Lk 5,1-11   Der große Fischzug  - Wunder erwarten        11.9.2011

 

Lukas 5,1-11

1 Eines Tages stand Jesus am Ufer des Sees von Gennesaret. Die Menschen drängten sich um ihn und wollten Gottes Botschaft hören.

 

2 Da sah er zwei Boote am Ufer liegen. Die Fischer waren ausgestiegen und reinigten ihre Netze.

3 Er stieg in das eine, das Simon gehörte, und bat ihn, ein Stück vom Ufer abzustoßen. Dann setzte er sich und sprach vom Boot aus zu der Menschenmenge.

4 Als er seine Rede beendet hatte, sagte er zu Simon: »Fahr hinaus auf den See und wirf mit deinen Leuten die Netze zum Fang aus!«

5 Simon erwiderte: »Herr, wir haben uns die ganze Nacht abgemüht und nichts gefangen. Aber weil du es sagst, will ich die Netze noch einmal auswerfen.«

6 Sie taten es und fingen so viele Fische, dass die Netze zu reißen begannen.

7 Sie mussten die Fischer im anderen Boot zur Hilfe herbeiwinken. Schließlich waren beide Boote so überladen, dass sie fast untergingen.

8 Als Simon Petrus das sah, warf er sich vor Jesus nieder und bat: »Herr, geh fort von mir! Ich bin ein sündiger Mensch!«

9 Denn ihn und alle anderen, die bei ihm im Boot waren, hatte die Furcht gepackt, weil sie einen so gewaltigen Fang gemacht hatten.

10 So ging es auch denen aus dem anderen Boot, Jakobus und Johannes, den Söhnen von Zebedäus, die mit Simon zusammenarbeiteten.

Jesus aber sagte zu Simon: »Hab keine Angst! Von jetzt an wirst du Menschen fischen!«

11 Da zogen sie die Boote an Land, ließen alles zurück und folgten Jesus.

 

 

 „Ich wollte nur fragen: Gibt es Gott?“  Ein Telefonanruf, ich erinnere mich noch genau, früh ¾ 8. Eine jüngere Frauenstimme. „Ich wollte nur fragen: Gibt es Gott?“ „Ja, ich denke schon!“, stottere ich und sage dann nach kurzem Überlegen:

„Wir haben ja die Bibel als Urkunde des Glaubens. Und da bezeugen die unterschiedlichsten Menschen über viele Jahrhunderte, was sie mit Gott erlebt haben.“ 

Darauf die andere Stimme: "Ja, danke schön. Das wollte ich nur wissen.“ Und schon hat sie aufgelegt.

Wie kann man das so fragen, so direkt, so unverblümt:  „Gibt es Gott?“ Warum fragt jemand das so? Oder: Warum fragt sie ausgerechnet mich? Warum klingelt sie 7.45 Uhr bei mir an?

Glaubt sie, wir Pastoren und Pastorinnen haben einen extra heißen Draht nach oben? Wir sind doch die, die zumindest auch -  in der Gefahr stehen, den Glauben zu zerreden, kaputt zu diskutieren – und im theologischen Nachdenken auch Irrwege zu beschreiten: Ich denke an die Gott-ist-tot-Theologie der siebziger Jahre.

Stellen Sie sich das mal vor: Gibt es Gott? Nein, Gott ist tot. Es gibt nur noch die zwischenmenschliche Liebe.

Warum fragt mich jemand früh am Morgen nach Gott?

Na gut, es gibt tatsächlich Augenblicke, bestimmte Zeiten, da die Gedanken weit reichen. Im Urlaub, in den Ferien,  zu Weihnachten, Silvester da gehen die Gedanken – und die Gefühle spazieren. Wenn wir einmal die Probleme und Zwänge des Alltags von uns weisen können – und einatmen, tief durchatmen, und die Seele im Rhythmus der Wellen mitschwingen lassen. Da tauchen unerwartet Fragen auf, die wir sonst gar nicht stellen:

Was ist das Leben? Was ist die Zeit? Und was kommt - noch? Was wird nächstes Jahr sein? Werden die Kinder dann noch beim Camping mit dabei sein, die nun langsam flügge werden?  Ja, worauf hin leben wir eigentlich?  Gibt es etwas dahinter?   Gibt es Gott?

Es muss doch noch irgendwo sein

Etwas, das trägt und hält,

dichtet Marie Luise Kaschnitz,

Ein Kleinod, ein funkelnder Schrein

In der verdorrenden Welt.

Eine Kammer voll Orgelwind,

Ein singendes Muschelhaus.

Ja sagen Sie mal: Gibt es Gott? Gibt es etwas dahinter? Etwas hinter allem Vordergründigen?  

Wenn wir glauben und meinen, da ist nichts mehr – ist doch etwas da. Wenn wir das Gefühl haben, an einer Grenze angelangt zu sein und nun ist Schluss – ist doch nicht Schluss. Also, dass immer noch etwas dahinter ist, noch mehr: dass das Ende sogar ein neuer Anfang sein kann – das ist das Tolle am christlichen Glauben, das Großartige, das ich festhalten möchte, das mich leben lässt, das es wert ist, gepredigt und weitergesagt zu werden.

Es gibt kein Ende und Aus. Dahinter ist noch etwas. Es kommt immer noch etwas, weißt du das?

Ich stehe am Meer, schaue über die weite Wasserfläche, auf der die Sonne glänzt. Bis zum scharf geschnittenen Horizont reicht mein Blick, bis dorthin, wo Himmel und das Wasser einander berühren. Das kann ich erfassen, das ist meine Welt. So weit sehe ich.

Einige Schiffe sind unterwegs, dicht am Horizont. Sie sind mit bloßem Auge gut zu erkennen. Aber da: Winzig klein, ein Schiff, von dem nur noch die Rauchfahne und die Aufbauten zu sehen sind, das genau genommen schon hinter dem Horizont fährt. Wie geht das?

Ja natürlich, die Wasseroberfläche folgt der Krümmung der Erdoberfläche, die Erde ist ja eine Kugel – und dieses eine Schiff  zieht seine Bahn längst hinter dem Horizont!

Das heißt: Dahinter ist noch etwas, hinter dem Horizont. Hinter meinem Horizont!

Diese Beobachtung – als wir noch Kinder waren, hatte unser Vater es uns so erklärt -  diese Beobachtung ist für mich zu einem Gleichnis geworden:

Jörg Zink schreibt:

Ich staune über die Gedanken Gottes, die so viel tiefer sind als die meinen, über seinen Geist, der so viel höher ist als meine Vernunft. Ich bin überzeugt, dass ich von seiner Welt nur das Geringe wahrnehme, das meinem Geist entspricht und mir mehr verborgen ist, als ich je sehen und begreifen werde.

„Hinter meinem Horizont ist noch etwas“ kann ich freilich nur sagen und glauben, wenn ich „Gott“ glaube, Gott einplane als die Rückseite der Medaille, als das Transzendente, das ganz andere, als die noch viel größere Wirklichkeit, die ich immer nur bruchstückhaft erfassen kann. Gott als Retter, Befreier, Gott als der, der mir hilft, „über die Mauer zu springen“, (Psalm),   Gott als der, der mir weiten Raum schaffen kann. (Psalm)

Ich wollte nur fragen;: Gibt es Gott?  Ja!!! Ausrufezeichen. In der Bibel und in einer 200jährigen Geschichte bezeugen Menschen, was sie mit Gott erlebt haben.

„Als ich von allen Seiten bedrängt war“, lese ich im 118.Psalm, „schrie ich zum Herrn um Hilfe. Der erhörte mich und machte mich frei. Nun fürchte ich nichts mehr. Was könnte ein Mensch mir schon tun?“

Da war dem Liederdichter, vielleicht ja König David, die Luft knapp geworden. Sein Horizont hatte sich mit der Angst verengt. Ich stelle ihn mir zusammengekrümmt vor, verkrampft, wie gelähmt. Aber dann erlebt er „Gott“, wie auch immer, als Befreiung,  als Entlastung. Und David richtet sich auf, und in der Wand findet sich eine Tür und die Tür öffnet sich und ein Weg zeichnet sich ab. „Ich muss nicht sterben, ich darf weiterleben und erzählen, was der Herr getan hat.“ (Psalm 118).

Solche Erfahrungen hat es immer wieder gegeben.

Da gab es die Urerfahrung des Volkes Israels: Auszug, Flucht israelitischer Stämme aus Ägypten. Die Fronarbeit unter dem Pharao war unerträglich geworden. Aber die ägyptische Streitwagenmacht verfolgte die Israeliten und holte sie ein. 2. Mose 14,9. Vor ihnen das Wasser, hinter ihnen die Verfolger. Da war nichts mehr. Aussichtslosigkeit. Verzweiflung. Und die Israeliten packte die Angst, und sie schrien zum Herrn um Hilfe.  Und dann erzählt der Verfasser, zwei Versionen gibt es da, von einem starken Ostwind, der das Wasser zurücktrieb – oder aber: Das Wasser stand zu beiden Seiten wie Mauern... Jedenfalls: Die Israeliten finden einen Weg, einen Weg in die Freiheit. Und vor Glück singt die Mirijam mit allen Frauen, und sie schlagen ihre Handpauken und tanzen im Reigen: „Singt dem Herrn, denn er ist groß und mächtig“, ins Meer geworfen hat er Ross und Mann. (2.Mose 15,21)

Das Wunder ist perfekt. Wo nichts mehr war – wurde doch was, fand sich ein Weg, öffnete sich der Horizont.

Es geschah in einem Tümpel am Rande eines Waldes. Dort lebte ein Blutegel, der sich in seinem Tümpel gut auskannte, weil er ihn in allen Richtungen erforscht und durchschwommen hatte.

Aber auch eine Libellenlarve, die aussieht wie ein langbeiniger Käfer, lebte in dem Schlamm des Tümpels. Sie war meist so mit Schlamm bedeckt, dass man sie von ihrer Umgebung kaum unterscheiden konnte. Doch ein merkwürdiger Drang trieb sie immer wieder nach oben, um neue Kraft zu schöpfen.

Der Blutegel sagte eines Tages zu der Libellenlarve: „Was hast du auch für eine merkwürdige Art, aus dem Schlamm aufzusteigen. Ich habe kein Bedürfnis nach dem, was du Himmelsluft nennst.“

Die Libellenlarve erwiderte: „Ach, ich trage eine große Sehnsucht in mir. Ich möchte über diesen Tümpel hinaus, denn da drüben sehe ich einen hellen Schein, und merkwürdige Schatten huschen über uns hinweg.  Aber meine Augen sind wohl nicht geeignet, um das zu erkennen, was über uns ist. Aber wissen möchte ich es doch.“

Der Blutegel krümmte sich vor Lachen: „O du phantasievolle Seele! Du glaubst wirklich, über dem Tümpel sei noch etwas? Glaub es mir doch als erfahrenem  Mann: Ich habe den ganzen Tümpel durchschwommen. Dieser Tümpel ist die Welt und die Welt ist ein Tümpel, und außerhalb dieses Tümpels gibt es nichts.“

„Aber ich habe den Lichtschein gesehen!“, sagte die Libellenlarve, „und geheimnisvolle Schatten“.

„Das sind Hirngespinste, nichts als Hirngespinste!“, versicherte der Blutegel. „Nur was ich spüren und betasten kann, existiert wirklich. Alles andere ist reine Einbildung.“

Doch es dauerte nicht lange, da kroch die Libellenlarve tatsächlich aus dem Wasser. Mit ihr vollzog sich eine unwahrscheinliche Umwandlung. Es wuchsen ihr Flügel, sie verlor ihre schwerfällige Hülle und im goldenen Sonnenschein flog sie pfeilschnell über die glatte Wasserfläche dahin.

Der Blutegel aber unten im Tümpel begriff nicht, wohin die Libellenlarve verschwunden war.

 

Meine Welt, so groß, oder ein bisschen größer. Und dahinter – ist nichts mehr.  Und wenn doch? Was ist, wenn ich einmal sterbe? War es das? Ich trage eine große Sehnsucht in mir! Auferstehung, Unsterblichkeit, Vollkommenheit, Zukunft und Leben.

Ich wollte nur fragen: Gibt es Gott?

Na, schau ihn dir an, den Mann aus Nazareth, den Rabbi, der zu Gott eine geradezu innige Beziehung hatte, der sich von Gott zu den Menschen gesandt wusste. Er ist für mich das Abbild, das Ebenbild, das Transparent des großen Gottes.

Da ist der See Genezareth, das Ufer, die Menge erwartungsvoller Menschen, Fischerkähne, in einem von ihnen Jesus predigend, unter den Zuhörern eine Gruppe von Fischern, unter ihnen Simon, der später Petrus heißen wird.

Lukas 5: Eine friedliche Szene, ein schönes Bild, fast ein Urlaubsposter. Zunächst aber: Umsonst. Wir haben die ganze Nacht umsonst gefischt. Bittere Enttäuschung.                                                            

Das ist uns nicht fremd: Wer monatelang vergeblich Bewerbungen zu Papier gebracht hat, wer mit allem Einsatz eine Krankheit niederzukämpfen versuchte, und es half nichts, wer sich  abmühte ohne Erfolg, wer seine Ehe zu retten versuchte und es war zu spät, wer sich engagierte ohne Anerkennung, Lebenskraft und Lebenszeit investierte ohne Sinn –  der kann die Ratlosigkeit, die Gefühle der Fischer dort  am See Genezareth ohne weiteres nachempfinden.

Dabei war der Petrus ein Profi, kein Möchtegern-Fischer. Er verstand sein Handwerk!  Mit der Fischerei verdiente er, wie viele andere Männer in Judäa, seinen Lebensunterhalt. Und sein alltägliches Geschäft war Knochenarbeit: Die nächtlichen Ausfahrten, das Auswerfen der Netze, das Warten und Hoffen auf einen guten Fang.

Zunächst schien alles umsonst. Hoffen und Harren hält manchen zum Narren! Da war nichts mehr. Da war nichts mehr zu erwarten. Schluss und Aus. 

Doch dann dieses: Aber! Aber auf dein Wort hin will ich die Netze noch einmal auswerfen! So sagt es der Petrus zu Jesus. "Auf dein Wort hin wage ich es“. Und damit kommt ER ins Spiel: Das Wort dessen, der von Gott her denkt, Gottes Willen zum Maßstab seines Handelns macht und Gottes Liebe den Menschen nahe bringt.                                                                                                     

Vom Fischerboot aus hatte er zu der Menge am Ufer geredet, und die kleine Gruppe der Fischer um Petrus bezog seine Worte offenbar auf sich. Und so wagt es der Petrus, auf diese Zumutung hin -  aufs Wasser hinaus zu fahren. … auf dein Wort hin will ich die Netze noch einmal auswerfen!

Denn es muss wirklich eine Zumutung gewesen sein. Auf Jesus zu hören, ihm zu folgen, war ja immer eineZumutung! "Fahre hinaus, wo es tief ist" – für einen erfahrenen Fischer wie Petrus war solch ein Satz eine unerträgliche Zumutung: Wo es tief ist, gibt es keinen Fisch zu fangen. Das wusste man am See Genezareth. Man hielt sich an die bewährte Regel: Dunkel sollte es sein, und man sollte in Ufernähe bleiben.

Und doch riskiert es Petrus mit seinen Leuten, eigentlich gegen den Verstand, gegen alle Erfahrungen – auf SEIN Wort hin hinauszufahren, was ja meint das Leben zu wagen, das Leben dort, wo es tief ist – und nicht oberflächlich und banal dahinplätschert.

Und das ist das Ergebnis:  „... sie fingen so viele Fische, dass die Netze zu reißen begannen. ..Schließlich waren beide Boote so überladen, dass sie fast untergingen. (Lukas 5,6)

Das Wunder ist perfekt. Wie soll man es sagen, beschreiben? Wo nichts mehr zu erwarten ist, ist doch was. Wo sie nichts mehr sehen, keine Aussicht mehr haben, begegnet ihnen, in einem geradezu beängstigendem Maß -das Glück, die Fülle des Lebens – und ein Auftrag: Hab keine Angst, von jetzt an wirst du Menschen fischen! (Lukas 5,11)

Die Fischer entschließen sich dazu, das alte Leben, alles zurück zu lassen, mit Jesus zu gehn, bedingungslos in seine Nachfolge zu treten - und Menschen zu fangen, besser: Menschen aufzufangen – sich auf die einzulassen, die von der Vergeblichkeit des Lebens niedergedrückt werden und abzustürzen drohen, ein missionarischer Aufbruch, ein neuer, weiter Horizont: Eure Netze werden voll sein!

Wenn du krank bist oder arbeitslos, oder das Gefühl hast, zum alten Eisen zu geworfen zu werden, deine Lebensjahre gezählt sind, wenn du erlebst, wie menschliche Beziehungen zerbrechen, wenn du um deine Kinder, deine Enkel Angst hast, wenn du dich um deine Kirche, unser Land sorgst, dann wisse: Es ist immer noch etwas dahinter, noch mehr: das Ende kann sogar ein neuer Anfang sein– das ist das Tolle, das Großartige, das ich festhalten möchte, das mich leben lässt, das es wert ist, gepredigt und weitergesagt zu werden.

Und darum schreibt Selma Lagerlöf:

Man sollte nicht ängstlich fragen: Was wird und kann noch kommen? Sondern sagen: Ich bin gespannt, was Gott jetzt noch mit mir vorhat.

 

 

Gebet

 

Herr, unser Gott, oft sind unsere Hände leer. Wir haben nichts vorzuweisen. Unser Leben scheint auf lange Strecken verfehlt. Manches ging verkehrt. Lass uns darum auf dein befreiendes Wort achten, das doch das Licht auf unserem Weg ist, der weite Raum. 

Du füllst unsere Hände und Herzen mit Glauben, Hoffnung, mit Liebe. Löst uns heraus aus alten Bindungen und zeigst uns Aufgaben, Dinge, die zu tun sind auch in deiner Gemeinde, in deiner Welt. Zeigst uns Menschen, die unsere Hilfe brauchen, so wie uns geholfen wurde.

Danke, dass du in unserem Leben erscheinen willst wie die Sonne am Morgen nach einer langen Nacht.

Amen.