2. Kor 1,3    Eine schwere Kunst  -  Das Trösten        1992, 2004

 

2. Korintherbrief 1,3-4 

...gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus! Er ist ein Vater, dessen Erbarmen unerschöpflich ist, und ein Gott, der uns nie verzweifeln lässt.

Auch wenn ich viel durchstehen muss, gibt er mir immer wieder Mut. Darum kann ich auch anderen Mut machen, die ähnliches durchstehen müssen. Ich kann sie trösten und ermutigen, so wie Gott mich selbst getröstet und ermutigt hat.

 

Zur rechten Zeit zu trösten, ist eine schwere Kunst, im richtigen Moment treffende Worte zu finden, wo wir doch eigentlich sprachlos sind - und lieber weglaufen - und das Schwere, Krankheit, Trauer, Siechtum und Tod möglichst verdrängen, so weit wie möglich weg schieben….

Ich gehe ins Pflegeheim, will noch eben ein paar Besuche „abhaken“. Als ich eineinhalb Stunden später das Gebäude verlassen will, sagt die diensthabende Schwester zu mir: „Schauen Sie doch noch mal zu Frau Soundso, ihr ist kürzlich ein Bein amputiert worden.“ Ist ja fürchterlich, denke ich. Aber kneifen kann ich nun nicht. Ich betrete das Zimmer – und bin einigermaßen sprachlos, platt. Ich rede zwar was, mache ich mir später klar  -  aber was, weiß ich nicht mehr. Irgendetwas Oberflächliches, Banales. Was man halt so sagt: Viel Mut! Alles Gute! Was der Frau ganz sicher kein Trost, keine Hilfe war...

Was kann man da auch sagen, wenn einem die Worte fehlen? Na gut, Dabei sein ist alles, sagen wir manchmal, und einfach nur Zuhören ist auch schon viel wert. Also Schweigen, ja, und sonst nichts???

Und dann, neulich. Der Geburtstagsbesuch. Vor einem halben Jahr habe ich die Frau noch munter und zuversichtlich erlebt, wir erzählten länger miteinander. Jetzt komme in´s Zimmer – und, bin total erschrocken. Sie bekommt gerade Medikamente gereicht. Sitzt zwar im Sessel, aber kann sich nicht erheben. Das Gesicht eingefallen und fahl.

„O Gott“, denke ich, „was ist passiert?“ Und indem ich einen Blumenstrauß überreiche, sage ich: „Alles Gute und Gottes Segen!“. Wie man´s halt so sagt. Und sogleich spüre ich, dass ich eigentlich nichts sage, dass diese Worte irgendwie daneben sind, zu glatt, nur so hingesprochen, Verlegenheitsfloskeln...  Und ich merke, dass das Trösten, das Mutmachen wahrhaftig eine schwere Kunst ist.

Das Wort Trost an sich gehört schon zu den oft missbrauchten und missverstandenen Vokabeln unserer Sprache. Es verkommt zum billigen Vertrösten, zum Trostpflästerchen, zum schnell dahingesagten „Kopf hoch, wird schon wieder!“

Von dieser Art habe ich genug gehört. Nur Last ist euer Trost für mich, nicht Hilfe!, sagt Hiob zu seinen Freunden, im Hiobbuch 16,2.

Liegt das daran, dass wir mitunter selbst trostbedürftig sind und nicht noch Trost zu verschenken haben? Schreckt uns gar der Zeit- und Kraftaufwand, den tröstende Zuwendung zu einem anderen uns abverlangen würde?

Nun gut, während dieses Geburtstagsbesuches, wenig später sprechen wir dann miteinander. Von ihrer Kindheit erzählt sie, der Krieg. Der lange Krankenhausaufenthalt. Die Hüftgelenke kaputt, die Nerven kaputt. Und ich habe auch zu erzählen meinem Ergehen, von dem was war in letzter Zeit, als sie danach fragt. Aber richtig Mut machen, trösten?

Es ist noch nicht lange her, ich habe es nicht vergessen: Ich werde zu einem Schwerkranken gerufen, was selten genug passiert. Zunächst habe ich das Gespräch mit der Frau des Kranken. Dann führt sie mich in das Zimmer, in dem ihr Mann im Bett auf der Seite liegt. Er stöhnt, ist hoffnungslos an Krebs erkrankt. Bestrahlungen haben nichts genutzt... Da liegt er, hat ganz sicher Schmerzen,  - und will von niemandem etwas wissen, von seiner Frau nicht - und auch von mir nicht. Trotzdem tritt seine Frau an das Bett und streichelt ihm den Arm und spricht ein paar liebevolle Worte. Doch ich, was soll ich tun?

 Ich stehe verlegen da, scheue mich, ihm zu nahe zu treten, frage verlegen, wie es ihm geht, ob er Schmerzen hat. Blöde Frage. Und dann sagt sie zu mir: Bitte, beten sie doch für uns! Ich schlucke einen Moment, überlege. Und erst dann spreche in ein Gebet und das Vaterunser dazu. Erst muss die Frau mich bitten!! Wie wichtig ihr das doch offensichtlich war.

Mit einem solchen Beten wird aber auch deutlich: Nicht wir sind es, die letztlich trösten.

Paulus schreibt  im 2.Kor 1,3: Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus! Er ist ein Vater, dessen Erbarmen unerschöpflich ist, und ein Gott, der uns nie verzweifeln lässt. Er dankt also Gott für Trost und Ermutigung.

Liebe Gemeinde, äußerlich versorgt sind die Kranken ja: Arzt, Medikamente, Essen, Umbetten, da fehlt nichts. Was fehlt – ist Zeit, und Zuhören können, das zuerst, und vielleicht die Hand, die den anderen,  die andere behutsam berührt – was meint: Du bist jetzt nicht allein. Aber dann auch sprechen, reden. Ja, aber was? So wie es mir kommt, wie es uns einfällt, meinetwegen auch stammelnd und stotternd. Auch Bibelworte.

Ja, natürlich, durch die Bibel reden Menschen zu uns, die alles Mögliche erlebt haben. Sie überliefern uns einen Schatz an  Erfahrungen über Jahrhunderte. Manche Bibelworte, Psalmenworte reichen tatsächlich in die tiefsten Tiefen, in die größte Verlassenheit – und auch in die größte Freude, in das größte Glück.

Psalm 94,19: Wenn mir das Herz schwer war von tausend Sorgen, hat mich dein Trost wieder froh gemacht.

Und dann wissen: ER ist es, der trösten kann. Er, Gott ist es allein, der nicht verzweifeln lässt. Kann doch sein, dass genau das erwartet wird! Kann doch sein, dass darin die Kraft steckt, die genau jetzt gebraucht wird, die tröstet, wenn wir selber sprachlos sind, oder wenn wir meinen, der Kranke oder Sterbende sei nicht mehr ansprechbar. Wenn mir auch Leib und Seele verschmachten, so bist Du doch, Gott, meines Herzens Teil und mein Trost...

2. Korintherbrief 1,3: Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus! Er ist ein Vater, dessen Erbarmen unerschöpflich ist, und ein Gott, der uns nie verzweifeln lässt.

Und so beginnt der berühmte Abschnitt des 2.Jesaja:  „Tröstet, tröstet mein Volk!“, sagt euer Gott. Sprecht den Leuten aus Jerusalem Mut zu. Trostworte für die Verbannten in Babylon, lange bevor diese dann tatsächlich in ihre Heimat zurückkehren können. Mutmachworte zur rechten Zeit.

„Denn sie sollen getröstet werden“ - verspricht Jesus den Leidtragenden auf dem Berg der Seligpreisungen, nahe am See Genezareth. Und er sagt und verspricht nicht nur etwas, sondern er tut das dann auch, als er mit den Eltern da am Sterbebett der Tochter steht: Weint nicht, sie ist nicht gestorben, sondern sie schläft! Was doch heißt: Der Tod hat nicht das letzte Wort!, ...,als er dem Petrus hilft, Verrat und Niederlagen zu bewältigen,  und ihm einen neuen Auftrag gibt:  Weide meine Schafe!   ..., als er die Gruppe der Aussätzigen trifft, und heilt, und die Geächteten und Ausgestoßenen in die menschliche Gemeinschaft zurückholt: Zeigt euch den Priestern!

Immer hat sich Jesus das Trösten viel kosten lassen. Denn sein Trost war nicht billig und banal: Na, wird schon! Und er vertröstete nicht einfach auf bessere Zeiten oder auf ein fernes Jenseits – hinaus aus dem irdischen Jammertal, nein, er half den Menschen hier und jetzt auf die Beine, führte Hoffnungslose, Einsame, Schuldige auf einen jetzt für sie gangbaren Weg  - einen Weg, der dann freilich auf Zukunft und ewiges Leben hin angelegt war. Weil Gott ihm nahe war, konnte er den Menschen nahe sein. Weil er von Gottes Liebe wusste, konnte er den Menschen Liebe entgegenbringen und sie trösten: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

Martin Gurlt dichtet:

Er blieb bei den Kleinen. Er blieb bei den Schwachen.  Er blieb bei den Armen. Er blieb bei den Menschen. Als man ihn fragte, wie  er das alles ertrage, da lächelte er.  Als man ihm sagte, er solle an sich denken, da lächelte er.Als man ihm vorwarf, das alles habe doch keinen Sinn,  da lächelte er.  Als man ihn fragte, ob er denn an Gott glaube, da lächelte er über die Frage hinweg.

Wie schreibt doch Paulus? Ich leide mit Christus und in seinem Dienst in reichem Maß. Aber ebenso reich sind der Trost und die Ermutigung, die mir durch ihn geschenkt werden.

Auch Paulus ist nicht einfach herausgehoben aus aller Traurigkeit. Er erlebt Bedrohung, Schmerzen und Leid hautnah. Und er spricht ja auch davon:

 Ihr sollt wissen, Brüder und Schwestern, dass ich in der Provinz Asien in einer ausweglosen Lage war. Was ich zu ertragen hatte, war so schwer, dass es über meine Kraft ging. Ich hatte keine Hoffnung mehr, mit dem Leben davonzukommen, ja, ich war ganz sicher, dass das Todesurteil über mich gesprochen war.

Aber genau das, was er da an Schwerem erlebt, sozusagen bei lebendigem Leibe, hilft ihm, zum einen seine eigeneBegrenztheit zu sehen – und zum anderen sich sozusagen in Gottes Arme zu werfen: 

Aber das geschah, damit ich nicht auf mich selbst vertraue, sondern mich allein auf Gott verlasse, der die Toten lebendig macht... Ich setze die feste Hoffnung auf ihn: Er wird mich auch in Zukunft aus Todesgefahr retten. 11Dazu helfen auch eure Gebete für mich, und aus vielen Herzen wird dann der Dank für meine gnädige Bewahrung vielstimmig zu Gott aufsteigen.

Wie viel  Leid hat doch Paul Gerhardt erlebt, ich darf  einmal an das Schicksal unseres großen ev. Liederdichters erinnern, die Verwüstungen des 30j.Krieges, dazu der Tod seiner eigenen Angehörigen, einer nach dem anderen. Aber wie vielTrost hat er zugleich aus dem Glauben geschöpft:

Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein. Die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesus Christ. Das, was mich Singen machet, ist, was im Himmel ist.

Paul Gerhardt, der so trostbedürftig ist, schafft es, mit seinen Liedern noch andere Menschen zu trösten, unzählig viele. Seine Melodien, die einprägsamen Texte -  zählen wir zu den wertvollsten unseres evangelischen Liedgutes. 

Trost annehmen - und Trost geben, trösten, sprechen wir darüber. Versuchen wir´s. Trost kann Wunder wirken!! Wenn unsere Kinder uns weinend auf den Schoß springen, bei einem Krankenhausbesuch, wenn wir selbst nicht mehr weiter wissen: Trost kann wie eine Blüte sein, die zur rechten Zeit zu blühen beginnt: Wir sind nun einmal Wesen zwischen zwei Welten, schreibt Jörk Zink, Wir gehören nicht ganz in diese Welt, und doch auch noch nicht in die andere.Aber dazwischen können sich Blüten öffnen mit einem Leuchten, das beiden Welten angehört.

 

Gebet

Mache uns zum Werkzeug deiner Freude, dass wir trösten, wo Menschen traurig sind, dass wir sie besuchen, wenn sie vereinsamen, dass wir helfen, wo sie in Not geraten, dass wir Licht bringen, wo sie in Leid versinken, dass wir Wärme schenken, wenn sie im Zweifel erstarren, dass wir ihnen vertrauen, auch wenn sie am Glauben irre werden. Denn wer da hingibt, der empfängt, wer da sucht, der findet, und wer da stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.