2. Mo 14,10-15,21  Friedensdekade  -  Geschichten gegen die Angst    10.11.02   Sellin Friedensdekade   

 

2. Mose 14,10-15,21

10 Als die Leute von Israel sahen, wie der Pharao mit seinem Heer heranrückte, packte sie die Angst, und sie schrien zum HERRN um Hilfe.

11 Zu Mose aber sagten sie: »Hast du uns aus Ägypten geführt, damit wir hier in der Wüste sterben? Gab es in Ägypten keine Gräber? Wozu hast du uns von dort weggeführt?

12 Haben wir nicht gleich gesagt, du sollst uns in Ruhe lassen, wir wollen lieber den Ägyptern dienen? Wir wären besser Sklaven der Ägypter, als dass wir hier in der Wüste umkommen!«

13 Mose antwortete ihnen: »Habt keine Angst! Wartet ab und seht zu, wie der HERR euch heute retten wird. Ihr werdet Zeugen sein, wie die Ägypter ihre größte Niederlage erleben.

14 Der HERR wird für euch kämpfen, ihr selbst braucht gar nichts zu tun.«

15 Der HERR sagte zu Mose: ...17 Ich werde die Ägypter so starrsinnig machen, dass sie hinter deinen Leuten her ins Meer gehen. Dann will ich am Pharao und seinem Heer, an allen seinen Streitwagen und Wagenkämpfern, meine ganze Macht erweisen.

21 Nun streckte Mose seine Hand über das Meer aus, und der HERR ließ die ganze Nacht über einen starken Ostwind wehen, der das Wasser zurücktrieb. So verwandelte sich das Meer in trockenes Land… und… die Israeliten gingen trockenen Fußes mitten durchs Meer.

23 Die Ägypter verfolgten sie; und alle Streitwagen des Pharao mit den Pferden und Wagenkämpfern jagten hinter ihnen her ins Meer hinein....

27 Mose streckte seine Hand aus, und so strömte das Wasser bei Tagesanbruch zurück. Die fliehenden Ägypter rannten geradewegs hinein; der HERR trieb sie mitten ins Meer.

28 Das Wasser bedeckte die Streitwagen und Wagenkämpfer, die gesamte Armee des Pharaos, die den Israeliten ins Meer gefolgt war. Kein einziger von den Ägyptern kam mit dem Leben davon.

30 So rettete der HERR an diesem Tag das Volk Israel vor seinen Verfolgern. Als die Leute von Israel die Leichen am Strand liegen sahen, erkannten sie, dass der HERR die Ägypter durch seine große Macht vernichtet hatte. Das erfüllte sie mit Furcht und Staunen, und sie fassten festes Vertrauen zu ihm und zu Mose, seinem Diener und Bevollmächtigten.....

15,20 Die Prophetin Mirjam, die Schwester Aarons, nahm ihre Handpauke, und alle Frauen schlossen sich ihr an. ...

21 Mirjam sang ihnen vor, und sie antworteten im Chor: »Singt, singt dem HERRN, denn er ist groß und mächtig, ins Meer geworfen hat er Ross und Mann!«

 

Der Krieg war zu Ende.

Der Oberkommandierende der babylonischen Elitetruppen war kontrollierend die lange Reihe der Gefangenen entlang gegangen, ehe der Transport begann. Ehemalige judäische Soldaten in Resten militärischer Kleidung, Frauen und Mädchen, Zeichen von Hunger und Angst in den Gesichtern, Kinder dazwischen. Auf der Hochfläche nördlich der eroberten, brennenden Stadt Jerusalem waren sie zusammengetrieben worden. Immerhin, die ihre Habseligkeiten in Bündeln mit sich schleppten, hatten noch einmal Glück  gehabt. Sie waren noch am Leben.

Es war das Jahr 587 vor Christus. Eineinhalb Jahre zuvor war der unübersehbare Heerzug der Babylonier auf den Höhen um Jerusalem erschienen. In Jerusalem wollte man mit ein paar tausend Leuten, lächerlich genug, der Militärmacht aus dem Osten die Stirn bieten, weil man sich nicht damit abfinden konnte, dass das Land Juda, kaum dreißig Kilometer lang und breit, kein politischer Faktor mehr war.

Dann begann die Belagerung. Und als nach Monaten der Dümmste einsehen musste, dass das Ende unausweichlich war, träumten der König und seine Berater noch immer vom Endsieg.

Doch dann schlugen die Babylonier die ersten Breschen in die Mauern. Der König verließ durch einen geheimen Tunnel die Stadt. Man fasste ihn bei Jericho. Vor seinen Augen schlachtete man seine Söhne ab, und ihm selbst stach man die Augen aus... Dann herrschte dreißig Tage lang der Tod in der Stadt: Raub, Zerstörung, Vergewaltigung. Tempel und Palast gingen in Flammen auf.

Ein Traum von tausend Jahren war zu Ende, der Traum vom großen freien Volk Gottes, das sich um den Tempel versammelt, unter dem Schutz und Segen Gottes, Abrahams und Moses. Doch nun war alles zerstört.

Und ein Elendszug der Verbannten kroch, Wochen später, 1500 km, erst nach Norden, dann durch die Syrische Wüste nach Osten und zuletzt den Euphrat hinunter bis in die Ebene um Babylon.

 „Wie ein Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, nach dir. Verzweifelt bin ich und weine Tag und Nacht, während die Menschen mich täglich höhnen: Wo ist nun dein Gott?“

Und da sitzen sie nun, irgendwo an einem Kanal südlich des heutigen Bagdad, jammern und klagen: „An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten.“ Psalm 137

Sie sind dort abgestellt, haben Angst, sind ohnmächtig einem brutalen Regime ausgeliefert, sind hilflos und verzweifelt. Und quälen sich mit Fragen der Schuld, hatten sie sich doch immer wieder auf  unzählige Götter eingelassen, und ein gewalttätiges und korruptes Staatswesen mitgetragen, und Waisen, Witwen und Wehrlose nicht beschützt, so dass die Reichen immer nur reicher und die Richter immer nur ohnmächtiger und korrupter wurden. Die Propheten hatten das angeklagt! Das wird Gott sich nicht auf Dauer gefallen lassen! Nun hatten sie die Quittung.

Was sollte jetzt aus ihnen werden? Wohin nun mit der Angst, mit aller Ausweglosigkeit? Sollten sie es noch einmal versuchen? Mit einer neuen Moral? Mit einem besseren, konsequenteren Glauben? Mit Bußübungen? Sollten sie sich von der bösen, gewalttätigen Welt distanzieren, indem sie sich endlich bemühten, rein zu sein, sich auf die Seite des Lichts zu schlagen und die Dunkelheit, das verhasste Babylon, zugleich aber auch ihre eigene Schuld  und Vergangenheit abzustoßen und unterzutreten? Was eigentlich forderte Gott? Was hatten sie von ihm zu erwarten?

Da muss es passiert sein. Ich stelle mir vor, dass eines Abends einer der Alten, noch den Staub von der Arbeit an den Kleidern, zu reden beginnt. Ich stelle mir vor die Abende in der weiten, heißen Steppe des Zweistromlandes, an den Kanälen, wenn die Sonne den warmen Lössboden noch eine Weile flach beleuchtet, ehe sie im Geflecht der Dattelpalmenwälder versinkt. Überall dort sitzen Menschen ja abends vor ihren Hütten oder an den Ufern der Flüsse, träumend und redend.

Da muss einer der Alten angefangen haben zu erzählen. Geschichten von den Urvätern seines Volks. Geschichten, in denen sich die Erfahrung ganzer Epochen spiegelte, Geschichten, die aber auch das Dasein der Menschen neu zu deuten vermochten, Geschichten gegen die Angst.

Vorzeiten – die alten Erzähler unterscheiden nicht, ob die Helden ihrer Geschichten vor 100 oder 3000 Jahren ihre Taten vollbrachten – Vorzeiten also lebte hier, in der weiten Steppe am unteren Euphrat, ein paar Stunden zu Fuß vom Kanal Kebar entfernt, in Ur, der uralten Stadt, eine Familie mit den Namen Terach, Nahor, Lot, Abraham, Sarah und wie sie alle hießen.

Ihr kennt ihre Geschichte, so mag der Alte erzählt haben. Eines Tages aber sprach Gott zu Abraham: Verlass deine Familie und deines Vaters Haus! Ich will dir ein Land zeigen, das habe ich für dich bestimmt. Und die Leute Abrahams verließen ihre Heimat und zogen den langen, einsamen Karawanenweg nach Nordwesten, den Euphrat entlang, an Babylon, an Mari, der alten großen Stadt mit ihrem märchenhaften Palast, vorbei bis in die syrische Wüste nach Haran und weiter bis in die Gegend von Jerusalem.

Ihr kennt den Weg, so mag der Alte erzählt haben, ihr seid ihn jetzt selbst unter den Prügeln der Babylonier hierher getrieben worden. Abraham freilich ging als freier Mann in die umgekehrte Richtung und gelangte in das Land der Verheißung.

Erzähl weiter, baten sie ihn. Und er erzählte: Es war lange vor Abraham. Da lebte hier im Zweistromland ein Mann namens Noah. Als die große Flut kam, von der auch die Babylonier erzählen, hörte Noah als einziger eine Stimme, die ihm sagte: Mach dir einen Kasten aus Holz, damit du überlebst.

Und als die Flut sich verlief über einem verwüsteten Land voll von Toten, hörte er die Stimme wieder: Ich habe noch Leben für dich und deine Kinder. Die Flut soll nicht wiederkehren!  Ich gebe dir ein Zeichen: Meinen Regenbogen setze ich in die Wolken als Zeichen des Schutzes, den ich der Erde gewähre.

Und die Hörer am Wasser begreifen, dass der Alte genau genommen von jener Katastrophe spricht, der sie selbst eben entronnen waren, und dass die Zusage; Ich habe noch Leben für Euch!  nun Ihnen gilt, den Überlebenden, dem Strandgut aus dem großen Untergang jetzt.

Erzähl weiter, bitten sie. Und er erzählt, der alte Mann. Vor undenklichen Zeiten wanderten unsere Vorfahren, die Söhne Jacobs, nach Ägypten. Vor dem Hunger flüchteten sie, fanden am Nil Zuflucht und wurden schließlich die Sklaven der Ägypter.

Sie arbeiteten in Ziegeleien und bauten die Städte für den Pharao. Aber eines Tages, nach vier Jahrhunderten der Zwangsarbeit, erhoben sie sich, brachen aus und fanden nach einem mühevollen, langen Marsch durch die Wüste den Weg in ihr Land.

Warum erzählst du uns das?, fragt da einer dazwischen. Uns befreit Gott nicht. Uns schickt Gott keinen Mose, der Nebukadnezar entgegentritt. Für uns tut Gott keine Wunder. Meint ihr nicht, entgegnet der Alte, dass die Väter genau so fragten?  Meint ihr nicht, dass es seltsam in den Ohren der Leute klang, wenn schon dieser Mann Mose seinem Volk von Abraham erzählte, dem einsamen Wanderer, für den Gott einen Weg hatte und ein Land, in das er gehen konnte? Meint ihr nicht, dass auch in Ägypten einst am Nil  die Erinnerung und Hoffnung eingeschlafen war?  Aber dann brachen sie auf und zogen mit dem Mut der Verzweifelten durch das Meer und durch die Grenzsperren und über die endlosen Sand- und Geröllwüsten des Sinai. Und kamen an!

Er, der da erzählt, weiß,  dass seine Geschichten für die müden Zuhörer am Kanal Kebar, die Geschichten gegen die Angst, kein Luxus sind, sondern eine Quelle der Zuversicht, Impulse für die Zukunft.

Jahre vergehen. Der alte Mann lebt längst nicht mehr. aus dem grauen, staubigen Haufen der Gefangenen ist inzwischen eine Art eingesessener babylonischer Bevölkerung geworden. Viele haben es aufgegeben, auf die Rückkehr in die Heimat zu hoffen. Warum auch sollten sie zurückkehren in das zerstörte, versteppte Land? Über dem Hügel des Tempels in Jerusalem wuchs das Gras.?

Doch das Jahr 538 vor Christus kommt. Kyros, der König der Perser und Meder, besiegt das Großreich Babylon. Damit schlägt die Stunde der Befreiung auch für die Verbannten am Kanal Kebar. Nicht alle, aber viele treten den Weg in die Heimat an, wagen einen neuen Anfang, mit großen Hoffnungen, aber auch ebenso großer Sorge und Angst: Was wird sie im Land der Väter erwarten? Im Gepäck haben sie die Geschichten gegen die Angst, die der alte Mann so eindrücklich erzählt hatte, die von ihren Vorfahren, die vom Auszug aus der Sklaverei Ägyptens, die vom Weg durch das Meer, die von dem Untergang eines bewaffneten Heeres. und die warnenden und endlich tröstenden Worte der Propheten:

„So spricht der Herr, der im Meer einen Weg macht, der ausziehen lässt Wagen und Rosse, Heer und Macht, dass sie auf einem Haufen liegen und nicht mehr aufstehen: Denkt nicht mehr an das Vergangene. Denn seht, ich Gott schaffe ein Neues. Ich bahne einen Weg durch die Wüste. Jesaja 43,16-19

Im Gepäck, als Notration,  haben sie die Worte, die Geschichten gegen die Angst. Und diese Worte und Geschichten leben weiter, und entfalten ihre Kraft, und werden von ihrer Bedeutung und dem Gewicht ihrer Gedanken in den folgenden zweieinhalb Jahrtausenden nichts verlieren.

Go down, Moses. Way  down in Egyptsland!  Tell old Pharao, to let my people go! Geh hin, Mose, ins Ägypterland,  sag dem alten Pharao: Lass mein Volk doch ziehn! - die schwarzen Sklaven der Südstaaten in den USA.

M.L.King 1968: Ich habe auf dem Berg gestanden, und ich habe in das gelobte Land geschaut.

Die Geschichte vom Auszug etwa ist eine Geschichte gegen die Angst geblieben, Modell der Hoffnung,  Symbol der Freiheit, der Gewissheit: Ich, Gott, bin mit dir, fürchte dich nicht!

Und immer machte irgendeine Generation eine Erfahrung und fasste sie in eine Geschichte. Eine spätere, die dann ähnliches erlebte, erzählte dazu, was ihr passierte - und stellte sie neben die alte Erzählung. Und das ist bis heute so geblieben.

Wir, die wir mehr als 2500 später leben, hören die Geschichten noch immer, die jenem Volk den Weg in eine neue Zukunft wies, die Geschichten gegen die Angst. Wir hören sie als eine Generation, die auch heute in Gefahr steht, sich „versklaven zu lassen“ durch alles mögliche, durch Ideologien und Werte und Normen, eine Generation, der auch heute mitunter das „Wasser bis zum Hals steht“, sehr persönlich, oder ökologisch, friedensethisch, die in mancherlei Hinsicht einen neuen Anfang wagen und ihren Weg heute durch unbekanntes Land finden muss – und wir erzählen unsere Erlebnisse, unsere Geschichten dazu...

Wort von Gott:

Fürchte dich nicht. Ich befreie dich.

Wenn du durch Wasser gehst, bin ich bei dir,

inmitten von Strömen halte ich dich fest.

Ich bin der Herr, dein Gott;

Ich mache das Meer still, wenn seine Wellen brausen,

und schütze dich.

Ich zeige dir einen Weg auf dem Grunde des Meeres:

Den Weg der Befreiten, die erlöst sind von Angst.

Freude gebe ich dir im Aufbruch,

auf dem Weg aber Geleit im Frieden.

 

 

Gebet

O Gott, es gibt viel Schlimmes auf der Erde. Viele haben Angst.

Viele haben keine Arbeit. Viele haben Hunger. Viele haben keine Eltern. Viele haben keinen Freund – und sind allein.

Doch wir sind nicht gefangen im Grab unserer Ängste, nicht festgenagelt an das Kreuz unseres Versagens, nicht gelähmt von den Sorgen um unsere Zukunft. Denn du führst du uns aus dem Dunkel ins Licht, aus der Ohnmacht zu neuer Kraft, aus dem Tod ins Leben.

O Gott, dir können wir´s sagen:  Wir haben Angst, oft, immer wieder: Fragen – wir wissen keine Antwort, Probleme – wir sehen keinen Ausweg, Menschen – wir verstehen sie nicht. Wir fühlen uns überfordert. Du wirst uns helfen. Gib uns ein ruhiges Herz und klare Gedanken. In deiner Kraft wollen wir reden und handeln. In deinem Frieden lass uns geborgen sein.

O Gott,  viele gehen in diesen Tagen auf den Friedhof. Und wir merken es ja auch, mehr und mehr: Kräfte schwinden, Sinne lassen nach, vertraute Menschen sterben. Die Unsicherheit über das eigene Ende verscheucht den Schlaf. Fragen quälen: Werde ich Schmerzen haben? Werde ich anderen eine Last sein? Was kommt danach?

Nimm weg die Angst, nimm weg die Unsicherheit, schenke Vertrauen in deine behütende Nähe. Lass nicht zu, dass die Sorge um den nächsten Tag heute schon das Herz beschwert.

O Gott, mitten hinein in die Schatten unserer Angst rufst du uns zu: Fürchtet euch nicht! Und versprichst uns  Zuversicht inmitten von Verzweiflung, Aufbruch inmitten von Resignation, Mut inmitten von Bedrängnis. Fürchtet Euch nicht!