1.Mo 18, 20  Sodom und Gomorra  -  Für andere bitten          26.10.2008

 

1.Mose 18, 20 - 19,29   

Da ließ der Herr Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra…

 

Dem Betrachter bietet sich ein Bild der Verwüstung, ein Bild des Todes: Hinter dem Felsplateau der judäaschen Wüste, wo der Jordan in den Syrischen Graben fließt, hört in der Tat alles Leben auf. Denn dort liegt das Tote Meer, ein Binnensee, der tiefste Punkt der Erdoberfläche: 394 m unter Normal Null. Die Sonne brennt gnadenlos und die Verdunstung ist so hoch, dass das zurückbleibende Salz so ziemlich jedes Leben unmöglich macht.

Schon in früher Zeit beschrieb ein arabischer Geograph das Gebiet des Toten Meeres zutreffend als „Hölle auf Erden“:

Hier tritt das Innere der Erde zutage, Asphalt und Schwefelquellen, hier quillt das lebensfeindliche Urmeer (Gen 6,11) an die Oberfläche.

Die Menschen haben diesem See sehr unterschiedliche Namen gegeben, und alle Namen künden von der Überzeugung: Hier muss einmal so etwas passiert sein wie ein Gottesgericht: Salzmeer oder Wüstenmeer heißt es in der Bibel, mortuum mare nannten es die Römer, Teufelsmeer die Kreuzfahrer. Meer von Sodom sagen die Rabbinen, und damit ist deutlich, welche Städte ihrer Meinung nach hier einmal lagen: nämlich Sodom und Gomorra.

Wo die beiden Städte genau lagen, beschäftigt Forscher seit vielen Jahren. Geologen glauben zu wissen, dass es vor etwa 5000 Jahren eine größere Stadt am Ufer des Toten Meeres gab, die durch ein Erdbeben und nachfolgendenErdrutsch zerstört worden ist. Andere Wissenschaftler schließen nicht aus, dass Sodom und Gomorrha 10 bis 12 m unter dem Meeresgrund liegen. Aber wirkliche Spuren, oder gar Ruinen der biblischen Katastrophe sind bis heute nicht gefunden worden.

Gab es die beiden Städte Sodom und Gomorra überhaupt?

Fachleute vermuten, dass es einst so etwas wie eine Jerusalem-Tradition oder Sodom-Tradition gab, älter als dieAbrahamgeschichte, (Ez 16,46-58) die von dem Strafgericht eines Sonnengottes erzählt, der eine oder mehrere sündhafte Städte vernichtet, eine Erzähltradition, die sich ganz einfach darum bemühte, zu erklären, warum es überhaupt das Tote Meer gab.

Hier hat Gott die Erde „umgestülpt“, heißt es da. (Gen 19,21-29; Dtn 29,22; Am 4,11; Klgl 4,6).

Aber vielleicht sind Sodom und Gomorra ja immer dort, wo es Tod und Verwüstung gibt?? Vielleicht sind Sodom und Gomorra ja immer überall dort, wo Feuer vom Himmel fällt?

Es gibt Orte, deren Verwüstung zum Himmel schreit. Ich denke nur an das Inferno der Luftangriffe des Zweiten Weltkrieges, und zerstörte Kirchen: Die Ruinen der Kathedrale von Coventry mit dem Schriftzug: „Father Forgive" hinter dem Altarkreuz aus verkohlten Dachbalken. Die brennenden Türme der Lübecker Marienkirche am Palmsonntag 1942 -  in einem Trümmermeer. Die zerstörte Frauenkirche in Dresden. Da fiel wirklich Feuer vom Himmel!!!

Ich werde diese Bilder nie vergessen, erzählte der Mann. Als Kind, aufgewachsen in Ostengland, hatte er erlebt, wie des Nachts die Bomber aufstiegen, die Nazi-Deutschland in die Knie zwingen sollten: ‚Abend für Abend sah ich die Bombengeschwader über Somerleyton hinweg ziehen - und Nacht für Nacht malte ich mir aus, wie die deutschen Städte in Flammen aufgingen. ‚Moral bombing' nannten es die Politiker, und als Hamburg verrauchte, nannten sie es: ‚Operation Gomorrha'.

Die Verruchtheit, Sündhaftigkeit, Lasterhaftigkeit, die Gottesferne dieser beiden Städte Sodom und Gomorra und das Strafgericht Gottes sind geradezu sprichwörtlich geworden.

Im Blick auf diese beiden Städte ist immer wieder die Rede von Gier und Hochmut, (Ez 16,49), von Fremdenfeindlichkeit, (Mt und Lk), seit Augustin von der Sünde der Wollust und schließlich von dem Laster „wider die Natur“ – Sodom = Sodomie. Verschiedene Kulturen verstehen bis heute unter „Sodomie“ Verschiedenes (im Englischen: Analverkehr; im Deutschen: Sexualverkehr mit Tieren).

All das ist einfach unerträglich geworden, es schlägt mit den Stimmen ihrer Opfer himmelwärts, und so erzählt das 1.Mosebuch, dass Gott herabsteigt, um nach dem Rechten zu sehen und die Menschen zu richten - und das Böse zu vernichten.

Gott selbst sucht Abraham auf, um ihm mitzuteilen, dass er vorhabe, die Städte Sodom (wo sich Abrahams Neffe Lot aufhält) und Gomorrha zu zerstören, wenn denn das sündige Verhalten ihrer Bewohner tatsächlich so schlimm ist, wie ihm zu Ohren gekommen ist. „Es ist ein großes Geschrei über Sodom und Gomorrha, dass ihre Sünden so schwer sind“, sagt Gott zu Abraham, und in diesem Satz sammelt sich der ganze Ernst seines gerechten Zorns. „So kann es nicht weitergehen!“

Was Leben vernichtet, muss selbst vernichtet werden. Wer hier gleichgültig bleibt, wird selber schuldig. Wer hier aus Mitleid zögert, wird das Unheil nur noch größer machen.

Und so entsteht vielleicht auf einem Felsplateau mit Blick auf die Talsohle, zu einem Zeitpunkt, in der die Dörfer noch voller Leben sind, die Bühne für einen der größten Dialoge der Weltliteratur:

Abraham feilscht mit Gott um das Überleben der Menschen in Sodom und Gomorra. »Willst du (Gott) wirklich Schuldige und Schuldlose ohne Unterschied vernichten? Vielleicht gibt es in Sodom fünfzig Leute, die kein Unrecht getan haben.  Der HERR sagte: »Wenn ich in Sodom fünfzig Unschuldige finde, will ich ihretwegen die ganze Stadt verschonen.« 27 Abraham wandte sich noch einmal an den HERRN: »Ich habe es gewagt, dir dreinzureden, Herr, obwohl ich Staub und Asche bin. 28 Vielleicht gibt es wenigstens fünfundvierzig, die nicht schuldig geworden sind. »Und wenn es nur vierzig sind?« fragte er. Vielleicht sind es nur dreißig.« Und Gott: »Dann verschone ich sie wegen der dreißig.« 31 Noch einmal fing Abraham an:  »Ich habe es nun einmal gewagt, dir dreinzureden, Herr! Vielleicht sind es nur zwanzig.« Und Gott: »Ich verschone sie auch wegen zwanzig.« 32 »Nur noch ein einziges Mal lass mich reden, Herr«, sagte Abraham; »werde nicht zornig! Vielleicht sind es auch nur zehn.« Und der HERR sagte: »Ich verschone sie auch wegen zehn.«  33 Damit brach der HERR das Gespräch ab. Er ging weiter, und Abraham kehrte heim.

Abraham tritt vor den Herrn kühn, und überaus vertrauensselig, geht es doch um das Schicksal dieser Menschen dort in den Städten Sodom und Gomorra, vor allem um das Schicksal der vielleicht ja nur wenigen Gerechten. Das lässt ihn nicht kalt. Das brennt ihm unter den Nägeln. 50 Gerechte. Abraham beginnt bescheiden. Es sind 50, nicht 1000, nicht einmal die Größe einer Kompanie, lächerlich wenige im Vergleich zu der Zahl der Einwohner einer Stadt. Und doch, dieser Sumpf wiegt schwer!

Und Gottes Antwort kommt: Sie nimmt den Sprachrhythmus Abrahams, diesen gehetzten Zweierrhythmus, auf und sagt:Wenn ich in Sodom fünfzig Unschuldige finde, will ich ihretwegen die ganze Stadt verschonen.«            Ach, sollte das wirklich möglich sein? „Ja, nur zu gerne verzeihe ich allen", so hört es Abraham, der darum bemüht ist, das Untergangs-Ultimatum für die beiden Städte hinauszuschieben.

Gott lässt sich auf den Abraham ein, und - gibt sich als mitfühlender Richter zu erkennen, nicht als kalter abgebrühter Richter, Weltenlenker.

In der Tat, auch Gottes Gerechtigkeit steht auf dem Spiel, der doch nicht zulassen kann, dass unbescholtene Gerechte, Fromme umkommen mit den anderen.

Aber was, wenn es nicht fünfzig gibt? Wenn es nur fünfundvierzig Gerechte gibt?

Um sicher zu sein, tritt Abraham  erneut vor Gott, und demütig: „Ich bin ja eigentlich nur Staub und Asche. Und dennoch nehme ich mir heraus, das Wort an dich zu richten. Vielleicht finden sich dort nur 45".                       Und Gott antwortet: „So soll es sein. Ich will nicht verderben, wenn es dort nur fünfundvierzig gibt."

Wie frei Abraham hier Gott entgegen tritt. Und wie atemberaubend sein Vertrauen in die Gerechtigkeit - und Barmherzigkeit Gottes.

Und Gott? Ja, es scheint fast so, als ob der mächtige Gott das Gespräch mit Abraham regelrecht sucht – um möglichst viele Menschen zu retten!! Er sucht - und er findet in Abraham einen Anwalt der Verklagten.

Und dann - werden aus den fünfundvierzig Gerechten dreißig, zwanzig,  fünfzehn, zehn. Bei Zehn hört Abraham auf. Ein weiteres Mal wagt er nicht, mit Gott zu feilschen. Zehn, das ist die mindeste Anzahl jüdischer Männer, die für die Feier eines Gottesdienstes in der Synagoge nötig sind. Sind es weniger, kann das Lob Gottes nicht mehr gesungen werden. Was sagen will: Die jüdische Gemeinde in Sodom und Gomorra ist tot!!

Und darum lässt sich das Schicksal der Städte Sodom und Gomorra nicht mehr aufhalten. Lot wird noch  gerettet, aber dann: Da ließ der HERR Schwefel und Feuer vom Himmel auf Sodom und Gomorra herabfallen. Er vernichtete die beiden Städte und die ganze Gegend, ihre Bewohner und alles, was dort wuchs….

Warum gibt es in der Bibel solche Geschichten? Um zu erklären, warum es überhaupt das Tote Meer gab und gibt?? Um zudem bildhaft zu erzählen, dass Gott, unterm Strich, doch der gnadenlose, vernichtende Richter ist?

Gott kommt den Menschen dieser beiden Städte 7 Mal entgegen, (Sieben Mal bittet Abraham) - und die Zahl 7 ist eine symbolträchtige, inhaltlich  gefüllte Zahl, ich denke nur an den siebenarmigen Leuchter im Tempel…

Wie oft soll ich meinem Mitmenschen verzeihen?, wird Jesus später gefragt. Sieben mal?  Nein, antwortet Jesus. Sieben mal siebzig mal, also unendlich oft.

Immerhin, Gott kommt dem Abraham sieben Mal entgegen!

Nein, die Bibel malt hier nicht das Bild eines strengen Richter-Gottes, sondern das Bild eines den Menschen zugewandten, aufmerksamen Gottes mit der unbedingten Absicht zu vergeben. Gott tut wahrhaftig, was er kann, um die Folgen des Verfalls, des Lasters aufzuhalten. Allerdings bleibt die Mahnung an die Nachkommen Abrahams, den rechten Weg nicht zu verlassen. Gott lässt nicht mit sich spaßen, es kann auch ein Zu spät geben!

Was uns nachklingt – aus diesem großen Gespräch, einem der größten Dialoge der Weltliteratur: Gott redet mit Abraham wie mit einem Freund. Und Abraham bringt Gott ein unwahrscheinliches Vertrauen entgegen.

Genau das ist die Voraussetzung dafür, dass Abraham so eindringlich fürbittend für so viele Menschen eintreten kann.Fürbitte bei Gott – das ist uns, wenn wir uns auf die Erzählung aus grauer Vorzeit einlassen -  zur Nachahmung empfohlen, auch gegen den Augenschein, auch gegen alle Erfahrung, auch gegen jede Norm.

Bittet, so wird euch gegeben, sucht, und ihr werdet finden, klopft an, und euch wird aufgetan. Und es ist so, Ihr werdet´s sehen: Das Gebet hat eine Macht, eine Wirkung an sich. Um Gottes Barmherzigkeit haben zu allen Zeiten Menschen gebetet, gerungen, oft gegen den Augenschein – und ich ahne ja nur, welche Wüsten dadurch lebendig geblieben sind, welche Städte dadurch nicht zerstört wurden.

„Ich werde diese Bilder nie vergessen“, erzählt der Mann aus Ostengland, „Nacht für Nacht aufsteigenden Flugzeuge. Noch heute kann ich kein Auge zutun, ohne die Formationen der Lancaster und Halifax-Bomber über die graue Nordsee hinweg nach Deutschland hineinfliegen zu sehen“.

‚Moral bombing' - was Leben vernichtet, muss selbst vernichtet werden, wer Wind sät, wird Sturm ernten, das ist dereherne Grundsatz der Gerechtigkeit.

Aber gerade um der Gerechtigkeit, um Gottes Gerechtigkeit willen, war in dieser Bewegung auch immer eineGegenbewegung, nämlich Frage, Erschrecken, Protest: Vielleicht übersehen wir etwas, vielleicht hätten wir nach einem anderen Weg suchen müssen.

„Muss nicht“, so fragte Bischof George Bell 1944, „jede militärische und politische Zielsetzung die Verhältnismäßigkeit der Mittel wahren? Wird denn das Böse wirklich überwunden, wenn Unschuldige sterben müssen?“

Nun, wenn wir uns heute umschauen, leben die meisten Stätten der Verwüstungen des Zweiten Weltkrieges wieder:   In der Marienkirche zu Lübeck künden nur noch die herabgestürzten alten Glocken von der Gewalt des Krieges. In Coventryerhebt sich neben den Ruinen eine neue Kathedrale, wobei der alte Altar und die Inschrift geblieben sind; und dort finden wöchentlich Friedensgebete statt. In Dresden ist die Frauenkirche zu einem Symbol der Hoffnung für die Stadt und für die Menschen der neuen Bundesländer geworden. Seit 2005 versammelt sich die Gemeinde unter der neuen Kuppel des prachtvollen Barockbaus, wobei auch hier der gebrochene Altar im Gottesdienstraum und das aus den Trümmern geborgene, geschwärzte Kuppelkreuz der alten Frauenkirche an die Wüste der Zerstörung erinnern.

Aber - beides hier zeugt auch von Jesus Christus, jenem späten Nachkommen Abrahams, in dem seine Gemeinde den einzigen Gerechten findet, der es vermochte, die Gottesferne auszuhalten - und sie ein für allemal aufzuheben für uns alle.

Und das ist schon wieder eine neue Geschichte – unsere Geschichte mit dem Gott Abrahams, der nicht aufhören lässt, ( seit Noahs Zeiten), „so lange die Erde besteht: Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1.Mose 8,22) und der seine Sonne scheinen lässt über Gerechte und Ungerechte.

 

 

Gebet:

Gott, du siehst uns. Nichts ist dir verborgen.

Du durchschaust uns und bemerkst unser Tun.

Klein ist vor dir,  was unseren Augen groß erscheint,

und ohnmächtig, was unter uns so machtvoll auftritt.

Die Regierenden haben ihre Zeit.

Alle, die auf ihre Stärke setzen – und sich von dir abwenden, 

erleben ihr Vergehen.

Denn Gerechtigkeit ist dein Wesen,

heiliger Gott, du lässt nicht mit dir spaßen.

Und doch ist es nicht deine Absicht,

zu vergelten und zu vernichten,

Feuer vom Himmel regnen zu lassen.

Du stellst nicht vorn an Vergeltung und Vernichtung.

Ganz im Gegenteil:

Du lässt dich unendlich oft ansprechen und bitten,

so wie Abraham für Sodom und Gomorra bat, 

bitten für die Menschen, die uns lieb sind, für alle Menschen,

für deine Kirche, für deine ganze Schöpfung,

weil seit Noahs Zeiten, so lange die Erde besteht,

nicht aufhören soll Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Unsere Rettung, unser Leben, unsere Zukunft bist du.

So blicken unsere Augen auf zu dir,

Dein Erbarmen trage uns, deine Güte sei mit uns,

Dein Segen ermutige uns.      Amen.