Rö 1, 14-17   Gottes Kraft  -  Dynamit          2007, 4.5.2008

 

Römerbrief 1, 14-17

13 Ich kann euch versichern, liebe Brüder und Schwestern: Ich hatte schon oft einen Besuch bei euch geplant, nur bin ich bis jetzt immer daran gehindert worden. Wie bei den anderen Völkern wollte ich auch bei euch Menschen für Christus gewinnen. 14 Ich bin die Botschaft von Christus allen Menschen schuldig: solchen aus hochkultivierten wie aus unzivilisierten Völkern, Gebildeten wie Unwissenden. 15 Darum war ich schon immer bereit, auch euch in Rom die Gute Nachricht zu verkünden.16 Zur Guten Nachricht bekenne ich mich offen und ohne Scheu. In ihr ist die Kraft Gottes am Werk und rettet alle, die der Botschaft glauben und sie im Vertrauen annehmen - an erster Stelle die Glaubenden aus dem jüdischen Volk und dann auch die aus den anderen Völkern.

17 In der Guten Nachricht macht Gott seine Gerechtigkeit offenbar: seine rettende Treue, die selbst für das aufkommt, was er vom Menschen fordert. Nur auf den vertrauenden Glauben kommt es an, und alle sind zu solchem Glauben aufgerufen. So steht es ja in den Heiligen Schriften: »Wer durch vertrauenden Glauben vor Gott als gerecht gilt, wird leben.«

 

Was da für eine ungeheure Kraft und Gewalt dahintersteckt, denke ich, während ich mir die Steilküste anschaue,  in Sellin links von der Seebrücke, und ich finde mich kaum zurecht: Der ganze feine Sand ist weg, nur noch Steine, Berge von Tang, Holz, entwurzelte, angeschwemmte Bäume. Ganze Teile der Steilküste abgestürzt.

Und das ist noch gar nichts: Uferausbrüche an den Kreidefelsen, wie länger nicht. Da stürzen 50.000 qm Boden vom Kliff in die Tiefe, weit ins Wasser hinein, und es dauert 2-3 Wochen, und das Meer hat viel von dem schon wieder weggeschwemmt – und das Wasser sieht milchig weiß aus. -

Kraft, Gewalt. Was für eine Kraft, was für eine Gewalt das Meer hat, das Wasser, der Regen, Frost.

Damals im alten Rom -  in den Jahren 54-68 n. Chr., hatte  Kaiser Nero Kraft und Macht zu demonstrieren. Bei Bedarf ließ er bis an die Zähne bewaffnete Legionen aufmarschieren. Nero war ein verschwenderischer, unberechenbarer Kaiser mit einem gefräßigen und bestechlichen Hofstaat und einem korrupten, geldgierigen Beamtenapparat, unfähig, der Massenarbeitslosigkeit und der wachsenden Armut zu begegnen. Im Jahre 64 n. Chr. lässt er ganze Teile der Stadt Rom anzünden und schiebt die Schuld den Christen in die Schuhe.

Und ausgerechnet der kleinen Christengemeinde in Rom schreibt Paulus nun, wenige Jahre zuvor, im Jahre 56 von Korinth aus  seinen Brief zum Thema Kraft:   

Ich schäme mich des Evangeliums nicht !   Übersetzung Die Gute Nachricht: Zur Guten Nachricht bekenne ich mich offen und ohne Scheu. ...In ihr ist die Kraft Gottes am Werk.

Da sind wir wieder beim Thema: Kraft. Und Macht. Im Griechischen steht da: Dynamis. Dynamit! Ein Funke genügt, und das ganze explodiert!

Das ist die Antwort  des Paulus auf  unsere menschlichen Wünsche nach Macht, Einfluss, die Antwort auf unsere Wünsche nach Kraft, nach etwas Gelten, etwas Darstellen wollen, es zu etwas bringen wollen,  die Antwort auch auf die Sehnsucht nach religiöser Kraft, nach Vollkommenheit, nach Sinn und dem Wunsch, etwas Gutes zu tun:

„In der Guten Nachricht ist Gottes Kraft am Werk, und sie rettet alle, die der Botschaft glauben und sie im Vertrauen annehmen.“

Paulus legt nun nicht irgendwelche guten Ratschläge auf den Tisch, wie man im Leben denn gut über die Runden kommen könnte, wie man denn immer schön Oberwasser behalten kann, wie man seinen Einfluss spielen lassen kann, wie man wer ist...       Er beschreibt genau das Gegenteil von dem, was wir für gewöhnlich unter Kraft verstehen: Er schreibt von Jesus Christus. „Ich bin die Botschaft von Christus allen Menschen schuldig,...“ Kurz und bündig.

Und schon haben wir vor Augen, wie Jesus auf einem Esel nach Jerusalem kommt, nicht auf einem Streitross, wie er zu Gast ist bei den Habenichtsen, wie er gefangen genommen wird und ohn-mächtig am Kreuz stirbt – ohne Macht!

Doch wenig später  behaupten seine Freunde: „Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“ Sie bezeugen, dass Gott auf der Seite der Schwachen zu finden ist!!  Dass Gott gerade da ist, wo du schwach bist. Und damit bist du, wenn du schwach bist, stark!

Da kommt uns – mit Jesus -  ein Gott entgegen, der so ganz anders ist als erwartet. Da macht uns Jesus einen Gott bekannt, der nicht mehr in das Raster der Pharisäer und Schriftgelehrten passt: Hier, das sind die Guten, und dort, das sind die Schlechten. Die einen ins Töpfchen, die andern ins Kröpfchen. Da macht uns Jesus einen Gott bekannt, der nichts mehr taugt für die Machtspiele der Kaiser und Könige und Kirchenfürsten, nach dem Leitsatz: Gott mit uns!:

Die Christen gegen die Nichtchristen, Die Christen gegen die Muslime, die Deutschen gegen die Ausländer. Die freie Welt gegen die Achse des Bösen – nein, „Gott will, dass allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“

Damit entfaltet nun Paulus in den hier folgenden Abschnitten des Römerbriefes seine berühmt gewordeneRechtfertigungslehre, die besagt:

Allen Menschen bietet Gott unterschiedslos das Heil an, und jedem, der glaubt, wird Rettung zugesagt. Nun gut, den Juden zuerst, so Paulus, die haben ja bereits eine lange Geschichte der Rettung und Befreiung mit Gott hinter sich, seit Noah, seit Abraham und Jacob, seit der Flucht aus Ägypten, sie wurden zuerst erwählt – aber ansonsten sind vor Gott alle Menschen gleich.

Und darum will Paulus, so wörtlich, „ein Schuldner der Griechen und der Nichtgriechen, der Weisen und der Nichtweisen sein – und auch in Rom nun das Evangelium, die Gute Nachricht von Christus bekannt machen.

Das ist das Besondere, darin steckt Kraft, Dynamis: Gott macht keine Unterschiede. ER bietet allen Menschen Schuldvergebung an, die Chance zum Neuanfang, Frieden, Sinn, und Glück.

Jahrhunderte später wird ein M.Luther formulieren:  „Was ich so lange suche, das wird wohl die BarmherzigkeitGottes sein.“ Das war Luthers Entdeckung im Turm des Schwarzen Klosters in Wittenberg.

Und darum gibt es nun keine Sonderposten mehr (Was hat das Papsttum noch für einen Existenzberechtigung?) Jetzt gibt es keine Privilegien mehr (Was soll mit den Kirchenschätzen und den Klöstern passieren?) Jetzt gibt es keine extra Verdienste mehr (durch Wallfahrten, Klosterleben, Opfer erworben). Wir werden ohne unser Verdienst gerecht. Wir  kommen vor Gott zu recht ohne eigene Leistung!

Dynamit steckt in solchen Sätzen. Kraft steckt da drin. Und die packt den Martin Luther. Die verändert schließlich  nicht nur den Reformator selber, sie befreit nicht nur ihn von Angst und Schuldgefühlen - sie verändert radikal auch die Kirche und die Kultur unseres Abendlandes.

Gott erweist seine Kraft, indem er sich als der Barmherzige zu erkennen gibt. So kann Gott den Lauf der Dinge beeinflussen. So wirkt er auf Menschen, und wir denken an den Zachäus, den Zöllner, auf den Jesus sich einlässt, oder an die Ehebrecherin (die man steinigen will), oder die Samaritanerin am Jacobsbrunnen ( von den Juden verachtet).

Wir haben den  Franz von Assisi vor Augen, dessen Leben eine radikale Wende erfährt, oder den M. Luther, oder Johannes Bugenhagen, an der Seite M. Luthers, den großen Reformator Pommerns, an dessen 450.Todestag wir in diesem Jahr denken, oder die Elisabeth Frey, im England des 19. Jh. der „Engel der Gefangenen“, wie sie genannt wurde, oder heute den Professor so und so, oder den Alkoholkranken, dem man gerade wieder seinen Führerschein abgenommen hat, oder die Frau, die nun ins Pflegeheim gekommen ist, und sie strahlt eine unwahrscheinliche Gelassenheit und Zufriedenheit aus, wenn man sie besucht. Oder... oder...

Uns allen bietet Gott seine unerklärliche Güte, nämlich Heil,  Heilung und Rettung an. SEINE  Barmherzigkeit, Freundlichkeit steht jedem Menschen offen. Das ist Dynamis, Kraft,  Power von Gott: Sie kann jeden packen, ohne Vorleistung, ohne Anzahlung. 

Und da brauchst du nicht nach irgendeinem billigen Ersatz suchen. Du musst nicht nach irgend etwas anderem greifen,was dir Glück und Wohlsein, und Entspannung und Selbstfindung und Sinn verspricht.

Paulus schreibt seinen Brief an Christen in Rom, mit denen er so seine Sorgen hat. Es gibt da nicht wenige, die sehen in all dem, was wir mit Jesus haben, in den Geschichten, Gleichnissen, den Jesus-Worten nur eine erste Kraftspende. Danach müssen andere Kraftquellen erschlossen werden, meinen sie: Die Macht der Sterne, der Natur, die göttlichen Geheimnisse. Heute würde man sagen: Ein bisschen Esoterik, ein bisschen Joga, Astrologie, Gruppendynamik, fernöstliche Spiritualität,  usw. usw.

Dagegen setzt Paulus Gottes Kraft, die in der Guten Nachricht am Werk ist. Und damit lässt sich´s leben. Damit lässt sich´s auch widerstehen:

Wenn du weißt, dass du von Gott geliebt bist, so wie du bist, (unterschiedslos), dann bist du nicht mehr käuflich und der Gewalt verführbar. Wenn du weißt, dass du Gottes Kind bist, dann kannst du Konflikte zu lösen versuchen und Frieden stiften. Wenn du weißt, dass dein Leben in Gottes Augen Ewigkeitswert hat, dann verlieren deine Zukunftssorgen an Gewicht. Ängste werden kleiner. Der Himmel lichtet sich. Ein Weg findet sich - und du atmest auf.

Das alles ist drin, weil SEINE Kraft in den Schwachen mächtig ist, weil SEINE Liebe „wie Gras und Ufer ist, wie Wind und Weite, und wie ein Zuhaus.“(Lied)