Zivilcourage  -  Zur Erinnerung und Mahnung        Einweihung des Mahnmahls auf dem Vorplatz der Kirche in Baabe  3.10.2000

 

 

Werte Gäste, Herr Mathis, Herr Dr. Schnitzer, liebe Baaber Einwohner und Gäste, Sie als Bläser und Chor!

 

Zur Mahnung und zum Gedenken – wird nachher auf diesem Stein zu lesen sein.   Zur Mahnung, und zum Gedenken. Genau so!  Es muss einen Punkt geben, wo das möglich ist:

Wenigstens für Augenblicke anhalten, sich erinnern! Sich klar machen, was da alles drin war allein in dem zurückliegenden Jahrhundert an Grässlichem, an Menschenverachtung, an Leid und Tod – aber auch an Mut, und Widerstand und Zivilcourage.

Sich erinnern, dass nie mehr eine Mutter ihren Sohn beweint!! Sich erinnern, dass wir in Zukunft nicht zu spät kommen, denn: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ (Gorbatschow) . Und so gratuliere auch ich denen, die sich dafür einsetzten, dass dieser Gedenkstein hier jetzt aufgestellt werden konnte.

Es war am 23. April des Jahres 1933. An diesem Tag waren, genau auf diesem Platz  hier, die Gemeindevertreter, die Feuerwehr, der Schützenverein mit Schärpen und Zylinder und Fahnen angetreten.   (Das offenbar einzige Photo, das es dazu gibt, habe ich vor mir.)Warum und wozu?

Um diese beiden Eichen zu pflanzen und sie die Hitler- und die Hindenburg-Eiche zu nennen.  Und ich denke mir, sie taten das damals noch in gutem Glauben.  Sie wollten eine neue Zeit begrüßen.

War auch der Pastor mit dabei, wie noch zur Einweihung der Kirche drei Jahre zuvor? Ich habe es nicht herausfinden und auf dem Photo erkennen können.

Was ich aber fand: 4 Jahre später, am 16.8.1937, beschrieb Pastor Medenwaldt  in der Rückschau den Konflikt und die Dramatik  dieser Zeit. Bitter, spitz und ironisch bemerkte er, zum Ende seiner Dienstzeit:

"Das Jahr 1933 brachte dann kirchlich wie überall die Umwälzung, neue kirchlich ganz ungesetzliche Wahlen, durch die auch hier  die Gemeindekirchenräte und kirchlichen Vertretungen ganz umgewälzt wurden. Fast alle alten bewährten kirchlichen Leute wurden herausgesetzt und neue Leute von Partei wegen hineingewählt. ...  Als ich in Göhren mit den Vorgeschlagenen mich nicht einverstanden erklären konnte, wurde mir von dem Gemeindevorsteher gesagt, dann findet die Wahl statt, wir ziehen den Parteiapparat auf und Sie werden an die Wand gedrückt. Ähnlich war es in Baabe und hier. (Middelhagen). Das war die sogenannte „Freie Wahl“, die vom Führer garantiert war. Ich habe mich dann darauf beschränkt, nur, wenn es gar nicht anders ging, Sitzungen einzuberufen, im übrigen alles allein gemacht: „Führerprinzip“, bin ich ganz gut so durchgekommen.“

Sie wissen, dass die Ev. Kirche im sogenannten “Dritten Reich“ gespalten war.  Vertreter der Bekennenden Kirche (im Unterschied zu den Deutschen Christen) fanden sich im Mai 1934 zur Bekenntnissynode in Barmen zusammen, um sich gegen die Überfremdung und Beschlagnahme durch die „neuen Herren“ zur Wehr zu setzen:

 „Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden.“ 

Und nun Pastor Medenwaldt: 1933, als die beiden Eichen gepflanzt werden, erklärt er sich nicht einverstanden mit den braunen Herren, und versucht statt dessen, sein eigenes „Führerprinzip“ durchzuziehen, d.h. Entscheidungen in seinem Verantwortungsbereich möglichst allein zu treffen. Und das beschreibt er rückblickend im Jahre 1937!! Wenn diese Sätze in die falschen Hände gelangt wären!!

Aber warum erzähle ich das? Wenn ich richtig sehe, durchschaut da einer, was da gespielt wird – und fängt an, Sand im Getriebe zu sein. Da  beginnt einer mit dem aufrechten Gang, mit Zivilcourage!

Wir würden heute sagen: 1933 versucht dieser Pastor so etwas wie sozialen Widerstand, politischen Ungehorsam. Freilich gab es auch andere, die zuschauten, wenn Nazifahnen in Kirchen hineingetragen wurden. Ich kam auf Pastor Medenwaldt, weil ich halt diese Dokumente fand.

Doch es waren zu wenige. Die Kraft des Widerstands reichte nicht. Und dann war es zu spät, die Kriegsmaschine lief.  Wer sich weigerte, wurde an die Wand gestellt. Und das Ergebnis: Die halbe Welt fiel in Schutt und Asche.

Und aus den Ruinen erstand – ein „Deutschland, einig Vaterland“? Es kroch aus dem Schoß, der noch fruchtbar war, Fünfeichen,(Straflager, heute Mahn- und Gedenkstätte bei Neubrandenburg) die Aktion Rose ( stalinistische Enteignungswelle), MdI, MfS und ZK, die sogenannten Sonderbedarfsträger, der „antifaschistische Schutzwall“ und, nicht zuletzt, das Bildungssystem der Margot Honecker mit Antreten zum Fahnenappell, mit vormilitärischer Ausbildung, mit den bohrenden Fragen immer wieder: „Was, du gehörst noch nicht zu den Pionieren? Da muss ich aber mal mit deinen Eltern reden!“ So war´s, ganz genau.

Aber da waren immer – Gott sei´s gedankt, auch die, meist wenige, auch Lehrer(!), die  Sand im Getriebe waren, die sich wenigstens um den aufrechten Gang,  um Zivilcourage bemühten: Sie erwähnen die Familie Schade, Herr Mathis, und hilfsbereite Baaber Familien, die die elternlosen Kinder des Kleinbahnzuges 1945 aufnahmen. – Hilfsbereitschaft gegenüber den Flüchtlingen war ja keinesfalls selbstverständlich!

Da waren die Kinder und Eltern hier in Baabe etwa 1958, die sich dem Druck zur sozialistischen Jugendweihe verweigerten und darum nicht zur Oberschule in Bergen zugelassen wurden. Da waren die wenigen Leute, man vergisst das ja nicht, die sich auch in dieser kleinen Kirche in den 80iger Jahren zu Friedensgebeten trafen, immer auf dem schmalen Grat zwischen Anpassung und Verweigerung, mit flackernden  Kerzen in den Händen, mit dem Gesang „Dona nobis pacem, Herr, gib uns Frieden!“- ein Gebet.  (Sie haben es gerade gesungen).

Da war das Symbol „Schwerter zu Pflugscharen“ und unsere Diskussion darüber, wie wir aus dem Heldenmahl rechts in der Kirche - „ Im Kampf für Heimat und Herd starben den Heldentod – Treue um Treue“, lesen Sie´s,  Stahlhelm und Dolch darüber,   ein Mahnmahl machen könnten. 

Wir hängten schließlich ein Motiv der achtziger Jahre neben die Heldentafel: Soldaten tragen Gewehre, doch einer traut sich,  eine Blume hochzuhalten – und läuft in die entgegengesetzte Richtung!!

1989/90 zwei große Plakate auf diesem Platz  hier:  „Volksauge sei wachsam“ und „Freie Wahlen“, so war das. Schließlich die Bürgerinitiative auch hier in Baabe, Leute mit Verantwortungsgefühl, die sich weiter trafen, als andere längst gen Westen fuhren und Wichtigeres zu tun hatten, als sich um die Aufarbeitung der Vergangenheit und um kommunale Belange zu kümmern.

So gab es immer wieder Menschen, und bei denen knüpfe ich an, die mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg hielten, die ein Herz hatten für andere in Not, die sich oft genug selbst riskierten, die sich ihre Karriere verbauten, die die Mauern der Verachtung übersprangen, die Zeit und Kraft opferten, kurz: die sich um Zivilcourage bemühten.

Und die brauchen wir auch heute! :

Den Jubel über die Deutsche Einheit vor 10 Jahren werde ich nicht vergessen. Dazu stehe ich nach wie vor. Dass der Freude und den hochgeschraubten Erwartungen alsbald die Ernüchterung folgte, brauchen wir nicht zu verschweigen: Arbeitslosigkeit. Mobbing am Arbeitsplatz und in der Schule hier und da. Politische Affären. Gewalt von Rechts. Gewalt gegen Fremde. Wir wissen inzwischen, dass Demokratie ein hartes Brot ist und gelernt und durchgesetzt sein will! In dem Aufruf unseres Ministerpräsidenten Dr. Ringsdorf heißt es, an die Älteren gewandt: „Berichten Sie den jungen Menschen aus dem Schatz ihrer Lebenserfahrung. Verdeutlichen Sie ihnen, dass Hass und Gewalt noch nie ein Problem gelöst haben.“

Gerade jetzt sind Menschen gefragt, die einstehn für „Einigkeit und Recht und Freiheit“ – und Menschlichkeit! Die sich trauen. Die ihre Meinung sagen. Die nicht mit der Mehrheit heulen. Für die Zivilcourage kein  leeres Wort ist.

Sehr verehrte Gäste, liebe Baaber Einwohner! Das scheint mir überaus wichtig zu sein: Anhalten können. Sich erinnern. Sich klar machen, was da alles drin war in unserer Vergangenheit an  Menschenverachtung, an Leid und Tod – aber auch an Mut, und Widerstand und Zivilcourage.

Dazu steht nun dieser Stein:  Zur Erinnerung, zur Mahnung – und zur Ermutigung.

„Freuen dürfen sich alle, die die Gewalt verachten. Die werden Gottes Kinder sein. Freuen dürfen sich alle, die Frieden stiften.  Ihnen wird die Erde gehören.  (die Bibel, Matthäus 5)