Jh 8,3-11 Ehebruch - Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein      29.10.06

 

Johannesevangelium 8,3-11, Markusevangelium 10,2-12              

 

3 Da führten die Gesetzeslehrer und Pharisäer eine Frau herbei, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte

4 und sagten zu Jesus: »Lehrer, diese Frau wurde ertappt, als sie gerade Ehebruch beging. 5 Im Gesetz schreibt Mose uns vor, daß eine solche Frau gesteinigt werden muss. Was sagst du dazu?«

6 Mit dieser Frage wollten sie ihm eine Falle stellen, um ihn anklagen zu können. Aber Jesus bückte sich nur und schrieb mit dem Finger auf die Erde. 7 Als sie nicht aufhörten zu fragen, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: »Wer von euch noch nie eine Sünde begangen hat, soll den ersten Stein auf sie werfen!« 8 Dann bückte er sich wieder und schrieb auf die Erde.9 Als sie das hörten, zog sich einer nach dem andern zurück; die Älteren gingen zuerst. Zuletzt war Jesus allein mit der Frau, die immer noch dort stand. 10 Er richtete sich wieder auf und fragte sie: »Frau, wo sind sie geblieben? Ist keiner mehr da, um dich zu verurteilen?« 11 »Keiner, Herr«, antwortete sie.

Da sagte Jesus: »Ich verurteile dich auch nicht. Du kannst gehen; aber tu diese Sünde nicht mehr!«

 

Es gibt Szenen, Geschichten, die sich uns einprägen, die unauslöschlich verinnerlicht haben: 

Das trojanische Pferd - Sinnbild für List,

die Kreise des Archimedes - Zeichen der Wissenschaft,

Sisyphus und Prometheus - Vergeblichkeit und Forscherdrang,

Kain und Abel - Bruderschaft und Brudermord.

David und Goliath - das Beispiel für die Überlegenheit des Unterlegenen. 

Geschichten, Urbilder, die  nicht wegzudenken sind aus unserer Kultur.

Die Frau nun, der da wegen Ehebruchs die Steinigung droht,  war eigentlich schon aus dem Kanon, aus der Sammlung neutestamentlicher Texte ausgeschieden worden, hat sich aber spät dann doch noch hineingedrängt, vielleicht gegen den Widerstand derer, die die umwerfende, umstürzende Kraft dieser Episode spürten -  aber das wissen wir nicht.

Völlig unbeteiligt, völlig ungerührt, so scheint es, sitzt ein Mann in der Volksmenge. Und sagt kein Wort. Beugt sich hinunter und schreibt, wie abwesend, mit dem Finger auf die Erde. Als ob um ihn herum nur Luft wäre. Als ob ihn die Leute nichts angingen, die doch seinetwegen zusammengeströmt waren.

Der Mann schweigt. Er antwortet nicht auf die dringenden Fragen:

Ehebruch, das ist doch Todsünde! Darauf stand die Todesstrafe! Wenn eine Frau aus ihrer Ehe ausgebrochen war, wurde sie gesteinigt! So hart war das damals. Undenkbar in unserer westlichen Welt.

Zu DDR-Zeiten, als der Schwarze Kanal mit Karl Eduard von Schnitzler (Chefkommentator des DDR-Fernsehens) über den Bildschirm lief, fragten wir hinter vorgehaltener Hand: "Kennen sie Beethovens Neunte? Nein? Aber bestimmt Schnitzlers Sechste!" Heutzutage ist Ehebruch längst gesellschaftsfähig geworden.

Laut Statistik sind in Deutschland fast zwei Drittel der verheirateten Männer und mehr als die Hälfte der verheirateten Frauen mindestens einmal fremd gegangen.

Der Mann in der Mitte schweigt. Er antwortet nicht auf die Fragen: Ehebruch, das ist doch Totsünde? Er lässt die Frager einfach stehen. Wendet sich allen Ernstes unhöflich ab und schreibt mit dem Finger auf die Erde.

Keiner kann lesen, was er schreibt, vielleicht: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, die Regel seit uralten Zeiten?

Oder schreibt er, ganz anders: “Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber nicht den Balken in deinem eigenen?“

Keiner kann lesen, was er schreibt - und ob er überhaupt schreibt oder nur gleichgültig kritzelt, so wie Kinder Figuren in den Sand malen.

Große Ratlosigkeit breitet sich aus, bei allen.

Aber die Frager sind hartnäckig. Sie wollen, dass der Mann da, Jesus, Mittelpunkt bleibt, noch mehr: Zielscheibe bleibt. Auf ihn haben sie es abgesehen, wollen ihn prüfen, wollen wissen, ob er für Recht und Ordnung eintritt, er, den man oft genug mit dem Abschaum der Gesellschaft, den Sündern und Zöllnern feiern und trinken sah.

Ob er überhaupt die Gesetze achtet und auch durchsetzt, die das Leben in ihrer menschlichen Gesellschaft ordnen. Wollen wissen, ob er ihrer Meinung ist, linientreu, gesetzestreu, oder eben nicht. Wollen wissen, ob eine Frau, die die Gesetze gebrochen hat, gesteinigt werden soll oder nicht.

Würde er sagen: »Steinigt sie, richtig so« - wie wollte er dann weiter von der einzigartigen Liebe Gottes sprechen? Würde er sagen: »Lasst sie frei« - riefe er zum Gesetzesbruch auf, - und das wäre Anlass genug, ihn zu verhaften und ihm den Prozess zu machen.

Die Frager haben die Frau gleich mitgebracht. Natürlich die Frau! Der Mann, der offensichtlich dabei war, oder die Männer, werden mit keinem Wort erwähnt.

2000 Jahre später wird die Situation ganz und gar anders sein: In dem Fall Clinton/Lewinski wird der Mann vor den öffentlichen Pranger gestellt.

Wie erniedrigend hier nun für die Frau, den zudringlichen Blicken und den nackten Zeigefingern ausgeliefert zu sein, abgewichen vom Weg, vom Weg der Gerechten. Auf Ehebruch steht Tod.

Jesus soll Farbe bekennen, soll Ja sagen oder Nein. Doch Jesus lässt sich von Gesetzeshütern und Gesetzesvollstreckern nicht zur Zielscheibe machen. Es ist nicht seine Aufgabe, Ordnungen durchzusetzen, kalte Gesetze, ohne Liebe und Barmherzigkeit, die anderen jede Chance zum Neuanfang, überhaupt zum Leben,  verweigern. Hierzu schweigt er. Hierzu schweigt er nachdrücklich bis heute.

Jesus  bleibt, unglaublich gelassen, sitzen -  und beantwortet die Frage nicht, ob es recht sei, die Frau zu steinigen.Er fordert, einfach und  genial, die Menge auf, die Gesetzeshüter und das Volk: „Wer unter euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein auf diese Frau!“

Jesus sagt nicht: „Ihr Gesetzeshüter und ihr andern alle, ihr seid genau so sündig und verdorben wie diese Frau!“Er sagt nicht: Neulich hattet ihr euch noch darauf berufen, dass ein Mann seiner Frau einen Scheidebrief ausstellen kann. (Matthäus, der Evangelist, erzählt im Kap. 10,1-12, genau das.)  Die Freiheit nehmt ihr euch! Wenn es aber um diese Fraugeht, dann wollt ihr sie hinrichten??

Jesus entschuldigt die Frau auch nicht, indem er erklärt: Das und das waren die Gründe dafür, dass die Frau ihrem Mann untreu wurde. Gründe konnte es ja wirklich geben, zum Beispiel so:

Der Körper der Frau zitterte. Sie ließ sich zu Boden sinken, weinte und weinte. Schließlich stieß sie hervor:                "Ich habe nicht gesündigt!" Jesus sah sie an, aufmerksam, abwartend. "Ich wurde gezwungen," sagte sie leise. "Ein Pharisäer war es. Er hat mich erpresst. Er hätte sonst meinen Mann an die Römer ausgeliefert. Mein Mann treibt Zoll ein für die Römer, das grenzt für die Pharisäer an Hochverrat. Doch mein Mann gehört auch zur Widerstandsbewegung unseres Volkes. Was er an der Zollstelle erfährt, gibt er gleich an seinen Kontaktmann weiter. Eben jenen Pharisäer. Als der mal in unser Haus kam und mich sah, starrte er mich nur gierig an. Kam dann öfter, ließ keine Gelegenheit aus, mich zu berühren, machte anzügliche Bemerkungen. Eines Tages, mein Mann war an der Zollstelle, kam er und sagte, dass er mich will. Ich bat ihn zu gehen. "Überleg es dir gut," sagte er, legte einen Beutel Geld auf den Tisch und ging. Ein paar Tage später kam er wieder. Drohte mir, meinen Mann bei den Römern als Spion anzuzeigen. Die fackeln da nicht lange, kreuzigen lieber einen mehr als einen weniger. Und dann, zuletzt, konnte ich nicht mehr, da bin ich doch mit ihm mitgegangen...

So könnte es ja gewesen sein. Zum Beispiel. Aber Jesus sucht keine triftigen Gründe. Er erklärt nicht. Er sagt kurz und knapp, indem er sich all den Zuschauern zuwendet: „Entscheidet euch, werft den ersten Stein, wenn ihr ohne Sünde seid!“ Verurteilt diese Frau, wenn ihr selbst noch nie – auch nicht in Gedanken - fremd gegangen seid!

Kritisiert die „heutige Jugend“, ihr Älteren,  wenn ihr selbst in eurer Jugend immer schön artig wart. Sagt „Die Politik ist ein einziger Sumpf!“, wenn ihr wenigstens  an einer Stelle politische Verantwortung übernommen habt! Werft Steine in Richtung Kirche, wenn ihr jemals ernsthaft versucht habt, Kirche mit zu gestalten und wirklich in der Kirche zu leben.Jagt die Ausländer raus, wenn ihr bereit seid, auch nur einen Monat im Sudan zu leben. Wer wirft denn ersten Stein?? Werft, wenn ihr ohne Sünde seid!“

Jesus fordert zur Entscheidung auf: Wenn ihr richtet, dann seht nicht nur auf die Gesetze, die sicher nötig sind! Dann seht auf den Menschen, der einen Steinwurf weit vor euch steht, und prüft euch selbst: Habt ihr die Wahrheit, habt ihr Gott allein auf eurer Seite? Habt ihr nicht selbst erlebt, wie unvollkommen, schuldhaft unser Leben ist und dass wir letztlich alle auf Gottes Güte und Erbarmen angewiesen sind?

Prüft, ob es nötig ist, einen Stein zu werfen, oder ob es nicht besser wäre, einen Steinwurf weit zu gehen, um einen Menschen zu erreichen, der Hilfe braucht. Der jemanden braucht, der zuhören kann. Der bereit ist, auch nur ein wenig zu verstehen. Der bereit ist und ein Herz hat.

Die Auseinandersetzung in unserer Geschichte ist beendet, einfach und genial, noch ehe sie begonnen hat.

Jesus schweigt wieder und schreibt auf die Erde. Und wartet. Und greift nicht ein. Da verlässt einer nach dem anderen das Geschehen, verlässt die angeklagte Frau. Alle gehen fort, vielleicht verärgert, vielleicht nachdenklich.

Jesus richtet sich auf, sieht die Frau, redet endlich, nachdem er lange genug geschwiegen hatte und sagt: „Du bist nicht verurteilt? Ich verurteile dich auch nicht. Geh! Lass das alte. Fang neu an.“

Täuschen wir uns nicht über das Risiko, liebe Gemeinde: Jesus handelt wirklich gefährlich; er tritt auf die Abbruchkante der Gesellschaft, indem er sich für den Zöllner Zachäus, oder den blinden Bartimäus – oder hier für die Frau, die ihre Ehe zerbrochen hat, einsetzt.

Sie, die die Ordnung eines Sozialwesens vor 2000 Jahren empfindlich gestört hat, und darum todgeweiht ist, kommt mit dem Leben davon, weil, ja warum?

Weil Jesus auf Einsicht und Vertrauen setzt. Er traut es der Frau zu, dass sie einen neuen Anfang findet.  Den Ordnungen durch Macht, durch Sanktionen und Opfer wird eine Ordnung entgegengesetzt, die sich auf Vertrauen gründet. Jetzt zählt die Einsicht, nicht mehr der Zwang: "Sündige hinfort nicht mehr, achte die alten Ordnungen, Ihr braucht sie doch!"

Gerechtigkeit ist gut, aber wird sie als Rache benutzt, wird alles nur schlimmer. Jesus stellt Schuld durchaus fest, ersetzt aber Strafe und Sühne durch Vergebung.

Eine Frau, die die Zwillingsversuche in Auschwitz überlebt hatte, berichtete in Berlin von ihrem Schicksal und endete nicht mit Rachegedanken, sondern mit dem Aufruf zur Vergebung:  Die Schuld kann nicht gesühnt werden, Täter und Opfer werden nur zur Ruhe kommen, wenn die Schuld vergeben wird, wenn die Täter sich nicht lebenslänglich in der Stille schämen müssen und die Opfer nicht unaufhörlich in ihren Wunden wühlen müssen.

 „Du bist nicht verurteilt? Ich verurteile dich auch nicht. Geh! Lass das alte. Fang neu an.“

Zurück bleibt ein Mensch. Ein Mensch, den ich heute steinigen könnte, mit Worten, oder anders - ein Mensch, auf den ich heute zugehen könnte. Ein Stein, der nicht geworfen wurde, der ist was wert.

Wie es mit der Frau weiter geht, von ihrem Schicksal - erfahren wir nichts. Sie bleibt eine Randfigur im Evangelium. Sie bleibt ohne Namen in der Geschichte der Christenheit.

Zeigte sie Reue, schaffte sie einen Neuanfang? Wurde sie von ihrem Ehemann verstoßen oder angenommen?   Wissen möchte ich das schon... Vielleicht ging ja alles so zu Ende:

"Ich habe nicht gesündigt!" stieß die Frau hervor. Ich wurde gezwungen. Ein Pharisäer war es. Er wollte meinen Mann, der beim Zoll arbeitet, an die Römer ausliefern, weil er auch zur Widerstandsbewegung unseres Volkes gehört. Eines Tages kam er und sagte, dass er mich wolle...

Die Frau machte eine Pause. „Sie hat es für ihren Mann getan“, dachte Jesus. „Aber zählt das als Entschuldigung, erklärt das einen solchen Schritt?“ "Meinst du mich?"  fragte die Frau zurück.  "Nein, der Pharisäer. Der gehört bestraft.", sagte Jesus.

„Ich wollte nur noch sterben“, sagte die Frau weiter. "Doch jetzt lebe ich noch - und ich weiß nicht, wie es weitergehen kann. Mein Mann wird mich schlagen, erschlagen, auf jeden Fall verstoßen. Wo soll ich dann hin? Ich wäre wohl besser tot.                             

Jesus schwieg. Er dachte an den blind geborenen Bettler, den er geheilt und damit um seine Einnahmequelle gebracht hatte. Ist es nicht besser, die Menschen ihrem Schicksal zu überlassen, statt helfend, rettend einzugreifen? War für andere gut und richtig, was er für gut und richtig hielt?

"Warum sagst du nichts?" fragte die Frau. "Was soll ich jetzt tun, wo soll ich jetzt hin? Zu meinem Mann kann ich nicht zurück.“

Wieder malte Jesus in den Sand. Was die Frau ihn jetzt gefragt hatte, konnte er nicht so einfach beantworten.

Da näherte sich ein fremder Mann, blieb in einiger Entfernung stehen und winkte Jesus zu sich. Der stand auf und ging vorsichtig auf den Fremden zu. Es war der Zöllner. „Ich habe gehört, was passiert ist“, sagte er, „nun will ich meine Frau nach Hause holen. Ich weiß schon länger, wie meine Frau mich schützt. Nur konnte ich nichts dagegen unternehmen, ohne meine Frau und mich zu gefährden. Lange schon will ich aus dem Doppelspiel aussteigen, hier für die römischen Besatzer am Zoll arbeiten – und dort für den Widerstand spionieren. Nun hat sich ein Grund gefunden, in einen anderen Ort zu ziehen und neu anzufangen. Zusammen mit meiner Frau.“

So sprach der Fremde. Dann ging er zu ihr. Hatte Kleider für sie mitgebracht, legte sie über sie. Die Frau öffnete die Augen, der Mann streichelte ihr übers Gesicht. "Komm nach Hause", sagte er, und zu Jesus gewandt: "Sei du heute unser Gast."

 

Gebet

Als man eine Ehebrecherin zu Jesus brachte, dass er sie verurteile, schickte er sie nach Hause zurück. Guter Gott, du schenkst uns immer wieder Chancen des neuen Anfangs, gibst uns Gelegenheit, begangene Fehler nicht zu wiederholen. Das setzt freilich voraus, dass wir unsere Fehler zugeben, sie uns und anderen eingestehen, dass wir die Mühen eines neuen Anfangs auf uns nehmen. Für diese Chancen sagen wir Dank, denn mit ihnen sagst du uns, dass wir trotz unserer Schwächen, unserer Fehler, unserer Schuld in der Gemeinschaft mit anderen weiterleben dürfen.

Und so danken wir dir und preisen dich, guter Gott, für diese Grundmelodie des Evangeliums, für deine Liebe, mit der du uns Menschen immer wieder suchst.                                

 So oft  drohen wir uns in den Wüsten des Lebens zu verlieren, unterzugehen in der Angst vor dem Leben, dem Sterben, dem Alleinsein, den Be¬anspruchungen, dem Nichtgenügen. Aber du gibst uns nicht auf. Du lässt deine Sonne aufgehen über Böse und Gute.  über das Böse und Gute in uns. Über alle unsere Trennungen hinweg bleibst du ein liebender Gott.

Amen.