Ideal Figur II

Ich gäb was drum, dich nackt zu sehen.

   Unbekannt

 

 

Das Auge erfasst die Form, die vom Geist mit Schönheit geschmückt wird.  

    Harald Gebert (*1951)

Doch einzig ist meine Taube, die Makellose... Erblicken sie die Mädchen, sie preisen sie;  Königinnen und Nebenfrauen rühmen sie.

    Hohelied, Hdl

Haltungsskizze.. Bleistift laviert. Christoph Rosenow

Schönheitsideal – Streckung

Seit Urzeiten sehnen sich Menschen nach Fehlerlosigkeit, nach Vollkommenheit, nach absoluter Schönheit. Um dieser Sehnsucht Ausdruck zu verleihen, suchten und fanden sie Abbilder und Vorbilder– suchten nach einem künstlerischen Stil.

Zur Zeit des Barock etwa wurden die Gestalten, der Körper gerundet (Peter Paul Rubens).  Im frühen Mittelalter hingegen, im Jugendstil (Casa Padrino, Job Mucha), auch in der Neuzeit (Modigliani, Kareem Iliya) fanden Künstler, Maler und Bildhauer ihren je eigenen Stil, indem sie Figuren und Gestalten stilisierten, streckten, dehnten, in die Länge zogen oder aber in gedachte Formen wie Dreiecke, Kreise, Ovale einfügten (Oskar Schlemmer, Lyonel Feininger).  

Schönheitsideal - Stilrichtungen

Seit Jahrhunderten beschäftigen sich die unterschiedlichsten Künstler, Maler, Bildhauer, Fotografen mit der Frage, wie den Menschen darstellen, malen und fotografieren kann. Dazu wurde und wird der weibliche und der männliche Körper  - mit wachsendem Interesse - in seiner äußeren Erscheinung studiert: Wie kann man Gesicht, Körper, Gliedmaße  darstellen und zeigen?

Was geschieht mit Knochen, Muskeln, Gelenken und Bändern? Wie verändern sich der Rumpf, die Glieder mit einer bestimmten Haltung, einer Bewegung, einer Drehung, einer Streckung?

Dabei bildeten sich in der Darstellung  zwei große Tendenzen heraus:

1.So realistisch wie möglich, wirklichkeitsnah, mit Fehlern und  Alterungsmerkmalen behaftet (Albrecht Dürer, Käthe Kollwitz)

2. So ideal wie möglich, wirklichkeitsfern, bezaubernd, wunderschön, makellos, perfekt ( Raffael, Tizian, Gauguin).

Zudem  dominierte in bestimmten Epochen in der Malerei, in der Bildhauerei und in der Fotografie das männliche Ideal (körperliche Kraft und Schönheit), zu anderen Zeiten das Ideal der Frau (Zartheit, grazile Schönheit). Für das eigene Selbstverständnis, aber auch für die Sicht von außen spielte das weibliche Schönheitsideal eine größere Rolle als das männliche.

Schönheitsideale sind freilich dem Wandel und dem Geschmack der Zeit unterworfen. Dennoch enthalten sie einen überindividuellen und überkulturellen „harten Kern“ – aus dem sich etwa die Tatsache erklären lässt, dass manche Schönheitsikonen vergangener Zeiten, wie beispielsweise die Venus von Milo oder Raffaels Madonnen auch von heutigen Menschen als schön empfunden werden. Die Symmetrie und der Goldene Schnitt sind dabei bekannte und vielfach genutzte Regeln.

Schönheitsideal – Maße

Unter Künstlern, Fotografen und Designern gilt ein Mädchen als schön und attraktiv, wenn der Brust-, Taillen- und Hüftumfang 90 – 60 -  90 beträgt. Das heißt, der Taillenumfang dividiert durch den Hüftumfang ergibt für den weiblichen Körper einen Wert von etwa 0,7.  Von einigen Agenturen wird eine extrem schmale Figur, ein Brust- und Hüftumfang deutlich unter 90 Zentimetern bevorzugt. Perfektes Alter 14 bis 16 Jahre. Gewicht zwischen 45 und 55 Kilogramm. Größe 1,75 bis 1,80 Meter.   

Zu einer Traumfigur gehören in der Regel eher kurze als lange Haare, eine straffe und glatte weiße unbehaarte Haut. Auffallende Augen, leicht geöffnete Lippen. Ein langer Hals. Eine flache, gehobene Brust. Schmale Arme, lange feingliedrige Hände und Finger. Sich deutlich unter der Haut abzeichnende Wangenknochen, Schulterblätter, Schlüsselbein, Rippen und  Beckenknochen. Flacher glatter Bauch,  ein leicht gewölbter Venushügel. Extra lange Beine. Knie und Knöchel auffallend und markant. Lange schmale Füße.

Das mitunter kindlich-mädchenhafte Aussehen der Modelle erinnert eher an Nymphen und Engel denn an wirkliche Lebewesen.

Aber Ausnahmen bestätigen die Regel. Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters! Künstleranatomien variieren in der Auffassung des Menschen, in der Beschreibung des Körperbaus, der Haltung und Bewegung. Zudem ändern sich ideale Maße im Laufe der Geschichte - und unterscheiden sich von Land zu Land.

 

Bewegung. Farbstift. Christoph Rosenow

Schönheitsideal – Zwang und Leiden

Seit Urzeiten setzen Menschen die unterschiedlichsten Mittel ein, um den jeweils vorherrschenden Schönheitsvorstellungen zu entsprechen. Da wurde der Körper drastisch verändert, Zähne zugefeilt, der Hals durch Messingringe scheinbar verlängert, Füße eingeschnürt und verkrüppelt.  In Europa führte das Tragen von Korsetten zu Deformierungen der Rippen und des Brustkorbs. Schönheitsoperationen, Brust- und Poimplantate, sowie das Einspritzen von Botox  im Gesicht taten das Übrige.

Bis heute setzen sich Menschen unter Druck, sie leiden, sie hungern sich auf eine Größe 34 oder 36 herunter, sie verkrampfen sich, bilden Minderwertigkeitsgefühle aus – nur um in den Augen anderer schön zu sein, aufzufallen, anerkannt und beachtet zu werden und - einer gewissen Diskriminierung, die oftmals die trifft, die dem allgemeinen Schönheitsideal nicht entsprechen, zu entgehen.

Freilich wird die absolute Schönheit, Vollkommenheit auf diese Weise nie erreicht, denn zu unserer Wirklichkeit gehört immer auch das Unschöne, das Unvollkommene.

Um so mehr gilt, ein Ideal sollte immer das bleiben, was es ist, nicht mehr und nicht weniger: Ein Traum, eine unerreichbar ideale, d.h. absichtlich verzerrte, beschönigende und harmonische Darstellung einer Landschaft, einer Architektur, eines Ornamentes, eines Gesichtes, eines Körpers, der Gliedmaße eines Menschen. Die wurden dann aber auch zu allen Zeiten bestaunt und bewundert.

Die Vervollkommnung des Körpers zeigt sich in Schönheit, Anmut, Stärke und diamantener Festigkeit.

      Patanjali   (2. Jh. v. Chr.) 

Akt. Aquarell  Christoph Rosenow

Schönheitsideal – Aktzeichnen

Das  Aktzeichnen z.B. ist ein figürliches Naturstudium, um die Proportionen und die Anatomie der menschlichen Gestalt kennenzulernen und künstlerisch umzusetzen. Dabei werden die Teile des Körpers in ihrem Aufbau, ihrer Funktion und ihrer räumlichen Ausdehnung betrachtet und der körperlichen Gesamtgebärde untergeordnet. Da jeder Mensch anders ist, gibt es keine starren Größenverhältnisse, doch ist die Kenntnis einer idealen Proportionslehre sehr dienlich. Hüftregion und Brustkorb sind konstante Formen und können sich in ihrer Lage zueinander durch Beugung und Bewegung stark verändern. Die Skelettformen sind dabei wichtiger als die Muskulatur.

Entscheidend für das Gelingen einer Aktzeichnung ist das proportional korrekte Abbilden von Händen und Füßen. In der Regel reicht die Hand vom Kinn etwa bis zum Haaransatz. Der Fuß ist ungefähr so lang wie der Unterarm ohne die Hand. Zu mehr Beobachtungsfähigkeit führt es, das Modell nur kurz zu studieren und dann ohne weitere Betrachtung zu skizzieren. Ein Malen aus der Vorstellung heraus, ganz ohne Modell, ist vor allem für Fortgeschrittene wichtig, die damit ihre innere Anschauung und Kenntnis der Proportionen überprüfen können. 

 

 

Haltungsskizze II. Bleistift .  Christoph Rosenow

Ihr lasst um jede Attitüde ein weiß gewaschnes Hemdchen wehn, denn um die Schönheit nackt zu sehn, sind eure Seelen viel zu prüde!

      Arno Holz (1863 - 1929)

Einst hatt' er sich ein Bild gemacht,

es staunte, wer es sah.

Es stand in aller Schönheit Pracht

ein junges Mädchen da.

     Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832)

Seide wurde erfunden, damit die Frauen nackt in Kleidern gehen können.

   Aus Arabien

Beethoven Frieze, Gustav Klimt

Schönheitsideal - Ikonen

Manche Schönheitsikonen vergangener Zeiten, wie beispielsweise die Venus von Milo oder Raffaels Madonnen werden auch von heutigen Menschen als schön und nachahmenswert empfunden.

Altägyptische Kultur: Es gab kunstvoll gearbeiteten Schmuck und feinste durchsichtige Stoffe, die die Körperformen durchschimmern ließen. Nofretete bedeutete: „Die Schöne ist gekommen“. Ihre berühmte Büste wirkt erstaunlich lebensecht. Die Gesichtszüge sind harmonisch, die Augen ausdrucksvoll, der Mund voll und sinnlich, der Hals auffällig lang und anmutig. Ihr Körper zeigt ausgeprägte weibliche Kurven bei eher kleinem Busen.

Griechische Klassik: An Statuen wie der Venus von Milo wird ersichtlich, dass der ideale Frauenkörper harmonische Proportionen hatte, eher kleine aber feste Brüste, dazu ein wohl geformtes Becken. An männlichen Idealfiguren gab es verschiedene Typen: Einerseits den jugendlichen Athleten, aber auch fein gearbeitete Skulpturen wie die des Apollon. 

In der Kunst ist die Form alles, der Stoff gilt nichts.

     Heinrich Heine