1.Samuel 16,7

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.  

 

Mit unseren Augen - betrachten wir die Welt. Wir sehen alles, was um uns herum passiert. ..

War es in dem Film Die Olsenbande, der Film lief auch im DDR-Fernsehen, in dem Egon Olsen, der Chef -  immer diesen machte: Mit zwei Fingern auf seine Augen zeigte?  Achtet auf meine Augen! Schaut genau hin! Da könnt ihr ablesen, was Sache ist!

Mit unseren Augen sehen wir sehen Menschen, Landschaften, Farben, Formen. Wir sehen, was vor Augen ist.

Oft aber sehen wir nichts! Dann lassen wir uns blenden: Etwas Äußeres beeindruckt uns, die Fassade fesselt uns.

Waren Sie zu DDR-Zeiten einmal in Berlin? Wenn Ja, werden ihnen die Häuser an der Leninallee, die Fassaden in der Nähe des Karl-Marx-Platzes aufgefallen sein. Das Erdgeschoss war meist in einem guten Zustand, es trug frische Farben. Die Stockwerke darüber waren meist grau und unansehnlich, oft bröckelte der Putz.

Besonders erinnere ich mich an die alte Hansestadt Greifswald, fünf Jahre war ich dort zum Theologiestudium. War es der X. Jahrestag der Republik?  Die Fassaden waren weiß getüncht – dahinter fiel alles zusammen.  

Wissen Sie warum das so war?

Wenn Honni aus dem Fenster seiner schwarzen Limousine schaute und sich an den Errungenschaften des Sozialismus begeistern wollte - sah er natürlich nur das Erdgeschoss und höchstens noch den ersten Stock.  Deshalb hatte man nur das, was im Blickwinkel war, restauriert und renoviert. Alles andere war unwichtig. Für das „dahinter“ fehlte das Geld. So  wurde etwas vorgetäuscht, was nicht im Geringsten der Wirklichkeit entsprach.

Heute ist das nicht anders. Im Bereich der Medien wird mit Kulissen und technischen Tricks gearbeitet, eine falsche Wirklichkeit wird vorgetäuscht, unsere Augen werden verarscht. Und wir lassen das zu, wir lassen uns durch Vordergründiges, durch Fassaden blenden.

Das gilt ebenso für das Showgeschäft. Stars werden „aufgebaut“, sagt man. An ihrem Image wird gefeilt. Werbung und Stil fesseln unsere Aufmerksamkeit. Aber auch im ganz normalen Alltag ist das Gang und Gebe. Wir begegnen Menschen, machen uns ein Bild von ihnen, sagen: Der erste Eindruck ist der Beste“. Bei Bewerbungsgesprächen sind angeblich die ersten zehn Sekunden entscheidend. So ist uns der eine von vornherein sympathisch, der andre sympathisch. Die eine scheint intelligent zu sein, die andere ein bisschen dummi.  Der eine ist doch wohl Alkoholiker,    sie ist depressiv. Wir lassen uns von äußeren Eindrücken leiten, sehen den Menschen dahinter nicht – und liegen damit oftmals falsch.

 

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.             

Mit diesem Satz aus dem Samuelbuch 16,7 blenden wir uns ein in eine ferne Zeit.

 

Blättern Sie mal zu Hause durch dieses Buch: Da hören wir von der Berufung des großen Propheten Samuel. Der salbt Saul zum König. Saul führt Kriege gegen die Philister, stürzt sich auf die Beute, trifft falsche Entscheidungen – tut das, was Gott missfällt. Und, Gott kehrt sich von ihm ab. So wird Samuel, einer der großen Propheten, die im Auftrag Gottes handeln und die Mächtigen zur Rede stellen - beauftragt, einen neuen König zu suchen.

 Und nun im Detail:

Jahwe, Gott, schickt den Samuel los, um in Bethlehem die Söhne des Isai zu begutachten. Dabei sieht Samuel zuerst den Eliab: Eine beeindruckende Gestalt, groß, stattlich. Wir dürfen uns gern einen Muskelprotz vorstellen, der jeden Tag ins Fittnesscenter geht. „Der ist es“, denkt Samuel. Aber nein, wie sich zeigt: Den hat Gott nicht auserwählt. „Lass dich nicht davon beeindrucken, dass er groß und stattlich ist.  Ich Gott urteile anders als die Menschen,. … ich sehe ins Herz. (Übersetzung Die Gute Nachricht).

Dann wird Abinadad vorgestellt – der ist es auch nicht. Dann soll Schima vortreten – der ist es ebenso nicht.  Alle  sieben Söhne ziehen an Samuel vorbei. Schließlich fragt Samuel den Isai, den Vater:   Sind das alle deine Söhne?

Der antwortet: Der Jüngste fehlt noch, der David, der hütet die Schafe.  Was sollte denn diese Frage jetzt? Der Jüngste kam ja ohnehin nicht infrage, mit dem rechnete niemand ernsthaft!  Als Jüngster hatte David niemals die Chance, als zukünftiger König ausgewählt zu werden. Der Älteste, die Älteren waren doch die, die nach den damaligen Rechtsgewohnheiten bevorzugte Rechte hatten, das Erbe antreten durften.

Nun wird David geholt. V12: „Der Junge war schön und kräftig und hatte klare Augen.“ „Er ist es, salbe ihn!“, sagte der Herr. Da goss Samuel Öl über ihn – und salbte ihn zum König.

Im selben Augenblick, so erzählt der Verfasser des Samuelbuches, kam der Geist des Herrn über ihn.  Damit steht unabänderlich fest:  David ist der von Gott erwählte – und geistbegabte zukünftige König von Israel.

Geistbegabt? Was heißt das?  

Es gibt dazu eine ganze Website: geistbegabt.de.  Est bedeutete ursprünglich »Wind, Hauch«. Wenn Gottes Geist dauerhaft in einem Menschen wirkte und wohnte wie bei David, war dies das Zeichen einer besonderen Verbundenheit mit Gott. Indem David geisterfüllt war – oder, wie es auch heißt, der Geist kam über ihn – erfüllte ihn die Kraft, die von Gott ausgeht, die Kraft,                    die Leben schafft.

Jesus selbst war von Anfang an vom Geist Gottes erfüllt,  so die einhellige Ansicht aller vier Evangelisten.

Unter seinen Anhängern später, die von Jesus begeistert waren, - bewirkte der Geist, der Heilige Geist, ein ganz bestimmtes Verhalten, nämlich Liebe und Geduld (Galater 5,22) – Freundlichkeit und Güte.

 

Den Jüngsten, den Hirtenjungen David, hatte Gott auserwählt. Der wurde gesalbt und zum König berufen.

 

Da frage ich mich: Warum gerade der? Warum fällt Gottes Wahl auf den David?! Der Eliab stellte sich als erster zu Wahl. Eine beeindruckende Gestalt, groß, stattlich. Ja gut, Gott schaut hinter die Fassade, hinter die Kulisse. Nicht das Äußere eines Menschen ist ihm wichtig, Gott sieht ins Herz. Dann wird Abinadab begutachtet. Kein Wort über das Äußere. Er ist es auch nicht.

Dann ist Schima an der Reihe. Wieder kein Kommentar zu seinem Äußeren, zu seinem Aussehen. Er ist es schon gar nicht.

Alle Brüder des Isai stellen sich vor. Keiner ist es. Schließlich wird der David geholt. Er ist bräunlich, hat schöne Augen und eine gute Figur. Das Äußere sofort fällt auf. Damit könnte David punkten.

Nun vermuten wir, dass David – wie der Eliab, der eine ähnlich beeindruckende Gestalt war - nun auch in Gottes Augen durchfallen müsste - genauso wie der Eliab –– wenn Gott sich nicht mit Äußerlichkeiten abspeisen, nicht vom äußeren Schein blenden lässt. Aber nein, David wird gewählt. Gegen jede Erwartung. Gegen jede Norm, gegen alle Regeln der Kunst. Weil „alle Wege Gottes unerforschlich sind.“. Rö 11.

 Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.             

  

Der für uns entscheidende Satz geht aber weiter: …der HERR aber sieht das Herz an.

876 Mal taucht in der Bibel das Wort Herz auf.

Da gibt es feine und gute Herzen, edle, ängstliche, trotzige, verzagte, reine, gute Herzen, die das Wort Gottes bewahren,

weise und einsichtsvolle Herzen, wie das des König Salomo.

Das Herz ist immer das Zentrum und  Sitz der Zuneigungen und Leidenschaften von aus Menschen. Aus dem Herzen quillt das Leben. Man sieht nur mit dem Herzen gut, Exupery. 

Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. Schenke mit Herz!  „Gott sieht das Herz an!“  

Und deshalb wird der David zum König erwählt? David, wird später genug Dreck am Hacken haben, wir wissen das. Er wird sich sehr schnell seine weiße Weste schmutzig machen.  Sein Herz wird böse sein!  Ist das noch gerecht? Einleuchtend?

Warum wählt sich Gott den David?!

Also auch jetzt:

Bei Gott gelten andere Maßstäbe! Er urteilt und bewertet überraschend anders als wir Menschen - gegen jede Erwartung, gegen jede Norm, gegen alle Regeln der Kunst.

 Immerhin:

Gott macht, Gott tut, Gott, lenkt, straft, beschenkt, beauftragt, redet, mischt sich immer wieder ein. Gott schaut ins Herz.

  

Jakob hat 12 Söhne, den Josef hat Jacob, der Vater, besonders gern. Seine Brüder werden eifersüchtig und sagen: „Immer Josef, das ist unfair!“ Eines Tages,  lassen sie ihre Wut an Josef aus, werfen ihn in einen Brunnen. Da kommt eine Karawane vorbei, die  zieht mit Josef weiter nach Ägypten. In Ägypten wird Josef als Sklave an Potifar verkauft. Aber Gott ist mit Josef. Warum? Wir wissen es nicht.

 Potifars Frau will Josef für sich haben. Josef sagt „Nein!“   und reißt sich von ihr los. Sie erzählt Potifar, dass Josef sie verführen wollte. Josef wird ins Gefängnis geworfen. Aber Gott schützt ihn auch hier. Warum? Ich weiß es nicht.

Josef träumt von sieben mageren Jahren und sieben fetten Jahren. Da schafft er Vorräte an für die sieben mageren Jahre!“

Bald darauf macht der Pharao Josef zu seinem Minister. Wieder zeigt sich: Gott ist mit Josef.

Warum? Schließlich gebraucht Gott den Josef, - und das wird sehr spannend erzählt, um seine Brüder und seinen Vater nach Ägypten zu holen. Josef rächt sich nicht an seinen Brüdern, obwohl die ihm übel mitgespielt hatten. Ja, warum nicht?

Gott urteilt gegen alle Regeln der Kunst. ER misst mit einem anderen Maßstab.

Gott sieht dem Josef ins Herz. Gott sieht ihn immer wieder mit liebenden Augen an, so wahr Gott selber Liebe ist. 1.Jh 4,16

 

 Da bringen einige Mütter ihre Kinder zu Jesus. Jesu Mitarbeiter protestieren, Mk 10.  Als Jesus das sah, wurde er unwillig und sagte zu ihnen: Lasst die Kinder doch zu mir kommen! Und er nahm die Kinder in seine Arme -  und segnete sie.

Das ist Gottes Ansehen. Jesus sieht die Kinder an – die Außenseiter in der Welt der Erwachsenen, die Chancenlosen. Er weiß, dass sie Segen und Kraft von Gott brauchen.  ER schaut sie an, er sieht ihnen liebevoll ins Herz.

 

Zachäus war klein von Gestalt. Lk 19. Vor allem: Zachäus war ein Lump!  Wie viele Mitbürger hatte er – als Zolleinnehmer -  übers Ohr gehaun – dort  an der Zollstation in Jericho.  Jetzt klettert er auf einen Maulbeerbaum, um Jesus rechtzeitig zu sehen, wenn er auf dem Weg vorbei kommen würde. Das Gerangel ist groß. DA kommt Jesus, bleibt an dem Baum stehen, schaut nach oben und ruft dem Zachäus zu: Ich will heute bei Dir zu Gast sein!

Warum das? Wieso der Betrüger Zachäus? Alle im Ort kannten ihn! Wieso diese kleine, lächerliche Figur?

Gott entscheidet gegen die Norm, gegen alle Regeln der Kunst. Er schaut uns ins Herz, er  sieht uns immer wieder mit liebenden Augen an! 

In der Beispielgeschichte von den beiden Söhnen, die Jesus erzählt, Lk 15, hat der jüngere Sohn in der Fremde sein Erbteil verprasst. Er geht in sich, kehrt um, läuft schuldbewusst die Straße nach Hause zurück. Der Vater sieht ihn schon von weitem, läuft ihm entgegen, schließt ihn in die Arme. Rembrandt hat diesen Moment in einem großartigen Bild festgehalten.

Warum nicht der ältere Sohn? Fragen wir. Warum der Sohn, der in der Fremde „auf den Hund kommt“ – der bei den Schweinen landet? Das ist doch das allerletzte?

Wir wissen es nicht. Gott schaut ins Herz. Er sieht tiefer. Er sieht uns mit liebenden Augen!

 

Warum beugt sich der barmherzige Samariter zu dem Verletzten hinunter? Die beiden Kirchenleute zuvor hatten einen großen Bogen um diesen da herum gemacht?  Der Samariter gehörte doch zu der verachteten Volksgruppe der Samaritaner, die – im Gegenüber zu Jerusalem - ihren eigenen Tempel auf dem Berg Garizim errichtet hatten?!?

Ausgerechnet den gebraucht Gott, um seinen Liebesdienst an den Armen, Kranken, Verletzten zu tun.?

 

Warum schickt Gott ausgerechnet den Paulus auf große Reisen, dass der das Evangelium bis nach Europa verkündet? Sie wissen: Paulus war ursprünglich ein Christenhasser! Zudem war er eher von kleiner Gestalt, behindert und wahrscheinlich krank. ?

Wir wissen es nicht. Gott schaut tiefer, Gott sieht uns ins Herz. Er sieht uns mit liebenden Augen!

Und das ist nun das absolut Großartige: Damit haben alle bei Gott eine Chance:

David mit seiner dunklen Geschichte, der Josef, den seine Brüder zu Recht verachten, die Kinder, die Frauen, der Samaritaner, der verlorene Sohn, und dann auch wir. Ich, Du, wir alle.

Der eine ein „schräger Vogel“, der andere ein komischer Kauz, der Nächste ein schwarzes Schaf, der vierte ein Überflieger, der fünfte der Siegertyp, der sechste chronisch bescheiden, der zehnte: Ich.

Gott sieht ganz einfach tiefer. Er schaut dahinter. Er schaut uns ins Herz. R sieht uns mit liebenden Augen.

 

 

Herr, allmächtiger, freundlicher Gott, wir sagen dir Dank an diesem Sonntag

Du schenkst  uns wieder Zeit zum Leben, zum Atmen. Wir nehmen das als selbstverständlich und wissen doch: es ist nicht so. Denn wir leben unter mancherlei Gefährdungen. Unsere Welt existiert auf des Messers Schneide. Um so mehr wird uns bewusst: Es ist deine Gnade, deine Freundlichkeit, die uns Raum gibt zum Leben.

Darum, meine Augen sehen stets auf den Herrn!

Okuli nostri ad dominum deum

Darum: Lass uns auf dein Wort achten, dass es wie Samen auf fruchtbaren Boden fällt, dass wir es annehmen und damit für das Leben einstehen.

Du machst uns aufmerksam auf die kleinen Dinge, das Unscheinbare, das, was wir so schnell übersehen, auch den krisengeschüttelten, schwachen und hilfsbedürftigen Mitmenschen. Aber gerade der ist in deinen Augen viel wert.

Darum, meine Augen sehen stets auf den Herrn!

Okuli nostri ad dominum deum

 Überhaupt krempelst du, Gott, unsere Werte, Normen, Regeln, Urteile immer wieder um. 

Aus kleinem lässt du Großes wachsen, so wie aus einem winzigen Korn ein großer Halm wird.

Und immer ist noch alles drin. Immer dürfen wir in Erwartung leben. Immer dürfen wir nach vorn schauen. So hören wir deine Hoffnungsworte, o Gott, auch an diesem Sonntag, mitten in der Passionszeit, weil du uns das Leben schenkst, und der Tod nicht das letzte Wort behalten wird

Darum, meine Augen sehen stets auf den Herrn!

 

Okuli nostri ad dominum deum