist vierzehn und ich, Lisa, bin dreizehn. Er sagt, er ist jetzt ein Punk. Wenn ich ihn frage, was das ist, weiß er das selbst nicht so genau. Jedenfalls gab´s einen ziemlichen Krach, als er so vor der versammelten Familie erschien. Meine Eltern waren ja noch halbwegs friedlich, aber dann war da meine Tante Vera. Und die fiel fast vom Stuhl, als Johannes in dem Aufzug rein kam:

 „Bist du übergeschnappt? Ihr seid ja wohl heute alle total verrückt geworden!“ regte sie sich auf. Johannes blieb ganz ruhig, sagte einfach nichts und fing an, Kuchen zu essen. Das machte meine Tante natürlich noch wütender. Sie fing richtig an zu kreischen: „Kannst du nicht wenigstens deinen Schnabel aufmachen, wenn man dich was fragt?“ Und, meine Eltern anfunkelnd, sagte sie: „Und euch verstehe ich überhaupt nicht! Lasst ihr die Kinder denn alles machen, was ihnen in den Kopf kommt?“ Mein Vater sagte bloß: „Der Junge ist doch alt genug, der muss schon wissen, was er tut.“

Tante Vera: „Alt genug? Vierzehn Jahre ist der alt. Ein ganz grünes Bürschchen!“

Als Tante Vera das Wort grün sagte, mussten wir alle auf die grüne Haarsträne gucken und lachen.  Nur eben Tante Vera, die musste nicht lachen. Sie kapierte auch nicht, dass wir über die Haare lachten. Sie dachte, wir lachen über sie! Und das ärgerte sie schrecklich:  „Die sind doch total verwöhnt! Die wissen vor lauter Wohlstand nicht mehr, was sie noch machen sollen! Wisst ihr eigentlich, was wir mit vierzehn gemacht haben? Mitten im Krieg! Wir sind bei Bauern betteln gegangen! Um ein paar Rüben! Weil wir gehungert haben!“

Meine Mutter stand auf, räumte die Kaffeetassen weg und sagte:  „Lass das doch, Vera! Die Kinder leben heute in einer ganz anderen Welt als wir damals.“

Aber Tante Vera war in Fahrt: „Im Luftschutzkeller haben wir gesessen! Und wussten nicht, ob wir da je lebendig wieder rauskommen! Und ihr färbt euch die Haare grün!! Und schmiert euch Öl auch den Kopf!! Guckt mal lieber in eure Schulbücher!“

Johannes tat so, als müsste er auf seinen Teller kotzen:  „Hör bloß auf mit deinen Kriegsgeschichten! Die hängen mir absolut zum Halse raus, Mensch!“ Dann sagte er noch: „Versuch doch einfach mal einigermaßen coll zu bleiben, Vera.“

Das war zu viel für meine Tante:  „Seit wann nennst du mich Vera? Bin ich irgendein Pipimädchen, das neben dir die Schulbank drückt? Das ist doch unerhört! Blöde Kriegsgeschichten, hat er gesagt. Ihr wisst ja gar nicht, was das heißt, im Frieden zu leben! Begreift ihr überhaupt, was das ist??“

Johannes tat weiter ganz cool. Aber ich sah, dass seine Hände ganz schön zitterten. Dann stand er auf und sagte: „Vom Frieden hast du doch selbst nichts kapiert. Sonst würdest du hier nicht so einen Tanz machen.“ Dann ging er einfach hinaus und schimpfte bis auf den Flur: „Man, macht die ´nen Stress!“ Tante Vera kriegte einen knallroten Kopf und fing an zu heulen. Mein Vater holte die Kognakflasche aus dem Schrank  und meine Mutter sagte zu mir: „Du, geh mal für einen Moment in dein Zimmer, ja?“ Mir war alles richtig peinlich. Im Flur hörte ich Tante Vera weiter heulen. Die konnte kaum noch reden:  „Wie wir damals gelitten haben! Was wir durchgemacht haben! Und da sagt dieser Rotzlümmel - blöde Kriegsgeschichten!“

Ich ging rauf, Rückzug in mein Zimmer. Aus Johannes` Zimmer dröhnte knalllaute Musik. Plötzlich kriegte ich eine Riesenwut auf ihn, rannte zu ihm und brüllte: „Setz dir wenigstens deine Kopfhörer auf, wenn du schon so ´ne Scheißmusik hörst!“ Johannes guckte mich ganz groß an und sagte: „Jetzt fängst auch du noch an auszurasten! Was ist hier überhaupt los? Der totale Krieg, was?“ „Dein Gequatsche ist mir zu blöd“,  sagte ich, knallte die Tür zu und verzog mich in mein Zimmer.

Abends in meinem Bett musste ich noch einmal über alles nachdenken. Auch über das, was Tante Vera gesagt hatte. Über die Luftschutzkeller und die Angst, die sie gehabt hatte. Und dass sie sagte: Ihr begreift nicht, was das ist, Frieden. So richtig im Frieden leben wir auch gar nicht, glaube ich. Aber natürlich auch nicht richtig im Krieg. Wir können eine Menge machen, was die damals nicht konnten. Und vieles, was die aushalten mussten, das passiert uns eben nicht, dass wir zum Beispiel hungern müssen, oder um unser Leben Angst haben. Darüber bin ich ja auch froh.

Aber trotzdem: Bloß weil kein Krieg ist, ist noch lange kein Frieden. Dazu gehört, glaube ich, noch eine ganze Menge mehr.

Aufgabe: 

Sprecht über die unterschiedlichen Personen - und vertretet jeweils deren Meinung.

Wie würdet ihr als Eltern euren Sohn, eure Tochter erziehen? Was dürften sie alles machen -

und was nicht? Wie kann in dieser Familie Frieden werden? Entwirf  Schritte zum Frieden.

 

Lob des Ungehorsams

Sie waren sieben Geißlein, und durften überall reinschaun,
nur nicht in den Uhrenkasten, das könnte die Uhr verderben, hatte die Mutter gesagt.

Es waren sechs artige Geißlein, die wollten überall reinschaun,
nur nicht in den Uhrenkasten, das könnte die Uhr verderben, hatte die Mutter gesagt.

Es war ein unfolgsames Geißlein, das wollte überall reinschaun,
auch in den Uhrenkasten, da hat es die Uhr verdorben, wie es die Mutter gesagt.

Dann kam der böse Wolf.

Es waren sechs artige Geißlein, die versteckten sich, als der Wolf kam,
unterm Tisch, unterm Bett, unterm Sessel, und keines im Uhrenkasten,  sie alle fraß der Wolf.

Es war ein unartiges Geißlein, das sprang in den Uhrenkasten,
es wusste, das er hohl war, dort hat`s der Wolf nicht gefunden,
so ist es am Leben geblieben. Da war Mutter Geiß aber froh.

Halbfas, Hubertus: Das Menschenhaus

 

 

Gerade, klare Menschen

 

Sind so kleine Hände, winz'ge Finger dran.
Darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann.

Sind so kleine Füße mit so kleinen Zeh'n.
Darf man nie drauftreten, könn' sie sonst nicht geh'n.

Sind so kleine Ohren, scharf und ihr erlaubt.
Darf man nie zerbrüllen, werden davon taub.

Sind so schöne Münder, sprechen alles aus.
Darf man nie verbieten, kommt sonst nichts mehr raus.

Sind so klare Augen, die noch alles seh'n.
Darf man nie verbinden, könn'n sie nichts versteh'n

Sind so kleine Seelen, offen und ganz frei.
Darf man niemals quälen, geh'n kaputt dabei.

Ist so'n kleines Rückgrat, sieht man fast noch nicht.
Darf man niemals beugen, weil es sonst zerbricht.

Grade, klare Menschen wär'n ein schönes Ziel.
Leute ohne Rückgrat hab'n wir schon zuviel.

 

Bettina Wegner