Apg 17,22    Paulus in Athen  -  Dem unbekannten Gott        2002, 3.5.2009

 

Apostelgeschichte 17,22-28 

22 Paulus trat in die Mitte des Areopags und sagte: »Ihr Männer von Athen! Ich sehe, dass es euch mit der Religion sehr ernst ist.

23 Ich bin durch eure Stadt gegangen und habe mir eure heiligen Stätten angesehen. Dabei habe ich auch einen Altar entdeckt mit der Inschrift: 'Für einen unbekannten Gott'. Was ihr da verehrt, ohne es zu kennen, das mache ich euch bekannt.

24 Es ist der Gott, der die Welt geschaffen hat und alles, was darin lebt. Als Herr über Himmel und Erde wohnt er nicht in Tempeln, die ihm die Menschen gebaut haben.

25 Er ist auch nicht darauf angewiesen, von den Menschen versorgt zu werden; denn er selbst gibt ihnen das Leben und alles, was sie zum Leben brauchen. …

27 Und er hat gewollt, dass die Menschen ihn suchen, damit sie ihn vielleicht ertasten und finden könnten. Denn er ist ja jedem von uns ganz nahe.

28 Durch ihn leben wir doch, regen wir uns, sind wir! Oder wie es einige eurer Dichter ausgedrückt haben: 'Wir sind sogar von seiner Art.'  

 

Als Paulus Athen besucht, ist diese Stadt immer noch eines der größten Zentren antiker Geisteskultur. 5000 Einwohner wohnen zwar nur noch hier, die Römer haben Korinth inzwischen zur Hauptstadt der römischen Provinz Achaja gemacht, und doch ist diese Stadt  Athen bekannt, geradezu berühmt -wegen der Vielzahl seiner Altäre und Tempel.

Ich stelle mir vor, wie Paulus sich einen Weg durch die Gassen der Stadt bahnt, wie er die Augen aufreißt, das pulsierende Leben wahrnimmt, vor Denkmälern stehen bleibt und alte Inschriften zu entziffern sucht. Eine Atmosphäre muss das gewesen sein – einmalig, wie wenn da jemand aus der Provinz zum ersten Mal den Louvre sieht oder den Eifelturm besteigt, wie wenn da der Christoph Rosenow aus Sellin nach längerer Zeit nach Berlin fährt und dort Mühe hat, eine mehrspurige Straße zu überqueren, ohne angefahren zu werden, oder sich auf dem mehrstöckigen neuen Hauptbahnhof zurechtzufinden.

Die Stadt Athen atmet geradezu Geschichte, Kultur und Kunst.

 

Eine ganze Reihe von Philosophenschulen haben sich hier gegründet. Kluge Köpfe auf der Suche nach Erkenntnis,nach Wahrheit, suchen nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält, sind auf der Suche – nach Gott.

Da sind zum einen die  "Epikureer". Sie nennen sich nach dem griechischen Philosophen Epikur, der im Jahre 270 v. Chr, also nicht ganz  300 Jahre vor Paulus, in Athen gestorben war. Er forderte die Menschen auf, "das zeitlich begrenzte Leben auszukosten, es in all seinen diesseitigen Freuden zu genießen", das sinnliche Vergnügen suchen im gepflegten Gespräch, in klugen Gedanken, im Anhören von Musik, im Betrachten von Kunstwerken und – natürlich im Philosophieren, also im Nachdenken über Gott und die Welt. Die Götter allerdings, die hausen für ihn, Epikur,  zwar noch irgendwo, aber sie können sich längst nicht mehr in die Welt einmischen.

Und da sind zum anderen die "Stoiker", die ganz anders: Sie halten sich an den Philosophen Zenon, der ebenfalls in Athen lebte und dort um 263 v. Christus gestorben war. Zenon wirkte schon äußerlich streng und herb. Die Lust, in der Epikur das höchste Glück zu entdecken glaubte, ist ihm verdächtig; er nennt sie „die Verführerin der jugendlichen Seele zur Weichlichkeit".

An ihre Stelle tritt für ihn die Pflicht. Und das hängt mit seinem Gottesglauben zusammen: Für ihn sind die Götter die Seele der Welt. Die Götter stecken in allem drin, was da lebt und sich bewegt, und deshalb ist es die Pflicht des Menschen, dass er übereinstimmend mit der Natur lebt, und sich verantwortlich den öffentlichen Aufgaben stellt.

Das alles sieht Paulus nun vor sich. Lebenslust und –freude, Pflichtgefühl – und irgendwo die Götter, fern ab - oder mitten drin in allem, was da lebt.

Und was macht er? Wie verhält er sich, er, der doch missionieren, also den christlichen Glauben bekannt machen willin dieser Stadt?

Er verteufelt sie nicht, die Elite der Klugen, der Genießer. ER ist nicht wütend auf die Alternativen, die Naturschwärmer – und die fremden Götter dieser Stadt. Er sucht das Gespräch mit ihnen, den Vornehmen, den Gebildeten, den Philosophen, sucht die scharfe, denkerische Auseinandersetzung.

Denn sie sind ja alle Leute, die nach Gott fragen, sich nach dem Vollkommenen sehnen, nach Gott hungern und dürsten.Und das ist für Paulus zunächst etwas überaus Positives! Das verbindet ihn mit den Athenern.

 

In einer Psalmentransformation las ich:

Ohne Hunger und Durst wirst du nicht mehr und wachsen. Ohne Hunger und Durst wirst du Gott nicht sehen,denn den Suchenden gibt er Gnade. Der Hunger und Durst in uns ist die Hand, die sich nach Gott ausstreckt.

Allerdings ist Paulus nun nicht einer, dem der Glaube, dem die Religionen beliebig oder untereinander gleichwertig sindnach dem Motto: Jeder soll nach seiner eigenen Fasson selig werden!

Oder, um an Lessings Ringparabel zu erinnern: Paulus ist nun nicht einer, der alle Religionen, auch die christliche, auf eine Urreligion zurückführt.

Für Paulus verehren die Athener bisher nicht weniger – aber auch nicht mehr als einen unbekannten Gott. Bestenfalls ahnen sie Gott – aber sie kennen ihn noch nicht.

"Ich... fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt."(Vers 22f.)

Offenbar ist der Augenblick günstig, dass Paulus nun, im fairen Streit, seinen eigenen christlichen Glauben entfalten kann, und jedermann wird gespürt haben, dass dieser christliche Glaube zwar an die Armen, Verachteten, die Sklaven gerichtet war, aber nun ebenso auch die „Gebildeten unter ihren Verächtern“ meinte, wie später jemand formulierte (Friedrich Schleiermacher).

Dabei steht und redet Paulus mutig mitten auf dem Areopag. In alten  Zeiten tagte auf dem Areshügel von Athen der oberste athenische Gerichtshof. Jetzt, in römischer Zeit, hatte er seine Sitzungen in der Königshalle am Markt ( Forum), und seine Befugnisse erstreckten sich nur noch auf Religion und Bildung.

Hier also, vor dieser Königshalle am Marktplatz – vielleicht ja sogar in der Halle vor der richterlichen Behörde selbst,ergreift Paulus das Wort, empfindsam und behutsam, ohne die Andersglaubenden zu verletzen, aber doch deutlich und klar.

Er spricht von dem Gott, der uns sein liebevolles Gesicht in der Person des Jesus aus Nazareth zeigte, der sich uns durch Jesus bekannt gemacht hat. Vers 18: Er verkündet "das Evangelium von Jesus und von der Auferstehung".

Aber wie macht Paulus das, dort in Athen? Wie würden wir es heute tun? Wie sprechen wir von dem lebendigen Gott zu denen, für die schon die Frage nach Gott ein Witz ist, die mit ganz anderem befasst sind: die allein das Leben genießen wollen ( so wie die Epikureer), die in den Fußballstadien und auf den Bühnen – und in den Big Brother-Containern ihre Idole, Stars, ihre Götter anbeten, die in der Natur, in der Stille des Waldes, im Anblick des Meeres Gott verehren (wie die Stoiker) – aber, genau genommen, einen namenlosen unbekannten, fremden Gott?

Wie können wir denen Gott verkünden, die mit dem Überich von Freud, den Tiefenschichten in uns, der Weltseele oder den Sternbildern eine Instanz beschreiben, die uns zu bestimmen scheint?

Wie können wir denen als Christen begegnen, die das Pentagramm verkehrt herum am Hals tragen, oder das Kreuz auf den Kopf drehen, schwarz gekleidete junge Leute, die sich auch in einem Gästebuch der Selliner Kirche mit ihren Schmierereien verewigten? Leute, die aber ganz oft unterwegs sind mit ihren Fragen, mit Sehnsucht, auf der Suche nach - ja was? Nach dem Sinn des Lebens? Nach einem Ziel, für das es sich zu leben lohnt? Auf der Suche - nach Gott??  

Die Rede des Paulus ist einladend, aber zugleich dringlich, leidenschaftlich, von großem Ernst. Er ruft zur Besinnung, zur Umkehr:

Ihr Athener habt eure Götter, die ja genau genommen nichts  sind, weil sie "durch menschliche Kunst und menschliche Gedanken gemacht wurden" (Vers 29). Ihr habt ihnen Altäre, Tempel geschaffen, wo sie wohnenund wo ihr sie verehren könnt. Dabei ist doch Gott universal! Gott wohnt nicht in Tempeln!

Was für tödliche Kämpfe werden immer wieder z.B. um den Besitz des Tempelberges in Jerusalem geführt: Wie viel Geld stecken wir in die Erhaltung unserer Kirchen: Der Herr des Himmels und der Erde, der alles hervorbringt, lese ich,wohnt nicht in Tempeln, die von Menschen gemacht sind.

Und dann haltet Ihr eure Götter mit Gebeten und Opfergaben am Leben und bei guter Laune. Dabei lässt sich Gott nicht von Menschenhänden bedienen, wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedem  Leben und Atem und alles gibt. (V. 24 + 25)

Durch ihn leben wir -  und nicht umgekehrt! Gott kommt zu uns, und zeigt uns seine Liebe (durch Jesus Christus), und schenkt uns neues Leben!

Die Rede des Paulus auf dem Areopag löst – wie wir von Lukas hören - verschiedene Reaktionen aus: Giftig und vorwurfsvoll die einen: Was will dieser (Klug)schwätzer sagen? Es sieht so aus, als wolle er fremde Götter verkündigen...".  V.18 Der gebildete Leser wird hier an Sokrates erinnert, dem mit dem gleichen Vorwurf der Prozess gemacht wurde, der einen vergifteten Becher trinken musste. Und andere: Wir wollen ihn "ein andermal weiterhören" (Vers 32).

Wieder andere aber - lassen sich von Paulus überzeugen – und werden Christen.

Widerspruch und Spott, aber auch Nachdenklichkeit - und Glauben. Das alles folgt der Rede des Paulus.

Mit all dem müssen auch wir rechnen, wenn wir uns als Christen outen, als Christen zu erkennen geben, wenn wir, mündig und durchdacht, unseren Glauben zu vertreten suchen.

Aber nur so können andere uns überhaupt abspüren, was uns wichtig ist, wovon und wodurch wir leben, worauf wir hoffen, was wir erwarten. Nur so haben andere überhaupt eine Chance, den christlichen Glauben kennen zu lernen.

Es ist noch nicht lagen her, da lief im Fernsehen auf SW 3 die Talkshow Nachtcafe - zum Thema: Brauchen  wir Gott?Gäste der Sendung waren:

Simon Verhoeven - Regisseur und Schauspieler

Hilmar Thate - Schauspieler,                                                                                                                                                Burkhard Müller - Atheist,

Petra Franziska und Thomas Erich Killinger, die nach einem  Schicksalsschlag die Nähe zu Gott suchten,                        Bischof Ulrich Fischer Landesbischof der Evangelischen Kirche Baden,

Paddy Preneux Prediger bei den Jesusfreaks,

Christine Stein – die durch Nahtoderfahrung zum Glauben fand,

Assunta Tammelleo, Vorsitzende des Bundes für Geistesfreiheit in München, die meinte, wunderbar leben zu können ohne Gott, die einen kämpferischen – und so fand ich – auch überheblichen, spitzen Atheismus vertrat – sich ständig mit dem Bischof der Ev. Kirche von Baden anlegte, und die attackierte, für die ein Leben ohne Gott nicht denkbar ist, denen Gott, Sinn, Richtschnur und Bezugspunkt ist.

Eine spannende Gesprächsrunde. Und ich habe mich gefragt: Was für eine Figur hätte ich abgegeben, wie hätte ich dagestanden in dieser Diskussion, mit welchen Argumenten?

Die Rede des Paulus kann uns anregen dazu, dass auch wir uns immer wieder neu mit den philosophischen Gedanken und ideologischen Strömungen unserer Zeit auseinandersetzen, dass auch wir uns auf die Fragen und Sehnsüchte der Menschen einlassen, dass wir  „gemeinsam nach Antworten suchen“,

wie es auf den großen Werbeplakaten der EKD vor nicht langer Zeit zu lesen war, wenn es um die großen Fragen der Menschheit geht, aber auch um solche Fragen wie:

Was ist Glück? Ist der Mensch nur so viel wert, wie er verdient?  Sind Fußballer unsere wahren Götter? Wohin wollen Sie eigentlich? Was geschieht mit uns jenseits des Todes? Wie beeinflussen Schicksalsschläge unseren Glauben? Warum lässt Gott das und das zu??

Bemühen wir uns also um ein mündiges Christsein (wie Bonhoeffer einmal sagte), lassen wir uns unsere Fragen - und unsere Antworten, unseren Glauben nicht verbieten.

Reden wir über all das – und trauen wir uns, Christ, Christin  zu sein, wie Paulus einst in der großen Stadt Athen.

 

 

Gebet

Herr, wir loben dich zusammen mit der ganzen Schöpfung. Du gibst uns Raum und Zeit zum Leben. Wir sind in deiner guten Hand.  In guten und dunklen Tagen bist du da.  Wir erinnern uns an Zeiten, in denen wir deine Hilfe ganz besonders erfahren haben, in denen du unseren Glauben gestärkt hast.

Wir loben dich im Namen unseres Herrn Jesus Christus. Durch Jesus aus Nazareth haben wir eine Vorstellung davon, was deine Absicht mit uns ist: Heilung und Erneuerung, Heiligung unseres Lebens, hin zum ewigen Leben. Frieden und Gerechtigkeit.

So bist du kein fremder unbekannter Gott mehr für uns. Wir vertrauen dir, und  bezeugen dich als die Quelle unseres Lebens. Das Vertrauen in deine Güte lässt Sorgen und Ängste kleiner werden, die auch da sind:

Sorge um unser Auskommen, wenn der Arbeitsplatz verloren ging, Sorgen wegen Krankheit und nachlassender Kräfte, Sorgen um die Kinder, wenn sie eigene Wege gehen, Sorgen im Blick auf eine mögliche weltweite Mandemie…...

So machst du uns empfänglicher für die kleinen Freuden des Alltags, schärfst unseren Blick für die Dinge und Menschen, die wir sonst leicht übersehen, für die wir aber verantwortlich sind.

Amen.