Lk 16,19-31

19 »Es war einmal ein reicher Mann, der immer die teuerste Kleidung trug und Tag für Tag im Luxus lebte.

20 Vor seinem Haustor lag ein Armer, der hieß Lazarus. Sein Körper war ganz mit Geschwüren bedeckt.

21 Er wartete darauf, daß von den Mahlzeiten des Reichen ein paar kümmerliche Reste für ihn abfielen. Er konnte sich nicht einmal gegen die Hunde wehren, die seine Wunden beleckten.

22 Der Arme starb, und die Engel trugen ihn an den Ort, wo das ewige Freudenmahl gefeiert wird; dort erhielt er den Ehrenplatz an der Seite Abrahams.

Auch der Reiche starb und wurde begraben. 23 In der Totenwelt litt er große Qualen. Als er aufblickte, sah er in weiter Ferne Abraham, und Lazarus auf dem Platz neben ihm.

24 Da rief er laut: 'Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir! Schick mir doch Lazarus! Er soll seine Fingerspitze ins Wasser tauchen und meine Zunge ein wenig kühlen, denn das Feuer hier brennt entsetzlich.'

25 Aber Abraham sagte: 'Mein Sohn, denk daran, dass du schon zu Lebzeiten das dir zugemessene Glück erhalten hast, Lazarus aber nur Unglück. Dafür kann er sich nun hier freuen, während du Qualen leidest. 

 

 

Eine laue Vollmondnacht.

In einem Strandhotel am Meer wird ein Fest gefeiert. Die Gäste drängen sich auf der Terrasse.

Festlich gekleidet die Herren im Smoking, die Damen mit langen Abendkleidern. Shanel-Düfte überdecken den Tanggeruch, der vom Meer herüberweht.

Ein Kellner ballanciert ein Tablett mit einer Flasche und einigen Gläsern. Andere halten ihr Glas in der Hand. Leise Musik spielt. Höfliche Unterhaltung. Mehrere Paare beginnen zu tanzen. Eine elegante Party.

Ob wir gern dabei wären?

Feiern, das Leben genießen, so lange es geht, so lange noch die Rose blüht?

Da kommt ein Herr dazu, leger, locker, in einem Anzug, den Karl Lagerfeld geschneidert haben könnte.

Und mit wem beginnt er das Gespräch, höflich, die Worte sorgfältig gewählt?

Man traut seinen Augen nicht:

Ausgerechnet mit einem Pastor, einem Pfarrer von Amts wegen. Der Stehkragen und der schwarze Anzug, die salbungsvolle Stimme verraten ihn.

 

Aber weiter: Wer ist denn das, dort, da unten?

Was hat denn der da, weiter unten an der Treppe, hier zu suchen??

Wie der gekleidet ist. Der ist doch hier falsch! Ein Penner. Ein Obdachloser. Einer, der an der Straße bettelt und wenig später die paar Cent in Büchsenbier umsetzen? Solche Leute gehen einem doch echt auf die Nerven! Die durchwühlen die Abfalltonnen beim Discounter nach Essbarem. 

Wer also mag das sein – dort, an der Treppe?

 

Und sogleich erinnern wir uns an die Geschichte, die Lukas erzählt.

Der Mann hieß Lazarus.

Lazarus, das bedeutete so viel wie: Gott hilft.

Dieser eine da außen vor – war also in den Augen des Evangelisten Lukas nicht einer, der einfach nur gesinnungslos und verkommen war.

Er war ein Mensch, immer noch ein Mensch!  - dem Gott helfen wollte.

Zunächst ist er krank, am ganzen Körper mit Geschwüren bedeckt. Und – er bettelt.

Lazarus wartet darauf, so lese ich, dass von den Mahlzeiten des Reichen ein paar kümmerlich Reste für ihn abfallen.

Wie lange wartet er schon?

Mittlerweile müssen ihn doch alle gesehen haben??

Alle sind doch gleich zu Beginn der Party an ihm vorbeigekommen, als sie über die lange vornehme Treppe das Hotel betraten.

Interessiert sie alle - der da draußen nicht, nicht das geringste Interesse?

Sie unterhalten sich, sie tanzen. Gläser klingen, sie prosten einander zu.

Im Augenblick jedenfalls sind sie mit sich selbst beschäftigt. Vielleicht ändert sich das ja noch? Gelegentlich werden sie schon ein bisschen spendabel gewesen sein. Oder?

Lazarus wäre nicht am Zugang zum Hotel, dort an der Treppe aufgetaucht, wenn er nicht tatsächlich dann und wann von den Mahlzeiten der oberen Zehntausend etwas abbekommen hätte!

 

Außerdem, warum sollten sie sich gerade jetzt um den Kranken, Obdachlosen da kümmern?

Arme musste es ja geben. Wo kein Schatten ist, ist auch kein Licht. So denken viele, bis heute: Wir werden die Welt nicht retten! Wir werden die Welt niemals so verändern, dass es allen gut geht…

 

Vielleicht dachten sie ja auch, wie üblich in biblischen Zeiten, dass Krankheit und Armut eine Strafe von Gott sind:

Wer weiß, was der da oder einer seiner Vorfahren verbrochen hat, dass Gott ihn jetzt so fürchterlich bestraft!

Erklärungen lassen sich für alles finden. Und immer waren Antworten schnell parat:

·     Warum so viele Ehen zerbrechen? Weil Treue und Geduld nicht mehr zählen.

·     Warum der Fremdenhass wächst? Ist doch klar, weil Wirtschaftsflüchtlinge uns überschwemmen.

·     Warum Jugendliche so ausflippen? Den geht es einfach zu gut.

·     Warum immer mehr Menschen keine Arbeit haben? Weil die arbeitsscheu sind.

Unerträgliche Antworten, die die Schuld an der Not den Opfern zuschieben und das eigene Gewissen beruhigen.

 

Und so wendet der Reiche dem Lazarus, dieser Jammergestalt, guten Gewissens den Rücken zu - und bleibt mit anderen weiter im Gespräch vertieft.

 Lukas  erzählt nun den Ausgang der Geschichte anders, als von seinen Lesern erwartet.

Gottes  Segen liegt zuletzt– und das ist wirklich unerhört ! -   auf dem Kranken -  nicht auf dem Reichen!

Nach dem Tod des Lazarus wird dieser von Engeln in Abrahams Schoss getragen - und der Reiche landet in der Hölle, im Feuer, am Ort der Qualen.

 

 

Wenn Lukas Jesusworte und -gleichnisse aufgreift, will er, dass die, die gut dran sind, die Wohlhabenden, die Reichen, die Pharisäer, die oberen Zehntausend, eigentlich jeder von uns -  zuerst danach fragen, was Gott will – und infolge dessen ihre Einstellung zu anderen Menschen ändern,

dass wir umkehren (Buße tun ist dazu das biblische Wort!)  -  und so Heilung und Heil erfahren.

Wie oft hatte Jesus gesagt: „Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in Gottes neue Welt.“ Aber die Pharisäer lachten nur, weil sie geldgierig waren, erzählt Lukas, der Evangelist.

„Liebe den Herrn, deinen Gott von ganzem Herzen,  mit ganzem Willen und mit aller deiner Kraft und mit deinem ganzen Verstand! Und: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.“ (Lk10,27) Jesus.

 

Und nun stellen Sie sich vor:

Wenige Minuten noch, und die Party dort auf der Terrasse des Hotels wird zu Ende sein. Die Zeit ist weit fort geschritten. Einige Flaschen liegen auf den Tischen, etwas Wein verschüttelt. Auf einem Aschenbecher glimmen Zigarettenreste.

Jetzt werden auch die letzen Gäste das Hotel verlassen.

Ja, aber was nun??

Dort an der Treppe, am Geländer, liegt noch immer der da, der sich nicht abwimmeln lässt, einer der Millionen Gesichtslosen, Namenlosen, die es überall auf der Welt gibt:

in den Flüchtlingszelten der Türkei, in den geschlossenen Stationen der Krankenhäuser hier bei uns, den Entzugseinrichtungen,

manchmal in einem Pflegeheim, unter Brücken, in Containern...  vergessen, abgeschoben, ausgebootet, weggeschwemmt,

ohne Liebe und ohne Wärme.

Solche Verhältnisse sind für uns in der Regel nicht relevant.

Uns geht es gut. Ein Teil der Bundesbürger sitzt auf einem fast unvorstellbaren Vermögensberg von 10.000 Milliarden oder 10 Billionen Euro, die Zahl der Millionäre wird in unserem Land auf eine Million geschätzt. Dem gegenüber gibt es mehr als 3 Millionen Sozialhilfeempfänger. Und die Corona-Krise hat daran nichts geändert.!

 

Jetzt werden sie das Hotel verlassen müssen.

Der Gastgeber, der Reiche in seinem Karl-Lagerfeld-Anzug, der Pfarrer mit seinem salbungsvollen Getue, - und auch wir.

Sind wir einer der Gäste, die gut dran sind, auch „wenn die ganze Welt zusammenfällt“ (wie es in einem alten Lied heißt)?

Bin ich etwa der „Herr Pfarrer“ gleich daneben, der sich so blendend unterhält?

Spätestens, wenn nun das Fest zu Ende geht - und ich  nach Hause will, muss ich da die Treppen runter, müssen wir alle an dem Lazarus vorbei, der einfach nicht geht.

Wie werden wir uns verhalten? Was werden wir tun?

Du und ich, wir müssen uns entscheiden, jetzt, auf den nächsten Metern unseres Weges.

Wir müssen uns entscheiden – und davon hängt unser Leben ab,

das entscheidet, wie unsere Zukunft aussehen wird, Himmel – oder Hölle - das ist der Tenor des Lukas. So ernst ist das:

Der Schriftsteller Sartre schrieb einmal: „Die Hölle - das sind die anderen.“

Roger Schutz aus Taize schrieb ganz anders - in seinem 2.Brief „an das Volk Gottes“:

Mache deine Wohnräume zu einem Ort, an dem andere immer willkommen sind. ..Du hast Nachbarn im Treppenhaus, Wohnviertel. Nimm dir Zeit, immer wieder auf sie zu zugehen und mit ihnen Verbindung zu knüpfen. Du wirst dabei oft auf große Einsamkeit stoßen und feststellen, dass die Grenze der Ungerechtigkeit nicht nur zwischen Kontinenten, sondern nur einige hundert Meter von deiner Wohnung entfernt verläuft. - Lade andre zum Essen ein... Setze deine Kräfte dafür ein, dass für alle eine Angleichung der Löhne und menschenwürdige Arbeitsbedingungen erreicht werden. 

Das Miteinander teilen schließt die ganze Menschheitsfamilie ein. Es ist unerlässlich, gemeinsam zu kämpfen, um die Güter der Erde neu aufzuteilen.

Wie werden Sie sich entscheiden, jetzt, morgen, im nächsten Jahr?

So – oder so. Das ist hier die Frage.