1. Petr 1,3  Hoffnung  -  Der weite Horizont       1998.  4.4.1999

 

1. Petrusbrief 1,3-9   

Gott ...hat uns neu geboren und mit einer lebendigen Hoffnung erfüllt... Sie richtet sich auf das neue Leben, das Gott schon jetzt für euch... bereithält...

Deshalb seid ihr voll Freude, auch wenn ihr jetzt, wenn Gott es so will, für kurze Zeit leiden müsst... Das geschieht  nur, damit euer Glaube sich bewähren kann...

 

Was würden Sie denken,  wenn Sie einen Brief mit  den Worten unseres Predigttextes erhielten? Gelobt sei Gott, der uns neu geboren hat zu einer lebendigen Hoffnung!

Würden Sie die Annahme verweigern?? Würden Sie ihn öffnen und dann sagen: Jetzt habe ich anderes erwartet. Ich brauche keinen billigen Trost. Laßt mich in Ruhe mit solch überschwenglichen Worten! ?  Was habe ich schon zu hoffen; mein Leben läuft halt in seinen Bahnen.  ?

Oder würden Sie den Brief verwahren, weil das irgendwie gut klingt, weil da allein schon das Wort HOFFNUNG drin steht, und Hoffnung ist eben etwas Gutes, ohne Hoffnung kann kein Mensch leben?

Zu bestimmten Zeiten des Lebens sehnen wir uns nach bedeutsamen Worten, manchmal sogar nach solch feierlichen Worten, wie sie in diesem großen Hymnus am Anfang des ersten Petrusbrie¬fes stehen:

Das kann an der Schwelle zum neuen Jahr sein, das kann im Krankenhaus sein, das ist zur Taufe, zur Konfirmation, zur Trauung, zum Geburtstag, zur Beerdigung eines lieben Menschen so - in Glückszeiten, wie in  Notzeiten, da fallen uns z.B. Cho¬ralverse ein, die wir nie auswendig gelernt haben, und gute Gedanken, die längst vergessen waren. Eben da holen wir die Schachtel mit der Schleife hervor mit den Briefen von damals, die es wert waren, gelesen zu werden.

Da habe ich meine Eltern jetzt zum ersten Mal ernsthaft gefragt, wie denn mein Taufspruch heißt (auf der Taufurkunde war er nicht vermerkt).

In bestimmten Augenblicken des Lebens suchen wir einen Grund unter den Füßen, ein Licht am Horizont. Und da kann es sein, daß bestimmte Worte plötzlich für uns lebendig werden, zu reden anfangen, auch Worte der Bibel...

Wie in der Antike üblich beginnt der 1. Petrusbrief mit einem über¬schwenglichem Lobpreis!

Aber es wäre falsch, dem Verfasser nun dieses Briefes vorzuwerfen, er vertröste billig die bedrängte Gemeinde in der Zeit der Verfol¬gung.  Der Brief ist bis heute aktuell geblieben, weil er die Sorgen und Nöte der Christen ernst nimmt.

Die Christen in Kleinasien, an die der  1.Petr.brief gerichtet ist, sind noch nicht den späteren schweren Verfolgungen ausgesetzt, und doch werden sie bereits als auffällige Außenseiter abgestempelt. Sie sind wunderliche Figuren, die man belächelt, Störenfriede, die man ausschalten will. Aber warum?

Christen fallen auf, wenn sie denn mit Ernsthaftigkeit Christen sind! Sie fallen auf mit ihrer Botschaft, mit ihrem Glauben, mit ihrem Verhalten. Sie sind, ob sie wollen oder nicht, anders als die anderen, wenn sie sich um Witwen und Waisen kümmern, für ihre Feinde beten, miteinander Freudenmahlzeiten halten usw. Das ist für die Umwelt nicht mehr normal!

Sie sind, so dachte man im Römischen Reich, Rebellen gegen die göttliche Harmonie, in der alle Religionen tolerant nebeneinander -   und untereinander vermischt, zusammenleben.

Der 1.Petr.brief hingegen betont:

 Wir sind in der Welt, aber nicht von dieser Welt! Wir werden hier nie ganz zu Hause sein! Wir können uns nicht selbst erlösen! Und diese Distanzierung von der Welt, etwa vom Kaiserkult, von Unrecht und Gewalt, bringt der Christengemeinde die Probleme ein, die Anfeindungen der Umwelt.

Vor allem entzündet sich der Ärger an dem Thema Hoffnung, an dem weiten Horizont der Christen..

Wie schrieb Paulus noch? 

1.Korintherbrief 15,19  15,58:

Wenn wir nur für das jetzige Leben auf Christus hoffen, sind wir bedauernswerter als irgend jemand sonst auf dieser Welt.  Und darum, meine lieben Brüder und Schwestern, werdet fest und unerschütterlich in eurem Glauben  und tut stets euer Bestes für die Sache des Herrn.

Da hakt es bei den anderen halt aus. Da kommen die Menschen nicht mit, die sich ihre kleine Götterwelt zusammen gezimmert haben für alle Fälle,  oder die nur noch ihr Leben sehen zwischen Geburt und Tod, die meinen, grundsätzlich auf sich allein angewiesen zu sein, am Ende beißen mich die Hunde.

Ich denke immer noch mal an die Seebestattung zurück, die nun schon länger als ein Jahr zurückliegt:

Wir betraten die Mole in Sassnitz. Mit mir Trauernde. Sträuße in den Händen. Und dann fuhr das Schiff mit uns aufs Wasser hinaus.

In der Kabine erinnerte ich an das Leben der Verstorbenen, zitierte Worte des 139 Psalms: Flöge ich dorthin, wo die Sonne aufgeht...

Mit dem Kapitän, der dann die Urne in die Hände nahm, traten wir nach draußen an die Reling. So ist das Leben, sagte er, der eine kommt, der andere geht, und senkte dabei die Urne ins Wasser. Die Angehörigen warfen Blumen hinterher. Dann zog der Dampfer drei Runden um die Stelle herum und gab mehrmals mit dem Signalhorn laute Töne ab.

Ich dachte: Sollte das alles sein in letzter Minute? Haben wir nicht mehr zu sagen,  zu glauben und zu hoffen?

So sprach ich gegen die Motorengeräusche und den Wind die üblichen Worte: Wir bestatten Frau Sowieso...und vertrauen... Und dann das Vaterunser, während die Blumen auf dem Wasser sich immer mehr entfernten.  Das Schiff wendete zum letzten Mal und ich hatte das volle Sonnenlicht dieses Tages vor mir, das über die weite Wasserfläche glitzerte und mir die Augen blendete.

Diesen Augenblick habe ich bis heute nicht vergessen!!

Dieses Licht - und dazu die Worte des Psalms: Fliege ich dorthin, wo die Sonne aufgeht...auch dort bist du, Gott.

In ganz ähnlichem Sinne lenkt der Verfasser des Petrusriefes un¬seren Blick hin zum Horizont. Allerdings:

Der Horizont unserer Hoffnung hat einen Namen, hat schließlich ganz bestimmte Erfahrungen:

• Da gab es den Auszug der Kinder Israels aus dem Sklavenhaus Ägypten, das Herauskommen aus der Unfreiheit, aus dem Tod. Immer wieder wird, bis ins Neue Testament hinein, darauf Bezug genommen.

• Da gab es den Auszug Jesu aus dem Totenhaus, dieses merkwürdige Sehen und Erkennen der Jünger zu Ostern, das ohne das alte israelitische Bekenntnis der Befreiung aus der Sklaverei nicht zu verstehen ist.

• Und da gibt es schließlich mein eigenes Leben, manchmal so und mal so, mal zu Tode betrübt, dann wieder himmelhoch jauchzend - das Gott herausholt aus dem Tod, damit das Leben siegt, daß wir einen weiten Horizont haben!

Ostern werden wir existenziell verstehen müssen, oder es sagt überhaupt nichts.

Unser Brief warnt die Christengemeinde schließlich davor, sich nun darum ängstlich zurückzuziehen oder sich arrogant abzukapseln. Die Christengemeinde kann nicht in die Wüste flüchten, um dort etwa modellhaft das zukünftige Gottesreich vorzuleben. Vielmehr wird sie ermahnt zur Standhaftigkeit und zur Bewährung ihres Glaubens - hier und jetzt und mitten in dieser Welt.

Gott ...hat uns neu geboren und mit einer lebendigen Hoffnung erfüllt.... sie richtet sich auf das neue Leben, das Gott schon jetzt für euch... bereithält...  Deshalb seid ihr voll Freude, auch wenn ihr jetzt, wenn Gott es so will, für kurze Zeit leiden müßt... Das geschieht  nur, damit euer Glaube sich bewähren kann...

Auch Druck und Verfolgung können die Botschaft von Hoffnung und Leben nicht aus der Welt schaffen.

Die Kirche hat oft genug in ihrer Geschichte erfahren, dass ihr Bedrängnisse und Notzeiten nicht geschadet haben, sondern sie befruchteten: Der Glaube wurde fester, die Hoffnung lebendiger, und die Gemeinde wuchs, und mit ihr die Liebe zur Gerechtigkeit, das nachhaltige Interesse an den Letzten und zu kurz Gekommenen. 

Diesen Funken des Lebens, der schon in Jesus war, konnten die Mächtigen bis heute nicht auslöschen. Und in diesemSinne singen wir: Jesus lebt, mit ihm auch ich, Tod, wo sind nun deine Schrecken...

Wir sind nicht mehr eingesperrt in das Raster der Vergänglichkeit, der Schuld. Und genau das wird unmißverständlich jedem gesagt. Dafür steht das Wort ,,wiedergeboren". Und wiedergeboren , das wußte jeder Insider, zielt auf die christliche Taufe! Gott hat uns mit der Taufe zu neuem Leben geboren.

Im Wasser untergetaucht, tot (man dachte sich das ganz bildlich!) - und aus dem Wasser aufgetaucht, sauber sein, atmen können, die Sonne, das Licht.

An der kindlichen Freude der Getauften nahm einst die ganze Gemeinde bewegten Anteil. Man sagte von ihren neuen Gliedern: Sind sie nicht „wie neugeborene Kinder?“

Allerdings:

Nicht wir machen´s.  Keiner kann seine eigene Wiederge¬burt herbeiführen. Und wenn die Techniken noch so raffiniert und ausgefeilt sind. (Die Sekten haben da einiges im Programm.)

Wir können vieles tun, um eine feste Grundlage für unser Leben unter die Füße zu bekom¬men. Wir können versuchen, gute und edle Menschen zu sein - aber damit sind wir noch keine Gotteskinder. Wir können versuchen,  solidarisch zu helfen wo möglich, aber wer gibt uns die Gewißheit, daß Schuld vergeben ist? Wir können noch so viele Versicherungen eingehen - sind wir damit sicher?

Er gibt uns Grund unter die Füße. Er zeigt uns, wer wir sind, - und was alles drin ist in Zukunft.

Der weite Horizont heißt Hoffnung.  Wir müssen nicht mehr um Lebens¬erwartung bangen und nach Lebensverlängerung schreien. Durch den Glauben, durch die Taufe gehören wir zum Aufer¬standenen. Und Christus lebt dann wirklich, wenn er etwas in unserem Leben ändert, wenn er etwas in unserem Leben bewirkt.

So will uns der Schreiber des Petrusbriefes heute dazu ermutigen, das Leben mit seinen Herausforderungen jetzt ernst zu nehmen, sie als Bewährungszeit zu verstehen - aber dies eben vor dem weiten Horizont der Hoffnung, die uns seit Ostern erfüllt. Denn wir sind doch mit einer lebendigen Hoffnung erfüllt, so der Schreiber, so wahr Gott das neue Leben für uns bereitet hat.