1. Joh 1,1    Gottes Wort  -  Wiederkäuen    14.1.2007

 

1.Johannesbrief 1,1-4   

Was von allem Anfang an da war, was wir gehört haben, was wir mit eigenen Augen gesehen haben, was wir angeschaut haben und betastet haben mit unseren Händen, nämlich das Wort, das Leben bringt - davon schreiben wir euch.  Das Leben ist offenbar (sichtbar)geworden, und wir haben es gesehen; wir sind Zeugen dafür und berichten euch von dem unvergänglichen Leben, das beim Vater war und sich uns offenbart(bekannt gemacht)  hat. Was wir so gesehen und gehört haben, das verkünden wir euch, damit ihr in Gemeinschaft mit uns verbunden seid. Und die Gemeinschaft, die uns miteinander verbindet, ist zugleich Gemeinschaft mit dem Vater und mit Jesus Christus, seinem Sohn. Das erfüllt uns mit großer Freude. Und wir schreiben euch diesen Brief, damit unsere Freude vollkommen wird…

 

Gerade haben wir unseren Weihnachtsbaum aus dem Zimmer rausgeschmissen – und den Weihnachtsschmuck verpackt, Weihnachtspyramide, Krippe und Figuren weggestellt.

Und nun? Was kommt nun? Sodbrennen nach all den Süßigkeiten und dem guten Essen. Abwaschen, Ausschlafen, Geschenke weglegen. Der Besuch ist längst abgereist. Ja, was kommt nun?

Nüchternheit! Keine Weihnachtsmelodien mehr im Ohr. Kein Lametta-Glitzern. Kein Tannennadelgeruch. Sich die Augen reiben. Planen. Das neue Jahr in Angriff nehmen, spätestens jetzt. Denn wir sind ja schon wieder fast mitten im neuen Monat Januar. Worauf sich freuen? Womit leben? Was ist zu tun?

Wiederkäuen. Wiederkäuen, sagte Martin Luther ganz drastisch. Der ja versuchte, den Leuten aufs Maul zu schauen, um sie zu verstehen, um ihre Sprache zu sprechen. Es sei notwendig, so sagte er, dass wir Gottes Wort wiederkäuen, um es als stärkende Speise, als Wegzehrung in uns aufnehmen zu können.

Und indem er das sagte, war die Weihnachtsgeschichte noch immer mit dabei: Denn Wiederkäuen, das erinnerte ja an ein Rindvieh, genauer: an Ochs und Esel im Stall von Bethlehem.

Wiederkäuer, ich habe mir das mal genauer angeschaut, sind Tiere (Rinder, Schafe, Ziegen, aber auch Hirsche, Antilopen, Giraffen und Gazellen) mit einem besonderen, ihrer Pflanzennahrung angepassten Verdauungssystem: Sie besitzen neben dem normalen Magen noch mehrere Vormägen, nämlich den Pansen, Netzmagen und Blättermagen.Beim Fressen wandert der grob zerkaute Grasbrei, der wenig Nährstoffe, aber viel an sich unverdauliche Gerüstsubstanz Cellulose enthält, mit viel Speichel (eine Kuh produziert dazu 200 Liter Speichel am Tag)  -zunächst in den Pansen sowie in den Netzmagen. Nach einiger Zeit würgen die Wiederkäuer den Panseninhalt nochmals portionsweise ins Maul, zerkauen ihn gründlich – das ist die eigentliche Wiederkautätigkeit -  und schlucken dann alles wieder herunter. Dank dieser Einrichtung können diese Tiere auch minderwertiges Futter verwerten. Also - wiederkauen!

Sich Zeit lassen. Sich in aller Gemütsruhe die Nahrung aufbereiten und dann reinziehn. Wir haben die Kühe vor Augen, die im Gras liegen und unentwegt die Kiefern bewegen.

Die Nahrung – nicht das, was wir im Aldi und Liddl zu kaufen kriegen, die geistliche Nahrung, die Gute Nachricht, das Brot, das wirklich Leben schenkt, Jesus sagt: Ich bin das Brot des Lebens, das Wasser, was den Durst der Seele stillt, was unsere Sehnsucht stillt – das sich wiederkäuend, nachdenkend bewahren!

Wie glücklich ist der Mensch, der Freude findet an den Weisungen des Herrn, der Tag und Nacht in seinem Gesetz liest, heißt es im 1.Psalm.

Tag und Nacht darüber nachdenken. Über das Wort.  Über die Weisungen des Herrn.

Und wir haben vor Augen, wie die orthodoxen Juden über der Thora mit dem ganzen Körper unentwegt wippen, während sie die alten Texte der Väter vor sich hinmurmeln. Ein Gedanke, ein Wort, das dir den Weg weist. Das dir sagt, wie es weitergehen kann mit dir. Das dir sagt, was wichtig ist, womit man leben kann. Ein Wort, das dir nicht mehr aus dem Sinn geht. Das dir so was wie ein Ohrwurm wird.

Sie kennen das, wenn einem eine Melodie durch den Kopf geht – und die kommt immer wieder, den ganz en Tag lang – die wird man einfach nicht los... Genau so das Wort, einen guten Gedanken, die Gute Nachricht wiederkäuen, vor sichhinmurmeln.

Memorieren, sagen wir Theologen, wenn wir uns eine Predigt einprägen. Etwas so im Gehirn speichern, dass es jederzeit wieder verfügbar und abrufbar ist. Etwas nicht vergessen, sagt das Lexikon, auffrischen, aufzeichnen,beherzigen, einstudieren,  wiederholen. Um etwas gut behalten zu können, sollte auf unterschiedliche Arten und in Sinnzusammenhängen gelernt und das Gelernte öfter wiederholt werden.

Ich hatte ja am Heiligabend von dem Geheimnis mitten in der Nacht erzählt, dem die Hirten begegnet waren. Und indem ich Nacht sagte, meinte ich Ratlosigkeit, Trauer und Leid, auch Hartherzigkeit und Gewalt.

Licht hingegen, der offene Himmel, das meinte Weiterwissen, gute Aussichten haben, einen weiten Horizont.

Die Hirten laufen nach Bethlehem -  kehren schließlich als Erleuchtete in ihren Alltag, auf die Felder von Bethlehem zurück.

Und – das wollte ich weiter sagen, dass Weihnachten nicht nur ein Geschehen von einst sein kann, sondern dass es darum geht, dass Jesus heute in uns selber neu geboren wird, dass auch wir Erleuchtete sind. Da passiert etwas tief in uns drin!

Aber es passiert nicht von ungefähr: Sich Zeit nehmen, das Wort der Weisung, die Botschaft Jesu wiederkauen, memorieren, hin- und herbewegen, überdenken, sich einprägen,  das macht es.

So wird Wasser zu Wein. Was meint denn die Erzählung von der Hochzeit zu Kana anderes als dies, dass da Wasser zu Wein verwandelt wird durch IHN, Jesus.

So finden wir den einen großen Schatz. Am zurückliegenden Sonntag habe ich mit Ihnen nachgedacht über den Kaufmann (Matthäus 13), der eine schöne Perle suchte. Als er eine entdeckte, verkaufte er alles, was er hatte, und kaufte diese.

Was meint diese Beispielgeschichte denn anderes, als dass das Reich Gottes, Gottes neue Welt unter uns – und in uns – Wirklichkeit wird?

Das wiederkäuen. Genau das auf sich selbst beziehen! Es sich auf der Zunge zergehen lassen. Und wirklich satt werden.

Maria aber bewahrte all das Gehörte in ihrem Herzen und dachte immer wieder darüber nach. (Lukas 2)

Und, nachdem die Eltern Maria und Josef den zwölfjährigen Jesus im Tempel gefunden haben, und er ihnen nach Hause folgte - heißt es Lukas 2,51: Seine Mutter aber bewahrte das alles in ihrem Herzen.

Unsere Welt ist nicht einfach mehr sich selbst überlassen, einem blinden Schicksal ausgeliefert, wenn sie das je war.Unsere Welt ist nicht einfach gottlos und leer, sondern – das Leben ist erschienen. Gott selber hat sich aufgemacht – und dafür steht ja der Name Jesus – hat sich uns bekannt gemacht, um uns von Sünde und Tod zu befreien, dass wir Gotteskinder werden, Erleuchtete.

Und sich genau das zu bewahren, sich daran festhalten, das ist es.

Und ob es im Kosovo passiert zu einem Gottesdienst in einer Feldlagerkapelle,  in einer Landschaft und Umgebung, die geprägt ist durch bittere Armut, Umweltverschmutzung, zerstörte Häuser, oder in einem Dom, oder in einer Wellblechbaracke in den Slums, oder an einem weiß gedeckten Tisch in einer Neubauwohnung, sie beschäftigen sich mit IHM.

Sie alle wollen sich das bewahren, womit man leben kann – im vollen Sinne des Wortes, denn leben ist mehr als vegetieren, Luft holen und essen und arbeiten und feiern und arbeiten, dass es eben halbwegs geht.

Das griffbereit haben, tief im Herzen gespeichert haben. Wiederzukäuen. Durchkauen. Davon wirst du satt. Es reicht für die täglichen Entscheidungen. Es reicht für die drängenden Entscheidungen unserer Zeit. Es stillt deine und meine heimliche Sehnsucht. Es reicht zur Freude. Es reicht zur Gemeinschaft der Glaubenden, die aus dieser Freude entsteht, davon redet ja der 1.Johannesbrief ausführlich.

1725 dichtet Graf Nikolaus v. Zinzendorf „Herr, dein Wort, die edle Gabe, dieses Gold erhalte mir, denn ich zieh es aller Habe und dem größten Reichtum für. ...Mir ist nicht um tausend Welten, aber um dein Wort zu tun.Wiederkäuen. Es hin- und herbewegen. Es verinnerlichen.

Darum geht es in diesen ersten Tagen des neuen Jahres.

 

Gebet

Barmherziger Gott, du schenkst uns alles, was wir zum Leben brau¬chen.  Wir bitten dich: Für alle, denen es an Nahrung und Kleidung, an Arbeit und Wohnung mangelt:

Richte Gerechtigkeit und Erbarmen unter uns auf.

Für alle, deren Glaube klein geworden ist:

Lass sie in allem Schweren auf dich schauen.

Für alle, denen die Hoffnung fehlt:

Schenke ihnen Zuversicht und ein getrostes Herz.

Für alle, die zu wenig Liebe erfahren:

Lass sie in Christus deine übergroße Liebe erkennen.

Für die, die an der Unvollkommenheit ihres Lebens leiden:

Mach du das Bruchstückhafte heil und ganz.

Für unsere Verstorbenen und uns alle:

Gib uns Anteil am neuen Leben deines Sohnes, jetzt schon, und einst ganz.