Ps 66,20  Das Beten  -  Von den Vateraugen      Rogate 1997, 17.5.2009

 

Psalm 66,20  Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.

 

Was stand eigentlich am Anfang meines Lebens? Wundern Sie sich - das Beten!

Das Beten? Ja, ich sehe es so, das Beten. Als ich endlich da war, war meine Mutter unwahrscheinlich glücklich und dankbar. Und meine Eltern beteten dann: Gott, hab Dank, dass du uns dieses Kind geschenkt hast. So oder so ähnlich.

Manches andere war auch von Anfang an da: Ein Kinderwagen mit den damals typisch kleinen Rädern, provisorische Windeln - Anfang der Fünfziger, der Krieg war ja noch nicht lange vorbei, und die Stalinallee in Berlin hieß noch nicht Leninallee, und vier Jahre später erst holte Adenauer durch Verhandlungen die letzten Kriegsgefangenen aus Russland zurück.

Aber das war alles andere. Am Anfang stand in meinem Leben, - das Gebet. Und dieses Müde bin ich, geh zur Ruh, schließe beide Augen zu. Vater, lass die Augen dein über meinem Bette sein - hat sich mir sehr früh eingeprägt.

Und schließlich, da bin ich mir ziemlich sicher: Auch am Ende meines Lebens wird das Gebet stehen. Da wird es mit Sicherheit Menschen geben, die für mich beten.

Woher ich das weiß? Na, ich bin doch öfter mal auf dem Friedhof, meist beruflich: Während der christlichen Bestattungsfeiern treten wir nach der Feier in der Halle ins Freie, die Glocken läuten, und dann gehen wir zum Grab. Der Sarg wird hinabgelassen - und ich spreche ein Bibelwort, und zitiere z.B. D. Bonhoeffer:

Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Dann spreche ich ein Gebet, das Vaterunser und den Segen dazu. Manchmal höre ich einige der Anwesenden mit mir beten: Und erlöse uns von dem Bösen, denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.  Und dann füge ich den Segen hinzu: Und der Friede, der von Gott kommt, sei und bleibe bei uns;      jetzt und alle Zeit.

Das ist das letzte, am Ende, das ich immer wieder einmal miterlebe, das Beten. Und dann treten die Angehörigen, Freunde, Nachbarn an das offene Grab, um sich zu verabschieden.

Einmal wird es mich selbst so betreffen. Da bete nicht mehr ich. Da beten andere für mich, so hoffe ich.

Also: Das Leben am Anfang - bis zum Ende, sozusagen eingerahmt wie mit einem vergoldeten Bilderrahmen, umschlossen vom Gebet, von „guten Mächten“, von den ,Vateraugen'. Das geht mir als Erstes durch den Sinn an diesem Sonntag Kantate, Betet!"

Anmeldung einer Beerdigung. Eine ältere Frau trauert um ihren Mann, der herzkrank war und nun sehr plötzlich starb. Wir reden miteinander, dann sagt sie: Herr Pastor, wenn ich das Gebet nicht hätte, ich wüsste gar nicht, wo hin mit allem. Das sind natürlich Worte, die mir als Pastor runter gehn wie Öl:  Siehst du, da hat das Beten und der Glaube doch noch einen Sinn! Sollen die andern lachen und reden was sie wollen: Wir wissen, woran wir uns halten!! Zwei Ausrufezeichen!  Ein Christenmensch, der in der Not betet - und offenbar gerade da, nämlich in der Stille, im Zwiegespräch mit Gott, Trost und Hilfe findet.

Und wenn die Frau unter Schock steht?  Wenn sie einfach noch nicht wieder klar denken kann? Einwände gäbe es viele:

Beten ist doch nur Verdrängung, sagen manche.! Statt die Probleme anzugehen, verkriechen sie sich im stillen Kämmerlein.

Oder: Ist nicht das Beten dieser Frau - das Echo ihrer eigenen Stimme? Beten ist doch nur Selbstgespräch. Da kann ich mich ja gleich mit meiner Katze unterhalten.

Oder: Beten ist doch nur Vertröstung, Vertröstung unserer Sehnsüchte an den Himmel, sagte der groß Philosoph Feuerbach einst.

Und wenn es da doch noch Gott gibt: Was hat der große Gott mit meinen kleinen lächerlichen Problemen zu tun? Ertappt sich diese Frau nicht auch selbst mal dabei, wie sie in eher harmlosen Notfällen betet? :

Da ist wieder einmal die Monatskarte oder ein wichtiger Brief oder die Brille unauffindbar, Panik zieht am Horizont auf. Während sie eine Schub¬lade nach der anderen zum x-ten Mal durchwühlt, spricht sie innerlich: »Lieber Gott, lass mich das finden.« Und im selben Moment kommt sie sich blöd dabei vor: »Gott ist doch kein Lückenbüßer.«

Und noch wieder anders: Hat diese Frau noch nie die Erfahrung gemacht, dass Gott schweigt?   Dass es mitunter so ist, als ob man gegen eine Wand redet? In der Bibel wird uns vielfach auch die Erfahrung geschildert, dass Gott stummgeworden ist: „Herr, höre doch endlich!, ruft der Psalmenbeter.

Ich hatte vor Jahren mal Leute gefragt, warum sie aus der Kirche ausgetreten seinen, und sie sagten mir: „Wir haben alle gebetet, und unsere Mutter ist doch gestorben!“ Sie hatten das Gefühl, dass Gott nicht mehr da war, dass er sich abgewandt hatte, dass er nicht helfen, nicht wirklich eingreifen wollte und konnte.

Und trotzdem, wie zum Trotz, sagt diese Frau, unaufgefordert zu mir: Herr Pastor, wenn ich das Gebet nicht hätte...Und ich weiß: Sie redet nicht mir zuliebe. Sie meint das so. Sie wird ihre Erfahrungen gemacht haben. Wenn ich das Gebet nicht hätte, ich wüsste gar nicht, wohin mit allem.

Der Name des heutigen Sonntags heißt Rogate, bittet! Wir werden ermahnt, aufgefordert, ermuntert - und zwar mit höchster Dringlichkeitsstufe und Vorrangigkeit, als erstes und wichtigstes von allem - zu beten.

»Rufe mich an in der Not«, heißt es in einem Psalm, »haltet fest am Gebet«, und »betet ohne Unterlass« schreibt Paulus. Und auch Martin Luther wird nicht müde, die Bedeutung des Gebetes herauszustreichen: Wie das Möbelbauen die Arbeit des Schreiners und das Mauern die Arbeit des Maurers, so ist das Gebet die Arbeit der Christen.  Gott »will das Beten von uns han«, dichtet Luther in seinem Vaterunserlied.

Und von daher ist das Gebet der Frau, von der ich eben sprach, goldwert. Ich stelle mir vor, wie sie -  vielleicht sogar regelmäßig, eine bestimmte Zeit für sich in Anspruch nimmt, wie sie sich innerlich konzentriert... Kann sein, dass ihre Augen geschlossen sind, nach innen gerichtet. Weil sie sich nicht ablenken lassen will von den Dingen ringsum.

Beten ist das Atemholen der Seele, sagte mal jemand. Warten auf den Anruf des Jenseitigen. Wissen, wohin man gehen kann, flüchten kann mit allem, mit Ängsten, Sorgen, mit allen Fragen, mit Glück, Freude und Dank.

Die Augen schließen. Nach innen schauen. Sich nicht ablenken lassen. Stress macht das Beten kaputt. Es ist wirklich so. Das Laufen und Kaufen - macht das Beten kaputt.

Ich merke es ja selbst: Die Zeit ist knapp. Das und das ist noch zu erledigen. Dafür und dafür möchte man doch auch mal Zeit haben. An der und der Stelle haben wir Angst, etwas zu verpassen. Und schon ist die innere Ruhe und Gelassenheit dahin! Wie soll Gott da noch reden?

Ich denke an eine Plastik von Ernst Barlach, Der Beter: Da sieht man einen Menschen, der kniet, und sich fest in einen schützenden Mantel eingewickelt hat, die Augen sind geschlossen. Beten hat sehr viel mit Ruhe und Konzentration zu tun!! Eine Schriftstellerin sagte einmal:

Wir müssen Gottes Wohnsitz in unserem Innersten bis zum Letzten verteidigen. Ich werde in der nächsten Zukunft noch sehr viele Gespräche mit dir führen (Gott) und dich auf diese Weise hindern, mich zu verlassen.

Wie geht es uns also, mit dem Beten, liebe Gemeinde?

Ich fand da Worte von Paul Roth: Manchmal ist mein Gebet so wie ein Fuß, der fremden Boden prüft, ob er noch trägt, und einen Weg sucht, den ich gehen kann. Manchmal ist mein Gebet so wie ein Herz, das schlägt, weil ohne seinen Schlag das Leben nicht mehr weitergeht. Manchmal ist mein Gebet nur ein gebeugter Kopf vor dir - zum Zeichen meiner Not und meines Dankes an dich. Einmal wird mein Gebet so wie ein Auge sein, das dich erblickt, wie eine Hand, die du ergreifst - das Ende aller Worte.

 

 

 

Gebet

Guter Gott, barmherziger Vater, indem du uns das Leben geschenkt hast, begann unser Leben. Wir haben es nicht aus uns selbst. Deine Vateraugen waren über uns vom ersten Atemzug an, und lange zuvor. Du hast uns beschützt und bewahrt auf guten und schweren Wegen, bis zu diesem Tag.

Auch wenn uns manches rätselhaft scheint - wir glauben , dass du uns von allen Seiten umgibst und deine Hände um uns hältst. Das macht uns froh und gelassener.

Und dann, am Ende unseres Lebens, wenn unsere Möglichkeiten schwinden, wenn wir selbst nicht mehr reden und beten können, dann sind noch immer deine Vateraugen über uns. Dann bleiben wir beschützt und bewahrt.

Amen.