2. Kor 1,3    Eine schwere Kunst  -  Das Trösten        1992, 2004, 2020

 

2. Korintherbrief 1,3-4 

...gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus! Er ist ein Vater, dessen Erbarmen unerschöpflich ist, und ein Gott, der uns nie verzweifeln lässt.

Auch wenn ich viel durchstehen muss, gibt er mir immer wieder Mut. Darum kann ich auch anderen Mut machen, die ähnliches durchstehen müssen. Ich kann sie trösten und ermutigen, so wie Gott mich selbst getröstet und ermutigt hat.

 

 

 In eine Nervenklinik wird ein gelähmter Mann eingeliefert. Von der Lähmung betroffen ist auch das Sprachzentrum. Nichts lässt darauf schließen, dass er noch irgendetwas von seiner Umwelt merkt.

Ärzte und Schwestern betreuen ihn. Sie pflegen ihn, ohne zu ihm zu reden. Er ist ja nicht mehr ansprechbar.

Eine Pastorin ist für die Krankenhausseelsorge zuständig.  Sie kommt bei ihrem Rundgang auch an das Bett des Kranken.

Und - sie kann da nicht einfach schweigend vorbeigehen.

Sie setzt sich auf die Bettkante, an das Fußende - und spricht dann langsam und deutlich Worte des  23. Psalms:

Der Herr ist mein Hirte mir wird nichts fehlen...

Sie weiß nicht, ob diese Worte überhaupt gehört werden.  Aber sie spricht trotzdem: Er führet mich zum frischen Wasser. Und wenn ich auch wandere durchs finstre Tal...fürchte ich kein Unglück.

In den nächsten Tagen, immer, wenn sie zu diesem Bett kommt,  spricht sie die gleichen Worte.

Macht das noch Sinn? Das bringt doch nichts. Sollte sie nicht besser still sein, einfach zum nächsten Bett gehen, oder gleich nach Hause??                  

Wochen vergehen. Plötzlich erwacht der Kranke aus seiner Lähmung. Er bittet die erstaunte Schwester, die Pastorin zu rufen. Als diese wieder an seinem Bett sitzt, beginnt der Kranke zu sprechen: Ich möchte Ihnen danken für die Worte, die Sie mir gesagt haben. Ich habe immer wieder darüber nachgedacht. Sie waren der einzige Trost in meiner Krankheit, der einzige Trost in meiner Einsamkeit. Innerlich bewegt, verlässt die Pastorin die Station. Abends klingelt bei ihr das Telefon. Der Stationsarzt teilt ihr mit, dass der Patient verstorben sei.

 Trösten: Über den Kopf streicheln, die Hand halten, gut zu reden, Beistehen, Mut machen, die Hoffnung nicht verlieren, niemals jemanden aufgeben:

 Zur rechten Zeit zu trösten - ist eine schwere Kunst. im richtigen Moment treffende Worte finden, wo wir doch eigentlich sprachlos sind - und lieber weglaufen - und das Schwere, Krankheit, Trauer, Siechtum und Tod möglichst verdrängen, so weit wie möglich weg schieben….

 Ich erinnere mich: Es liegt Jahre zurück, ich hab es nicht vergessen:  

Am späten Nachmittag gehe ich noch mal ins Pflegeheim in Sellin, will noch eben ein paar Besuche „abhaken“. Als ich eineinhalb Stunden später das Gebäude verlassen will, sagt die diensthabende Schwester zu mir:

„Schauen Sie doch noch mal zu Frau Soundso, ihr ist kürzlich ein Bein amputiert worden.“

Ist ja fürchterlich, denke ich. Aber kneifen kann ich nicht. Ich betrete das Zimmer – und bin einigermaßen sprachlos, bin total platt.

Ich rede zwar was, mache ich mir später klar, aber was, weiß ich nicht mehr. Irgendetwas Oberflächliches, Banales. Was man halt so sagt: Viel Mut! Alles Gute!  Was der Frau ganz sicher kein Trost, keine Hilfe war...  Was kann man da auch sagen, wenn einem die Worte fehlen?

Na gut, Dabei sein ist alles, sagen wir manchmal, und einfach nur Zuhören ist auch schon viel wert. Also Schweigen, ja, und sonst - nichts???

 Und dann der Geburtstagsbesuch.

Das liegt auch schon lange zurück. Ein halbes Jahr früher hatte ich die Frau noch munter und zuversichtlich erlebt, wir erzählten länger miteinander.

Jetzt komme in´s Zimmer – Und, bin tief erschrocken. Sie bekommt gerade Medikamente gereicht. Sitzt zwar im Sessel, aber kann sich nicht erheben. Das Gesicht eingefallen und fahl. „O Gott“, denke ich, „was ist passiert?“ Und indem ich einen Blumenstrauß überreiche, sage ich: „Alles Gute und Gottes Segen!“. Wie man´s halt so sagt.

Und sogleich spüre ich, dass ich eigentlich nichts sage, dass diese Worte irgendwie daneben sind, zu glatt, nur so hin gesprochen, Verlegenheitsfloskeln ...

Und ich merke wieder einmal, dass das Trösten, das Mut machen eine schwere Kunst ist.

Das Wort Trost an sich gehört schon zu den oft missbrauchten und missverstandenen Vokabeln unserer Sprache.

Es verkommt zum billigen Vertrösten, zum Trostpflästerchen, zum schnell dahingesagten „Kopf hoch, wird schon wieder!“

 

Der Hiob sagt ärgerlich zu seinen Freunden:

Von dieser Art habe ich genug gehört. Nur Last ist euer Trost für mich, keine Hilfe!   Hiobbuch 16,2,

Und der Hiob, über den in der Tat eine Hiobsbotschaft nach der anderen kommt (wie biblische Worte längst in unsere Sprache übernommen worden sind! Hiobsbotschaft!)   hätte doch nun wirklich echten Trost verdient. Also nichts mit Trost.

Liegt das daran, dass wir mitunter selbst trostbedürftig sind und nicht noch Trost zu verschenken haben?

Schreckt uns gar der Zeit- und Kraftaufwand, den uns tröstende Zuwendung abverlangen würde?

Nun gut, während dieses Geburtstagsbesuches, wenig später, sprechen wir dann miteinander. Von ihrer Kindheit erzählt sie, der Krieg. Der lange Krankenhausaufenthalt. Die Hüftgelenke kaputt, die Nerven kaputt.

Und ich erzähle dann auch von meinem Ergehen, von dem was war in letzter Zeit, als sie danach fragt. Aber richtig Mut machen, trösten?

Und dann sagt sie zu mir: Bitte, beten sie doch für mich. Ich schlucke einen Moment, überlege. Und erst dann spreche in ein Gebet, und das Vaterunser dazu.

Erst muss die Frau mich bitten!! Das ist doch – im Blick auf einen Pastor – nicht normal!? Wie wichtig ihr das aber doch war.

 

Wenn es nun um das Gebet geht, wird jetzt aber auch deutlich: Nicht wir sind es, die letztlich trösten. ER ist der große Tröster!!

Paulus schreibt  im 2.Kor 1,3: Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus! ER ist ein Vater, dessen Erbarmen unerschöpflich ist, und ein Gott, der uns nie verzweifeln lässt.

Für den Paulus, den weit gereisten Apostel, der oft genug für seinen Glauben im Gefängnis saß, ist also Gott die Quelle, der Ursprung allen Trostes und aller Ermutigung, die er von Gott erfahren hat.

 

Liebe Gäste, liebe Gemeinde,

Zumindest äußerlich sind die Kranken in der Regel gut versorgt: Arzt, Chefarzt kommen regelmäßig zur Visite, Nachtdienst, Medikamente, Essen, Umbetten …  Was fehlt – ist die Zeit, um ernsthaft zuhören zu können, das zuerst, und vielleicht die Hand, die den anderen / die andere behutsam berührt – was doch meint: Du bist jetzt nicht allein.

Ich höre dir zu. Ich empfinde mit dir.

Aber dann auch sprechen, reden. Ja, aber was?  So wie es mir kommt, wie es uns einfällt! Meinetwegen auch stammelnd und stotternd! Gern auch Bibelworte.

Ja, natürlich, durch die Bibel reden Menschen zu uns, die alles Mögliche erlebt haben. Sie überliefern uns  einen  Schatz an  Erfahrungen über Jahrhunderte. Erfahrungen mit Gott.

Manche Bibelworte, die Psalmen - reichen tatsächlich in die tiefsten Tiefen, in die größte Verlassenheit – und auch in die größte Freude, in das größte Glück.

Ps 94,19

19 Wenn mir das Herz schwer war von tausend Sorgen, hat mich dein Trost wieder froh gemacht.

Und dann wissen: ER ist es, der trösten kann. Er, Gott ist es,   der dich nicht verzweifeln lässt.

Kann doch sein, dass genau das erwartet wird!

Kann doch sein, dass darin die Kraft steckt, die genau jetzt gebraucht wird, die tröstet, wenn wir selber sprachlos sind,

oder wenn wir meinen, der Kranke oder Sterbende sei nicht mehr ansprechbar.

Wenn mir auch Leib und Seele verschmachten, so bist Du doch, Gott, meines Herzens Teil und mein Trost...

2.Kor 1,3: Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn* Jesus Christus! Er ist ein Vater, dessen Erbarmen unerschöpflich ist, und ein Gott, der uns nie verzweifeln lässt.

 

Eine Übertragung des 23.Psalms von Wilhelm Wilms:

Und wenn meine Zunge am Gaumen klebt, kommt unverhofft ein Schluck Hoffnung.

Genau diese Worte fielen mir ein, als ich im Jahre 2000 – genau zur Jahrtausendwende -  nach einem Autounfall auf der Intensivstation in Stralsund aus dem künstlichen Koma erwachte:

Du leitest mich auf des Messers Schneide durch Dunkelheit, die umschlägt in Licht. Du erfrischst mein Gesicht, wenn Angstschweiß auf meiner Stirn steht.

Und wenn meine Zunge am Gaumen klebt und ich sprachlos bin, kommt unverhofft ein Schluck Hoffnung. Mein Weg ist gezeichnet von Glück und Angst und Glück. Und immer aufs Neue umgibst du mich mit Zeichen der Freundschaft, Du.

 

Und nun lese ich uns den berühmten Abschnitt des 2.Jesaja:

"Tröstet, tröstet mein Volk!“, sagt euer Gott. Sprecht den Leuten aus Jerusalem Mut zu. Jes.45

Trostworte für die Verbannten in Babylon, lange bevor diese dann tatsächlich in ihre Heimat zurückkehren konnten.

Mutmachworte zur rechten Zeit.

 

Und dann Jesus:

„… sie sollen getröstet werden“ - verspricht Jesus den Leidtragenden auf dem Berg der Seligpreisungen, nahe am See Genezareth.

Und er sagt und verspricht nicht nur was, sondern er tut das dann auch,

als er mit den Eltern da am Sterbebett der Tochter steht:

Weint nicht, sie ist nicht gestorben, sondern sie schläft! Was doch heißt: Der Tod hat nicht das letzte Wort!

...,als er dem Petrus hilft, Verrat und Niederlagen zu bewältigen,  und ihm einen neuen Auftrag gibt:

 Weide meine Schafe! 

..., als er die Gruppe der Aussätzigen trifft, und heilt, und die Geächteten und Ausgestoßenen in die menschliche Gemeinschaft zurückholt: Zeigt euch den Priestern!

 

Jesus hat sich das Trösten viel kosten lassen!! Sein Trost war nicht billig und banal: Na, wird schon!

Er vertröstete nicht auf bessere Zeiten oder auf ein fernes Jenseits – hinaus aus dem irdischen Jammertal,

nein, er half den Menschen hier und jetzt auf die Beine,

führte Hoffnungslose, Einsame, Schuldige auf einen jetzt für sie gangbaren Weg  - einen Weg, der dann freilich auf Zukunft und ewiges Leben hin angelegt war.

 Weil Gott ihm nahe war, konnte er den Menschen nahe sein. Weil er von Gottes Liebe wusste, - mehr noch: Weil er aus Gottes Liebe lebte - konnte er die Menschen trösten: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

 

Martin Gurlt dichtet:

Er blieb bei den Kleinen. Er blieb bei den Schwachen.

Er blieb bei den Armen. Er blieb bei den Menschen.

Als man ihn fragte, wie  er das alles ertrage, da lächelte er.

 Als man ihm sagte, er solle an sich denken, da lächelte er.

Als man ihm vorwarf, das alles habe doch keinen Sinn,

 da lächelte er.

Als man ihn fragte, ob er denn an Gott glaube,

da lächelte er über die Frage hinweg.

 

Und wie schrieb Paulus?

Ich leide mit Christus und in seinem Dienst in reichem Maß. Aber ebenso reich sind der Trost und die Ermutigung, die mir durch ihn geschenkt werden.

Auch Paulus ist damals nicht einfach herausgehoben aus aller Traurigkeit. Er erlebt Bedrohung, Schmerzen, Leid und Gefängnis hautnah. Und er spricht ja auch davon:

 Ihr sollt wissen, Brüder und Schwestern, dass ich in der Provinz Asien in einer ausweglosen Lage war. Was ich zu ertragen hatte, war so schwer, dass es über meine Kraft ging. Ich hatte keine Hoffnung mehr, mit dem Leben davon zukommen, ja, ich war ganz sicher, dass das Todesurteil über mich gesprochen war.

Aber genau das, was er da an Schwerem erlebt, sozusagen bei lebendigem Leibe, hilft ihm, zum einen seine eigene Begrenztheit zu sehen – und zum anderen sich sozusagen in Gottes Arme zu werfen: 

Aber das geschah, damit ich nicht auf mich selbst vertraue, sondern mich allein auf Gott verlasse, der die Toten lebendig macht....Ich setze die feste Hoffnung auf ihn: Er wird mich auch in Zukunft aus Todesgefahr retten.

 

Wie viel  Leid hat doch Paul Gerhardt erlebt, 

ich darf  einmal an das Schicksal unseres großen evangelische. Liederdichters erinnern: Die Verwüstungen des dreißigjährigen Krieges, dazu der Tod seiner eigenen Angehörigen, einer nach dem anderen – und doch: Wie viel Trost schöpfte er aus dem christlichen Glauben:

Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein. Die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesus Christ. Das, was mich Singen machet, ist, was im Himmel ist.

 

Paul Gerhardt, der selber so trostbedürftig ist, schafft es, mit seinen Liedern noch andere Menschen zu trösten, und zwar unzählig viele. Seine Melodien, die einprägsamen Texte -  zählen zu den wertvollsten unseres evangelischen. Liedgutes. 

Trost annehmen - und Trost geben, trösten, sprechen wir darüber. Versuchen wir´s. Trost kann Wunder wirken!!

Wenn unsere Kinder uns weinend auf den Schoss springen,

bei einem Krankenhausbesuch, wenn wir selbst nicht mehr weiter wissen: Trost kann wie eine Blüte sein, die zur rechten Zeit zu blühen beginnt:

Wir sind nun einmal Wesen zwischen zwei Welten, schreibt Jörk Zink,

Wir gehören nicht ganz in diese Welt, und doch auch noch nicht in die andere.

Aber dazwischen können sich Blüten öffnen mit einem Leuchten, das beiden Welten angehört.

 

 Gebet

Mache uns zum Werkzeug deiner Freude, dass wir trösten, wo Menschen traurig sind, dass wir sie besuchen, wenn sie vereinsamen, dass wir helfen, wo sie in Not geraten, dass wir Licht bringen, wo sie in Leid versinken, dass wir Wärme schenken, wenn sie im Zweifel erstarren, dass wir ihnen vertrauen, auch wenn sie am Glauben irre werden. Denn wer da hingibt, der empfängt, wer da sucht, der findet, und wer da stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.