Fotografie Ideal Figur

 

Irina W.  Aquarell.  Christoph Rosenow

 

Mädchen. Aquarell. Christoph Rosenow

 

Idel Figur - Der Körper als Kunstprodukt

Seitlich aufgestützt liegt er im Sand am Strand. Eine sanfte Brise weht vom Meer herüber. Interessiert blättert ein junger Mann, offensichtlich ein Kunststudent, in dem Buch „Schönheit. Der Körper als Kunstprodukt“: „In der griechischen Klassik gab es verschiedene männliche Typen“, liest er, „einerseits den jugendlichen Athleten, wie er im Extrem von Herkules oder auch vom Kriegsgott Ares/Mars verkörpert wird, aber auch ätherische, feine Typen, wie man sie in Bildnissen des Apollon oder des jugendlichen Ganymed darstellte.“ Mit einer Hand streicht er über seinen Körper, hebt einen Arm, lässt kritisch den Bizeps spielen - und schaut auf:  Direkt vor sich sieht er

einen Jungen mit seinen Eltern vorübergehen, sie tragen einen Windschutz, zwei, drei Taschen, einen Ball. Den dreien folgt im Abstand von einigen Metern ein schmales hochgewachsenes Mädchen, das sichtlich bemüht ist, die vor ihm Laufenden einzuholen. 

Tänzerin II. Bleistift laviert. Christoph Rosenow

 

Idel Figur - Ideale Maße

Der Mann folgt dem Mädchen mit den Augen, bis es seine Eltern erreicht. Die sind stehen geblieben, schauen sich um, stellen zwei, drei Taschen ab und warten auf die Tochter, die sie dann auch erreicht. Sie stellen einen Windschutz auf, springen ins Wasser und kommen nach wenigen Minuten zurück. Er sieht, wie sie sich abtrocknen, eincremen, eine Decke ausbreiten und sich in die Sonne legen. Der junge Mann schaut wieder in sein Buch „Schönheit. Der Körper als Kunstprodukt.“ „Jeder Mensch wird bestimmt und charakterisiert durch sein Gesicht und die Hände. Die Symmetrie und der Goldene Schnitt spielen eine gewichtige Rolle bei der ästhetischen Bewertung des Gesichtes. Der vertikale Abstand zwischen Augen und Mund von 36 % der Gesichtslänge und ein horizontaler Abstand zwischen den Augen von 46 % der Gesichtsbreite gelten als ideal.“ Der Mann schaut auf, der Strand hat sich bevölkert. Familien, Kinder, junge und alte, große und kleine, braun gebrannte und blasse, nackte Körper, Bäuche, Brüste, Arme, Beine, alles läuft und bewegt sich unbefangen hier am Strand. 

Jede Knospe erblüht nur ein Mal und jede Blume hat nur ihre eine Minute vollendeter Schönheit. Henri-Frédéric Amiel (1821 - 1881)

Isabel und Anabell. Fotobearbeitung. Christoph Rosenow

 

Idel Figur - Die großen Augen

Inzwischen sind die Eltern, der Junge und das Mädchen aufgestanden, haben sich gegenüber gestellt, spielen Volleyball, lachen werfen, strecken sich. Dem Mann, der aus kurzer Distanz das Geschehen beobachtet, fällt auf, dass das schmale, hochgewachsene Mädchen ungewöhnlich gut spielt. Er schaut wieder in sein Buch - und sieht nicht, dass der Ball in hohem Bogen auf ihn zugeflogen kommt. Der prallt gegen seine Schulter. Er fühlt sich gestört, schaut auf. Ausgerechnet das Mädchen, das ihm gerade aufgefallen war, kommt auf ihn zugelaufen, entschuldigt sich, beugt sich zu ihm, streckt ihm die Hände entgegen. Er greift den Ball, wendet sich dem Mädchen zu – und für Bruchteile von Sekunden sieht er die überlangen dünnen Beine des Mädchens, den Bauch, die noch kindlich flache Brust, den langen Hals, das Gesicht. Zwei große Augen schauen ihn an: „“Entschuldigung!“, sagt es außer Puste und atmet tief. „Bitte, geben Sie mir den Ball?“ „Wie heißt du?“, fragt er. „Irina!“, antwortet es. „Und wie alt ist du?“ „Dreizehn!“ Er besinnt sich, reicht dem Mädchen den Ball und  schaut ihm nach, bis es zu seiner Familie zurück gekehrt ist. Dann wendet er sich wieder seinem Buch zu: „Unter Künstlern, Fotografen und Designern gilt ein Mädchen als schön und attraktiv, wenn der Brust-, Taillen- und Hüftumfang 90 – 60 -  90 beträgt. Von einigen Agenturen wird eine extrem schmale Figur, ein Brust- und Hüftumfang deutlich unter 90 Zentimetern bevorzugt. Perfektes Alter 14 bis 16 Jahre. Gewicht zwischen 45 und 55 Kilogramm. Größe 1,75 bis 1,80 Meter.“ Noch immer sieht er das junge Mädchen vor sich, wie es ihm die Arme entgegen streckt, sich zu ihm beugt. Er denkt an Michelangelo und die „Leda mit dem Schwan“, an Raffael und die „Sixtinische Madonna“. 

Ideal Schönheit. Bleistift laviert. Christoph Rosenow

Idel Figur - Nur ein Traum

 Er verscheucht mehrere  Fliegen von seinem Bauch, den Beinen, sieht, dass die Familie mit dem Jungen und dem Mädchen immer noch mit dem Ball spielt, schaut über den breiten Strand, bemerkt große und kleine Leute, dicke und dünne - und liest weiter: „Seit Urzeiten versuchen Menschen, den jeweils vorherrschenden Schönheitsvorstellungen zu entsprechen. Dazu wurde der Körper drastisch verändert, Zähne zugefeilt, Füße eingeschnürt, Korsette getragen Schönheitsoperationen durchgeführt. Bis heute setzen sich Menschen unter Druck, leiden, hungern sich auf die Größe 34 oder 36 herunter, bilden Minderwertigkeitsgefühle aus – nur um als schön zu gelten, um aufzufallen, um beachtet zu werden. Freilich wird die perfekte Schönheit so nie erreicht, denn zu unserer Wirklichkeit gehört immer auch das Unschöne, das Unvollkommene…“ Ein lauer Wind weht vom Meer herüber. Wolken ziehen vor der Sonne vorbei, Licht und Schatten wandern über den Strand. „Um so mehr gilt, ein Ideal sollte immer das bleiben, was es ist, ein Traum, die absichtlich verzerrte, beschönigende Darstellung eines Gesichtes, der Gliedmaße eines Menschen. Die wurden dann aber auch zu allen Zeiten bewundert und bestaunt.“

Ihr lasst um jede Attitüde ein weiß gewaschnes Hemdchen wehn, denn um die Schönheit nackt zu sehn, sind eure Seelen viel zu prüde!   Arno Holz (1863 - 1929)

Idel Figur - Der Zeichenkurs

Neulich war es eine ältere Frau, die sich den Augen der Kursteilnehmer stellte. Heute ist es ein Student. Der betritt den Saal der Akademie - und steigt, nicht zum ersten Mal, auf ein Podest, zieht sich aus, stellt sich, setzt sich, streckt sich der Länge nach auf den Boden. Der Dozent, der künstlerische Leiter des Seminars, geht von Staffelei zu Staffelei, schaut sich die Skizzen an, hilft, regt an, „Das müsst ihr euch unbedingt einprägen!“, beschreibt die Symmetrie des männlichen Körpers, das Knochengerüst, Muskeln und Sehnen, die für einen Mann typischen breiten Schultern, den eckigen Oberkörper, den Bizeps, Sehnen, Gelenke, Ellenbogen, die Knie, das Becken, den Penis: „Der wurde in der Antike relativ klein dargestellt, ist normalerweise sehr viel größer.“ Der Dozent erklärt und korrigiert. Nach reichlich einer Stunde zieht sich der Student, das Model wieder an, verabschiedet sich und verlässt den Saal. 

                                                                                    Knieende. Aquarell. Christoph Rosenow

Idel Figur - Der Zeichenkurs

Neulich war es eine ältere Frau, die sich den Augen der Kursteilnehmer stellte. Heute ist es ein Student. Der betritt den Saal der Akademie - und steigt, nicht zum ersten Mal, auf ein Podest, zieht sich aus, stellt sich, setzt sich, streckt sich der Länge nach auf den Boden. Der Dozent, der künstlerische Leiter des Seminars, geht von Staffelei zu Staffelei, schaut sich die Skizzen an, hilft, regt an, „Das müsst ihr euch unbedingt einprägen!“, beschreibt die Symmetrie des männlichen Körpers, das Knochengerüst, Muskeln und Sehnen, die für einen Mann typischen breiten Schultern, den eckigen Oberkörper, den Bizeps, Sehnen, Gelenke, Ellenbogen, die Knie, das Becken, den Penis: „Der wurde in der Antike relativ klein dargestellt, ist normalerweise sehr viel größer.“ Der Dozent erklärt und korrigiert. Nach reichlich einer Stunde zieht sich der Student, das Model wieder an, verabschiedet sich und verlässt den Saal. 

Idel Figur - Die Studentin

 Dem folgt eine Studentin, die zugesagt hat, sich seinen Kommilitonen als Modell zur Verfügung zu stellen, denn es mangelt an professionellen Models. Zögernd, sie ist das Ganze noch nicht gewohnt, betritt sie den Saal der Akademie - und steigt auf das Podest. Der Dozent, künstlerischer Leiter des Seminars, nimmt ihr den Umhang ab, alle schauen zu ihr. Zunächst setzt sich die Studentin auf einen Stuhl, stützt sich auf beide Arme, die Schulterblätter stehen hoch, die Brust dehnt sich nach vorn. Zwanzig Minuten haben die Studentinnen und Studenten Zeit, ihre Kommilitonin zu skizzieren.

Wenn wir es recht überdenken, so stecken wir doch alle nackt in unseren Kleidern. Heinrich Heine 

Idel Figur - Schon im alten Ägypten

Gerade hat sich die Studentin sich auf den Boden gelegt und die Hände weit hinter den Kopf gestreckt. Der künstlerische Leiter geht von Staffelei zu Staffelei, hilft, erklärt, beschreibt den weiblichen Körper, den Goldenen Schnitt, zeigt auf die Schnittpunkte des Körpers, Scheitel, Kinn, Brustspitzen, Bauchnabel, der Schritt, die Knie, die Fußsohle – und schaut zu der Studentin hinüber: “Ihr seht, die Brust hat sich gedehnt und abgeflacht. Der Bauch ist straff, der Rand des Beckens ist hervorgetreten. Der Venushügel liegt leicht gewölbt über dem Schambein. Ihr seht, sie hat sich die Schamhaare entfernt. Das liegt im Trend, schon im alten Ägypten galt der haarlose Körper als Zeichen weiblicher Schönheit.“ Einige Minuten vergehen, das Model öffnet die Augen, besinnt sich, schaut zu den Kursteilnehmern hinüber, steigt vom Podest und verlässt den Saal.

 

Idel Figur - Abstraktion

Zuletzt versammeln sich die Teilnehmer des Seminars um den Dozenten. „Mit der Suche nach einem Schönheitsideal“, erklärt er, „entfernten sich die Maler, Bildhauer und Fotografen mehr und mehr von der Wirklichkeit, stellten ihre Figuren und Gestalten zunehmend abstrakt dar. Die Nase wurde begradigt (Renaissance), die Bru­st so flach wie möglich gehalten (Romanik). Der Körper wurde gerundet (Peter Paul Rubens), der Kopf zweidimensional dargestellt (Pablo Picasso). Schließlich wurde die menschliche Figur stilisiert, gestreckt und gedehnt (Casa Padrino, Job Mucha,  Modigliani), oder in gedachte Formen wie Dreiecke, Kreise, Ovale eingefügt (Pablo Picasso, Oskar Schlemmer, Lyonel Feininger).“… Alle Anwesenden sprechen, diskutieren miteinander, bis der Kurs beendet ist.

Liegende. Aquarell. Christoph Rosenow

Liegende. István Sándorfi

Idel Figur - Transparenz

 „Schön, dass du gekommen bist!“, sagt er. „Ich darf nur eine halbe Stunde bleiben“, sagt es. Ohne zu zögern, beginnt der Mann das Mädchen zu fotografieren. Es verändert seine Mimik, lacht, wird böse, rauft sich die Haare, macht die Lippen spitz - die Kamera klickt. Aber dann zögert es, schaut prüfend an seinen Armen, an seinem Oberkörper hinunter und ist leicht irritiert, als es merkt, dass seine Brustspitzen rosa-braun durch das weiße eng anliegende Hemd hindurch schimmern. „Warte mal!“, sagt er, geht zu seinen Sachen und kommt mit einem Buch zurück: „Die Geschichte der Kunst, Ernst Gombrich“, sagt er, schlägt eine bestimmte Seite auf und liest: „Schon in der Antike meißelten Bildhauer Marmorskulpturen, die unter Gewändern die Hüften, die Knie, die Brustspitzen erahnen ließen. In der altägyptischen Kultur wurden die weibliche Körperform mit zarten Schultern, schmaler nach oben verlagerter Taille und langgezogener Hüftpartie unter eng anliegenden feinsten durchsichtigen Stoffen betont“ und schaut das Mädchen an: “Seit den Goldenen Zwanzigern tragen Mädchen selbstbewusst durchsichtige Blusen mit floralen Stickereien und netzartige T-Shirts, ein Modetrend, der auf den ersten Blick untragbar und abgehoben scheint - richtig gestylt aber längst alltagsfähig ist!“ Er schlägt das Buch zu, das Mädchen fährt fort, nun unbefangen sein Gesicht, die Haltung des Kopfes zu verändern, die Schultern, seinen Oberkörper zu bewegen. Es greift mit den Händen in die Träger des Hemdes, zieht die zusammen, zerrt das Hemd nach unten und nach oben. Die Kamera klickt. Jetzt fasst der junge Mann die Hände des Mädchens, zieht die Arme auseinander, hebt die Arme hoch: Die Achseln sind glatt und unbehaart, die noch kindliche Brust dehnt sich, wird groß und flach. Als das Mädchen die Arme hinter dem Kopf verschränkt, ruft er: “Bitte, bleib so!“ Die Kamera klickt. Dann räuspert sich das Mädchen, nimmt die Arme herunter, stellt sich neben den Mann, schaut sich die Fotos an - und lächelt. Dann sagt es:  „Jetzt muss ich aber los!“, und ist so schnell verschwunden, wie es gekommen war.

Haltungsskizze. Bleistift laviert. Christoph Rosenow

Idel Figur - Freikörperkultur

Es ist ein sonniger, warmer Tag. Die Familie will heute an den Strand. Am Wasser angekommen, legen die Eltern und zwei Mädchen ihre Sachen, eine Decke, den Windschutz ab, schauen sich um, dehnen und strecken sich, „atmen“ das Licht, die Luft und das Meer. Dann legen sie ihre Kleidung ab, baden im Meer, bespritzen sich und - gehen hinüber zum Volleyballfeld. Dort spielen die vier mit anderen Männern und  Frauen, die ebenso nackt sind wie sie, lachen, springen hoch, stoßen sich, berühren sich. Und jeder weiß, dass die hier sichtbare Freiheit nichts mit Sexualität zu tun hat - und es darum auch keine Schamgefühle geben kann. Dann gehen sie an ihren Platz zurück.

Es hat mir gefallen, ein Mädchen zu nehmen, das nicht errötet, wenn es mich den Pinsel zur Hand nehmen sieht.  Peter Paul Rubens (1577 - 1640)

Idel Figur - Fotosession am FKK

Ein Mann kommt auf sie zu. „Erlauben Sie, dass ich Sie mal fotografiere?“ „Die ganze Familie?“, fragt der Vater. „Wenn ich darf, bitte die beiden Mädchen!“, sagt er. Um sein Anliegen zu erklären, setzt er sich zu den beiden, die Eltern rutschen mit dazu - und legt ihnen Bilder aus der Kunstgeschichte vor: „Die gefallen mir“, sagt er und schaut fragend zu den beiden Mädchen. „Willst du?“, fragt das eine Mädchen das andere. „Ich hätte euch gern beide“, sagt er. Zögernd stehen die Mädchen stehen auf. „Seid ihr Zwillinge?“, fragt er. Sie nicken. 

Mädchen aufgestützt. Feder. Christoph Rosenow 

Idel Figur - Schmuck

Er betrachtet die Mädchen: Hochgewachsen, dünn und schmal, mit langen Armen und Beinen, feingliedrigen Fingern, noch kindlich flacher Brust stehen sie ihm gegenüber. Er überlegt - und fängt an, ihnen schmale und breite Ringe auf die Finger zu stecken. Dann kniet er sich zu ihnen und legt ihnen Kettchen um die Fußknöchel und erklärt: „Beigaben sind sehr wichtig, in der Mode, eigentlich überall!“ Die Eltern schauen zu. Er zeigt einige Accessoires, zieht einem Mädchen eine transparente Bluse mit floralen Stickereien an, knöpft die Bluse wieder auf, legt ihm eine Perlenkette um den Hals. Die Perlen glänzen geheimnisvoll und werfen im Dekollete, in der Vertiefung zwischen beiden Brüsten, kleine Schatten. Dann nimmt er dem Mädchen die Kette wieder ab und sagt: “Weniger ist mehr.“ Die Mutter nickt.

Mädchen mit Handtuch. Aquarell. Christoph Rosenow

 

Stehst du vollends da wie Aphrodite auf dem Ida, dann strahlen mir tausend bisher verborgene Schönheiten in die Augen. Flavius Philostratos (um 200 n. Chr.), 

Linien und Kreise. Aquarell. Christoph Rosenow

 

Schönheit ist die Begebenheit eines Augenblicks, die dir ermöglicht, selbigen für immer in deinem Herzen zu tragen.  Nadine Prota (*1977)

Mädchen seitlich aufgestützt. Collage, Bildtransfer. Christoph Rosenow

Idel Figur - Bewegungen

Dann schaut er in die Sonne und berechnet den Einfallswinkel des Lichtes. „Kann es los gehen?“, fragt er, und fängt an, die Mädchen behutsam zu dirigieren. Sie stellen sich hintereinander, umarmen sich, werfen sich in den Sand, winden, drehen sich, kriechen aufeinander zu, ziehen sich an den Beinen, die Eltern schauen zu. „Bleibt so!“ ruft er. Er fotografiert die ineinander verschlungenen Körper, die verdrehten Arme, die überdehnten Oberkörper, Rippen, herausstehende Beckenknochen, angewinkelte und gestreckte Beine. „Wie gelenkig die beiden sind!“, sagt die Mutter: “Von mir haben sie das nicht! Der Mann fotografiert aus allen Richtungen, von oben und unten, von vorn und von hinten. Dann halten die Mädchen inne, atmen tief, stehen auf, schütteln sich, der Vater streift ihnen den Sand von den Schultern, den Armen, drückt sie an sich und sagt:“ Gut gemacht!“ Der fremde Mann bedankt sich, die Mädchen lächeln. Dann greift er seine Fotosachen und entfernt sich, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Liegende. Aquarell. Christoph Rosenow

 

Idel Figur - Eine ganze Familie

Dem Mann ist am Strand ein Junge aufgefallen, etwa zehn Jahre alt, hager, dünn. Der spielt im Sand mit einem Bagger. Der Mann nimmt einen Skizzenbuch und einen Stift zur Hand und versucht, den Jungen aus verschiedenen Blickwinkeln zu zeichnen. Dann ist die Skizze fertig, er trennt sie aus dem Buch, gibt sie dem Jungen, der läuft, das Papier durch die Luft wedelnd, zu seinen Eltern: “Hier, guckt doch mal!“ Die schauen sich die Zeichnung an: „Haben Sie das studiert?“, fragt die Mutter den Mann, der sich der Familie genähert hat. „Ich bin im vierten Semester!“, sagt er.  „Würden Sie uns auch mal als ganze Familie zeichnen?“, fragt die Mutter. „Dazu müsste ich mehr Zeit haben!“, antwortet er, „aber ich könnte meinen Fotoapparat holen.“ Der Vater, etwas älter mit schütterem Haar, schaltet sich ein:“ Na, das ist doch gut!“, sagt er, „mein Apparat hat gerade den Geist aufgegeben, der ist der Tochter in den Sand gefallen.“ Die macht ein betrübtes Gesicht:“ „Ist nicht so schlimm Marika, „dann kommen wir mal als komplette Familie auf´s Bild.“ „Muss ich mich auch fotografieren lassen?“, fragt sie. Der Vater antwortet nicht, schaut zu dem Mann: „Am besten, Sie fangen gleich an!“ 

Liegendes Mädchen. Aquarell. Christoph Rosenow

 

Idel Figur - Das Meer als Kulisse

Und schon geht es los: Der Mann positioniert die Familie direkt am Meer, stellt die Eltern da hin, den Jungen da hin. Dann bittet er die Familie sich auf den nassen Sand zu setzen. Die Mutter zieht den Jungen an ihre Seite. Die Tochter zögert. „Na komm doch her, Marika!“, ,der Vater drängt. Sie schaut sich nach allen Seiten um - und hockt sich verschämt an die Seite des Vaters. Die Haltung gefällt ihm nicht, er dreht sich zu seiner Tochter, legt die Hände um ihre Taille, hebt sie hoch und setzt sie sich auf die Schultern. Jetzt werfen alle vier die Arme hoch, lachen, die Kamera klickt. „Könnt ihr Kinder euch mal vor die Erwachsenen positionieren?“, fragt der Mann. Der Junge steht auf, legt sich vor die Mutter auf den Bauch. Der Vater überlegt einen Augenblick, fasst seiner Tochter zum zweiten Mal um die Taille, zieht seinen Kopf zur Seite, hebt sie hoch - und legt sie vor sich mit dem Rücken auf den nassen Sand. Die Kamera klickt. Dann nimmt der Mann die Hände des Jungen und zieht die Arme lang, der kleine Körper streckt sich. Er fasst die Hände des Mädchens und streckt dessen Arme weit hinter den Kopf. Die noch kindlich mädchenhafte Brust wölbt sich, wird groß und flach, die Rippen zeichnen sich ab. Die Kamera klickt. Der Vater sieht die vor sich angewinkelten Beine der Tochter, greift ihre Füße und zieht, streckt die Beine so lang, bis die Füße seine Hüften berühren. Der Bauch seiner Tochter sich strafft, die Beckenknochen treten hervor, die fast überdehnten Beine vibrieren durch die Anspannung. Die Kamera klickt. Behutsam und rücksichtsvoll versucht er, die beste Perspektive, den aufregendsten Blickwinkel zu finden. Die Kamera klickt – und klickt. Wenig später löst sich die Szene auf, die Mutter hebt ihren Sohn auf den Arm, alle gehen zu ihrem Platz am Strand zurück.

Idel Figur - In Bewegung

Der Mann schreckt auf, als der Vater fragt: „Gehen wir ins Wasser?“ Niemand reagiert. Der Vater beugt sich zu seiner Tochter, klopft ihr auf den Po, die bleibt reglos liegen. „Na los!“, ruft der Vater, packt das Mädchen an den Füßen, es strampelt, versucht sich loszureißen und weg zu krabbeln: „Warte, ich kriege dich!“, ruft der Vater. Der Mann greift zu seiner Kamera, niemand beachtet ihn, die Kamera klickt. Schließlich bekommt der Vater die Beine seiner Tochter zu fassen, hebt sie hoch, sie strampelt, will ihn wegstoßen, er lacht - die Kamera klickt. An einem Bein trägt er das Mädchen ins Wasser - und lässt es los. Es will sich rächen, schreit, bewirft ihn Modder, mit nassem Sand… Wenig  später kommen beide erschöpft und außer Atem vom Wasser zurück, werfen sich in den Sand, bleiben reglos liegen. Den fremden Mann haben sie vergessen. 

Idel Figur - Die erste Begegnung

Seit geraumer Zeit liest er, seitlich aufgestützt, in einem Buch  "Die Geschichte der Kunst, Ernst H. Gombrich": "Seit Urzeiten sehnen sich Menschen nach Fehlerlosigkeit, nach Vollkommenheit, nach absoluter Schönheit. Davon zeugen steinzeitlichen Felsbilder, die an die Wände von Höhlen aufgebracht wurden.“ Der junge Mann schaut auf. Eine Frau mit einem großen Hut und ein Mädchen, noch ein halbes Kind, gehen an ihm vorüber, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen - und machen zwei Meter von ihm entfernt Halt: "Wollen wir hier bleiben?", fragt die Frau, offenbar die Mutter des Mädchens. Sie setzt zwei, drei Taschen ab, breitet eine Decke aus. Dann hebt das Mädchen die Arme, die Mutter zieht ihm das T-Shirt über den Kopf, es lässt knöpft seine Hose auf, lässt die den Boden fallen, wirft die mit der Fußspitze von sich. Nun bemüht sich die Mutter, einen Windschutz aufzustellen, der fällt mehrmals um. " Nicole, hilf mir doch!" Die versucht lustlos, einen Stab des Windschutzes in den Sand zu drücken, das gelingt nicht. Hilflos schaut die Mutter sich um, sieht den jungen Mann: "Ob Sie uns wohl behilflich sein könnten?" Der steht auf, geht auf die beiden zu - und ist fasziniert, als er das Mädchen unmittelbar vor sich sieht, jung, schmal, hoch gewachsen… Der Windschutz steht. Der junge Mann geht an seinen Platz zurück und wendet sich wieder seinem Buch zu: „Frühe Terrakotta-Figuren, italienisch: gekochte Erde, zeigen Mädchen mit kindlich flachen und Frauen mit großen Brüsten. In der berühmten Höhle von Lascaux in Frankreich findet 

Idel Figur - Die Zeichnung

Instinktiv schaut er auf und sieht, dass die Mutter sich seitlich vor ihm auf den Boden gesetzt hat, die Tochter ihr gegenüber. Auf ihren gekreuzten Beinen liegt ein aufgespannter Bogen Papier, sie ist dabei ihre Mutter zeichnen. Der Mann steht auf, geht auf die beiden zu, grüßt, beugt sich über das Mädchen und sagt: „Das ist schon gut. Wenn du dich nicht in Einzelheiten verlierst, kann das Bild noch besser werden.“ Das Mädchen schaut zu ihm empor, beugt sich etwas zurück und fragt: „Helfen Sie mir?“, und reicht ihm den Stift. Er hockt sich zu dem Mädchen und, indem er auf dessen Kopf, die Schultern, die Brust, die Beine zeigt, markiert er auf dem Blatt Papier die Schnitt- und Eckpunkte des weiblichen Körpers. Das Mädchen nickt zustimmend, vertieft sich wieder in die vor ihr liegende Zeichnung, der junge Mann geht an seinen Platz zurück.

Beethoven Frieze. Gustav Klimt  

Die schönsten Momente im Leben sind nicht die, in denen man atmet, sondern die, die einem den Atem rauben.  Rainer Maria Rilke

Skulptur. Hans Jean Arp 

Idel Figur - Ein männliches Model

Wenig später kommt die Mutter auf ihn zu und fragt: „Meine Tochter möchte Sie gern zeichnen, traut sich aber nicht, Sie zu fragen.“ Er steht auf, geht zu dem Mädchen: „Wie möchtest du mich denn haben?“ Die beiden einigen sich auf drei, vier unterschiedliche Haltungen:  Zuerst steht der junge Mann, dann setzt er sich, dann streckt er sich auf dem Boden aus. Nach geraumer Zeit fragt er: “Kriegst du´s hin?“ Er steht auf, geht zu dem Mädchen, die Mutter kommt dazu. „Ich weiß nicht, wie man das Schlüsselbein, die Schultern zeichnen muss“, sagt es. „Das ist ja auch schwierig“, sagt er, „die Schnittpunkte des Körpers habe ich dir vorhin erklärt: „Der Kopf reicht vom Scheitel bis zum Kinn, die Brustwarzen, der Bauchnabel, das männliche Glied, die Knie liegen hier, der Fuß reicht bis da. Und dann erklärt er dem Mädchen, wie es eckige männliche Schultern, den Bizeps, die Waden, die Knöchel zeichnen kann. Bald darauf ist die Zeichnung fertig. Die Mutter hatte interessiert zugeschaut, legt die Arme um ihre Tochter und drückt sie an sich und sagt: „Das hast du aber gut gemacht, Nicole!“ Alle drei gehen an ihren Platz zurück.   

Vor der Anmut und Reinheit wahrer Schönheit senkt der Betrachter den Blick, ohne ihn abwenden zu können.   Ekkehart Mittelberg (*1938) 

Idel Figur - Der Besuch

„Darf ich die Mädchen noch einmal fotografieren?“, hatte er am Telefon gefragt. „Ja, warum nicht?“ hatte die Mutter geantwortet und den Mann zu ihnen nach Hause eingeladen. Jetzt sitzen sie zu viert am Tisch, entwerfen einen Plan. Die Eltern haben an seiner Seite Platz genommen, die Töchter gegenüber. Alle überlegen, ergänzen, korrigieren, gestikulieren.  Die Spannung steigt. „Könnt ihr euch das so vorstellen?“ „Im Gegenlicht geht das nicht!“ „Besser, du gehst gleich ins Bad!“  Dann geht es los: Der Mann hat seine Kamera griffbereit, die Eltern schauen zu. Die Mädchen kommen von draußen herein, stellen ein paar Sachen ab, dehnen und strecken sich, die Kamera klickt. Das eine Mädchen legt seine Kleidung ab und stellt sich vor einen Spiegel, betrachtet sich, kämmt sich. Sogleich malt die Deckenlampe Licht und Schatten auf die Haut, Lichtreflexe gleiten über die weißen, noch kindlichen Mädchenkörper. Der Fotoapparat klickt.  

Idel Figur - Im Badezimmer

Das andere Mädchen geht auf das Badezimmer zu, öffnet die Tür. Auf dem Wannenrand stehen zwei, drei Kerzen. „Das Licht lässt sich hier dosiert und kontrolliert einsetzen“, sagt er. Das Mädchen zieht sich aus, steigt in die Wanne. Die Kamera klickt. Die Mutter seift ihm den Rücken, die Schultern, die Beine ein. Dann setzt es sich, streckt sich aus, taucht sich unter, so dass nur noch die Knie und die Brust aus dem Wasser schauen. Die Kamera klickt. Jetzt kommt die zweite Tochter dazu, steigt ebenso in die Wanne, setzt sich ihrer Schwester gegenüber. Sie lachen, stehen auf, bespritzen sich, legen sich für quer, legen sich aufeinander, ziehen sich an den Beinen, strecken Arme und Beine hoch. Die Kamera klickt. Dann stehen die Mädchen auf, der Vater hilft ihnen aus der Wanne, reicht ihnen ein Handtuch. Sie trocknen sich ab, cremen sich ein – und gehen ins Wohnzimmer zurück.  Gegen zwanzig Uhr verabschiedet sich der Mann.

Idel Figur - Die Grube

 „Nicole!“, komm mal, „ich eincreme dich noch ein!“ Beinahe hätte der junge Mann verpasst, dass das Mädchen mit Eimer und Schaufel angefangen hat, im Sand zu spielen, mit dem Eimer Wasser zu holen und eine Sandburg zu bauen. „Nicole!“, ruft die Mutter erneut. Lustlos steht das Mädchen auf, geht zu seiner Mutter, die cremt es ein: “Die Haut merkt sich alles!“ Dann spielt das Mädchen weiter, die Mutter schaut zu, der Mann ebenso. „Ich würde Ihre Tochter auch mal zeichnen wollen“, sagt er. Die Mutter nickt: „Da wird sie sich sehr freuen. Als Sie neulich fort waren, sagte die Nicole, dass sie als Model nicht geeignet ist, viel zu dünn ist und keinen Busen hat.“

 Mit einem Block und einem Stift geht er zu dem Mädchen. Es sieht ihn kommen, stützt sich auf die Arme und fragt verwundert: „Sie wollen mich malen? Ich bin doch viel zu dünn!“ Ich will´s versuchen, du musst aber still halten!“, sagt der. Es zögert einen Moment, überlegt - und spielt dann weiter.  Nach wenigen Minuten sagt der junge Mann: „Ich krieg das so nicht hin, du bewegst dich zu sehr!“, steht auf, holt seinen Fotoapparat, schießt ein, zwei Fotos. Dass Mädchen hört das Klicken, ist für einen Moment irritiert, wendet sich jedoch wieder seiner Sandburg zu. Es kniet sich, stützt sich auf die Hände, beugt sich unbefangen nach vorn, die Kamera klickt. Dann holt es seine Schaufel und fängt an, ein Loch, eine Grube zu graben. Beugt sich immer mehr hinunter, spreizt die Knie, um möglichst tief hinunter reichen zu können, dehnt den Oberkörper nach unten, die Schulterblätter stehen hervor - bis die Schaufel keinen Grund mehr findet. Die Kamera klickt. Die Mutter ist dazu gekommen. Ist meine Tochter nicht gelenkig?", sagt sie und zu dem jungen Mann gewandt: „Von mir hat sie das nicht."   „Ich kann nicht mehr!“, das Mädchen stöhnt. Daraufhin zieht es seinen Oberkörper aus der Grube heraus, richtet sich auf, dehnt und streckt sich. „Hast du gut gemacht!“, sagt die Mutter bewundernd und drückt ihre Tochter an sich, „wie gelenkig du bist!“ Um nun noch zu zeigen, wie tief das Loch ist, springt die Tochter in die Grube hinein; der Rand reicht ihm bis zur Brust. Erst hockt sie sich runter auf den Boden, dass nur Kopf und Rücken zu sehen sind, dann richtet es sich auf, schaut nach oben, legt den Kopf nach hinten und dehnt den Oberkörper nach vorn. „Das sieht gut aus!“, sagt er. Die Kamera klickt. Dann klettert das Mädchen aus der Grube heraus.

Idel Figur - Die ersten Fotos

"Erlauben Sie, dass ich Sie noch einmal fotografiere?“, fragt der junge Mann. "Uns beide? fragt die Mutter. "Bitte Ihre Tochter, wenn ich darf!"  Die zögert. „Na trau dich doch, Nicole!“, sagt die Mutter, „du durftest den netten Mann gestern doch auch zeichnen.“ „Zeichnen ist etwas anderes!“, sagt das Mädchen leise, steht auf, die Schultern nach vorn gebogen und die Arme über der Brust gekreuzt. "Nur Mut!“, sagt die Mutter. "Stell dich bitte mal so!", sagt der Kunststudent, den sie kürzlich kennengelernt hatten. Das Mädchen lässt die Arme fallen, die Kamera klickt. „Kannst du dich mal hinknien?“ Das Mädchen kniet sich in den Sand. „Nicole, nimm bitte mal die Schultern zurück!“ Es dreht die Arme nach hinten. Die Kamera macht Klick. „Und nun stütze dich auf deine Hände nach vorn!“. Das Mädchen beugt sich nach vorn, drückt den Oberkörper durch - und stützt sich auf die Ellenbogen, bis die Brust den Sand berührt. Klick! Der junge Mann fotografiert aus allen Richtungen.  

Knieende. Aquarell. Christoph Rosenow

Idel Figur - Langgestreckt

Die Mutter schaut interessiert zu, geht um die Tochter herum, überlegt und sagt dann: "Leg dich doch mal auf den Rücken, Nicole!" Die zögert einen Moment, dreht sich auf den Rücken, zieht schüchtern die Knie an, legt die Hände zwischen die Beine. Die Kamera klickt. "Mach dich mal locker!", sagt die Mutter, greift die Hände der Tochter, zieht, dehnt deren Arme weit hinter den Kopf. "Aua!", jammert die, "du tust mir weh!" Die Kamera klickt. Die Mutter verharrt einen Augenblick, stellt sich dann vor die Füße ihrer Tochter, drückt ein Bein zur Seite bis es den Boden berührt. Klick! Dann fasst sie die Füße ihrer Tochter und  zieht, streckt ihre Beine so sehr in die Länge, bis die Schmerzgrenze erreicht ist. Die Tochter stöhnt, die Kamera klickt. 

Es gibt die keusche Anmut des Ebenmaßes und die sinnliche Schönheit des Regelmäßigen.  Fritz P. Rinnhofer (1939 - 2020),

Idel Figur - Der große Stein

„Erlauben Sie, dass ich mit Ihrer Tochter zu dem großen Stein dort hingehe?“, hatte er die Mutter gefragt.  Sie waten durch das Wasser zu dem Stein. Das Mädchen klettert hinauf: Durch den Sucher seiner Kamera verfolgt der junge Mann die Bewegung des wunderschönen Mädchenkörpers vor sich, die schmale Taille, das Wiegen der Hüften, die langen Beine, die durch das Wasser gleiten. Dann gelangen sie zu dem großen Stein. „Kommst du da hoch, Nicole?“, fragt er. „Weiß nicht!“, sagt sie. Sie will sich an dem Stein hochziehen, sucht mit den Händen weiter oben Halt. Er will ihr behilflich sein, stützt einen Fuß ab.

 Dabei sieht er über sich das angezogene Bein des Mädchens – und das weit nach unten gestreckte.. Oben richtet es sich auf, die Kamera klickt. Dann setzt es sich. Die Kamera klickt.  Dann legt es sich auf den Bauch, die Kamera klickt. „Kannst du dich mal auf den Rücke legen?“ Die Nicole tut das, die Brust dehnt sich, flacht ab, Kopf, Arme, Beine hängen lang herunter. Zurückhaltend, behutsam sucht er nach der schönsten Perspektive, dem aufregendsten Blickwinkel. Die Kamera klickt und klickt. Wenig später lässt sich das Mädchen ins Wasser gleiten und - schwimmt. Der junge Mann folgt ihm – und sieht trotz der bewegten schillernden Wasseroberfläche, wie die Arme des Mädchens nach vorne greifen, wie es den Kopf aus dem Wasser hebt, wie der Po sich hebt und senkt, wie es die Beine anzieht, streckt und auseinander gespreizt. Der Fotoapparat klickt. Am Strand angekommen holt das Mädchen tief Luft, dehnt sich, streckt sich. „Ging alles gut?“, fragt die Mutter, das Mädchen nickt.

Jede Knospe erblüht nur ein Mal und jede Blume hat nur ihre eine Minute vollendeter Schönheit   Henri-Frédéric Amiel (1821 - 1881)

Jede Knospe erblüht nur ein Mal und jede Blume hat nur ihre eine Minute vollendeter Schönheit . Henri-Frédéric Amiel (1821 - 1881)  

Idel Figur - Das Buch

Am nächsten Tag gehen Mutter und Tochter in Begleitung einer Freundin an den Strand. Schon von weitem winken sie, treffen den jungen Mann an gleicher Stelle wieder. " Nicole, wollen wir hier bleiben?" fragt die Mutter. Die Tochter antwortet nicht, zieht sich aus und  geht von hinten auf den jungen Mann zu, der auf der Seite liegt und heute mit einem anderen Buch beschäftigt ist. Das Mädchen beugt sich von hinten über ihn und buchstabiert: "Die Anatomie des Menschen. Körper zeichnen lernen mit über 1.000 Abbildungen." "Machen Sie das beruflich?", fragt das Mädchen. Er hört seinen Atem, schaut zu ihr hoch, dreht sich auf den Rücken und sagt: "Nein, ich studiere noch!", hebt das Buch über den Kopf und liest: „ Künstler, Maler, Bildhauer rückten mehr und mehr den idealen Körper in den Blick, Leonardo da Vinci „Der vitruvianische Mensch“.  Derweil hat das Mädchen seine Ellenbogen auf seinen Oberkörper gestützt und hört weiter zu:„Die nackte Venus gleitet auf einer Muschel dahin, Sandro Boticelli „Die Geburt der Venus“. Der junge Mann blättert um, das Mädchen rutscht etwas höher und, indem es sich den vitruvianischen Menschen vorzustellen versucht, streckt es seine Arme aus, legt seinen Oberkörper auf die Brust des jungen Mannes, dreht seinen Kopf zu ihm.  Als das Mädchen dessen warmen Körper spürt, ist es für einen Moment irritiert, hebt eine Schulter, und, weil er unbeirrt weiter liest, legt es sich wieder lang, merkt wie sich seine Brust beim Lesen hebt und senkt: „Menschliche Gestalten winden sich schlangenartig mit überlangen und verdrehten Körpern nach oben, Giovanni da Bologna „Raub der Sabinerin“."

 

 

Idel Figur - Die Freundin

 

Das andere Mädchen, die Freundin, war bisher im Wasser, kommt neugierig dazu, legt sich zu den beiden auf die andere Seite und hört zu. Schließlich fragt sie den fremden Mann: "Interessiert Sie das?" „Ich bin im vierten Semester“, sagt der. „Gehen Sie oft an den FKK-Strand?“, fragt die Freundin weiter. „Im Sommer schon!“, sagt er - und liest weiter: „ In der Antike gab es verschiedene Typen: einerseits den jugendlichen Athleten, wie er im Extrem von Herkules oder auch vom Kriegsgott Mars verkörpert wird; aber auch etwas ätherische, feine Typen, wie man sie in Bildnissen des Apollon oder des jugendlichen Ganymed darstellte.“ Ihre Augen gleiten über den unbekleideten sportlichen Körper des jungen Mannes, die muskulösen Schultern, die Brust, den Bauch, die braunen Beine. „Ich bin das noch nicht gewohnt!“, sagt sie leise. Stunden später, die meisten Badegäste haben den Strand verlassen, fragt die Nicole unvermittelt: „Haben Sie Lust, mich einmal mit meiner Freundin zu fotografieren?“ "Ich weiß nicht!", sagt die Freundin.  "Überlegt es euch!", sagt der junge Mann.  

Idel Figur - Zu zweit

Am Folgetag sind alle am gleichen Platz versammelt, auch die Freundin ist mit dabei. Die Wellen kräuseln sich, eine leichte Brise weht vom Meer herüber. "Und, habt ihr es euch überlegt?", fragt der junge Mann. „Wir machen uns erst einmal frisch!“, sagt die Claudia. Die Mädchen schwimmen ein Stück, bespritzen sich und kommen pustend zurück. Das Wasser perlt ihnen vom Körper, die Freundin versucht ihre nasse Hose festzuhalten, die klebt ihr an den Beinen und gibt den flachen Bauch und die hervorstehenden Beckenknochen frei. Sie gehen auf den jungen Kunststudenten zu, warten, dann gibt er erste Anweisungen: Die Mädchen stellen sich hintereinander, dann gegenüber, das eine Mädchen legt der anderen die Arme um den Hals. Die Mutter kommt dazu: "Willst du dir die nasse Hose nicht ausziehen? fragt sie die Freundin ihrer Tochter, „Du erkältest dir die Nieren!" Die zögert, schaut sich um, zieht sich aber dann die nass triefende Hose herunter, gibt sie der Mutter, die wringt sie aus. Die Kamera klickt. „Bewegt euch mal!“, sagt der junge Mann. Nun hebt die Freundin die Nicole hoch, setzt sie mit ihren Oberschenkeln auf ihre Hüften, die umklammert ihre Freundin mit den Beinen und legt die Beine auf ihrem Rücken über kreuz.  Die Kamera klickt. Nun tritt die Mutter an die beiden Mädchen heran, greift die Arme der Tochter, die die Taille ihrer  Freundin mit den Beinen umklammert hat, zieht die Arme über den Kopf der Freundin und dehnt die weit nach unten.  Ihr Oberkörper biegt sich hinunter, ihre Brust wölbt und dehnt sich weit, so dass sie mit den Fingerspitzen den Boden berühren kann.  Der junge Mann fotografiert. Dann lässt sich die Nicole auf dem Boden abrollen, steht auf und schüttelt sich. „Ihr seid richtig gut!“, sagt die Mutter anerkennend. Dann gehen die Mädchen zu dem Kunststudenten hinüber. „Ihr habt euch wenigstens getraut!“, sagt er. Dann schauen sie sich die Bilder an, er erklärt Knochen und Sehnen, Haltungen und Bewegung, beschreibt die Harmonie, die Zartheit, Schönheit, die Faszination des menschlichen Körpers.

 

 

Idel Figur - Der Handstand

Die Freundin ist abgereist, die Mutter ist mit ihrer Tochter wieder an den Strand gekommen.. Sie kommen wieder an den Strand. Das Meer rauscht, weiße Wolken ziehen über den Himmel. Mutter und Tochter liegen unbekleidet in der Sonne, die Mutter hat sich wieder das Gesicht abgedeckt, das Mädchen gähnt. “Falls du Langeweile hast, Nicole, ich hätte noch eine Idee.“ Der junge Mann zeigt dem Mädchen eine Zeichnung, die er irgendwann angefertigt hat. „Das ist ja ein Handstand!“, sagt es, das Bild begutachtend. „Kriegst du das hin?“, fragt er. Das Mädchen überlegt, versucht dann, durch die Zeichnung angeregt, genau diese Haltung einzunehmen. Zuerst stützt es seine Hände auf den Boden und versucht mit Schwung, seine Beine nach oben zu werfen. Das gelingt nicht. Es sackt in sich zusammen, versucht es erneut.  Einige Strandgäste sind herangekommen, schauen neugierig zu. Einer der Gäste ruft:" Stell doch deine Hände weiter auseinander!“ Die Mutter steht auf, nähert sich den beiden: Warte Nicole, ich halte  dich!“ Wieder versucht das Mädchen die Beine nach oben zu werfen, die Mutter greift zu - doch die langen glatten Beine entgleiten ihr. Ein Mann, groß, sportlich, braun gebrannt löst sich aus der Gruppe der Zuschauer und stellt sich neben die Mutter. Im richtigen Augenblick packt er zu, kriegt die Beine des Mädchens zu fassen, hält die fest, hebt das Mädchen hoch, die Arme baumeln in der Luft. Die Gäste klatschen, Fotoapparate klicken. Alle sehen, dass die Arme des Mädchens zittern, im Gesicht das Blut zusammen geflossen ist, die Brust sich gewölbt und nach unten wölbt - bis dem Mann die Arme schwer werden. Er setzt das Mädchen auf dem Boden ab, es wundert sich über die vielen Badegäste, die neugierig zuschauen, steht auf und klopft sich den Sand von den Händen. Einige der Gäste klatschen. Plötzlich und unerwartet stellt sich der Mann hinter das Mädchen, legt seine Hände um dessen Taille, „Nimm Schwung!“ ruft er ihm zu – und stemmt das Mädchen nach oben weit über seinen Kopf. Seine muskulösen Arme vibrieren, der Mädchenkörper ist wie eine Brücke gewölbt, das Becken, die Beckenknochen stehen hoch, Arme und Beine hängen nach unten. Die Gäste klatschen, Fotoapparate klicken. Dann dreht er das Mädchen im Kreis und zeigt es nach allen Seiten. Endlich setzt er das Mädchen ab, das biegt seinen Körper, dehnt und streckt sich. „Das hast du gut gemacht, Nicole!“ sagt der Mann, das Mädchen lächelt.  

Odalisque. Jean Auguste Dominique Ingres

In Bewegung III,  Collage, Bildtransfer 560x250, 2019  Christoph Rosenow

 

Idel Figur - Die Brücke

 

Heute hatten den jungen Kunststudenten an gleicher Stelle angetroffen, vielleicht zum letzten Mal, morgen ist Freitag, Abreisetag. Die meisten Badegäste haben den Strand verlassen. Nun will auch die Mutter aufbrechen: „Nicole, zieh dich an, wir müssen los!“ „Bitte, darf ich noch eine Weile bleiben?“, mault die Tochter. „Also gut, aber bleib nicht zu lange!“ Die Mutter wendet sich dem jungen Mann zu: „Die Nicole fand Ihre Zeichnungen ganz toll!“ und indem sie die Decke ausschüttelt, sagt sie: „Sie ist erst dreizehn, passen Sie gut auf sie auf!“ Dann geht die Mutter. Jetzt sind beide allein. Sie setzen sich ans Wasser,  sehen rosa Wolken über den Himmel ziehen. „Ist das nicht toll?“, fragt er. Das Mädchen antwortet leise: „Schauen Sie, die Wolke hat ein Gesicht!“ Sie träumt, sie fantasiert.  Er hat sich auf die Seite gedreht, betrachtet das Mädchen in aller Ruhe. Das Mädchen spürt seinen Blick und fragt: Haben Sie Lust mich noch einmal zu fotografieren? , morgen reisen wir ab!“  Noch bevor er antworten kann, steht es auf, kniet sich in den Sand - legt sich auf den Bauch. „Ich denke, das hatten wir schon!“, sagt er. Das Mädchen überlegt - und legt sich einen Augenblick später rücklings auf den Boden, stützt die Hände hinter den Kopf und  - versucht, das Becken hoch zu drücken. „Willst du eine Brücke schlagen?“, fragt er, neugierig geworden, „das ist nicht so einfach!“ Das Mädchen versucht mehrmals, seinen Körper nach oben zu wölben, aber das gelingt nicht. „Warte, ich helfe dir!“ sagt er, tritt dicht an das Mädchen heran, greift ihm unter den Rücken – und hebt den ganzen Körper hoch, drückt das Becken des Mädchens mit aller Kraft nach oben. Dann hält er es einen Augenblick und sagt: „Na siehst du, Nicole, geht doch!“ Der ganze kindlich mädchenhafte Körper ist wie ein Flitzbogen gespannt, ist durchgebogen bis zur Schmerzgrenze. Es hat den Mund weit geöffnet, der Kopf hängt nach unten, die Brust hat sich weit gedehnt, ist groß und flach geworden, die Brustwarzen wölben sich wie kleine Hügel nach außen, der Bauch ist gestrafft und glatt, die Beckenknochen stehen hervor, der noch unbehaarte Venushügel wölbt sich nach oben, die Beine zittern, vibrieren unter der körperlichen Anspannung. „Bleibt so!“ ruft der junge Mann. Er lässt das Mädchen los, tritt eilig einen Schritt zurück und sucht, die Kamera am Auge, rücksichtsvoll, vorsichtig und behutsam, die beste Perspektive, den aufregendsten Blickwinkel. Er fotografiert von oben und von unten, von der Kopfseite und der Fußseite. „Ich kann nicht mehr!“, stöhnt das Mädchen, Arme und Beine zittern, das Blut ist ihm im Kopf zusammen gelaufen, es atmet tief, keucht.

Die Kamera macht klick und klick. Dann fällt das Mädchen in sich zusammen, bleibt eine Weile liegen, die Kamera klickt. Dann richtet es sich auf, massiert sich die Arme, schüttelt die Beine und steht auf. Noch außer Puste, geht es zu dem jungen Mann, um sich die Fotos anzuschauen. „Ging das so?“, fragt das Mädchen, und tippt auf das eine und das andere Foto.  „“Du bist wirklich sehr schön!“, sagt er. Er hält einen Moment inne und ergänzt: „Jede Haltung ist schön und erlaubt, so lange die Schamgrenze nicht überschritten wird.“ „Das ist was?“, fragt das Mädchen. „Das sind die Regeln des guten Geschmacks und der Fairness!“ Beide schauen sich an – das Mädchen lächelt.