1. Mo 12,1   Koffer packen  -  Womit es sich leben lässt     Gottesdienst und Feier der Goldenen Konfirmation   2002,   8.5.2005  

 

1.Mose 12,1-6

1 Da sagte der HERR zu Abraham: Verlass deine Heimat, deine Sippe und die Familie deines Vaters, und zieh in das Land, das ich dir zeigen werde!

 

Liebe Gemeinde, liebe Gäste, liebe Goldene Konfirmanden, liebe Diamantene Konfirmandin!

Wenn ich richtig sehe, ist das Reisen des Deutschen liebstes Kind:

Einmal am Nordkap sein, einmal auf Island sein, einmal im Leben in Venedig in einer Gondel sitzen. Einmal da und da und da sein... das wäre toll. Und dann wird geträumt und gespart und geplant. Und eines Tages ist es so weit.

Koffer packen. Das muss mit, das darf nicht fehlen. Personalien und Impfung und Versicherung und Geld umtauschen. Hast du auch die Landkarten mit? Sind die Schlüssel abgegeben? Die Karnickel versorgt?  Die Blumen gegossen? Der Strom abgestellt, die Post umgemeldet??

Was soll ich machen, der Koffer geht nicht zu?! Dann ein letztes Winken. Abschied nehmen - und ab geht die Post. Voller Erwartung, mit Sehnsucht im Herzen, auf der Suche nach Licht und  Sonne, auf der Suche nach der Blauen Blume...

Wenn Sie als unsere Gäste nun hier auf Rügen Ihren Urlaub – oder wenigstens die Tage von Himmelfahrt bis heute Sonntag -  verleben, haben Sie diese Prozedur  bereits hinter sich -

die Entscheidung: muss es mitgenommen werden oder nicht??

Kleidung für kalte Tage und für warme Tage, bequeme Freizeitkleidung und etwas Festliches für´s Lokal, Schuhe für jeden Zweck usw. – und alles für die ganze Familie. In Gedanken hatten Sie den Urlaub mit allen Unwägbarkeiten zu durchdenken.

Koffer Packen erfordert in der Tat Entscheidungen: Was kann selbstverständlich zu Hause bleiben? Was muss unbedingt mitgenommen werden, was ist unverzichtbar? Und dann geht die Reise los.

Wenn Sie mal so überlegen:

Immer wieder gab es in Ihrem Leben, und auch in meinem,  Aufbruchssituationen. Ein bestimmter Lebensabschnitt ging zu Ende. Abschied nehmen, etwas Neues anfangen. Die Schulzeit ging zu Ende. Jetzt kommt der Ernst des Lebens, sagten meine Eltern.

Dann zur Fahne Richtung Pasewalk. Raketeneinheit. Andere waren besser darauf vorbereitet als ich, die gingen bewusst zu den Spatensoldaten.

Ich weiß noch genau, wie ich meine Farben und Pinsel reinigte und wegräumte, ( schon damals habe ich gern gemalt) und dann meine Tasche packte, immerhin für eineinhalb lange lange Jahre.

Abschiednehmen und Winken auf dem Bahnhof -

wobei ich wusste, dass ein solches Abschiednehmen nicht für alle Ewigkeit war, nicht unwiederbringlich war, dass es eines Tages auch eine Heimkehr und ein Wiedersehen geben würde.

Aber, und das werden die Älteren unter uns  besser erzählen können, es gab auch Aufbruchssituationen, wo es manchmal kein Zurück gab.

Wie muss das gewesen sein, als die Mütter und Väter ihre Söhne loslassen mussten 1939/40, eingezogen in den Krieg? Mein Vater erzählte,  wie schwer es seinen Eltern fiel, die eigenen Kinder los zu lassen, sieben Brüder waren Sie, und alles war ungewiss...   Sie kamen zurück, traumatisiert, verwundet. Andere in anderen Familien waren „gefallen für Volk und Vaterland“ – was für eine Lüge.

Was haben die jungen Männer mitgenommen, eingepackt, die damals in den Krieg gezogen wurden? Ein Photo der Liebsten, ein Familienphoto, ein Gesangbuch? Vielleicht ein Neues Testament? Mancher ist im Schützengraben an Gott verzweifelt, mancher hat gerade da glauben gelernt.

Und das Echo folgte. Die zum Kriegsende auf der Flucht waren, erzählen: Es ging ums nackte Überleben! Mit nur einem Koffer in der Hand bin ich damals angekommen. Das waren meine ganzen Habseligkeiten. Alles andere, Haus und Hof, war verloren.‘

Nun gut, das liegt lange zurück. Dann die  Jahre 1951 / 52.   50 Jahre sind seitdem vergangen, das ist kein Pappenstiel, das sind bald zwei Generationen.

Es war die Nachkriegszeit. Noch immer war vieles Mangelware. Ich wurde 1951 geboren. Ich weiß noch, und das war dann noch Jahre später, wie meine Mutter eine Birne durch drei teilte, sie aufteilte zwischen mir und meinen beiden Geschwistern, der vierte war noch zu lütt, der konnte seine Ansprüche noch nicht anmelden.  Eine Birne durch drei geteilt – und jetzt verirrt man sich fast im Supermarkt.

1953 Aktion Rose, vor allem entlang der Ostsee-Küste.

1955 kamen die letzten Kriegsgefangenen zurück.

Und eben 1954 und 1955 wurde hier in dieser Kirche eine ganze Schar junger Leute konfirmiert. Jungen und Mädchen, schick gekleidet, schwarz und weiß, dazwischen der Pastor, Pastor  Schlobies? natürlich im Talar.

Liebe Goldene Konfirmanden,

Sie, die Sie damals 13 und 14 Jahre alt waren. Hinter Ihnen lag die Kindheit, die Sie vielleicht ganz gern abgestreift haben, und vor Ihnen – lag das Leben. Bunt und  verheißungsvoll. Es konnte alles nur besser werden. Baut auf baut auf, wurde gesungen. – Baut auf das Land, baut auf den Sozialismus, wir gehen einer hellen Zukunft  entgegen.

Was haben Sie eingepackt damals, für Ihre Lebensreise?

Konfirmation sagen wir heute, Einsegnung hieß das damals. Der Pastor hat Ihnen Segensworte zugesprochen, Sie gesegnet, Ihnen jeweils ein Bibelwort als Konfirmationsspruch mitgegeben auf den Weg.    Alles fein säuberlich im Konfirmationsregister vermerkt:

Johannes 12: Christus spricht: Ich bin das Licht der Welt, wer mir folgt, hat das Licht, das zum Leben führt, und wird nicht im Dunkeln umhertappen.

Oder: Und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.

Was haben Sie damals mitgenommen auf Ihre Lebensreise? Was war Ihnen wichtig? Was war unwichtig? Worauf konnten und wollten Sie auf keinen Fall verzichten?

In Ihren Koffer damals haben Sie eingepackt eine Menge an Erwartungen, vielleicht eine erste junge Liebe, Träume, Pläne, Ideen. Vielleicht ja auch ein Neues Testament, das Ihnen zur Konfirmation überreicht wurde. Ein Wort der Bibel, das Sie nicht vergaßen.

Und dann ging´s los. Aufbruchstimmung.

Und dann? Dann spielte das Leben, wie es eben so spielt. Alle Töne auf dem Klavier. Rauf und runter. Gute Zeiten, traurige. Gesundheit und Krankheit. Liebe und Hochzeit und Trennungen, und Versagen, und Schuld. Und Neuanfänge, und wieder neue Wege...

Und dann lese ich im Konfirmationsregister: „An der Jugendweihe beteiligt,“ nur wenig später neben einen Namen geschrieben. Und  auch hier und da: „Ausgetreten.“

Da stand der christliche Glaube, Gott und die Kirche zur Diskussion. Und für manche war das eben nur noch Kram, auf den man gut verzichten konnte, aus dem Koffer rausgenommen, überflüssig.

Der staatliche Druck spielte für manche eine Rolle, die ständigen Auseinandersetzungen um Jugendweihe und Konfirmation. Die Sie bestimmte Berufe hatten, für Sie war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass Sie keinen Kontakt zum Westen und keinen Kontakt zur Kirche haben durften.

Und mancher lebte mit seinen Entscheidungen auf des Messers Schneide, ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Lehrer aus Berlin...

Sie sind ganz unterschiedliche Wege gegangen, seit damals. SED – oder  ganz bewusst nicht Pioniere, FDJ, SED. Die einen  haben es sich schwer gemacht, die anderen  etwas leichter, manche auch auch zu leicht– auf der Reise durch das Leben... Und der Koffer füllte sich mit den Jahren.

Da kam ein ganzer Stapel an Liebesbriefen mit hinein, mit einer rosa Schleife drum. Da kamen Abschiedsbriefe hinzu. Vielleicht auch ein Brief, ein Photo mit einem schwarzen Rand.

Grüße zur Silberhochzeit. Ein Photoalbum, die Bilder inzwischen etwas vergilbt, aus der Zeit, als die Kinder noch klein waren. Die sind inzwischen längst erwachsen...

Junge, wo ist die Zeit geblieben? Wo sind Ihre Träume geblieben?  Einsegnung vor 50 Jahren. Mit allen guten Wünschen, mit Worten des Segens für Sie: Gott segne dich. Gott beschütze dich. Du bist nicht allein auf der Reise durch das Leben. 

Lange ist´s her. Und  nun sind wir älter geworden. Mancher, manche hat sich ordentlich den Wind um die Ohren pusten lassen. Es gab Pleiten, Pech und Pannen. Und die Sterne am Himmel sind verblasst.

Der eine hat´s mit dem Herzen. Der andere hat´s im Kreuz. Um so mehr freue ich mich, dass Sie trotzdem an diesem Tag mit hier sind.

Und wieder ein anderer versucht´s mit Fitnesstraining und gesunder Ernährung. Jetzt sind wir nicht mehr jung und hübsch, jetzt sind wir nur noch hübsch.

Und der Segen von einst? Was würden Sie erzählen?   Haben Sie erlebt, dass Gott Ihr Leben reich gesegnet hat? Sind Ihre Kinder gesund, und inzwischen selbständig? Das ist doch Segen!? Ach, Ihr habt Euch ein Haus gebaut. Da habt ihr´s ja gut. Das ist doch Segen?! Und als du wie vor einer Wand standest und nicht weiter wusstest, als eine Welt für dich zusammenbrach - hast du nicht aufgegeben, und du hast neue Kraft gekriegt!!?  Auch das ist doch Segen?!

Nach dem Krankenhausaufenthalt, und es wurde nicht besser – und dein Leben war stark eingeschränkt – da bist du nicht verzweifelt. Und da waren Menschen, die Dich nicht im Stich ließen, auf die du dich verlassen konntest! Auch das ist doch Segen gewesen?!

Segen meint all das, liebe Goldene Konfirmanden, liebe Gemeinde, Glück und Frieden, Wohlergehen aber auch Kraft, und Trost und immer neue Hoffnung von Gott für Dich.

In dieser ganzen Spannbreite unserer Erfahrungen formulieren wir heute unsere Klage, und unseren Dank vor Gott.

Da sind wir denn nun angekommen mit unserem Koffer im Jahre 2005. Meist ist er ja recht dick und vollgepackt inzwischen, unser Lebenskoffer. War ja auch viel los, in all den Jahren. Und immer mehr ist dazugekommen. Man wirft ja auch nicht gerne etwas weg....

Und der Glaube? Und Gott? Und der Segen von einst? Wenn wir nun in die Zeit gehen, die vor uns liegt?  Auch wieder mit Plänen, mit Erwartungen, nicht nur mit 17 hat man noch Träume, was nehmen Sie mit?  Was packen Sie ein in Ihren „Koffer“, für die nächsten 10 oder 20 Jahre?

Manches verliert ja an Bedeutung. Wie gesagt, die Kinder sind inzwischen selbständig. Die brauchen nicht mehr bemuttert werden. Vielleicht sind Sie inzwischen auch allein, Ihr Mann, Ihre Frau ist nicht mehr da.

Die Akzente verschieben sich. Das ist normal. Was ist es jetzt wert, eingepackt und mitgenommen zu werden?

Sie packen ein natürlich – eine Menge an Erinnerungen. Gesichter, Gespräche, Begegnungen, die nicht verblassen. Sie werden einpacken Enttäuschungen. Sie werden  einpacken das leise Glück, das immer noch Glück ist, auch wenn es nicht mehr so übersprudelt wie in jungen Jahren. Sie packen ein Freude über dies und jenes. -  Und auch die Erkenntnis, dass der Spielraum mit den Jahren kleiner wird, die Gesundheit abnimmt, und man sich tröstet mit solchen Sprüchen wie: Man ist so jung wie man sich fühlt.

Sie packen ein eine Menge Fragen an Gott, Zweifel - wenn es Gott denn gibt.

Und der Segen?

Vielleicht kriegen Sie es ja hin, dass Sie den Segen, der von Gott kommt, der alles Gute für Sie meint, der Ihnen heute noch einmal sichtbar und hörbar zugesprochen wird, mit einpacken in Ihren Lebenskoffer.

Denn damit lässt sich´s leben. Was kann es besseres geben als ein Leben, das gesegnet ist.

Und was dann alles auf Sie zukommt, wir wissen es ja nicht, wir sind ja keine Hellseher, und Segen ist auch kein Zauber, vielleicht geht es Ihnen ja wie dem Abraham, der noch mit 75 seine Heimat verlassen musste – aber, so heißt es da, er „vertraute dem Herrn“.

Vielleicht geht es Ihnen ja dann wie den Jüngern des Jesus aus Nazareth, die unsicher wurden, weil sich viele von Jesus, ihrem Meister und Lehrer abwandten, doch einer, der Petrus, gibt  Jesus nicht auf.  Er bleibt für ihn der Wichtigste, der Maßstab, der Kompass.

Das Vertrauen ist wichtig. Und eine eigene Meinung haben, ist wichtig. Vielleicht packen Sie ja auch den Segen mit ein.

Es war nicht umsonst, was Ihnen damals zu Ihrer Einsegnung zugesprochen wurde. Segen ist niemals umsonst.  Die Bibel malt sehr viele Bilder, um zu zeigen, was es mit dem Segen auf sich hat:  Segen ist wie frischer Regen, der auf trockenes Land fällt. Und die Blumen blühen auf. Und die Ernte reift.

Wenn die Mönche Irlands einen der ihren auf den Weg schickten, in das Ungewisse und Gefährliche, das diese Männer im Namen des Christus zurücklegten, dann gaben sie einander diesen Segen mit:

Möge der Wind dir den Rücken stärken und der Regen um dich her die Felder tränken, und bis wir beide, du und ich  uns wiedersehen, behalte der gütige Gott dich in seiner schützenden Hand.

Was packen Sie ein in Ihren Lebenskoffer?

Gottes Segen sei mit Ihnen!

 

 

1.Mose 12,1-6

1 Da sagte der HERR zu Abram: »Verlass deine Heimat, deine Sippe und die Familie deines Vaters, und zieh in das Land, das ich dir zeigen werde!

2 Ich will dich segnen und dich zum Stammvater eines mächtigen Volkes machen. Dein Name soll in aller Welt berühmt sein. An dir soll sichtbar werden, was es bedeutet, wenn ich jemanden segne. ...

4 Abram folgte dem Befehl des HERRN und brach auf, und Lot ging mit ihm. Abram war 75 Jahre alt, als er seine Heimatstadt Haran verließ.

5 Seine Frau Sarai und Lot, der Sohn seines Bruders, begleiteten ihn. Sie nahmen ihren ganzen Besitz mit, auch die Menschen, die sie in Haran in Dienst genommen hatten. So zogen sie in das Land Kanaan, in dem damals noch das Volk der Kanaaniter wohnte. ...

 

Johannes-Evangelium 16,60-69

 

60 Als sie das hörten, sagten viele, die sich Jesus angeschlossen hatten: »Was er da redet, geht zu weit! So etwas kann man nicht mit anhören!«

61 Jesus wusste schon von sich aus, dass sie murrten, und sagte zu ihnen: »Daran nehmt ihr Anstoß?...

63 Gottes Geist allein macht lebendig; alle menschlichen Möglichkeiten richten nichts aus. Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind von diesem Geist erfüllt und bringen das Leben. ...

66 Als sie das hörten, wandten sich viele seiner Anhänger von ihm ab und wollten nicht länger mit ihm gehen.

67 Da fragte Jesus die Zwölf (Jünger):  »Und ihr, was habt ihr vor? Wollt ihr mich auch verlassen?« 68 Simon Petrus antwortete ihm: »Herr, zu wem sonst sollten wir gehen? Deine Worte bringen das ewige Leben. 69 Wir glauben und wissen, dass du der bist, in dem Gott uns begegnet.«

 

 

Gebet

Für die Frauen und Männer, die heute ihre Goldene Konfirmation feiern, dass sie dankbar und zuversichtlich ihren Weggehen, unter dem Segen Gottes, lasst uns bitten: Kyrie eleison

Für die Menschen, die sie begleiten auf ihrem Weg, für ihre Angehörigen, Freundinnen und Freunde, dass sie in Liebe mit ihnen verbunden bleiben und ihnen beistehen, wenn sie Hilfe brauchen, lasst uns bitten: Kyrie eleison

Für alle, die uns heute fehlen, auch für die Verstorbenen, an die wir in Wehmut und Trauer denken, dass sie bei Gott geborgen sind, lasst uns bitten:  Kyrie eleison

Für unsere Gemeinde und die ganze Kirche, dass sie den Fragenden Antwort, den Unsicheren Halt und den Leidenden Trost gibt, lasst uns bitten: Kyrie eleison

Für unser Volk und die Gemeinschaft der Völker, dass Frieden und Gerechtigkeit wachsen, lasst uns bitten: Kyrie eleison

Auf deine Liebe und Güte sind wir angewiesen, o Gott. Hilf uns, auf dein Wort zu hören und dir zu vertrauen, in dieser Zeit bis in Ewigkeit.