Rö 8,31-39    Die letzte Reise  -  Zum anderen Ufer   23.11.08

 

Römerbrief 8,31-39

35 Kann uns noch irgendetwas von Christus und seiner Liebe trennen? Etwa Leiden, Angst und Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahren für Leib und Leben oder gar die Hinrichtung?...

37 Aber mitten in all dem triumphieren wir als Sieger mit Hilfe dessen, der uns so sehr geliebt hat. 38 Ich bin ganz sicher, dass nichts uns von seiner Liebe trennen kann: weder Tod noch Leben, weder Engel noch Dämonen, noch andere gottfeindliche Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, 39 weder Himmel noch Hölle. Nichts in der ganzen Welt kann uns jemals trennen von der Liebe Gottes, die uns verbürgt ist in Jesus Christus, unserem Herrn.

 

Irgendwo habe ich einmal eine Erzählung gefunden, eine sehr einfache und – eine wunderbar deutliche: Da saß ein Hirte bei seiner Herde am Ufer eines großen Flusses, der am Rande der Welt fließt. Wenn er Zeit hatte, schaute er über den Fluss - und spielte auf seiner Flöte. Eines Abends kam der Tod über den Fluss herüber und sagte: „Ich komme und möchte dich mitnehmen auf die andere Seite. Hast du Angst?“   „Warum Angst?“ fragte der Hirte. „Ich habe immer hinübergeschaut über den Fluss, seit ich hier bin. Ich weiß, wie es dort ist.“

Da legte ihm der Tod die Hand auf die Schulter, und der Hirte stand auf - und fuhr mit ihm über den Fluss, als wär es nichts. Das Land am anderen Ufer war ihm nicht fremd, und die Töne seiner Flöte, die der Wind hinübergetragen hafte, waren noch da.  

In diesen Novembertagen stehen wir noch wieder am Ufer, dicht an der Grenze, dicht am Tod, sind wieder auf dem Friedhof gewesen, haben Grün mitgenommen, haben das Grab der Eltern, der Frau, des Mannes, ein Kindergrab geharkt, geschmückt, mit Tannengrün zugedeckt, standen dabei ein paar Minuten still, schauten zurück in Erinnerung, und schauten vielleicht auch schon einmal hinüber „über den Fluss“.

Ja, was erwartet uns? Wo geht unsere Lebensreise hin? Es ist genau diese eine Frage, die sich uns stellt, am Bett eines Sterbenden, bei jeder Trauerfeier, mit jedem Schritt über den Friedhof. Wo geht unsere Lebensreise hin? Und:  An wem halten wir uns dann fest??

,,Ich habe immer hinübergesehen", sagte der Hirte.

Schon jedes Kind trifft einmal, früher oder später, auf das Sterben und den Tod, und fragt dann: Was ist mit mir, wenn ich einmal tot bin? Es begegnet dem Ur-Rätsel des Menschenlebens und braucht eine Antwort. Oder besser: Es braucht einen  Menschen, der ihm freundlich und gelassen und klar Aus¬kunft gibt. Nicht eine Auskunft, die alles erklärt, sondern eine, hinter der ein Mensch mit seinem Glauben steht.

Der christliche Glaube ist ja nicht ein kompliziertes System von Gedan¬ken, sondern eine im Grunde einfache Überzeugung. Die lautet so: Ich lebe. Und wenn ich sterbe, kommt Gott ( nicht der Tod, wie in der Erzählung) -  Gott kommt – und nimmt mich mit auf die andere Seite und – ich werde leben... Das ist zu¬nächst alles, und nichts ist so wichtig, als dass ein Kind das so einfach sehen und festhalten lernt: Wir sind ein Weilchen hier, zehn oder dreißig oder achtzig Jahre lang vielleicht, und Gott ist die ganze Zeit bei uns. Dann kommen Sterben und Tod – dann kommt die Überfahrt - und dann sind wir am anderen Ufer – dann sind wir auf eine neue Weise bei Gott. Das ist manchmal ein langer und trauriger Weg. Manchmal ist er mit einer schweren Krankheit und vielen Schmerzen verbunden, aber er ist eine Überfahrt.

Das Immer-einmal-an-das-Ufer-gehen und hinüberschauen – das muss uns nun in der Tat nicht ängstlicher oder unruhiger machen, nein, das kann uns, ganz im Gegenteil, eine Gelassenheit geben, eine Gewissheit geben, mit der wir unser Leben, aber einmal auch unseren Tod bestehen können.

Ich weiß wovon ich rede, hatte ich doch gerade erst einen Besuch bei einer Todkranken. Und die sagte zu mir - zu mir, der ich Mühe hatte, überhaupt Worte zu finden: Gott hat mir im Leben immer wieder geholfen, da wird er mich auch im Tod nicht im Stich lassen. Gern hätte ich noch ein paar Jahre gelebt, aber nun bin ich glücklich, ich freue mich auf das neue Zuhause.

Wir machen sicher einen Fehler, wenn wir versuchen, uns selber – oder auch unsere Kinder, die uns ja fragen!, an der Tatsache, dass wir alle einmal sterben müs¬sen, ohne ein helfendes und deutendes Wort einfach vorbeizuführen, vorbeizumogeln. Es ist wahrhaftig nicht einfach, über das Sterben zu reden, auch unsere Hoffnung irgendwie in Worte zu fassen. Und es ist in der Tat nicht einfach, einen Sterbenden zu begleiten. Aber das muss doch möglich sein: Dass wireinander an der Grenze nicht allein lassen: Die Hand des Sterbenden halten, aber sich nicht an ihm festklammern, ihn gehen lassen. Wenn ein Mensch stirbt, setzen wir uns sozusagen neben ihn ans Ufer und zeigen ihm, was drüben ist: Psalmenworte lesen, die trösten. Miteinander beten. Mit Sicherheit reicht ein solches Gebet schon zum neuen Ufer hinüber.

In diesen Stunden und Minuten wird uns manches,  was uns bis dahin so enorm wichtig war, unwichtig, und manches, was uns unwichtig war, wird uns wichtig, und am Ende ist nur noch wichtig, was uns im Herzen bewegt. Nur die Liebe bleibt, sagt die Bibel. 1.Korintherbrief 13: Auch wenn alles einmal aufhört, Glaube, Hoffnung, Liebe nicht…

Die kleine Erzählung von dem Hirten, der auf seiner Flöte spielt und über den Fluss schaut, sagt: Was in uns zu klingen anfängt, das nimmt der Wind über den Fluss. Und das ist schon da, wenn wir hinüberkommen, und macht uns die andere Welt vertraut.

Und, wie gesagt: Zuletzt ist es allein Gott, der dem Sterbenden die Hand auf die Schulter legt und sagt: Komm! Darüber können wir reden – und müssen wir reden, wann immer es nötig ist, wir Erwachsenen untereinander, aber auch wir mit unseren Kindern. Wir können relativ gelassen darüber sprechen, weil wir in diesen Augenblicken auch das Bild des sterbenden Christus vor Augen haben. Ihm, Jesus, war es eine Selbstverständlichkeit, zu sagen:  „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.“ „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer mir glaubt, wird leben haben, auch wenn er stirbt.“ Dabei war Gott für ihn natürlich ein liebender, ein barmherziger Gott, Abba, Väterchen, der vom Tode befreien kann. Immer, wenn wir uns heute auf Jesus einlassen, wenn wir ihm glauben, stellen wir uns in die Richtung, in die Jesus sah, wenn er von der Auferstehung der Toten sprach. Wir folgen ihm gleichsam ans Ufer, in das Sterben und in den Tod hinein – aber dann weiter hin zur Auferstehung, hin an das neue jenseitige Ufer. Und eben das ist der Sinn auch dieses Ewigkeitssonntags.

Er, Christus, ist die letzte Brücke. Und in diesem Sinne schrieb Paulus an die Christen in Rom: Nichts in der ganzen Welt kann uns jemals trennen von der Liebe Gottes, die uns verbürgt ist in Jesus Christus, unserem Herrn. 

Die folgende persönliche Schilderung an der Grenze, dicht am Ufer, hat mich ziemlich bewegt:

„Als meine Frau 41 Jahre alt war, erkrankte sie an Krebs. Im Sommerurlaub ent¬deckte sie den Knoten. Drei Monate später wurde sie operiert. Die kleine Ge¬schwulst, war bösartig. Der Arzt sagte: "Wir haben rechtzeitig operiert. Die Krankheit war im Frühstadium. Aber bestrahlen wollen wir die Stelle doch noch." 

Meine Frau erholte sich schnell von der Operation und den Bestrahlungen. Sie konnte bald wieder ihre Arbeit tun, nicht in vollem Umfang zunächst, aber mit den Jahren immer mehr. Alle ärztlichen Untersuchungen in den folgenden Jahren ergaben keinen Grund zur Besorgnis. Der Arzt sagte: "Wenn fünf Jahre nach der Operation kein neuer Befund vorliegt, gelten Sie als geheilt." Und - es lag kein neuer Befund vor nach fünf Jahren.

In unseren Herzen war keine Angst mehr. Wir zogen um in eine andere Stadt. Meine Frau übernahm eine neue und größere Aufgabe in ihrem Beruf. Sie fühlte sich wohl in ihrer neuen Arbeit und in ihrer Familie. Nur manchmal war sie schneller müde als früher und schneller erschöpft. "Ich bin ja auch älter geworden", sagte sie zu mir. Sie war tatsächlich älter geworden. Neun Jahre waren vergangen seit der Operation. Da erkrankte meine Frau von neuem.

Am 24. Februar dieses Jahres sagte sie morgens, als wir gemeinsam zum Dienst fahren wollten: "Ich kann heute nicht mitfahren; mir ist nicht gut." Das kannte ich nicht von ihr aus den 24 Jahren unserer Ehe, dass sie so eindeutig sagte:"Ich kann heute nicht." Die  Kopfschmerzen blieben und wurden immer schlimmer. Andere Symptome traten hinzu. Schließlich wurde meine Frau ins Krankenhaus eingeliefert zur gründlichen Untersuchung und ohne Befund wieder entlassen.

Die Schmerzen blieben, im Gegenteil, sie waren schlimmer als zuvor. Das Gesamtbefinden wurde schlecht. Wir befragten den Neurologen, und meine Frau musste wieder ins Krankenhaus, in ein anderes in einer anderen Stadt. Noch einmal Untersuchungen, aber auch sie waren ohne Befund.

Als ich meine Frau am Ostersonntag im Krankenhaus besuchte, waren wir allein im Zimmer. Die Mitpatientin hatte Osterurlaub. Meine Frau konnte nicht mehr essen und nicht mehr aufstehen. Die Kopfschmerzen waren jetzt oft unerträglich. Da sagte sie zu mir:

"Die Ärzte finden die Krankheitsursache nicht. Ich weiß, was es ist: Es ist wieder Krebs, und diesmal kann nicht operiert werden. Wir müssen damit rechnen, dass es keine Heilung mehr gibt." Ganz ruhig sagte sie das.

So kannte ich sie. So ruhig hatte sie oft zu mir gesprochen, so klar Tatsachen be¬nannt. Und ich wusste in diesem Augenblick: Sie täuscht sich nicht. Sie hat recht. So ist es. Ich sagte: ,,Es kann sein, dass du recht hast."

Da hatte meine Frau auch mich verstanden. Wir wussten beide, wie ernst es war. Und das war der nächste Satz, den meine Frau sprach, in unser Schweigen hin¬ein:  "Wir haben in unserem Dienst viel von Gott gesprochen. Was bedeutet der Glaube an Gott jetzt für uns beide?" Die Ostersonne schien auf ihr Deckbett, nicht auf ihr Gesicht. "Viele Worte der Bibel sagen mir jetzt gar nichts", fuhr die Kranke fort, "ich kann auch nicht beten." Auch das sagte sie ganz ruhig.

Da spürte ich, dass meine Frau den Boden unter den Füßen verlor und in eine dunkle Tiefe hinab sank. "Du musst dich nicht zwingen, wenn du nicht beten kannst. Das tun jetzt andere für dich", antwortete ich. Kein überflüssiges Wort wurde an diesem Nachmittag gesprochen zwischen uns. Es war nicht die Zeit, viele Worte zu sagen. Es war auch nicht die Zeit zu klagen. Keiner wollte dem anderen das Herz schwerer machen, als es schon war. Wir wussten beide, dass ein schwerer Weg zu gehen war.

Aber es war nun an der Zeit, nach dem festen Grund zu fragen angesichts des zu erwartenden Todes. Meine Frau sagte:An ein Bibelwort muss ich jetzt oft denken, das aus Römer 8: ,Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges uns scheiden kann von der Liebe Gottes"', und sie fügte nach einer Pause hinzu:"Sag mal, glaubst du das ?"

Brauchte sie meine Gewissheit, um selber gewiss sein zu können? Über den Abgrund, der sich in dieser Stunde für uns beide auftat, antwortete ich so ruhig, wie meine Frau gesprochen und gefragt hatte:

"Ja, das glaube ich; nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes, auch das Sterben nicht." Mehr sagte ich nicht; mehr muss nicht  gesagt werden in einer solchen Stunde, in ¬wir ganz persönlich gefragt werden, was für uns gilt. Da antwortete meine Frau: "Das ist gut." Und ich sagte noch: "Das ist gut für uns beide." Nun war alles gesagt. Der Abgrund war da, und der feste Grund war da mitten im Abgrund.

Nachträglich bin ich froh darüber, dass wir an diesem Ostersonntag klar und ruhig über den Glauben angesichts des Todes sprechen konnten. Eine Woche später wäre das schon nicht mehr möglich gewesen. Die Krankheit nahm ihren Lauf.

Immer wieder sagte ich bei meinen Besuchen in der Klinik meiner Frau das Wort aus Römer 8. Manchmal sagte ich nur den Anfang: "Du weißt: Ich bin gewiss, . . .", und sie nickte. Manchmal sprach ich ihr ein Stück dieses Wortes vor, und sie sprach es langsam nach. Ganze Sätze konnte sie in diesem Stadium der Krankheit nicht mehr behalten.

Sechs Wochen nach Ostern starb meine Frau. Erst die Untersuchungen nach ihrem Tod brachten die Bestätigung, dass es zum zweiten Mal eine Krebserkrankung war. Bei meinem letzten Besuch konnte meine Frau nicht mehr sprechen, aber sie konnte mich noch verstehen. Das merkte ich. Zum letzten Mal sprach ich zu ihr das Wort aus Römer 8, "dass nichts uns scheiden kann von der Liebe Gottes, in Christus Jesus ist, unserem Herrn".    -

Es war die letzte Brücke zwischen uns. Das Gebet, das ich dann noch sprach, und der Segen, das war die Brücke zu einem anderen Ufer.

 

Gebet

Gott, du bist bei uns im Leben und im Sterben. Du gibst uns das Leben und -  du nimmst es am Ende in deine Hände zurück.  Wir bitten dich: Lass uns nicht verzagen an all dem Traurigen, vor dem wir nicht weglaufen können, dem wir immer wieder begegnen mit jedem Abschied, mit dem Altwerden, mit Leiden, Sterben und Tod.

Guter Gott, hilf uns, unsere Angst vor den letzten Dingen zu überwinden, indem wir uns an dein Wort halten, das uns doch neues, ewiges Leben in Aussicht stellt.

So halten wir uns Jesus Christus vor Augen, der uns zum Brot des Lebens wurde.  Und - in der Gemeinschaft der Glaubenden, (auch derer, die vor uns waren und die nach uns sein werden) vergewissern wir uns eines neuen Himmels und einer neuen Erde.

Amen.