Jh 3,1  Zwischen Nudeln und Klopapier  -  Felix Meier auf der Suche nach dem Sinn       1999, 22.7.2005 

 

Johannes 03,01-08      

Einer von den Pharisäern war Nikodemus, ein Mitglied des jüdischen Rates. Eines Nachts kam er zu Jesus und sagte zu ihm: »Rabbi, wir wissen, dass Gott dich gesandt und dich als Lehrer bestätigt hat. Nur mit Gottes Hilfe kann jemand solche Wunder vollbringen, wie du sie tust.«

Jesus antwortete: »Amen, ich versichere dir: Nur wer von oben her geboren wird, kann Gottes neue Welt zu sehen bekommen.« 

»Wie kann ein Mensch geboren werden, der schon ein Greis ist?« fragte Nikodemus. »Er kann doch nicht noch einmal in den Mutterschoß zurückkehren und ein zweites Mal auf die Welt kommen!«

Jesus sagte: »Amen, ich versichere dir: Nur wer von Wasser und Geist geboren wird, kann in Gottes neue Welt hineinkommen. Was Menschen zur Welt bringen, ist und bleibt von menschlicher Art. Von geistlicher Art kann nur sein, was vom Geist Gottes geboren wird. Wundere dich also nicht, dass ich zu dir sagte: 'Ihr müsst alle von oben her geboren werden.' Der Wind weht, wo es ihm gefällt. Du hörst ihn nur rauschen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. So geheimnisvoll ist es auch, wenn ein Mensch vom Geist geboren wird.«

 

Genau in dem Moment, als Felix Meier – nennen wir ihn einfach mal so – als der Felix dabei war, im guten Alter von 49 Jahren mit seiner Tochter und dem Sohn seine kleine Jolle ins Wasser zu schieben, es war ein windiger Sonnabend Nachmittag, genau in diesem Moment fragte sein Sohn unvermittelt: 

„Vati, wozu lebst du eigentlich?“

Das war eine Frage! Wozu lebst du eigentlich? Nach kurzem Zögern hatte er geantwortet:

„Na, für euch Kinder natürlich, für wen denn sonst?“

Dass seine Kinder so was fragten! Wie kamen die darauf? Mit sieben und elf Jahren? Fragt man in dem Alter schon so was? Genau diese Frage aber war es, die ihn – seltsamerweise – ohnehin beschäftigte und, wen verwundert´s,  nachts nicht mehr schlafen ließ. Ja, wozu lebte er eigentlich?

Für seine Kinder, seine Familie. Natürlich. Und wenn die dann ihre eigenen Wege gehn? Flügge werden? Irgendwann nabeln sich alle Kinder einmal von ihren Eltern ab, das ist doch normal. Aber dann? Was sollte er dann? Wofür sollte und konnte er dann noch leben? Diese Frage ließ ihm keine Ruhe mehr. Und nicht erst, seitdem sein Junge ihn so gefragt hatte. Häufig lag er nun nachts wach. Und konnte nicht richtig schlafen.

Da schmeißt man sich von einer Seite auf die andere – und die Gedanken gehen wandern.  Da denkt man über sich nach. Da stehen einem Erlebnisse, Gesichter, Menschen, vor Augen. Da ärgert man sich, da freut man sich, da kommen heimliche Ängste hoch.

Da möchte man etwas festhalten, was nicht festzuhalten ist. Und -  es bricht die Frage auf nach dem Sinn von all dem. Und das ließ sich einfach nicht verhindern. „Blödes Zeug“, dachte er dann. Liegt´s an meinen 49 Jahren? Wechseljahre und so? Torschlusspanik?  Das Leben, das einem davonläuft? Um so älter man wird, um so schneller?

Vati, wozu lebst du eigentlich?

Hatte er, Felix Meier, solche Fragen nötig? Er war doch wer. Er gehörte doch zur Oberen Baubehörde. Hatte sich hochgearbeitet. Hatte nun nach Jahren seine kleine Welt und seinen Schreibtisch - und jeder, der was wollte, musste immer schön bitte sagen und Anträge stellen. Und er hatte ein Wörtchen mitzureden – bei Genehmigungen und so – dort in der Baubehörde, die sich 1990 dort eingenistet hatte, wo früher das Wehrkreiskommando zu finden war.

Und doch kratzte diese Frage an seiner Seele:

Wozu lebst du eigentlich?

Daneben waren andere Fragen nichts: Was gibt’s Mittag zu Essen? Was steht heute Abend auf dem Fernsehprogramm? Was machen wir mit unserem nächsten Urlaub? Das alles war schnell zu klären. Aber so was? Er mit seinem Leben, wofür – und wozu??

Denn jeder hatte doch sein Leben nur ein Mal! „Das Wertvollste, was der Mensch besitzt, ist das Leben!“ Samoje, daragoje u tschelowjeka, eto jisn: Acht Jahre hatte er Russisch in der Schule! Irgendein sowjetischer Schriftsteller hatte das gesagt. Ostrowski vielleicht? Und so was fiel ihm dann ein - in schlafloser Nacht. Das muss man sich mal vorstellen, nachts, wenn normale Leute schlafen.   Samoje daragoje u tschelowjeka...

Sein Leben, wertvoll, wofür? Sollte er´s machen wie sein Nachbar, der nur noch Rosen züchtete? Und das war´s dann? Jeder züchtet ja was, wenn nicht Rosen, dann Bienen. Oder sammelt was: Briefmarken, oder Bierdeckel. Da war einer, der hatte jahrelang ein Schiffsmodell aus lauter Streichhölzern gebaut. Tausende Streichhölzer hatte der verarbeitet. Das muss man sich mal vorstellen! Sein Leben wofür?

Da hatte eine Familie gespielt und mit sechs Richtigen zweieinhalb Millionen kassiert. Irgendwo in Nordrhein-Westfalen. Zweieinhalb Millionen. Was man damit alles machen kann!  Da sieht das Leben noch einmal ganz anders aus - oder nicht?  Das große Schnäppchen machen  – dachte Felix Meier. Ist es das? Was ist der Sinn von all dem?

Neulich hatte er ein Liebespärchen beobachtet, so richtig mit Händchenhalten und so, die gingen spazieren. Nicht den Strand entlang oder durch den Wald auf verschlungenen Liebespfaden, wie man das so macht, wenn man verliebt ist: Nein, die gingen im Aldi spazieren, die Regale entlang. Einfach so. Um zu gucken. Um sich die Zeit zu vertreiben zwischen Nudeln und Klopapier.

Vati, wozu lebst du eigentlich?

Sein Kollege, das war einer.  Wenn der vom Fußball erzählte. Begeistert! Das muss man sich mal vorstellen. Kann es das sein, dass der Mensch so was braucht? Begeisterung? Und wenn’s nur vor dem Bildschirm ist?  Für irgendwas muss man sich doch begeistern! Wozu lebt man denn sonst? Ja, wozu lebt man denn?

Manche versuchen´s mit Drogen.  Oder mit Sex. Modern heißt das One-night-stand.  Oder mit Bungeespringen:Ein Seil um die Füße, und dann kopfüber in die Tiefe. Das muss man sich mal vorstellen. Für so einen Kick - das Leben riskieren. Das gibt´s doch nicht!?

Vati, wozu lebst du eigentlich?  Wozu lebst du eigentlich, Felix Meier.

Und da fiel ihm, nachts, als er wieder nicht schlafen konnte, die Hanna ein. Die in demselben Ort zu Hause war, wo er seine Kindheit verlebt hatte. Mit der er mehrere Jahre gemeinsam zur Schule gegangen war.

Das war die Zeit, als noch nicht viel war, mit Essen und sonst was für Kleidung und so. Barfuss hatten sie Fußball gespielt... in den Fünfzigern. Das muss man sich mal vorstellen.

Die Hanna, das war eine. Die war gerne zum Pastor gegangen, Konfirmandenstunde und so. Und die war gut in der Schule. Und die hat sich dann später ihr Studium versaut, weil sie die  Konfirmation mitgemacht hatte. Das war doch die Zeit, als der Staat gegen die Kirche mobil machte. „Religion, Opium fürs Volk“. Die Studentengemeinden, von den BBU´s ferngelenkt, den bösen Bonner Ultras...

Andere haben beides gemacht, Jugendweihe und Konfirmation. Die Hanna wollte das nicht. Die hatte schon damals gesagt: Man kann nur auf einer Hochzeit tanzen.  An Gott glauben – oder an gar nichts glauben, na gut, an den Sozialismus, die Partei. „Die Partei, die Partei, die Partei hat immer recht...!“

In dieser Nacht fiel ihm die Hanna ein. Später hatte sie dann richtig mit Kirchens zu tun. Sonntags machte sie die Kirche auf, läutete die Glocken. Weil der Pastor immer vom Nachbarort kam und vorher schon einen Gottesdienst hatte - und die Zeit dazwischen knapp war. Die, ja, die wusste schon immer, was sie wollte. Ja die... 

Ihre Telefonnummer musste doch rauszukriegen sein. Was aus ihr geworden war? Wie es ihr wohl ging?  Sie wollte er fragen. Wozu lebst du eigentlich? Genau so wollte er sie fragen.

Und dann saßen sie sich gegenüber. Spät abends bis in die Nacht. Er, Felix Meier – und sie, die Hanna. Alte Zeiten wurden lebendig. Ja damals. Weißt du noch?  Und was sich alles verändert hatte in diesen bald 40 Jahren. Sie waren beide älter geworden, natürlich. Er mit seinen Geheimratsecken. Und auch ihre Haare hatten einen leichten Grauschimmer. Wie das Leben so spielt...

Pralinen hatte sie geholt aus dem Schrank, und eine gute Flasche Wein. Solch ein Besuch war wohl eher selten für sie - nach so vielen Jahren...   Und dann, als sie sich so gegenübersaßen, hatte er sie gefragt:

Wozu lebst du eigentlich?

Zunächst erzählte er von seinem Beruf, dort in der Oberen Baubehörde. Davon, dass er nun seinen Posten hatte. Und die Leute Anträge stellen mussten, weil er ja wer war. Und dass es ihm eigentlich gut ging.  Zwei Kinder, eine Frau.  Und er noch halbwegs gesund.

Und dann fragte er genau so, wie sein Sohn ihn gefragt hatte. Er stellte die eine Frage, die ihm nicht mehr von der Seele ging:

Wozu lebst du eigentlich? Hanna, wozu lebst du eigentlich? Was machst du noch aus deinem Leben? Erwartest du noch was?

Was sind drei, vier Stunden in einer Nacht, in der es um Gott und die Welt geht, in der es um viel und alles geht? Was sind drei, vier Stunden wert, in denen es um mein und dein Leben geht – und den Sinn von all dem?

Von ihrem Glauben sprach sie, die Hanna. Von dem, was ihr unter den Nägeln brannte. Was ihr in der Seele wichtig war. Was sie nicht mehr los ließ.

Ja, sie war schon immer so. Sie wusste, was sie wollte. Sie hatte sich ja ihre Karriere vermasselt, für ihren Glauben. „Du kannst Gott spüren, erfahren in deinem Leben. Du musst ihn nur suchen.“ So was  hatte sie gesagt. Und noch eine Menge mehr. Über den Glauben. Das hatte sie drauf, wie andere das Telefonbuch, das Kleine Einmaleins…

Was sind denn auch drei, vier Stunden in der Nacht, wenn es um viel und  um alles geht: Gott und die Welt. Jesus. Liebe. Gerechtigkeit.  Niemals die Hoffnung verlieren. Und eben der Sinn von all dem...

Auch der Hanna hatte das Leben mitgespielt. Erst am Tag ihrer Konfirmation hatte sie sich taufen lassen. Sie kam aus einem nichtchristlichen Elternhaus, und das mit dem Glauben, das war ihr nicht selbstverständlich. Das kam erst später und so allmählich. Durch einen Pastor, der das auch glaubte, was er sagte. Durch einen Jugendkreis. Und später die Friedensdekaden in den Achtzigern, Taize-Gottesdienste, Kirchentage...

Ihr Mann war früh gestorben durch einen Autounfall. Kinder hatten sie keine. „Wozu lebst du jetzt, Hanna?“, hatte er gefragt. Ja, die Taufe, das war ihr damals wichtig. Denn getauft werden – das ist wie neu geboren werden. So fühlte sie sich damals. So erinnerte sie sich. Diesen Tag hatte sie nie mehr vergessen. An ihrer Taufe hatte sie sich auch später sozusagen festgehalten.

Weil sie´s ja dann auch nicht einfach hatte. Wie gesagt, aus Überzeugung die Berufslaufbahn vermasselt. Weil sie oft den Wind von vorn hatte. Und dann der Tod ihres Mannes, so plötzlich. Ist doch wahr: Wozu lebst du, wenn dir deine Träume, deine Pläne auf einen Schlag wie Seifenblasen zerplatzen? Aber diesen Moment der Taufe, den hatte sie nicht mehr vergessen, wie gesagt.  Und davon lebte sie, bis heute.

Getauft sein – und neu geboren werden. Kann ein  Mensch denn noch einmal neu geboren werden? Kann ein Mensch - auch mit 49 Jahren - noch einmal neu geboren werden??

Was sind drei, vier Stunden in einer Nacht, in der man so was fragt? In einer Nacht, in der es um Gott und die Welt geht? In der es um mein und um dein Leben geht? Samoje daragoje u tschelowjeka, eto jisn? Eine Nacht, in der es um alles geht - oder um nichts?

Wie kann ein Mensch neu geboren werden... ???

Und so ging es in dieser Nacht schließlich um den alten Menschen,  der durch das Wasser der Taufe und durch den Geist neu wird.  Es ging – um die „neue Kreatur“. Es ging darum - Gottes Kinder zu sein, als dem letzten Sinn und Ziel unseres Menschseins.

Selten reichten die Gedanken so weit wie in dieser Nacht, als sich Felix Meier und die Hanna gegenübersaßen.

 

In Gott zu sein – noch mehr: von Gott für alle Zeit geliebt zu sein, ob dein Leben verkorkst ist, oder ob es dir gut geht und du glücklich bist, selbst noch im Krankenhaus, im Sterben, wenn dein Grabstein längst weggeräumt ist – das kann uns den längeren Atem geben. Das macht Sinn.

Die Hanna, die war schon immer so. Die wusste, was sie wollte. Der Glaube, der war ihr was wert...

Lange nach Mitternacht fuhr Peter Müller mit seinem Auto nach Hause zurück. Da waren die Scheinwerfer seines Autos in der Dunkelheit. Da waren die Alleebäume, die an ihm vorüberhuschten, schemenhaft. Und da war das, was der Hanna so wichtig geworden war.

Und die Worte der Hanna  überkreuzten sich mit der Frage seines Sohnes: Vati, wozu lebst du eigentlich? Denn genau so hatte sein Sohn ihn gefragt. Wozu lebst du eigentlich?

Jetzt wusste er, in welche Richtung er weitersuchen konnte -   nach diesem langen Gespräch in der Nacht.

 

 

Gebet

O Gott, manchmal ist mein Gebet so wie ein Arm, den ich nach oben recke, um DIR zu zeigen, wo ich bin, inmitten von Milliarden Menschen.

Manchmal ist mein Gebet so wie ein Ohr, das auf ein Echo wartet, auf ein leises Wort, auf einen Ruf aus deinem Mund.

Manchmal ist mein Gebet wie eine Lunge, die sich dehnt, um frischen Wind in mich hineinzuholen, deinen Hauch.

Manchmal ist mein Gebet wie eine Hand, die ich vor meine Augen lege, um alles abzuschirmen, was mir den Blick zu dir verstellt.

Suchende – und Beschenkte sind wir, geheimnisvoller Gott, wie der Nikodemus. Auf der Suche nach einem Sinn und einem Ziel. Hilf uns, neu zu werden, dass dein Reich kommt

Amen.