Ideal Figur

Kopf im Profil, Amadeo Modigliani

 

Ideal Figur IV, Aquarell, 1996, Christoph Rosenow

 

Kopf eines jungen Mädchens, 1920, Ossip Zadkine

 

 Ideal Figur – Maße

Ein Kunststudent sitzt gebeugt über dem Buch: „Künstleranatomie und bildnerischer Ausdruck , Gottfried Bammes“ und liest:  Unter Künstlern, Fotografen und Designern gilt ein Mädchen als schön und attraktiv, wenn der Brust-, Taillen- und Hüftumfang 90 – 60 -  90 beträgt. Von einigen Agenturen wird eine extrem schmale Figur, ein Brust- und Hüftumfang deutlich unter 90 Zentimetern bevorzugt. Perfektes Alter 14 bis 16 Jahre. Gewicht zwischen 45 und 55 Kilogramm. Größe 1,75 bis 1,80 Meter. Traumfigur: Hochgewachsen, schmal, feingliedrig. Der Körper unbehaart.  Glatte straffe  Haut.  Auffallende Augen. Gewölbte, leicht geöffnete Lippen. Ein langer Hals. Eine flache, gehobene Brust. Schmale Arme. Lange feingliedrige Hände und Finger. Sich deutlich unter der Haut abzeichnende Wangenknochen, Schulterblätter, Schlüsselbein, Rippen und  Beckenknochen.  Ein flacher glatter Bauch, ein leicht gewölbter Venushügel. Überlange Beine. Knie und Knöchel auffallend und markant. Lange schmale Füße. 

Sitzender männlicher Akt, Egon Schiele 

Ideal Figur – Ein Student

Neulich war es eine ältere Frau, die sich den Augen der Kursteilnehmer stellte, heute ist es ein Student im 2. Semester, der zugesagt hat sich seinen Kommilitonen als Modell zur Verfügung zu stellen. Er betritt den Zeichensaal der Akademie, begrüßt die Anwesenden, legt seinen Umhang ab und positioniert sich so, dass alle Studentinnen und Studenten ihn sehen können. Die sollen nun innerhalb von zwanzig Minuten das Wesentliche seiner Gestalt  erfassen. Der Dozent, der künstlerische Leiter des Seminars, geht von Staffelei zu Staffelei, schaut sich die Skizzen an, erklärt, korrigiert. „Das müsst ihr euch unbedingt einprägen!“, sagt er und beschreibt die Symmetrie des männlichen Körpers, das Knochengerüst, Muskeln und Sehnen. "Achtet auf die für einen Mann typischen breiten Schultern, den eckigen Oberkörper!" erklärt der Dozent und zeigt  auf den Bizeps, die Sehnen, Gelenke, Ellenbogen, die Knie, das Becken, den Penis: „Der wurde in der Antike relativ klein dargestellt, ist aber in Wirklichkeit viel größer.“ Nach der vorgegebenen Zeit löst der Student seine Haltung, schüttelt und reibt sich Arme und Beine,  wirft sich den Umhang über, verabschiedet sich - und verlässt den Saal.  

 

Emotion in Weiß 

  Knieende. Aquarell. Christoph Rosenow

 

Der vitruvianische Mensch, Leonardo da Vinci

Ideal Figur - Die Studentin

Weil es an professionellen Models mangelt, hatte sich eine junge Studentin zugesagt sich für das Seminar Aktzeichnen zur Verfügung zu stellen. Sie betritt den Raum der Akademie, geht zögernd auf den Dozenten, den künstlerischen Leiter zu. Der begrüßt sie und führt sie zu einem niedrigen Podest. "Nur Mut!", sagt er, als er ihr Zögern bemerkt. Noch etwas unsicher schaut sie sich um – und streift ihr Kleid über die Schultern bis zur Taille nach unten. Dann geht es los. Zwanzig Minuten haben die Studentinnen und Studenten zur Verfügung, um ihre Kommilitonin zu skizzieren. Mit wenigen Strichen sollen sie das Wesentliche dieser schmalen hochgewachsenen Gestalt im Bild festzuhalten. Nach dieser Zeitspanne streift sie sich das Kleid über die Hüften ganz nach unten, lässt es auf den Boden fallen und schnippt es mit einer Fußspitze zur Seite. Der Leiter geht von Staffelei zu Staffelei, erklärt und beschreibt den noch mädchenhaften, schmalen feingliedrigen weiblichen Körper, den Goldenen Schnitt,  die Symmetrie, die Perspektiven – und wendet sich wieder der Studentin zu: „Strecken Sie doch mal die Arme aus!“ „Und jetzt bitte die Füße auseinander stellen!“ Die folgt den Anweisungen des Dozenten, streckt die Arme nach oben, stellt die Beine auseinander. „Genau so hat Leonardo da Vinci den virtruvianischen Menschen gezeichnet!“, und  zeigt auf die Schnittpunkte des Körpers, Scheitel, Kinn, Brustspitzen, Bauchnabel, der Schritt, die Knie, die Fußsohle und erklärt: “Sie sehen, indem sie die Arme angehoben hat, ist die Brust gedehnt, groß geworden und abgeflacht. Der Bauch ist gespannt, der Venushügel liegt leicht gewölbt über dem Schambein; sie hat sich die Schamhaare entfernt, das liegt im Trend, schon im alten Ägypten galt der haarlose Körper als Zeichen weiblicher Schönheit.“ Einige Minuten vergehen, dann besinnt sich das Mädchen, bewegt sich, kleidet sich an, geht zu seinen Kommilitonen hinüber, schaut sich deren Skizzen an - und verlässt schnellen Schrittes den Raum.

 

 

Einzig bist du meine Taube, du Makellose. Erblicken dich die Mädchen, preisen sie dich. Königinnen und Nebenfrauen rühmen dich. Eine Palme ist dein Wuchs, deine Arme und Beine sind lang, deine Brüste wie Trauben, wie die Zwillinge einer Gazelle. Wie schön bist du und wie reizend!  Hohelied, Hdl 7,8

Ideal Figur –  Weitwinkel

Nachdem sie sich neulich für das Seminar Aktzeichnen  zur Verfügung gestellt und viel Lob, Anerkennung und Bewunderung erhalten hatte, ist sie heute wieder bereit, sich unbekleidet den Augen ihrer Kommilitonen zu stellen. An diesem Vormittag geht es um das große Thema Aktfotografie. Sie betritt den Saal, entkleidet sich und  steigt dann zögernd, noch etwas unsicher, auf das Podest in der Mitte des Raumes. „Sie wissen, dass die hier sichtbare Freiheit nichts mit Sexualität zu tun hat - und es darum auch keine Schamgefühle geben kann?“ sagt der Fotograf, der heute für das Seminar verantwortlich ist und beginnt. Dann beginnt er und erklärt: „In der Fotografie wird gern das Kunstobjektiv“, das Weitwinkelobjektiv verwendet. Das Besondere: Es hat einen Bildwinkel, der größer ist als der von Normalobjektiven. Die dadurch entstehenden stürzenden Linien werden ganz bewusst für die Bildkomposition genutzt. Wenn Sie ein solches Objektiv verwenden, lassen Sie sich auf eine neue Blickweise ein!" Die Studenten  schauen durch den Sucher der Kameras und treten dichter an ihre Kommilitonin heran. Das Mädchen hat sich derweil auf dem Podest hingekniet, hingesetzt und sich nun auf den Bauch gelegt.

"Wenn Sie jetzt mit Ihren Händen in die Richtung der Fotoapparate zeigen, kann das  Weitwinkelobjektiv richtig zur Geltung kommen!“  Das Mädchen gibt sich alle Mühe, den Anweisungen des Profifotografen zu folgen, streckt die Hände, die Arme dem nächsten Studenten entgegen, berührt mit den Fingerspitzen fast die Linse seines Objektivs. "Denkt daran, Ihr müsst die Blende schließen, dann habt ihr die größte Tiefenschärfe!", sagt der Fotograf. „Ihr seht, alles wirkt so atemberaubend weit, so tief, so lang gezogen!“ Die Studenten bemühen sich um die  beste Perspektive, den günstigsten Blickwinkel. Die Fotoapparate klicken.

 

Mädchen, die Beine ausgestreckt. Bleistift laviert. Christoph Rosenow

 

Caryatid, Amedeo Modigliani 

 

Jede Knospe erblüht nur ein Mal und jede Blume hat nur ihre eine Minute vollendeter Schönheit. Henri-Frédéric Amiel (1821 - 1881)

Mädchen seitlich aufgestützt. Collage, Bildtransfer. Christoph Rosenow 

Ideal Figur - Transparenz

 „Schön, dass du gekommen bist, Janine!“, sagt er.  „Ich darf nur eine halbe Stunde bleiben“, sagt es. Ohne zu zögern, beginnt der Mann das Mädchen zu fotografieren. Es verändert seine Mimik, lacht, wird böse, rauft sich die Haare, macht die Lippen spitz - die Kamera klickt. Aber dann hält es inne, zögert, schaut prüfend an seinen Armen, an seinem Oberkörper hinunter und ist leicht irritiert, als es merkt, dass seine Brustspitzen rosa-braun durch das weiße Hemd hindurch schimmern. „Warte mal!“, sagt er, geht zu seinen Sachen und kommt mit einem Buch zurück: „Die Geschichte der Kunst, Ernst Gombrich“, sagt er, schlägt eine bestimmte Seite auf und liest: „Schon in der Antike meißelten Bildhauer Marmorskulpturen, die unter Gewändern die Hüften, die Knie, die Brustspitzen erahnen ließen. In der altägyptischen Kultur wurde die weibliche Körperform mit zarten Schultern, schmaler nach oben verlagerter Taille und langgezogener Hüftpartie unter eng anliegenden feinsten durchsichtigen Stoffen betont“ und schaut das Mädchen an: “Seit den Goldenen Zwanzigern tragen Mädchen selbstbewusst durchsichtige Blusen mit floralen Stickereien und netzartige T-Shirts, ein Modetrend, der auf den ersten Blick untragbar und abgehoben scheint - richtig gestylt aber längst alltagsfähig ist!“ Er schlägt das Buch zu, das Mädchen fährt fort, nun sehr viel unbefangener die Haltung des Kopfes zu verändern, die Schultern, seinen Oberkörper zu bewegen. Es greift mit den Händen in die Träger des Hemdes, zieht die zusammen, zerrt das Hemd nach unten und nach oben, die Kamera klickt. Es beugt sich nach vorn, die Kamera klickt. Es dehnt den Oberkörper bis zur Schmerzgrenze nach hinten und streckt die Arme nach oben. Die langen Arme geben die glatten unbehaarten Achseln frei, die noch kindliche Brust dehnt sich, wird groß und flach. Die Kamera klickt. Wenig später nimmt es die Arme herunter, geht zu dem jungen Mann, schaut ihm über die Schulter, mustert die Fotos - und lächelt. Und ist dann so schnell verschwunden, wie es gekommen war.

 

Ideal Figur – Die beiden Mädchen

Das Mädchen von gestern  kommt heute in Begleitung eines anderen Mädchens. „Hast du jemanden zur Verstärkung mitgebracht?“, fragt er. „Das ist meine Schwester!“, sagt es. Noch sind beide etwas verlegen. „Du kannst gerne mit fotografieren!“, sagt er zu der Schwester und reicht ihr einen zweiten Apparat. „Wie wollt ihr mich denn haben?“, fragt die Janine und tauscht ihre Hose gegen ein langes blaues durchsichtiges Kleid. „Leg dich doch einfach in den Sand!“, sagt er. Das Mädchen streckt sich seitlich auf den Boden. „Darf ich das Kleid etwas hoch ziehen?“ fragt er, „dann sehen wir Deine Beine besser!“, sagt er und streift den Saum des Kleides fast bis zur Taille nach oben, so dass ihre langen glatten Beine, die feine Rundung der Hüfte zum Vorschein kommen. „Jetzt musst du fotografieren!“, sagt er zur Freundin gewandt. Sie suchen den besten Blickwinkel, fotografieren aus allen Richtungen. Dann sagt er: „Leg dich doch mal auf den Rücken!“, glättet das Kleid und hebt seine Arme hinter den Kopf. Die Brust dehnt sich wird groß und flach, der Bauch ist eingefallen, die Beckenknochen stehen hervor. „Das sieht doch gut aus!“, sagt er, die Schwester nickt. Die Kamera klickt. Dann steht sie auf und schüttelt sich den Sand von ihrem Kleid: „Ich glaube, wir müssen jetzt los, sonst sind meine Eltern sauer!“ sagt sie.

 

Ideal Figur - Freikörperkultur

Es ist ein sonniger, warmer Tag. Heute will die ganze Familie an den Strand.  Am Wasser angekommen, legen die Eltern, ein Junge und zwei Mädchen eine Decke, den Windschutz, ihre Sachen ab, schauen sich um, dehnen und strecken sich, „atmen“ das Licht, die Luft, das Meer.  „Geht ihr mit ins Wasser?“ Alle laufen in die Wellen hinein, bespritzen sich und - gehen hinüber zum Volleyballfeld. Dort spielen die fünf mit anderen Männern und  Frauen, die ebenso nackt sind wie sie, lachen, springen hoch, stoßen sich, berühren sich. Und jeder weiß, dass die hier sichtbare Freiheit nichts mit Sexualität zu tun hat - und es darum auch keine Schamgefühle geben kann. Dann gehen sie an ihren Platz zurück.

Ideal Figur - Der Schmuck

 „Erlauben Sie, dass ich Sie mal fotografiere?“, fragt der junge Mann. „Die ganze Familie?“, fragt der Vater. „Wenn ich darf, bitte die beiden Mädchen!“ „Willst du?“, fragt das eine Mädchen das andere. „Ich hätte euch gern beide“, sagt er. Zögernd stehen die Mädchen stehen auf. „Seid ihr Zwillinge?“, fragt er. Sie nicken. Hochgewachsen, dünn und schmal, mit langen Armen und Beinen, feingliedrigen Fingern, noch kindlich flacher Brust stehen sie ihm gegenüber. Er überlegt - und fängt an, ihnen schmale und breite Ringe auf die Finger zu stecken. Dann kniet er sich zu ihnen und bindet der einen,zwei, drei farbige Bänder, ein Kettchen um die Fußknöchel und erklärt: „Beigaben sind sehr wichtig, in der Mode, eigentlich überall!“ Die Eltern schauen zu. Er zeigt einige Accessoires, zieht der anderen eine transparente Bluse mit floralen Stickereien an, knöpft die Bluse wieder auf, legt ihr eine Perlenkette um den Hals. Die Perlen glänzen geheimnisvoll und werfen im Dekollete, in der Vertiefung zwischen beiden Brüsten, kleine Schatten. Dann nimmt er dem Mädchen die Kette wieder ab und sagt: “Weniger ist mehr.“ Die Mutter nickt.

 

Ideal Figur - Bewegungen

 Dann schaut er in die Sonne und berechnet den Einfallswinkel des Lichtes. „Kann es los gehen?“, fragt er, und fängt an, die Mädchen behutsam zu dirigieren. Sie stellen sich hintereinander, umarmen sich, werfen sich in den Sand, winden, drehen sich, kriechen aufeinander zu, ziehen sich an den Beinen, die Eltern schauen zu. Er fotografiert die ineinander verschlungenen Körper, die verdrehten Arme, die überdehnten Oberkörper, Rippen, herausstehende Beckenknochen, angewinkelte und gestreckte Beine. „Wie gelenkig die beiden sind“, sagt die Mutter, „von mir haben sie das nicht!" Der Mann fotografiert aus unterschiedlichen Blickwinkeln, sucht die beste Perspektive. Dann halten die Mädchen inne, atmen tief, stehen auf, schütteln sich. Die Mutter streift ihnen den Sand von den Schultern, den Armen, drückt sie an sich und sagt:“ Wie gelenkig ihr seid!“ 

 

Linien und Kreise. Aquarell. Christoph Rosenow 

 

Es stand in aller Schönheit Pracht ein junges Mädchen da.  Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832)

Stehst du vollends da wie Aphrodite auf dem Ida, dann strahlen mir tausend bisher verborgene Schönheiten in die Augen. Flavius Philostratos (um 200 n. Chr.), 

Ideal Figur - Eine ganze Familie

 Ihm ist am Strand ein Junge aufgefallen, etwa zehn Jahre alt, hager, dünn. Er nimmt ein Skizzenbuch, einen Stift zur Hand und versucht den Jungen aus verschiedenen Blickwinkeln zu zeichnen. Als die fertig ist, läuft der Junge, mit dem Papier durch die Luft wedelnd, zu seinen Eltern: “Hier, guckt doch mal!“ Die schauen sich die Zeichnung an: „Haben Sie das studiert?“, fragt die Mutter den Mann, der sich der Familie genähert hat. „Ich bin im vierten Semester!“, sagt er. „Würden Sie uns mal als ganze Familie zeichnen?“, fragt die Mutter. „Dazu müsste ich mehr Zeit haben!“, antwortet er, „aber ich könnte meinen Fotoapparat holen.“ Der Vater schaltet sich ein:“ Na, das ist doch gut!“, sagt er, „mein Apparat hat gerade den Geist aufgegeben, der ist der Tochter in den Sand gefallen.“ Die macht ein betrübtes Gesicht. „Muss ich mich auch fotografieren lassen?“, fragt sie. Niemand antwortet.

 

Liegendes Mädchen. Aquarell. Christoph Rosenow 

Ideal Figur - Das Meer als Kulisse

 Der junge Mann positioniert die Familie direkt am Meer, stellt die Eltern hier hin, den Jungen dort hin. Dann setzen sich alle auf den nassen Sand. Die Mutter zieht den Jungen an ihre Seite. Die Tochter zögert. „Na komm doch her, Irina!“, drängt der Vater. Die schaut sich nach allen Seiten um - und hockt sich verschämt an die Seite des Vaters. Dem gefällt die Haltung nicht, er dreht sich zu seiner Tochter, legt die Hände um ihre Taille, hebt sie hoch und setzt sie sich auf die Schultern. Alle werfen die Arme hoch, die Kamera klickt. „Könnt ihr Kinder euch mal vor die Erwachsenen positionieren?“, fragt der Mann. Der Junge steht auf, legt sich vor die Mutter auf den Bauch. Der Vater überlegt einen Augenblick, fasst seiner Tochter zum zweiten Mal um die Taille, zieht seinen Kopf zur Seite, hebt sie hoch und - legt sie vor sich mit dem Rücken auf den Sand - und zieht ihre Beine zu sich, die noch kindlich mädchenhafte Brust wird groß und flach, die Rippen zeichnen sich ab, der Bauch fällt ein, wird straff und glatt, die Beckenknochen treten hervor. Die Kamera klickt. Wenig später löst sich die Szene auf, die Mutter hebt ihren Sohn auf den Arm, alle gehen an ihren Platz zurück.

 

Ideal Figur IV, Aquarell. 1997.  Christoph Rosenow

Ideal Figur - In der Luft

Der junge Mann schaut auf, als der Vater fragt: „Gehen wir ins Wasser?“ Niemand reagiert. Der Vater beugt sich zu seiner Tochter, klopft ihr auf den Po, die bleibt reglos liegen. „Na los, Irina!“, ruft er, packt das Mädchen an den Füßen. Es strampelt, versucht sich loszureißen und weg zu krabbeln: „Warte, ich kriege dich!“, ruft der Vater. Der junge Mann greift zu seiner Kamera, niemand beachtet ihn. Der Vater bekommt die Beine seiner Tochter zu fassen, hebt sie hoch, sie strampelt, will ihn wegstoßen, er lacht - die Kamera klickt. An einem Bein trägt er das Mädchen ins Wasser - und lässt es los. Das will sich rächen, schreit, bewirft ihn Modder, mit nassem Sand,  die Kamera klickt. Wenig  später kommen beide erschöpft und außer Atem vom Wasser zurück, werfen sich in den Sand, bleiben reglos liegen. Den fremden Mann haben sie längst vergessen. 

 

 

Anna Akhmatova, Amedeo Modigliani 

Ideal Figur - Der Körper als Kunstprodukt

Eine sanfte Brise weht vom Meer herüber. Interessiert blättert ein junger Mann, offensichtlich ein Kunststudent, in dem Buch „Schönheit. Der Körper als Kunstprodukt“ und liest: „In der griechischen Klassik gab es verschiedene männliche Typen, einerseits den jugendlichen Athleten, wie er im Extrem von Herkules oder auch vom Kriegsgott Ares/Mars verkörpert wird, aber auch ätherische, feine Typen, wie man sie in Bildnissen des Apollon oder des jugendlichen Ganymed darstellte.“  Die Geräuschkulisse wird lauter. Immer mehr Gäste kommen an den Strand, junge und alte, große und kleine, Familien, Kinder, Jungs und Mädchen. Nackte Arme, Beine, Bäuche, Brüste - alles läuft und bewegt sich unbefangen, ungehemmt. „Seit Urzeiten sind Menschen fasziniert von körperlicher Schönheit und Vollkommenheit. Adam und Eva - das war das Paradies, das war Gottes Ebenbildlichkeit, das war der Himmel auf Erden“, liest er. „Dabei beschäftigte die Bildhauer, die Maler die eine große oft lebenslange, quälende Frage: Kann man das Antlitz eines  Menschen, einen makellosen Körper überhaupt in einem Bild, einer Plastik, einer Skulptur festhalten - für Zeit und Ewigkeit? Und wenn ja, wie? Die Geschichte der Kunst beweist, dass sie sehr verschiedene Wege gingen und mit unterschiedlichsten Stilen und Methoden experimentierten. Die einen zeigten den Menschen so realistisch wie möglich, bis ins Detail mit Fehlern und  Alterungsmerkmalen behaftet (Albrecht Dürer, Käthe Kollwitz) – die anderen entfernten sich mehr und mehr von der realen, oft harten Wirklichkeit und bildeten den Menschen so ideal wie möglich ab, der Jüngling, der Mann, vor allem das Mädchen, die Frau vollkommen und makellos, (Raffael, Tizian, Gauguin). Dabei stellten sie ihre Figuren und Gestalten zunehmend abstrakt dar. Die Nase wurde begradigt (Renaissance), die Brust so flach wie möglich gehalten (Romanik), der Körper gerundet (Peter Paul Rubens), der Kopf zweidimensional dargestellt (Pablo Picasso),  die menschliche Figur, die ganze Wirklichkeit stilisiert, gestreckt und gedehnt (Casa Padrino, Job Mucha,  Modigliani), oder in gedachte Formen wie Dreiecke, Kreise, Ovale eingefügt (Oskar Schlemmer, Lyonel Feininger).  

 

Ideas, Wifredo Lam

 

Ideal Figur – Das Mädchen

In diesem Moment fällt ihm ein kleiner Junge auf, der mit seiner Mutter in Reichweite an ihm vorüber geht. Sie tragen einen Windschutz, zwei, drei Taschen, einen Ball. Den beiden folgt im Abstand von einigen Metern ein schmales hochgewachsenes Mädchen, das sichtlich bemüht ist, die vor ihm Laufenden einzuholen. Der junge Mann folgt dem Mädchen mit den Augen bis es seine Mutter und seinen Bruder erreicht. Die sind stehen geblieben, schauen sich um, legen ihre Sachen ab, breiten eine Decke aus und strecken sich darauf aus. Der junge Mann schaut in sein Buch zurück: „…und bildeten den Menschen so ideal wie möglich ab, … vor allem das Mädchen, die Frau vollkommen und makellos… Jeder Mensch wird bestimmt und charakterisiert durch sein Gesicht und die Hände. Die Symmetrie und der Goldene Schnitt spielen eine gewichtige Rolle bei der ästhetischen Bewertung des Gesichtes. Der vertikale Abstand zwischen Augen und Mund von 36 % der Gesichtslänge und ein horizontaler Abstand zwischen den Augen von 46 % der Gesichtsbreite gelten als ideal.“  

 

Ideal Figur - Die erste Begegnung

 

Seit geraumer Zeit liest er, seitlich aufgestützt, in einem Buch  "Die Geschichte der Kunst, Ernst H. Gombrich": "Seit Urzeiten sehnen sich Menschen nach Fehlerlosigkeit, nach Vollkommenheit, nach absoluter Schönheit. Davon zeugen steinzeitlichen Felsbilder, die an die Wände von Höhlen aufgebracht wurden.“ Der junge Mann schaut auf. Die Frau, die gestern mit ihrem Sohn und  der Tochter in seiner Nähe Platz genommen hatte, geht heute an ihm vorüber, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen, der Junge und das Mädchen folgen ihr. Ganz in der Nähe machen sie Halt: "Wollen wir hier bleiben?", fragt die Frau, offenbar die Mutter des Mädchens, und setzt zwei, drei Taschen ab, breitet eine Decke aus, alle drei ziehen sich aus. Nun bemüht sich die Mutter, einen Windschutz aufzustellen, der fällt mehrmals um. " Nicole, hilf mir doch!" Die versucht lustlos, einen Stab des Windschutzes in den Sand zu drücken, das gelingt nicht. Hilflos schaut die Mutter sich um und sieht den jungen Mann: "Ob Sie uns wohl behilflich sein könnten? Mein Mann kann heute nicht mit hier sein.“ Der junge Mann steht auf, geht hinüber - und ist fasziniert, als er das Mädchen so unmittelbar vor sich sieht, jung, schmal, hoch gewachsen. Der Windschutz steht. Der junge Mann geht an seinen Platz zurück, schaut wieder in sein Buch: „Frühe Terrakotta-Figuren, italienisch: gekochte Erde, zeigen Mädchen mit kindlich flachen und Frauen mit großen Brüsten. In der berühmten Höhle von Lascaux in Frankreich findet sich die seltene Darstellung eines Mannes, der mit einem Vogelkopf nach hinten umzufallen scheint, sein Penis ist erigiert."   Er schaut auf, der Junge spielt im Sand, Mutter und Tochter liegen in Reichweite in der Sonne, die Mutter hat sich das Gesicht mit einem Tuch abgedeckt. Sein Blick gleitet über die nackte, glatte unbehaarte Haut des Mädchens, die langen dünnen Arme, die eckigen Schultern, die noch mädchenhafte flache Brust, die hervorstehenden Beckenknochen, die lang gestreckten Beine. Wenig später setzen sich die beiden auf, trinken, essen, der Junge kommt mit dazu. Er schaut wieder in sein Buch.

 

Thalmaray, Michael Parkes 

Alles an dir ist schön, meine Freundin; kein Makel haftet dir an. Hohelied, Hdl 

Ideal Figur - Bruchteile von Sekunden

 Aus kürzester Entfernung beobachtet der junge Mann das weitere Geschehen: Die Mutter ist mit ihrem Sohn, der Tochter aufgestanden, spielen nackt und unbefangen mit dem Ball, werfen, pritschen, springen, strecken sich, fallen lachend in den Sand.  Das Mädchen spielt ungewöhnlich gut… Plötzlich kommt der Ball in hohem Bogen auf ihn zugeflogen und prallt gegen seine Schulter. Ausgerechnet das Mädchen, das ihm gerade aufgefallen war, kommt auf ihn zugelaufen, entschuldigt sich, beugt sich zu ihm, streckt ihm die Hände entgegen. Er greift den Ball, wendet sich dem Mädchen zu – und für Bruchteile von Sekunden sieht er die überlangen dünnen Beine des Mädchens, den Bauch, die noch kindlich flache Brust, den langen Hals, das Gesicht.  „“Entschuldigung!“, sagt es und atmet tief. „Wie heißt du?“, fragt er. „Nicole!"“, antwortet es. „Und wie alt bist du?“ „Dreizehn!“ Er besinnt sich, reicht dem Mädchen den Ball und - schaut ihm nach, bis es zu seiner Familie zurück gekehrt ist. Dann wendet er sich wieder seinem Buch zu: „Unter Künstlern, Fotografen und Designern gilt ein Mädchen als schön und attraktiv, wenn der Brust-, Taillen- und Hüftumfang 90 – 60 -  90 beträgt. Von einigen Agenturen wird eine extrem schmale Figur, ein Brust- und Hüftumfang deutlich unter 90 Zentimetern bevorzugt. Perfektes Alter 14 bis 16 Jahre. Gewicht zwischen 45 und 55 Kilogramm. Größe 1,75 bis 1,80 Meter.“ Länger noch sieht er das Mädchen vor sich, wie es ihm die Arme entgegen streckt, sich zu ihm beugt. Er denkt an Michelangelo und die „Leda mit dem Schwan“… 

 

Beethovenfries, Gustav Klimt

Ideal Figur - Die Zeichnung

Instinktiv schaut er auf und sieht, dass die Tochter sich der Mutter sich gegenüber auf den Boden gesetzt hat, auf ihren gekreuzten Beinen liegt ein aufgespannter Bogen Papier. Sie versucht ihre Mutter zu zeichnen. Der Mann steht auf, geht auf die beiden zu, grüßt, beugt sich über das Mädchen und sagt: „Das ist schon gut. Wenn Du dich nicht in Einzelheiten verlierst, kann das Bild richtig gut werden.“ Das Mädchen schaut zu ihm auf, beugt sich etwas zurück und fragt: „Helfen Sie mir?“, und reicht ihm den Stift. Er hockt sich zu dem Mädchen und indem er auf dessen Kopf, die Schultern, die Brust, die Beine zeigt, markiert er auf dem Blatt Papier die Schnitt- und Eckpunkte des weiblichen Körpers. „Danke!“, sagt es und vertieft sich wieder in die vor ihm liegende Zeichnung. 

 

Skulptur. Hans Jean Arp 

Liegender männlicher Akt mit Kopfpolster, Anton Kolig

Ideal Figur - Ein männliches Model

 Wenig später kommt die Mutter auf ihn zu und fragt: „Meine Tochter möchte Sie gern zeichnen, traut sich aber nicht Sie zu fragen.“ Er steht auf, geht zu dem Mädchen hinüber und fragt: „Wie möchtest Du mich denn haben?“ Die beiden einigen sich auf drei, vier unterschiedliche Haltungen. Zuerst stellt er sich einfach hin,, dann setzt er sich, dann streckt er sich auf dem Boden aus. Nach geraumer Zeit fragt er: “Kriegst du´s hin, Nicole?“ Er steht auf, geht zu dem Mädchen, die Mutter kommt dazu. „Ich weiß nicht, wie man das Schlüsselbein, die Schultern zeichnen muss“, sagt es. „Das ist ja auch schwierig“, sagt er, „die Schnittpunkte des Körpers habe ich dir vorhin erklärt: „Der Kopf reicht vom Scheitel bis zum Kinn. Die Brustwarzen, der Bauchnabel, das männliche Glied, die Knie liegen hier, der Fuß reicht bis da. Und dann erklärt er dem Mädchen, wie es eckige männliche Schultern, den Bizeps, die Waden, die Knöchel zeichnen kann. Bald darauf ist die Zeichnung fertig, alle gehen an ihren Platz zurück.   

 

Ideal Figur - Die Grube

„Nicole!“, komm mal, „ich creme dich noch ein!“ Das  Mädchen hatte angefangen in Wassernähe mit seinem kleinen Bruder ein Loch zu graben.  „Nicole!“, ruft die Mutter erneut. Lustlos steht das Mädchen auf, geht zu seiner Mutter, die  cremt ihm den Rücken, die Arme, die Beine ein und sagt: “Die Haut merkt sich alles!“  Der junge Mann schaut den beiden zu, überlegt und fragt dann: „Ich würde Ihre Tochter auch mal zeichnen wollen!", sie schauen der Tochter nach, die an ihren Platz zurück geht. „Da wird sie sich sehr freuen! Nachdem die Nicole Sie gestern gezeichnet hatte sagte sie, dass sie selber als Model nicht geeignet sei, sie findet sich viel zu dünn und glaubt, dass sie keinen Busen hat." Mit einem Block und einem Stift geht er hinüber zu dem Mädchen. Das sieht ihn kommen, richtet sich auf, sieht den Zeichenblock und fragt erstaunt: „Sie wollen mich malen? Ich bin doch viel zu dünn!“ „Unsinn!“, sagt er. Das Mädchen legt den Kopf zur Seite: “Und wie wollen Sie mich haben?“ „Spiel einfach weiter!“, sagt er. Der junge Mann legt sich sein Zeichenmaterial zurecht und fängt an das Mädchen zu skizzieren. Nach einigen Minuten sagt er: „Ich krieg das so nicht hin, du bewegst dich zu sehr!“ Er steht auf, holt seinen Fotoapparat und beginnt zu fotografieren. Dass Mädchen hört das Klicken, ist für einen Moment irritiert, vergisst aber bald den fremden Mann. Unbefangen kniet es mit seinem Bruder am Rand der Grube, beugt sich hinunter, immer tiefer hinunter, nimmt die Knie auseinander, spreizt die Beine, um noch weiter hinunter reichen zu können, legt sich flach, streckt die Beine nach hinten, dehnt, schiebt den Oberkörper nach unten, bis die Schaufel keinen Grund mehr findet. Die Mutter steht auf, kommt dazu: „Ist meine Tochter nicht gelenkig?“, sagt sie. Die Kamera klickt und klickt.  Wenig später stöhnt das Mädchen: "Ich kann nicht mehr!", zieht sich aus der Grube heraus, richtet sich auf, dehnt und streckt sich. „Und? Bist du auf Grundwasser gestoßen?“, fragt die Mutter. Zu viert schauen sie in die breite tiefe Grube. Auf dem Boden sammelt sich Wasser, an den Seiten bricht Sand ab. „Stellst Du Dich noch in das Loch hinein?“, fragt der junge Mann. "Das wäre der Beweis, dass Du mit Deinem Bruder wirklich eine tiefe Grube geschaufelt hast.  Das Mädchen springt in das Loch hinein. Zuerst hockt es sich runter auf den Boden, dass nur Kopf und Rücken zu sehen sind, dann richtet es sich auf, schaut nach oben, legt den Kopf nach hinten und dehnt den Oberkörper nach vorn. Die Kamera klickt. Dann klettert es aus dem Loch heraus. Die Mutter drückt ihre Tochter an sich und sagt bewundernd: „Wie gelenkig du bist, Nicole!“ 

 

Ideal Figur - Der große Stein

„Darf ich mit Ihrer Tochter zu dem Stein dort hinüber gehen?“, hatte er die Mutter gefragt. Sie waten durch das Wasser zu dem großen Stein. Durch den Sucher seiner Kamera verfolgt der junge Mann vor sich die schwingende Bewegung des wunderschönen Mädchenkörpers, die schmale Taille, das Wiegen der Hüften, die langen Beine, die durch das Wasser gleiten. Dann gelangen sie zu dem Stein. „Kommst du da hoch, Nicole?“, fragt er. „Weiß nicht!“, sagt es und versucht sich an dem Stein hoch zu hangeln: Es greift mit den Händen nach oben, zieht das eine Bein an, streckt das andere hinunter, versucht tief unten mit den Zehen Halt zu finden. Die Kamera klickt. Es wechselt die Beine, streckt das andere nach unten in Richtung der Kamera, die klickt. Oben setzt sich das Mädchen auf, legt sich auf den Bauch, dreht sich auf den Rücken: Die Brust dehnt sich, flacht ab, Kopf und Arme, die Beine hängen lang herunter. Behutsam sucht er nach der schönsten Perspektive, dem aufregendsten Blickwinkel. Einen Augenblick später lässt sich das Mädchen ins Wasser gleiten und - schwimmt. Der junge Mann folgt ihm und sieht trotz der bewegten schillernden Wasseroberfläche, wie die Arme des Mädchens nach vorne greifen, wie es den Kopf aus dem Wasser hebt, wie der Po sich hebt und senkt, wie es die Beine anzieht, streckt und auseinander spreizt. Der Fotoapparat klickt. Am Strand angekommen holt das Mädchen tief Luft, dehnt sich, streckt sich. „Ging alles gut?“, fragt die Mutter. Das Mädchen nickt.

 

Es hat mir gefallen, ein Mädchen zu nehmen, das nicht errötet, wenn es mich den Pinsel zur Hand nehmen sieht.  Peter Paul Rubens (1577 - 1640)

 Liegende, Aquarell. Christoph Rosenow

 

Die schönsten Momente im Leben sind nicht die, in denen man atmet, sondern die, die einem den Atem rauben.  Rainer Maria Rilke

Mädchen  nach vorn aufgestützt. Farbstift.  Christoph Rosenow 

 

Ideal Figur - Auf dem Bauch

Das Mädchen hat sich bäuchlings in den Sand gestreckt und sein Gesicht auf seine Arme legt, der junge Mann kniet vor ihm: „Ob du bitte mal die Arme und Hände zu mir ausstreckst?“  Das Mädchen tut es. Wenig später: “Versuch doch mal, den Oberkörper anzuheben und dich auf die Hände zu stützen!“ Das Mädchen streckt sich, drückt den Oberkörper durch, Schlüsselbein und Schulterblätter stechen nach oben, die Brust dehnt sich nach vorn. „Geht das so?“, fragt es angestrengt. Die Kamera klickt. „Einen Moment noch, Nicole“, sagt er, geht zur Fußseite des Mädchens – und zieht dessen Schultern, den Kopf des Mädchens bis zur Schmerzgrenze zu sich heran. Das Mädchen schaut nach oben, stöhnt, der Mund ist weit geöffnet. Die Kamera klickt. Er fotografiert von vorn aus der Froschperspektive und von der Seite. Dann steht das Mädchen auf. „Hast du gut gemacht!“, sagt er wieder. „Finden Sie?“, sagt es.

Mädchen von heute ziehen Hosen an, um wie Jungs auszusehen, und durchsichtige Blusen, um zu beweisen, dass sie keine sind.  Heinz Drache

Jede Knospe erblüht nur ein Mal und jede Blume hat nur ihre eine Minute vollendeter Schönheit. Henri-Frédéric Amiel (1821 - 1881)

 Ideal Figur - Das Buch

Schon von weitem winken sie, treffen den jungen Mann an gleicher Stelle wieder. " Nicole, wollen wir hier bleiben?" fragt die Mutter. "Warum nicht!", antwortet die. Eine Freundin ist heute mitgekommen. Alle drei setzen ihre Taschen ab, breiten eine Decke aus und legen sich in die Sonne. Der junge Mann liegt seitlich aufgestützt und auch heute mit einem Buch beschäftigt. Die Nicole ist aufgestanden, beugt sich von hinten über ihn und buchstabiert: "Die Anatomie des Menschen. Körper zeichnen lernen mit über 1.000 Abbildungen." "Machen Sie das beruflich?", fragt das Mädchen. Er dreht sich auf den Rücken und sagt: "Nein, ich studiere noch!", hebt das Buch über den Kopf und liest: „ Künstler, Maler, Bildhauer rückten mehr und mehr den idealen Körper in den Blick, Leonardo da Vinci „Der vitruvianische Mensch“.  Das Mädchen hat sich zu ihm gelegt, stützt jetzt seine Ellenbogen auf seinen Oberkörper. „Die nackte Venus gleitet auf einer Muschel dahin, Sandro Boticelli „Die Geburt der Venus“. Und, indem es sich den vitruvianischen Menschen vorzustellen versucht, streckt es seine Arme aus und legt seinen Oberkörper auf den seinen. Für einen Moment ist es irritiert, als es die Wärme seines Körpers spürt, doch der Mann liest unbeirrt weiter: „Menschliche Gestalten winden sich schlangenartig mit überlangen und verdrehten Körpern nach oben, Giovanni da Bologna „Raub der Sabinerin“.   

 

 

Ideal Figur – Die Freundin 

Die Freundin, war im Wasser, kommt neugierig dazu, legt sich der Freundin gegenüber auf die andere Seite des Mannes und fragt: "Interessiert Sie das?" „Ich bin im vierten Semester“, sagt der. „Gehen Sie oft an den FKK-Strand?“, fragt sie weiter. „Im Sommer schon!“, sagt er - und liest weiter: „ In der Antike gab es verschiedene Typen: einerseits den jugendlichen Athleten, wie er im Extrem von Herkules oder auch vom Kriegsgott Mars verkörpert wird; aber auch etwas ätherische, feine Typen, wie man sie in Bildnissen des Apollon oder des jugendlichen Ganymed darstellte.“ Ihre Augen gleiten über den unbekleideten sportlichen Körper des Mannes, die muskulösen Schultern, die Brust, den Bauch, die braunen Beine. „Ich bin das noch nicht gewohnt!“, sagt sie leise. Stunden später, die meisten Badegäste haben den Strand verlassen, fragt die Nicole unvermittelt: „Haben Sie Lust, mich einmal mit meiner Freundin zu fotografieren?“ "Ich weiß nicht!", sagt die Freundin.  "Überlegt es euch!", sagt der junge Mann.  

 

Ideal Figur - Zu zweit

Am Folgetag sind alle am gleichen Platz versammelt, die Freundin ist mit dabei. "Und, habt ihr es euch überlegt?", fragt der junge Mann. „Wir machen uns erst mal frisch!“, sagt die Nicole. Die Mädchen schwimmen ein Stück, bespritzen sich und kommen pustend zurück. Das Wasser perlt ihnen vom Körper, die Freundin versucht ihre nasse Hose festzuhalten, die klebt ihr an den Beinen und gibt den flachen Bauch und die hervorstehenden Beckenknochen frei. Sie gehen auf den jungen Kunststudenten zu, der gibt erste Anweisungen: Die Mädchen stellen sich hintereinander, dann gegenüber, das eine Mädchen legt der anderen die Arme um den Hals. Die Mutter kommt dazu: "Willst du dir die nasse Hose nicht ausziehen? fragt sie, „Du erkältest dir die Nieren!" Die Freundin zögert, schaut sich um, zieht sich aber dann die nass triefende Hose aus.

 

Beide Mädchen stellen sich hintereinander, aneinander, gegenüber. „Bewegt euch mal!“, sagt der junge Mann. Nun hebt die Freundin die Nicole hoch, setzt sie sich auf die Hüften, die umklammert sie mit den Beinen. Die Kamera klickt. Plötzlich  lässt die Nicole ihren Oberkörper fallen, ihre Brust wölbt und dehnt sich. Sie streckt die Arme so weit nach unten, dass sie mit den Fingerspitzen den Boden berührt. Der junge Mann fotografiert. Dann lässt sich das Mädchen auf dem Boden abrollen, steht auf und schüttelt sich. „Ihr seid richtig gut!“, sagt die Mutter anerkennend. „Ihr habt euch wenigstens getraut!“, sagt der junge Mann. Sie schauen sich die Bilder an, er erklärt Knochen und Sehnen, Haltungen und Bewegung, beschreibt die Harmonie, die Zartheit, Schönheit, die Faszination des menschlichen Körpers. 

 

In Bewegung III,  Collage, Bildtransfer 560x250, 2019  Christoph Rosenow 

Ideal Figur – Der Handstand

Die Freundin ist abgereist, die Mutter ist wieder mit ihrer Tochter an den Strand gekommen. Beide liegen unbekleidet in der Sonne, das Mädchen gähnt. “Falls du Langeweile hast, Nicole, ich hätte noch eine Idee.“ Der junge Mann zeigt dem Mädchen eine Zeichnung, die er irgendwann angefertigt hat. „Das ist ja ein Handstand!“, sagt es, das Bild begutachtend. „Kriegst du das hin?“, fragt er. Das Mädchen überlegt, versucht genau diese Haltung einzunehmen. Zuerst stützt es seine Hände auf den Boden und versucht mit Schwung, seine Beine nach oben zu werfen. Das gelingt nicht. Es sackt in sich zusammen, versucht es erneut.  Einige Strandgäste sind herangekommen, schauen neugierig zu. Einer der Gäste ruft:" Stell doch deine Hände weiter auseinander!“ Die Mutter ist aufgestanden: Warte Nicole, ich halte  dich!“ Wieder versucht das Mädchen die Beine nach oben zu werfen, die Mutter greift zu - doch die langen glatten Beine entgleiten ihr. Ein Mann, groß, sportlich, braun gebrannt löst sich aus der Gruppe der Zuschauer und stellt sich neben die Mutter. Im richtigen Augenblick packt er zu, kriegt die Beine des Mädchens zu fassen, hält die fest, hebt das Mädchen hoch, die Arme baumeln in der Luft. Die Gäste klatschen, Fotoapparate klicken. Die Arme des Mädchens zittern, im Gesicht fließt das Blut zusammen, die Brust dehnt und wölbt sich nach unten - dem Mann werden die Arme schwer. Er setzt das Mädchen auf dem Boden ab, das verharrt einen Moment, dann steht es auf, klopft sich den Sand von den Händen, die Gäste klatschen. Plötzlich und unerwartet stellt sich der Mann hinter das Mädchen, legt seine Hände um dessen Taille, „Nimm Schwung!“ ruft er ihm zu – und stemmt das Mädchen weit nach oben über den Kopf. Seine muskulösen Arme vibrieren, der Mädchenkörper ist wie eine Brücke gewölbt, das Becken, die Beckenknochen stehen hoch, Arme und Beine hängen nach unten. Einige Gäste treten dichter heran, um alles genauer in Augenschein zu nehmen: Der ganze mädchenhafte Körper ist wie ein Flitzbogen gespannt, ist durchgebogen bis zur Schmerzgrenze. Das Mädchen hat den Mund weit geöffnet, der Kopf hängt nach unten, die Brust ist groß und flach geworden, die Brustwarzen wölben sich wie kleine Hügel nach außen, der Bauch ist gestrafft und glatt, die Beckenknochen stehen hervor, der noch unbehaarte Venushügel liegt offen und wölbt sich nach oben, die Beine zittern, vibrieren unter der körperlichen Anstrengung. Die Fotoapparate klicken. Er dreht das Mädchen im Kreis, zeigt es nach allen Seiten. Die Badegäste klatschen, Fotoapparate klicken. “Ich kann nicht mehr!“, stöhnt das Mädchen.

 

Er atmet tief, Arme und Beine zittern, das Blut ist ihm im Kopf zusammen gelaufen. So hebt er es über den Kopf nach vorn und setzt es auf dem Boden ab. Es richtet sich auf und schüttelt seine Schultern, die Arme, die Beine. „Das hast du richtig gut gemacht!“ sagt der fremde Mann.  

 

Nackte Blaue, Henri Matisse

Die schönsten Momente im Leben sind nicht die, in denen man atmet, sondern die, die einem den Atem rauben.  Rainer Maria Rilke

Ideal Figur - Die langen Beine

Inzwischen haben die meisten Badegäste den Strand verlassen. Die Sonne steht tief. „Danke, dass ich Ihre Tochter fotografieren durfte!“, sagt er zu der Mutter und reicht ihr seine Kamera. Er tippt auf die eine oder andere Aufnahme: „Ihre Tochter ist wirklich sehr schön!“ Er hält einen Moment inne und ergänzt: „Jede Haltung ist schön und erlaubt, so lange die Schamgrenze nicht überschritten wird.“ „Das ist was?“, fragt das Mädchen, das den beiden zugehört hat. „Das sind die Regeln des guten Geschmacks und der Fairness!“, sagt er und wendet sich dem Mädchen zu, das nickt – und lächelt. Noch einmal betrachtet fasziniert den neben ihm liegenden unbekleideten, schmalen, noch mädchenhaften Körper, den flachen Bauch, die ungewöhnlich langen Beine. Das Mädchen spürt seinen Blick und fragt: „Haben Sie Lust meine Beine zu fotografieren?“ „Noch bevor er antworten kann, fängt es an mit seinen langgestreckten Fußzehen Linien und Kreise in den Sand zu zeichnen. Darf ich?“, fragt er zur Mutter gewandt und zeigt auf seinen Fotoapparat. „Na machen Sie schon!“, sagt sie, „aber nicht so lange, am Montag beginnt die Schule und sie muss noch alle Schulsachen packen." Der junge Mann steht auf, schraubt ein Weitwinkelobjektiv an seine Kamera und beginnt das Mädchen, das nun vor ihm liegt, zu fotografieren. Das macht seine Fußzehen spitz und - zeichnet Buchstaben und Kreise in den Sand. Die Kamera klickt. „Mach weiter so!“, sagt er. Plötzlich hebt es seine Beine hoch, hält sie direkt in die Kamera, dass es mit  den Fußspitzen fast die Linse des Objektivs berührt. „Haben Sie mich?“, fragt das Mädchen. „Einen Moment noch!“, sagt er und atmet tief!“ Das Mädchen bewegt die Beine hoch und runter, streckt sie aus so weit wie möglich, kreuzt sie, spreizt sie, die Kamera klickt. „Wie lange brauchen Sie noch?“, fragt die Mutter, „Zieh dich an Nicole, wir müssen los!“ Das Mädchen hält inne und nimmt die Beine herunter. „Darf ich noch eine Weile bleiben?“, mault es. „Nein, wir haben keine Zeit mehr!“, sagt die Mutter. Sie ziehen sich an, schütteln die Decke aus, greifen ihre Sachen: „Aber die Fotos schicken Sie uns doch!?“ vergewissert sich die Mutter. Er nickt. Mutter und Tochter machen sich auf den Weg zurück.

 

Ideal Figur - Der Besuch

 

„Darf ich zu Ihnen kommen, die Fotos mitbringen und Ihre Tochter noch einmal fotografieren?“, hatte er am Telefon gefragt  „Ja, warum nicht?“ hatte sie geantwortet. „ Die Nicole wird schon nichts dagegen haben, und mein Mann auch nicht.“ - und lud den Mann, den sie am Strand kennen gelernt hatten, zu sich nach Hause ein. Jetzt sitzen sie zu dritt am Tisch und entwerfen einen Plan, überlegen, ergänzen, korrigieren, gestikulieren. „Könnt ihr euch das so vorstellen?“ „Im Gegenlicht geht das nicht!“ „Besser, du gehst gleich ins Bad!“  Dann geht es los: Der junge Mann hat seine Kamera griffbereit, die Eltern schauen zu. Das Mädchen kommt von draußen herein, dehnt und streckt sich, die Kamera klickt. Dann legt es seine Kleidung ab und stellt sich vor einen Spiegel, betrachtet sich, kämmt sich. Wenig später geht es ins Schlafzimmer, schiebt die Bettdecke zurück, stellt sich auf das blaue Laken, legt sich auf die Seite und winkelt die Beine an. Die Deckenlampe malt Licht und Schatten auf die Haut, Lichtreflexe gleiten über die weiße, schmale noch mädchenhafte Gestalt. Der Fotoapparat klickt.  

 

Haltungsskizze. Bleistift laviert. Christoph Rosenow

 

Ideal Figur - Im Badezimmer

Dann geht das Mädchen ins Bad. Auf dem Wannenrand stehen zwei, drei Kerzen. „Das Licht lässt sich hier dosiert und kontrolliert einsetzen“, sagt er. Das Mädchen steigt in die Wanne. Die Mutter seift ihm den Rücken, die Schultern, die Beine ein. Die Kamera klickt. Dann setzt es sich, streckt sich aus, taucht sich unter, so dass nur noch die Knie und die Brust aus dem Wasser schauen. Die Kamera klickt. Sie lacht, steht auf, legt sich für quer, zieht die Beine an, streckt Arme und Beine hoch. Die Kamera klickt. Dann steht das Mädchen auf, die Mutter hilft ihm aus der Wanne. Es trocknet sich ab, zieht sich an und geht ins Wohnzimmer zurück.  Gegen zwanzig Uhr verabschiedet er sich. „Sehen wir uns mal wieder?“, fragt das Mädchen. „Ja, wieder am Strand!“, antwortet die Mutter. Das Mädchen nickt – und lächelt.